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Ein Ranking-TÜV geht an den Start

Für viele Forscher sind sie ein rotes Tuch: Um verständlich zu sein, müssen Rankings Universitäten auf einen einfachen Nenner bringen. Wie weit aber lassen sich Urteile verkürzen, ohne schief zu werden? Experten haben jetzt ein Qualitätssiegel entwickelt.

Warschau Auf Uni-Rankings achten viele: Abiturienten auf der Suche nach dem besten Studiengang; Politiker, die an der Platzierung die Leistungsstärke einer Hochschule zu erkennen meinen, oder auch Rektoren, die potenzielle Drittmittelgeber genau damit beeindrucken wollen. Doch was sagen Rankings wirklich aus? Nicht so viel, wie sie glauben machen, meinen Experten. Trotzdem steht auch für sie fest: Die Ranglisten sind aus der Welt der Wissenschaft nicht mehr wegzudenken.

Spezialisten aus mehreren Staaten haben nun ein Zertifikat entwickelt, das so etwas werden soll wie ein TÜV für HochschulRankings. „Ireg approved" heißt das Siegel, benannt nach dem Netzwerk Ireg. 34 Ranking-Organisationen, Hochschulen und andere Bildungseinrichtungen wie das Gütersloher Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) gehören dem Verbund an, der seinen Hauptsitz in Warschau hat. Vor gut zehn Jahren gegründet, will Ireg das öffentliche Bewusstsein und das Verständnis für Rankings stärken. Es handelt sich also um ein Netzwerk der Ranglisten-Freunde, nicht der Gegner. Doch eben die will Ireg mit dem Siegel nun überzeugen. Ireg-Präsident Prof. Dr. Jan Sadlak hält das Zertifikat jedenfalls für eine „Notwendigkeit". Das Siegel solle „für Glaubwürdigkeit sorgen“ (Sadlak). Verliehen wurde es erstmals im vergangenen Mai. Und zwar an das QS World University Ranking und das polnische Perspektywy University Ranking.

Einen Antrag für das Auditverfahren kann jede Organisation stellen, die schon zwei Rankings veröffentlicht hat. Die Prüfung erstreckt sich über ein Jahr, gültig ist das Siegel dann für drei Jahre. 4000 Euro müssen Organisationen, die nicht zu Ireg gehören, für die Zertifizierung bezahlen. Mitglieder zahlen 3000 Euro. Im Kern beruht das Verfahren auf einem Selbst- und einem Auditreport, bei dem internationale Gutachter für 20 Kriterien wie Transparenz, Methodik oder eben Qualität Punkte vergeben. Das Siegel erhält, wer 60 Prozent von 180 Punkten bekommt.

„Die Nachfrage ist sehr groß.“

Die Gutachter im Verfahren dürfen keiner Ranking-Organisation angehören. Ausgewählt werden sie von Prof. Dr. Klaus Hüfner. Der emeritierte Wirtschaftswissenschaftler der Freien Universität Berlin koordiniert die Arbeit und legt dem Ireg-Präsidium eine Beschluss-Empfehlung vor, über die das 13-köpfige Gremium dann mit einfacher Mehrheit entscheidet. „Die Nachfrage ist sehr groß, die Ranking-Organisationen müssen bestimmte Kriterien erfüllen, deswegen sehe ich das Label sehr positiv", sagt Hüfner.

Von der Qualität des Siegels ist jedoch nicht jeder überzeugt. Gegenüber dem Online-Magazin Inside Higher Ed erklärte Prof. Dr. Simon Marginson, Hochschulforscher an der Universität Melbourne, die Prüfkriterien seien „zu lasch und setzten gute Absichten für das öffentliche Wohl voraus, die aber nicht alle Ranking-Institutionen notwendigerweise teilen müssten“. Kritik kommt auch aus Deutschland: Professor Dr. Stephan Lessenich, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, erklärte, das Auditverfahren führten Fachleute, die den Sinn von Rankings nicht grundsätzlich in Zweifel stellen werden (siehe Interview). Deshalb würden grundlegende Probleme nicht ausgeräumt. 

