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Der Preis des freien Zugangs

Bis zur Jahresmitte wollen die deutschen Wissenschaftsorganisationen und der Elsevier-Verlag eine Lizenz für die Nutzung wissenschaftlicher Veröffentlichungen aushandeln. Blaupause ist der im Januar geschlossene Vertrag mit Wiley. Doch der hat seine Tücken.

Neidisch mag so mancher Forscher dieser Tage nach Norwegen schauen: Ende April einigten sich das norwegische Konsortium für universitäre Bildung und Forschung und der Wissenschaftsverlag Elsevier auf den Abschluss einer Nationallizenz für wissenschaftliche Publikationen. „Die Vereinbarung ist das Ergebnis der engen Zusammenarbeit zwischen der norwegischen Forschungsgemeinschaft und Elsevier“, teilte der Verlag nach Vertragsabschluss mit. Klar, Norwegens Wissenschaftsbetrieb ist ein paar Nummern kleiner als der deutsche, die finanzielle Dimension dieses Vertrages deutlich geringer, dennoch würde sich auch die Forschergemeinde hierzulande über eine ähnliche Verlautbarung für Deutschland freuen.

Stattdessen stehen sich Elsevier und das für die Allianz der Wissenschaftsorganisationen handelnde Projekt DEAL, vertreten durch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), weiterhin uneins gegenüber. DEAL-Verhandlungsführer und Ex-HRK-Präsident Prof. Dr. Horst Hippler hatte die Verhandlungen im Sommer 2018 wegen „überhöhter Forderungen des Verlags Elsevier“ abgebrochen. „Die Verhandlungen ruhen nach wie vor“, sagt Hippler heute. Allerdings gibt es neue Hoffnung, denn Elsevier hat eine neue Vorstandsvorsitzende: Seit Februar ist Kumsal Bayazit dort Chief Executive Officer (CEO).

„Der Wechsel in der Führungsetage bei Elsevier hat etwas Bewegung in die offenen Fragen gebracht“, sagt Hippler. Man stehe in Kontakt mit Bayazit, um über die Voraussetzungen für die Wiederaufnahme der Verhandlungen zu sprechen. Elsevier-Sprecher Hannfried von Hindenburg sagt: „Unser Wille ist es, die Verhandlungen wieder aufzunehmen und zu einem Abschluss zu kommen.“

Bis zum Redaktionsschluss Mitte Mai verharrten die beiden Verhandlungspartner jedoch auf ihren alten Positionen: Das Projekt DEAL will Open Access fördern, also die Ergebnisse öffentlich finanzierter Forschung frei zugänglich machen in Form eines ‚Publish & Read-Modells‘, außerdem eine faire Bezahlung für die Publikationen und freie Verfügbarkeit für die Leser. Zudem will DEAL dem stetigen Ansteigen der Abo-Preise ein Ende bereiten. Auf der Gegenseite erklärt Elsevier-Sprecher von Hindenburg, die Herausforderung liege darin, dass sich das Projekt DEAL im Vergleich zur Vergangenheit erheblich erweiterte Dienstleistungen von Elsevier vorstelle, mit denen der Preis jedoch nicht Schritt halten solle. Natürlich gebe es da aus Elsevier-Sicht Gesprächsbedarf.

Absagen für Wiley

Geeinigt hatte sich DEAL dagegen schon im Januar mit einem anderen großen Wissenschaftsverlag, dem Wiley-Verlag. Seitdem wird bei der MPDL Services GmbH, einer Tochtergesellschaft der Max-Planck-Gesellschaft, die mit der Max Planck Digital Library (MPDL) kooperiert, auf Hochdruck daran gearbeitet, den Vertrag umzusetzen. Knapp 600 wissenschaftliche Einrichtungen haben Dr. Ralf Schimmer, stellvertretender Leiter von MPDL Services, und seine Mitarbeiter bisher angeschrieben, um sie über die Konditionen des Vertragsabschlusses zu informieren und zu fragen, ob sie den Vertrag mit Wiley unterzeichnen. „Natürlich haben wir auch Absagen bekommen, vor allem von kleineren Wissenschaftseinrichtungen. Das verwundert mich ehrlich gesagt etwas, da sie für wenig Geld ein sehr attraktives Angebot erhalten würden“, sagt er.

