Den Blick auf die Produkte verändern

Wie beeinflusst eine erfolgreiche Reparatur den Konsum? Die Psychologin Melanie Jaeger-Erben untersucht zusammen mit Bürgern, unter welchen Bedingungen Menschen sich ressourcenschonend verhalten. Jetzt hat sie den Forschungspreis Transformative Wissenschaft gewonnen.

Sind Sie der Ansicht, technische Geräte würden von ihren Herstellern mit Absicht so produziert, dass sie nicht lange halten? Also so, dass sie im Extremfall kurz nach Ablauf der Garantiezeit kaputtgehen, nicht selten irreparabel? Dann gehören Sie zu einer Mehrheit – die sich täuscht.

„Sieht man davon ab, dass komplexere Geräte anfälliger sind als weniger komplexe, gilt: Generell hat die Lebensdauer von Produkten nicht abgenommen“, sagt Prof. Dr. Melanie Jaeger-Erben, seit Juni Professorin für Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung an der Fakultät für Elektrotechnik und Informatik der Technischen Universität (TU) Berlin. Allerdings könne der verbreitete Irrglaube dazu führen, dass das Geglaubte auch eintrete. Weil viele Menschen annehmen, viele Dinge würden gezielt unterqualitativ produziert, vernachlässigten sie Pflege und Wartung – und beschleunigten so selbst die vorzeitige Alterung. Insofern habe der Glaube etwas Bequemes, weil er ermögliche, die Verantwortung für ein Produkt gleichsam beim Hersteller zu belassen. Das treffe sich mit dem Bedürfnis einiger Konsumentengruppen, regelmäßig neue Produkte zu kaufen und up to date zu sein. Und natürlich, so die Forscherin, wollten die Hersteller möglichst viele Produkte in kurzen Abständen auf den Markt bringen.

Melanie Jaeger-Erben ist, man ahnt es, Psychologin. Ihre Forschung dreht sich um die Frage, wie die Gesellschaft nachhaltiger und ressourcenschonender handeln kann. Dafür wird sie Ende September mit dem „Forschungspreis Transformative Wissenschaft“ des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie und der Zempelin-Stiftung geehrt (s. Kasten Seite 34).  Sie selbst verwendet lieber den Begriff „transformationsorientierte“ als „transformative“ Wissenschaft: „Das klingt angesichts der Riesenaufgabe Transformation, vor der wir stehen, doch etwas bescheidener.“

Bereits zu Zeiten ihres Studiums an der Universität Göttingen begann sie, menschliches Konsumverhalten kritisch-konstruktiv zu beleuchten. Jaeger-Erben trat der Initiative Psychologie im Umweltschutz (IPU) bei und erhob als Erstes in einer kleinen Studie, was Menschen beim Kauf eines gebrauchten Fahrrades wichtig ist. Nach einem Ausflug in Fragen der nachhaltigen Energieerzeugung mittels Entwicklungszusammenarbeit, der sie nach Madagaskar führte, folgte 2011 eine Promotion in Soziologie. In dieser ging sie der Frage nach, unter welchen Bedingungen sich die Geburt eines Kindes oder ein Umzug als Anlässe nutzen lassen, Menschen zu einem nachhaltigeren Lebensstil zu bringen. Die nächste Station war eine Referentinnenstelle für Umweltpsychologie im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU).

Heute widmen sich weit mehr Institute, Forschungszentren und Kompetenzbereiche den Umweltwissenschaften und der nachhaltigen Entwicklung als zu Jaeger-Erbens Studienzeiten. Geht es also in die richtige Richtung? Richtig oder falsch seien Begriffe, mit denen sie nicht operieren wolle, erwidert sie. Begrüßenswert sei aber, dass es in Gesellschaft wie akademischer Welt mehr Diskurse gebe – und einen zunehmenden Dialog zwischen der Wissenschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Viele Fragen ließen sich nur gemeinsam beantworten, etwa jene, wie ein „Konsumkorridor“ aussehen könne – so heißt auch eine von Jaeger-Erben geleitete und DFG-geförderte Arbeitsgruppe.

