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Wie viele Schäfchen haben wir eigentlich?

Wer seine Promovenden gut betreuen will, sollte erst einmal wissen, wie viele auf den Hochschulfluren unterwegs sind. Doch solche Zahlen sind in Deutschland Mangelware. Experten fordern deshalb, endlich Licht ins Schattendasein der Doktoranden zu bringen.

Es ist paradox: In Deutschland werden so viele Promotionen abgeschlossen wie in kaum einem anderen Land.  Allein im Jahr 2011 waren es genau 26.981. Doch über die Doktoranden weiß man so gut wie nichts. Wieviele Menschen derzeit bundesweit promovieren, wer sie sind, wie sie betreut werden, wie lange sie etwa promovieren, wie hoch die Abbruchquote bei Promotionen ist – nichts von alledem ist bekannt. Oft haben noch nicht einmal die Hochschulen selbst eine Ahnung davon, wieviele Dissertationen bei ihnen eigentlich gerade in Arbeit sind.

Ein unhaltbarer Zustand, finden Experten und drängen darauf, die Zahl der Promovierenden systematisch zu erfassen und endlich Licht in deren wissenschaftliches Schattendasein zu bringen. Einen Anstoß dazu gab etwa eine Tagung des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) Ende November in Berlin. Warum es ausgerechnet im statistik¬ affinen Deutschland so schwierig ist, festzustellen, wieviele Menschen gerade an einer Doktorarbeit arbeiten, hat einen Grund. „Doktoranden haben keinen eigenen Status. Sie tauchen erst auf, wenn sie sich zur Prüfung anmelden“, sagt iFQ-Chef Professor Dr. Stefan Hornbostel. Doch Wege dorthin gibt es viele. Entsprechend schwer lässt sich die Gruppe der Promovenden erfassen. So gibt es welche, die als Studierende immatrikuliert sind. Andere, die als wissenschaftliche Mitarbeiter arbeiten und damit zum Hochschulpersonal zählen. Wieder andere sind Stipendiaten. Dann gibt es noch externe Doktoranden, deren Arbeit von Professoren nur betreut wird, die aber nicht zur Uni gehören. Und mit internationalen Promovierenden sind oft noch ganz andere Institutionen befasst. Hinzu kommt, dass es je nach Fach unterschiedliche Kriterien und Herangehensweisen bei Promotionen gibt.

„Diese Entwicklung ist historisch gewachsen. Man wollte möglichst viele Wege zur Promotion offenlassen“, erklärt Hornbostel. Das soll auch so bleiben. Doch in Zeiten, in denen das Thema Qualitätssicherung in der Wissenschaft ganz oben auf der Agenda steht, ist die dürre Datenbasis über eine der größten Gruppen im Wissenschaftsbetrieb reichlich unbefriedigend. Mit der iFQ-Tagung sollte eine Diskussion in Gang gesetzt werden, ob und wie Doktoranden künftig besser in den Fokus genommen werden können. Eine Machbarkeitsstudie mit sechs Fallbeispielen haben die Wissenschaftler pünktlich zur Tagung vorgelegt. Sie steht auf der Webseite des Instituts zum Download bereit (www.forschungsinfo.de).

Die elektronische Promovenden-Akte – an der Universität Jena existiert sie bereits.

Zu den Universitäten, die bereits Erfahrungen mit der Doktorandenerfassung gesammelt haben, gehört die Universität Jena. Vor gut drei Jahren hat die Hochschule „eine elektronische Doktorandenakte eingeführt, die den gesamten lifecycle eines Doktoranden abbildet“, erklärt Dr. Jörg Neumann, Geschäftsführer der Graduierten-Akademie der Uni Jena. Sie basiert auf einer hochschuleigenen Verwaltungssoftware namens „doc-in“, die vom Doktoranden, über die Dekanate, die Bibliothek bis zum Rechenzentrum genutzt wird und sicherstellt, das alle auf eine gemeinsame Datenbasis zugreifen können. Natürlich auch die Hochschulleitung: Per Knopfdruck kann Neumann sofort Auskunft geben, dass an der Uni Jena ausschließlich der Medizinischen Fakultät „aktuell 2382 Menschen promovieren“. Das Softwaresystem hat aber auch andere wichtige Erkenntnisse zutage gefördert, etwa dass „bei Promotionen weniger Summa-cum-laude-Prädikate an Frauen vergeben werden“, berichtet Neumann. Was die Ursachen dafür sind, will die Hochschule nun genauer wissen.
Andere Hochschulen zeigen bereits Interesse an dem Jenaer Modell und setzen möglicherweise bald auf ähnliche Lösungen, damit Promovierende nicht länger eine graue unbekannte Masse bleiben.

Blick ins Ausland

Blick ins Ausland

Auch andere Länder haben das Problem, kaum etwas über ihre Doktoranden zu wissen. Dennoch gibt es Initiativen, die Abhilfe schaffen:

Belgien: Durch den Start von Graduiertenschulen an flämischen Universitäten sowie der Einrichtung eines systematischen Monitoring durch die Regierung verbessert sich der Datenbestand über belgische Doktoranden fortlaufend: www.ecoom.be/en

Großbritannien: Die staatliche Statistikbehörde HESA (Higher Education Statistics Agency) erhebt regelmäßig umfangreiche Daten aus dem Hochschulbereich. So weiß man etwa, dass es derzeit rund 88.000 Promotionsstudenten in Großbritannien gibt. Ein Drittel von ihnen kommt aus EU-Ländern.

Dänemark: Die Universität Aarhus hat gemeinsam mit einer privaten Softwarefirma Anfang 2012 ein Doktorandenmanagementsystem auf den Markt gebracht, das Infos, Zahlen und Etappenschritte des gesamten Promotionsprozesses eines Doktoranden wiedergibt: www.peoplexs.com/peoplexs-enters-the-world-of-science

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