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Wo die Forschung ihre Frauen vergisst

Drei Jahre nach seiner Eröffnung steht das Institut für Gleichstellung in Vilnius endlich vor seinem ersten Coup. Im Juni will es einen EU-Index zur Chancengleichheit vorstellen. Nur: Die Wissenschaft kommt darin nicht vor.

Vilnius Die Gleichstellungsfrage ist in Europa weiterhin ungeklärt. Ob in der Gesellschaft oder im Beruf – Frauen werden diskriminiert. Auch und gerade in Deutschland. Einzelne Erhebungen wie Einkommensvergleiche zwischen Männern und Frauen belegen das ebenso wie der vergleichsweise geringe Anteil von Wissenschaftlerinnen an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Mit einer Frauenquote von 25 Prozent liegt Deutschland deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 33 Prozent. Bei den jeweils höchsten Positionen im Wissenschaftssystem gehört die Bundesrepublik mit 15 Prozent zu den Ländern mit dem geringsten Frauenanteil. Die Zahlen sind nicht neu. Sie entstammen der jüngsten Ausgabe der sogenannten She Figures, einem Bericht, der alle drei Jahre im Auftrag der EU-Kommission erstellt wird und zuletzt im vergangenen Jahr erschien (duz EUROPA 09/2012).

Mitte Juni nun will das europäische Institut für Gleichstellungsfragen EIGE (European Institute of Gender Equality) mit Sitz im litauischen Vilnius neue Grundlagen für europaweite Vergleiche bei der Chancengleichheit vorstellen: Der Index erfasst die Geschlechtergerechtigkeit in insgesamt sechs Dimensionen und soll auf alle 27 EU-Staaten anwendbar sein. Zu den Bereichen gehören work (Arbeit), money (Geld), knowledge (Bildung), time (Zeit) und power (Macht) ebenso wie health (Gesundheit).

Die Gleichstellung von Frauen im Wissenschaftsbetrieb wird bei dem Index allerdings nicht gesondert erfasst. Für jemanden, dessen Herzblut genau an diesem Thema hängt, ist das enttäuschend – jemanden wie Brigitte Mühlenbruch. Sie ist Präsidentin der EPWS, der europäischen Plattform für Wissenschaftlerinnen, und damit einer Organisation, die sich seit 2005 um die Belange von Frauen in der Wissenschaft kümmert. So wie die EIGE heute, so wurde einst auch die EPWS von der EU gefördert. Seitdem die Finanzierung im Jahr 2009 auslief, ist die Plattform auf sich allein gestellt und hält sich mit Mitgliedsbeiträgen und Spenden über Wasser (duzEUROPA 08/2009; S. 6f.).

Das Wissen und die Erfahrung der EPWS hätte Brigitte Mühlenbruch gern dem EIGE-Team zur Verfügung gestellt: „Wir haben uns damals, als es um die aktuelle Gründung des EIGE ging, heftig bemüht, mit den Verantwortlichen in der Kommission ins Gespräch zu kommen“, erzählt sie. Aber wie das in der EU häufig der Fall ist, verhinderten bürokratische Hürden eine Kooperation. Da EPWS und EIGE damals von unterschiedlichen Generaldirektionen der Kommission in Brüssel finanziert wurden, war eine Zusammenführung aus haushaltstechnischen Gründen nicht möglich. Auch zog sich die Gründung von EIGE in die Länge. Erst vor ziemlich genau drei Jahren konnte das Institut offiziell eröffnet werden.