Und was ist ein Konsumkorridor? Jaeger-Erben: „Der Korridor zwischen dem, was für einen Einzelnen – zum Beispiel an CO2-Ausstoß – maximal möglich sein sollte, und dem, was Menschen als Minimalbedingungen für ein gutes Leben ansehen.“ Diesen Korridor zu definieren, gehe nicht ohne partizipative Prozesse: „Und für diese muss auch die Wissenschaft diskursfähig werden.“ Wozu sie wiederum Mittel braucht. An dieser Stelle hake es nun allerdings, so Jaeger-Erben. Jedenfalls, wenn es um eine langfristige Verankerung gehe: „Zugespitzt gesagt, ist es inzwischen recht einfach, für Nachhaltigkeitsforschung Gelder zu akquirieren, aber sehr schwierig, diese zu verstetigen“, erklärt sie. Ein erheblicher Teil der transformationsorientierten Forschung werde von freien Instituten oder in befristeten Drittmittel-Projekten geleistet.

Ein weiteres aktuelles Projekt von Jaeger-Erben – neben dem zur Obsoleszenz, also der Alterung von Produkten – bewegt sich unmittelbar an der Schnittstelle von Wissenschaft zu Gesellschaft. Es heißt „REPARA/KUL/TUR“ und ist eines von 13 Citizen-Science-Projekten, die das Bundesforschungsministerium fördert, um die Zusammenarbeit von Bürgern und Wissenschaftlern zu stärken und „Antworten auf gesellschaftlich wichtige Fragestellungen (zu) entwickeln“, wie die damalige Ministerin Prof. Dr. Johanna Wanka (CDU) bei der Vorstellung erklärte.

Seit 2017 widmet sich das „REPARA/KUL/TUR“-Team der Frage, was Repair-Cafés oder „Maker-Spaces“ – letzteres sind Werkstätten, in denen Menschen selbst etwas herstellen können – bei ihren Nutzern bewirken: Verändern sie den Blick auf Produkte, verbreiten Wissen und somit Kompetenzen, um Dinge selber zu bauen oder um das Leben von Produkten zu verlängern? Um das herauszufinden, ließen die Projektpartner – unter anderen der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sowie der Verbund Offener Werkstätten – die Nutzer der „Selbermach-Räume“ zu sich selbst forschen. Die Nutzer machten Fotos, schrieben Tagebücher für selbsterstellte Produkte oder hielten in Notizen ihre Gedanken fest. 38 Menschen wurden schließlich mit einem Erzählkoffer ausgestattet. Präsentiert werden ihre Ergebnisse im Rahmen einer Wanderausstellung erstmals vom 20. bis zum 22. September im Rahmen des Reparaturfestivals Fixfest 2019 in den Räumen der TU Berlin in der Hardenbergstraße. Anschließend wird die Ausstellung ein Jahr durch die Republik reisen. //

Ressourcen schaffen

  • Seit 2017 verleihen das Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie und die Zempelin-Stiftung im Stifterverband jährlich den „Forschungspreis Transformative Wissenschaft“. Das Preisgeld von 25 000 Euro soll genutzt werden, um Freiräume und Ressourcen für die Umsetzung von Projektideen im Bereich transformativer Forschung zu schaffen.

Melanie Jaeger-Erben: MEINE FORSCHUNG

DIE HERAUSFORDERUNG

Zu erreichen, dass Menschen Verantwortung für ihre Produkte und damit für eine nachhaltige Entwicklung wahrnehmen. Und: Dass sie diese wahrnehmen können – weil die dafür nötigen Prozesse so gestaltet sind, dass jede und jeder mitmachen kann.

MEIN BEITRAG

Die dazugehörigen Fragen – etwa jene, wie die Wertschätzung von Ressourcen verbessert werden kann – so systemisch wie möglich zu erforschen und aus guten Beispielen für Nachhaltigkeit Wissen für eine notwendige Transformation abzuleiten.

DROHENDE GEFAHREN

Die größte: Dass wir zu spät erkennen, inwieweit wir mit selbstzerstörerischem Materialismus unsere eigenen Lebensgrundlagen vernichten.

OFFENE FRAGEN

Wie können Prozesse hin zu einer Ökonomie aussehen, die – wie es ihrem ursprünglichen Zweck entspricht – dem Gemeinwohl dient? Und: Wie schaffen wir Grundlagen, die wahrscheinlicher machen, dass Akteure mehr zusammen und weniger als Konkurrenten vor allem gegeneinander arbeiten?

MEIN NÄCHSTES PROJEKT

Das wird sich mit zirkularen Strategien für Smartphones beschäftigen. In Kooperation mit einem Hersteller, der ein ressourcenschonendes Gerät produziert, fragen wir, wie dieses gestaltet sein muss, damit es angenommen wird. Auch hier werden die Erwartungen und Wünsche von Nutzern im Zentrum stehen.

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