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75 JAHRE DUZ

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Aus Tradition kritisch

Eine freie, demokratische Gesellschaft bedarf einer unabhängigen, mitunter auch selbstkritischen Wissenschaft und einer freien Presse. Mit der Gründung der DUZ vor 75 Jahren schufen Dozenten und Studierende eine Plattform zum Dialog mit sich selbst und mit der Gesellschaft

Sei es die Rettung aus der Corona-Krise oder die unserer kurz vor dem Kollaps stehenden Umwelt: Politik und Gesellschaft sind mehr denn je auf die Expertise seitens der Wissenschaft angewiesen. Komplexe Probleme bedürfen nun mal fundierter Antworten und Lösungen. Ein Teil der Bevölkerung erkennt das an. Es scheint so, dass die Wertschätzung für die Leistung der Forscher proportional zur Zukunftsangst wächst. Doch es gibt auch einen Gegentrend: Wissenschaftler und auch Journalisten, die aufklären wollen, werden als Lügner verunglimpft und sind Opfer von Verschwörungsmythen. Ihre Glaubwürdigkeit wird infrage gestellt und sie werden für Fehler verantwortlich gemacht, die eigentlich die Politik zu verantworten hat. Die Bevölkerung lechzt nach einfachen und absoluten Wahrheiten. Aber diese widersprechen dem originären Wesen der Wissenschaft. Daher ist es immens wichtig, dass Wissenschaftler in den Dialog mit der Öffentlichkeit treten, Einblick in ihre Arbeit, ihre Methoden und Spielregeln gewähren und auch die Grenzen ihres Tuns aufzeigen. Sie müssen Flagge zeigen, sich mehr in die öffentlichen Debatten einmischen, ihre Verantwortung für die Gesellschaft ernst nehmen, um nicht das Feld den Marktschreiern, Demagogen und Populisten zu überlassen.

Das erinnert an die Anfänge der DUZ vor 75 Jahren, als das Wissenschaftsideal sowohl Teil des Schweigens danach war, oder man war Teil der „reinen“ und „freien“ Wissenschaft, die nichts mit der nationalsozialistischen Politik zu schaffen hatte. Als am 11. Dezember 1945 die erste Ausgabe der DUZ, damals noch GUZ (Göttinger Universitäts-Zeitung) erschien, sollte sie ein Forum sein, das die „besondere Betrachtungsweise der Dinge als Forscher, Lehrer und Studenten ruhig und überlegt zur Geltung bringt“. „Es war eine Schule der Toleranz, des gegenseitigen Anhörens, des Stellungnehmens. Kaum je stagnierte die Auseinandersetzung durch das Wiederaufleben des unseligen Ja-oder-nein-Standpunktes festgefahrener Grundsatzmenschen, die uns Deutschen so verderblich geworden ist“, erinnerte sich ein Jahr später Friedrich Hermann Rein, Mitglied der Redaktion und Rektor der Uni Göttingen.

Und so war die DUZ von Beginn an nicht nur mitten im wissenschaftspolitischen Geschehen, sondern auch zentraler Austragungsort für hochintellektuelle Diskurse über wichtige gesellschaftliche Ereignisse und Entscheidungen. Wie etwa 1947/48, als Rein und Alexander Mitscherlich in der GUZ den Anklagedokumentenstreit um die Nürnberger Ärzteprozesse und die Verantwortung der deutschen Ärzteschaft für die NS-Verbrechen austrugen. Oder als später dann Erich Fromm den Zusammenhang von irrationaler Autorität und Diktaturen beschrieb; Hannah Arendt Fakten über das historische Bewusstsein und die Interpretation von Geschichte aufzeigte; Carl Friedrich von Weizsäcker die Gefahren einer atomaren Aufrüstung der Nato analysierte oder Karl Jaspers seine Ideen zur „Erneuerung der Universität“ darlegte.

An diese Tradition knüpft die DUZ heute erneut an. Sie versteht sich als Magazin, das eine Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft schlägt. Und für sie gilt, was der Fernsehmoderator Hanns Joachim Friedrichs über sein Arbeitsethos in einem Spiegel-Interview 1995 sagte: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“ //


Standpunkte – Wo steht die Wissenschaft heute? ​


Prof. Dr. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB)

In der Pandemie hat die Wissenschaft an Aufmerksamkeit und Legitimität gewonnen, auch die Sozialforschung. In der ersten Welle wurde die Taktung der Anfragen aus Medien und Politik enger. Immer schneller sollten wir Neues vermelden. Das stellt uns vor ein Problem. Die Forschung lebt von Prüfung, von Transparenz, vom innerwissenschaftlichen Diskurs. Erst dann kommt der Transfer. Dieser Ablauf ist verrutscht. Der Diskurs innerhalb der Wissenschaften erlahmte ob der Hektik im Tagesgeschäft, ob fehlender Konferenzen oder verfehlter Konkurrenz. Die Medien nutzten das. Sie gewannen die Deutungshoheit, konnten einordnen und gewichten. Ich habe das selbst erlebt. Von manchen neuen Studien erfuhr ich erst durch Presseanfragen. Für die Wissenschaft ist das nicht gut. Aus dem kommunikativen Nebeneinander von Forschenden und Disziplinen muss wieder ein Miteinander werden, ein Verhandeln, Vergleichen und voneinander Lernen. Diese Vernetzung muss uns gelingen. Die Medien können wir danach informieren.