Der Index nun wird der erste große Coup der Organisation sein, die bis zum Jahresende mit ingesamt 52,5 Millionen Euro von der EU unterstützt wird. Gedacht und gemacht ist der Index in erster Linie für Politiker der EU-Mitgliedsstaaten. Ihnen soll er ein Leitfaden für die Gleichstellungspolitik in ihrem jeweiligen Einflussbereich sein. Per Internet sollen die Daten aber auch in Kürze für jeden EU-Bürger abrufbar sein. Mit ein paar Klicks lässt sich so erfahren, wie es etwa in Frankreich und Deutschland mit der Bezahlung von Frauen aussieht. Wer spezifische Daten aus dem Wissenschaftsbetrieb sucht, wird sie sich allerdings weiterhin aus den She figures besorgen müssen. „Es gibt zwar keine direkten Zahlen zu Geschlechtergerechtigkeit im wissenschaftlichen Bereich. Aber die Unterschiede in den Feldern Bildung, Gesundheit, Macht und Arbeit können Hinweise darauf geben“, versucht Nicolaas Vlaeminck, Sprecher des EIGE, das zu erklären.

Insofern mag der Index als ergänzende und weiterführende Informationsquelle zwar durchaus hilfreich sein. Doch hat Brigitte Mühlenbruch einige Zweifel, ob der neue Index wirklich dazu beitragen kann, die Situation von Wissenschaftlerinnen in den EU-Mitgliedsstaaten entscheidend zu verbessern. „Ein Index ist eine Kennzahl und sieht bei Nichterreichen zunächst keine Sanktionsmöglichkeiten vor“, sagt Mühlenbruch. Anders sehe das bei Instrumenten auf nationaler Ebene aus, etwa den Gleichstellungsstandards der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Dort seien bei Nichteinhaltung auch Sanktionsmöglichkeiten gegeben. Den guten Willen des EIGE immerhin erkennt Mühlenbruch dennoch an: „Grundsätzlich freue ich mich über alles, was im Bereich Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit erfolgreich durchgesetzt wird. Also auch über einen solchen Index.“ Wenn durch ihn die allgemeine Situation von Frauen in Europa verbessert werden könne, würden auch die Frauen in der Wissenschaft davon profitieren, glaubt Mühlenbruch.

Beim EIGE ist, was das Thema Gleichstellung von Männern und Frauen in der Wissenschaft betrifft, also noch Luft nach oben. Die Organisation ist sich dessen offenbar bewusst, denn in Zukunft, verspricht Sprecher Vlaeminck, wolle sich das Institut dem Thema intensiver widmen.

Mechthild Koreuber

„Da wird eine Chance verpasst“

Gleichstellungsbeauftragte setzen sich tagtäglich in der Wissenschaft für die Chancengleichheit ein. Was halten sie von dem Index für Geschlechtergerechtigkeit? Antworten von Mechthild Koreuber, Frauenbeauftragte der Freien Universität Berlin.

duz: Frau Koreuber, ist ein Index für Geschlechtergerechtigkeit, wie ihn das EU-Institut für Gleichstellungsfragen in Vilnius konzipiert hat, überhaupt notwendig?

Koreuber: Auf jeden Fall! Ich finde das Projekt sehr spannend. Durch ihn wird Geschlechtergerechtigkeit in den EU-Ländern vergleichbar gemacht. Und da gibt es sicherlich große Unterschiede zwischen der Selbstwahrnehmung in einem Land und den objektiven Tatsachen.

duz: Was ist an dem Index besonders bemerkenswert?

Koreuber: Dieses Projekt ist nach meinem Wissen ein Novum. Es werden nicht nur Vergleiche in einem Bereich hergestellt, sondern auch Querverbindungen berücksichtigt. So kann man auch erkennen, wie bestimmte Entwicklungen miteinander korrelieren, etwa die Betreuungssituation von Kindern und die Teilhabe von Frauen auf höheren Ebenen in Wissenchaft unde Gesellschaft.

duz: Das Thema Wissenschaft taucht im Index nicht als eine gesonderte Kategorie auf. Wie bewerten Sie das?

Koreuber: Das bedaure ich ein wenig. Denn das Feld Wissen ist zu beschränkt, weil es nur um Ausbildung geht. Auch im Bereich Arbeit kommen wir nicht an die Problematik heran, etwa wenn es um Frauen in Professorenstellen geht. So können wir auch nicht beurteilen, ob sich im Feld Wissenschaft etwas verändert. Ich finde, da wird eine Chance verpasst.

Internet: http://eige.europa.eu/

Das Interview führte Ulrike Thiele

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