Zweifel an der Aussagekraft von Rankings sind durchaus angebracht. Aus Saudi-Arabien ist beispielsweise ein Fall bekannt, wie zwei saudi-arabische Universitäten Spitzenforscher der Eliteuniversitäten Harvard und Cambridge anwarben, die nur einmal im Jahr kurz vor Ort sein, in ihren Veröffentlichungen aber ihre neuen Arbeitgeber angeben müssen. Prompt rutschten die beiden bislang im Shanghai-Ranking nicht platzierten Universitäten in die Gruppe der 200 bis 300 Top-Hochschulen (s. duzMAGAZIN 6/2013, S. 22/23). „Manipulationen wie diese lassen sich durch das Label nicht verhindern, aber dies ist auch ein Extremfall", sagt Hüfner. Die Frage sei jedoch, ob das Shanghai-Ranking überhaupt die Anforderungen des Audits erfülle.

Weltweit gibt es nach Ireg-Schätzungen 12 bis 15 regionale und globale Rankings, dazu kommen 50 bis 60 nationale Rankings. Im Gegensatz zur Jiaotong-Universität Shanghai, die sich mit ihrem Ranking noch nicht für das Label beworben hat, befindet sich das CHE-Ranking bereits im Verfahren. Bis Ende des Jahres rechnet Projektmanager Gero Federkeil mit einer Entscheidung. „Wir erhoffen uns von dem Label mehr Akzeptanz für das CHE-Ranking“, sagt Federkeil, der so auch mancher Kritik besser entgegenzutreten hofft. Dass dem CHE und Federkeil, der bei Ireg als Vizepräsident im Präsidium sitzt, ein Interessenskonflikt droht, ist ihm bewusst.

Der US-amerikanische Hochschulforscher Prof. Dr. Philip Altbach hatte beispielsweise erklärt, das Audit habe ja gute Absichten, aber letztlich bewerteten Ranking-Organisationen andere Ranking-Organisationen. Den Vorwurf hält Federkeil jedoch für ungerechtfertigt. „Der Auditprozess ist unabhängig, da haben die Ranking-Organisationen keinen Einfluss“, sagt er. Um möglichen Vorwürfen aus dem Weg zu gehen, will Federkeil auf Nummer sicher gehen: „An der abschließenden Ireg-Präsidiumssitzung und der Abstimmung, ob das CHE das Label bekommt, nehme ich nicht teil."

Internet: www.ireg-observatory.org

Stephan Lessenich

„Die Mängel werden nicht behoben“

Stephan Lessenich ist Soziologieprofessor an der Universität Jena und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS). Vor einem Jahr hat die DGS ihren Mitgliedern den Ausstieg aus dem CHE-Ranking empfohlen. Kommt sie nach dem Start des Ranking-TÜV ins Grübeln?

duz: Herr Professor Lessenich, kann ein Siegel wie das des internationalen Ranking-Netzwerks Ireg dem CHE-Ranking mehr Glaubwürdigkeit geben?

Lessenich: Nein, denn die Ranking-Organisationen stellen sich mit dem Zertifikat selbst ein Zeugnis aus, dass ihre Rankings von hoher Qualität sind. Zudem sind mit dem Zertifikat die inhaltlichen und methodischen Mängel, die wir an dem CHE-Ranking kritisieren, nicht behoben. Das Audit belegt nur, dass das Ranking nach den Regeln der Ranking-Kunst durchgeführt wird. Die grundlegenden Probleme werden nicht ausgeräumt.

duz: Ireg sagt, dass unabhängige Experten das Verfahren durchführen.

Lessenich: Ich gehe davon aus, dass die Experten durchaus in dem Sinn unabhängig sind, dass sie nicht auf der Gehaltsliste von beteiligten Ranking-Organisationen stehen. Es sind jedoch Fachleute, die den Sinn von Rankings nicht grundsätzlich in Zweifel ziehen werden.

duz: Wie müsste denn ein glaubwürdiges Ranking aussehen?

Lessenich: Das gibt es nicht, solange Rankings ordinale Wertungen, also Reihungen, vornehmen und anhand einfach bemessener Kriterien behaupten, der eine Fachbereich sei besser als der andere. Wir halten Rankings unter anderem deswegen für nicht sinnvoll. Die DGS baut momentan ein eigenes Studiengang-Informationssystem als Online-Portal auf, das zum Wintersemester starten soll. Da stellen wir quantitative und qualitative Daten zur Verfügung, sehen aber davon ab, diese in eine Reihung zu bringen.

Das Interview führte Benjamin Haerdle.

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