Wer den Sign-Up-Letter und eine Teilnahmeerklärung unterzeichne, erhalte lesenden Zugriff auf das volle Wiley-Portfolio von rund 1600 Subskriptionszeitschriften bis zum Jahr 1997. Die Publikationsmöglichkeit im Open Access in den Subskriptionszeitschriften beginne am 1. Juli, die für die etwa 110 originären Gold-Open-Access-Zeitschriften laufe bereits seit Januar. Zukünftig berechnet MPDL Services den individuellen Teilnahmebetrag für Wissenschaftseinrichtungen, der auf den bisherigen Lizenzzahlungen und dem Publikationsaufkommen basiert. „Der Betrag deckt den Zugriff auf alle Zeitschriften und die Publikationen in den Subskriptionszeitschriften ab. Die Ausgaben für die Publikationen in Gold-Open-Access-Zeitschriften werden artikelbezogen extra berechnet“, sagt Schimmer.

Parallel dazu sind die Hochschulen derzeit dabei zu kalkulieren, welche Kosten für sie künftig bei Veröffentlichungen nach dem neuen Preismodell anfallen. Der beschlossenen Vereinbarung zufolge zahlen sie für jeden der im Wiley-Verlag publizierten Artikel eine Gebühr von 2750 Euro plus 150 Euro Bearbeitungsgebühr. Im Gegenzug erhalten sie Zugriff auf die meisten Wiley-Zeitschriften. Der Dekan Prof. Dr. Hans-Ulrich Humpf von der Universität Münster rechnet mit hohen Kosten, die auf seinen forschungsstarken und damit publikationsfreudigen Fachbereich Chemie und Pharmazie zukommen: Falls sich das Projekt DEAL in den noch kommenden Verhandlungen mit Springer Nature und Elsevier auf ähnlich hohe Gebühren einigen sollte, müsste dort künftig rund die Hälfte des Sachmitteletats für Publikationskosten ausgegeben werden, sagt er.

„Dies ist insbesondere für forschungsstarke Fachbereiche eine enorme Steigerung“, erklärt Humpf. „Von einem fairen Preismodell, das ursprünglich ja mal der Anspruch sein sollte, kann nicht mehr die Rede sein.“ Im Unterschied zu forschungsstarken Universitäten könnten Fachhochschulen profitieren, meint er, da diese Zugriff auf das Wiley-Portfolio bekämen, jedoch weniger Kosten hätten, weil sie weniger publizierten.

Neue Kartellbeschwerde

Generelle Kritik am Vorgehen von DEAL gibt es weiterhin vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Er war mit einer Beschwerde beim Bundeskartellamt gegen das DEAL-Konsortium zwar schon im Mai 2017 gescheitert, reichte nun aber Ende April erneut eine Beschwerde ein, da „sich der Sachverhalt inzwischen erheblich verändert“ habe. In dem Schreiben erklärt der Börsenverein, dass „das Vorhaben zu einer schwerwiegenden Beschränkung des Wettbewerbs für die Bereitstellung von Wissenschaftspublikationen an Studierende und Forschende in Deutschland führt“. An dem beabsichtigten Modell würden weder die bisherigen Vertreiber wissenschaftlicher Literatur, also Zeitschriftenagenturen und wissenschaftliche Buchhandlungen, noch andere Wissenschaftsverlage als Wiley, Elsevier und Springer Nature beteiligt.

„Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen verletzt das Kartellrecht durch die kartellrechtswidrige Bündelung eines Großteils der bundesweiten Nachfrage nach Wissenschaftsliteratur in einem ‚Super-Konsortium‘. Dieses marktbeherrschende Konsortium missbraucht seine Stellung, indem es seine Ziele in einem intransparenten, diskriminierenden und marktverschließenden Verhandlungsprozess durchzusetzen versucht“, heißt es in dem Schreiben weiter. Prof. Dr. Christian Sprang, Justiziar des Börsenvereins, hofft nun, dass das Bundeskartellamt ein Verfahren gegen das DEAL-Konsortium eröffnet.

Derweil nimmt DEAL-Chef Hippler den ausgehandelten Vertrag mit Wiley als Blaupause für weitere Vereinbarungen: „Der Vertrag mit Wiley markiert die Standards, die für die Zielerreichung von DEAL notwendig sind“, sagt er. Damit ist die Messlatte gelegt für die Verhandlungen nicht nur mit Elsevier, sondern auch mit dem Verlag Springer Nature, auf die sich das Projekt DEAL nun konzentriert. Beide Parteien hatten sich im vorigen Dezember darauf geeinigt, die Gespräche bis zur Jahresmitte zum Abschluss zu bringen. DEAL-Sprecher Hippler klingt vorsichtig optimistisch: „Wir sind auf einem guten Weg.“

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