Dr. Michael Hanssler, Vorstandsvorsitzender der Gerda Henkel Stiftung

COVID-19 hat ein hartes Schlaglicht auf die Relevanz der Forschung geworfen. Wissenschaft, sonst häufig auf die hinteren Seiten der Zeitungen und in mitternächtliche TV-Sendezeiten verbannt, wurde zum Aufmacher. Ihre unterschiedlichen und mitunter umstrittenen Positionen haben für jeden erfahrbar gemacht, wie Wissenschaft arbeitet: dass sie erst in der Differenz ihre Wahrheiten findet.

Allerdings, und das muss beunruhigen, erfolgten in diesem Jahr heftige Angriffe auf die Freiheit der Wissenschaft – etwa durch den politisch motivierten Umbau von Universitäten in autoritären Staaten oder die evidente Wissenschaftsfeindlichkeit mancher Protestmilieus. In der Hohenzollern-Debatte bekamen es Historikerinnen und Historiker mit Juristen zu tun – für die Betroffenen wohl eine neue und eher unerfreuliche Erfahrung. Und selbst innerhalb der Universitäten war ein verbissenes Ringen um Political Correctness und das Für und Wider von Auftrittsverboten zu beobachten.

Im „Seuchenjahr“ 2020 ist Wissenschaft also politischer geworden. Forscherinnen und Forscher fühlen sich heraus-gefordert, wieder mehr als Impulsgeber – aber auch Kritiker – gesellschaftlicher Debatten zu wirken. Das ist gut so, denn sie stärken damit fundamentale gesellschaftliche Werte, die in jüngster Vergangenheit verächtlich gemacht worden sind.


Prof. Dr. Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz

Wir stehen an einem womöglich entscheidenden, jedenfalls wichtigen Punkt im Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft. An Schlüsselthemen wie Klimawandel und Covid- 19-Pandemie zeigen sich Intensität und Verletzlichkeit dieses Verhältnisses. Die Wissenschaft steht als Politikberaterin im Fokus wie selten – und ist Objekt breiter Anerkennung, vehementer Kritik, irrationaler Anfeindungen. Fragen nach Verantwortung, Rolle und Auftreten einzelner Forschender stehen im Zentrum.

Wie in einem Brennglas zeigen sich die aktuellen Anforderungen, denen sich die Wissenschaft im öffentlichen Raum stellen muss. Es genügt nicht, Ergebnisse zu feiern; wissenschaftliche Methoden müssen erklärt, Irrtümer transparent gemacht werden. Die Wissenschaft muss lernen, Konflikte auszuhalten und mit der Geschwindigkeit und Vehemenz heutiger Debatten auf eigene Weise umzugehen. Anhand der eindrücklichen Erfahrungen des Jahres 2020 sollten wir gerade mit Studierenden und jungen Forschenden das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft reflektieren. Diese Reflexion gehört zwingend zur Entwicklung einer akademischen Persönlichkeit.


Dr. Erik Schilling, Junge Akademie

2020 war ein gutes Jahr für die Wissenschaft. Virologie und Impfstoffforschung konnten auf das neuartige Corona-Virus schnell und präzise reagieren – eine Leistung, die von weiten Teilen der Gesellschaft anerkannt wird. Hier ‚engagiert‘ sich Wissenschaft konkret, indem sie daran arbeitet, das gesellschaftliche Funktionieren (wieder) zu gewährleisten. Gleichzeitig aber sollte sich die Wissenschaft (selbst-)kritisch gegenüber damit verbundenen Forderungen nach mehr politischem Engagement positionieren. Eine Exponentialkurve zu berechnen, bedeutet noch nicht, legitime und gute politische Entscheidungen treffen zu können. Entsprechende Ansinnen mancher Akteure und Disziplinen hat der ehemalige DFG-Präsident Peter Strohschneider unlängst in einem lesenswerten Essay (Zumutungen) als ‚szientokratisch‘ zurückgewiesen. Wissenschaft kann politische Entscheidungen begleiten und reflektieren – gerade auch die Geistes- und Sozialwissenschaften. Doch Wissenschaft ist keine Politik.


Prof. Dr. Jürgen Kocka, Sozialhistoriker

Die Wissenschaften sind für Gesellschaft und Politik in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Das ist gut so. Aber die Wissenschaften funktionieren nach eigenen Prinzipien, mit viel Autonomie und in Abgrenzung zu anderen Bereichen wie Politik, Ökonomie und sozialen Bewegungen. Wissenschaftler*innen können politische Entscheidungen vorbereiten, aufklären, auch kritisieren. Aber sie haben nicht mehr Kompetenz als andere, wenn es darum geht zu entscheiden, was getan werden soll. Politische Entscheidungen setzen multidimensionales Abwägen voraus, zu dem wissenschaftliches Personal schon aufgrund seiner Spezialisierung nicht besonders befähigt und anders als gewählte oder ernannte Akteure demokratischer Politik auch nicht besonders legitimiert ist. Wenn Wissenschaftler*innen diese ihre Grenzen nicht respektieren, übernehmen sie sich und schaden nicht zuletzt ihrer Wissenschaft. Wenn die Öffentlichkeit dies übersieht, wird sie enttäuscht. Angesichts der gewachsenen gesellschaftlichen Bedeutung der Wissenschaft sollte über Regeln der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit neu nachgedacht werden.


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