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Hilferuf aus Freundesland

Die Uni Jena kooperiert seit mehr als 50 Jahren mit der Staatlichen Universität in Minsk. Jetzt fragt sich die Hochschule, wie sie ihre Partner, Wissenschaftler und Studierende in Belarus unterstützen kann – ein Gastbeitrag von Walter Rosenthal, Präsident der Uni Jena.

Wie es um die Freiheit des Geistes in Belarus bestellt ist, wurde im September weithin sichtbar, als ein Dutzend Diplomaten aus EU-Ländern die Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch zu Hause aufsuchten und sie so vor einer Festnahme schützten. Das einprägsame Bild dieses Aktes der Solidarität ging um die Welt. Auch an den folgenden Tagen legten mehrere Diplomaten einen „Schutzwall der Aufmerksamkeit“ um die Literatin.

Die Schriftstellerin ist zugleich die prominenteste Absolventin der Staatlichen Belarussischen Universität in Minsk, die mit ihr international für ein Studium an der Hochschule wirbt. Weniger prominente Lehrende und Studierende, die für Neuwahlen eintraten, wurden in den vergangenen Wochen bedroht, zusammengeschlagen, gekidnappt oder eingesperrt. Seit Beginn des Semesters am 1. September gehen Polizei und Militär willkürlich und mit roher Gewalt gegen Universitätsangehörige in den Räumen der Hochschulen vor. Sprecherinnen der belarussischen Wissenschaftsgemeinde haben sich daher unlängst mit einem Hilferuf an uns, ihre deutschen Kollegen, gewandt. Wie können wir ihnen beistehen? Das fragen wir uns gerade in Jena, das durch seine Geschichte bis heute eine Brückenfunktion zwischen Ost und West einnimmt.

Die Friedrich-Schiller-Universität Jena hat einen Schwerpunkt auf Osteuropastudien gesetzt, etwa mit dem Imre Kertész Kolleg, das sich mit dem Osteuropa des 20. Jahrhunderts befasst. In diese Zeit reichen auch die bis heute bestehenden Partnerschaften der Uni Jena mit Universitäten in Rumänien, Georgien und Belarus zurück. So ist die Zusammenarbeit mit der Staatlichen Belarussischen Universität in Minsk eine der ältesten institutionalisierten Kooperationen der Uni Jena. Der Austausch begann im Wintersemester 1967 mit einem Freundschaftsvertrag zwischen den beiden sozialistischen Hochschulen und dem Besuch einer Studentendelegation. Bald folgten Forschungskooperationen in den Gesellschaftswissenschaften und der Mathematik.

Heute gibt es eine Zusammenarbeit in der Slawistik, in Deutsch, Mathematik und den Materialwissenschaften bis zur Physik. Der Austausch ist in beide Richtungen seit 50 Jahren stark ausgeprägt: Acht bis zwölf belarussische Wissenschaftler nutzen jährlich das DAAD-Ostpartnerschaftsprogramm zum Aufenthalt in Jena. Dazu kommen vier bis fünf Doktoranden im Jahr. Die Gastwissenschaftler bleiben bis zu drei Monate, besuchen Kolloquien und Konferenzen und teilen ihre exzellenten Kenntnisse in Spezialgebieten wie der Analysis mit Promovierenden und Masterstudierenden in Jena. Forschende aus Jena wiederum nehmen regelmäßig an internationalen Konferenzen oder Workshops in Minsk teil.

Die Zahl der Studierenden aus Belarus geht indes seit zehn Jahren kontinuierlich zurück. Immer weniger Schüler bauen über Sprachkurse eine Verbindung zu Deutschland auf, zugleich nimmt die Orientierung nach Russland und China zu. Im Sommersemester kamen immerhin noch zwölf Studierende mit belarussischer Staatsangehörigkeit zum Studium nach Jena. Von Jena nach Belarus gingen zwei. Die Zahl ist niedrig, doch sind wir eine von wenigen Universitäten, die überhaupt Studierende nach Belarus entsenden. Dies ist vor allem dem noch immer nicht flächendeckend eingeführten Credit-System geschuldet. Obgleich das Land seit 2015 Mitglied des Europäischen Hochschulraumes ist, werden die Bologna-Vorgaben an den 42 staatlichen und neun privaten Hochschulen nur langsam umgesetzt. Der Bildungskodex ist bisher nicht neu verfasst worden. Forschungsorientierte Studierende vermissen zudem die Einheit von Forschung und Lehre. Forschung in Belarus wird überwiegend in den wissenschaftlichen Akademien organisiert und koordiniert.

Dennoch haben die Kooperationen für Jena weiter einen hohen Stellenwert. Belarus verfügt über eine hohe Zahl an sehr guten Studierenden und über hervorragenden wissenschaftlichen Nachwuchs. Der Wissenschaftsstandort Jena hat an den Staatlichen Universitäten in Minsk und Brest ein hohes Renommee: Forschungsprofil, Ausstattung und Methodenkompetenz der Jenaer Uni ziehen exzellente Forscher an. Mathematiker und Physiker kooperieren seit mehr als 40 Jahren mit Kollegen aus Belarus. Darüber sind persönliche Freundschaften entstanden, die für fortgesetzte verlässliche Kooperationen sorgen.

Auch für befreundete Wissenschaftler in Minsk und Brest gilt jedoch: Nicht alle teilen unsere Vorstellungen vom freien Markt. Sie wollen nicht Teil der liberalen Welt werden, sondern streiten für faire Wahlen und gegen Gewalt. Einige unserer Partner stehen auch auf der Seite des autokratischen Staates.

Belarus liegt uns geografisch näher als Rom oder Barcelona und ist vielleicht auch daher fest in unserem Blick. Neutral kann unser Blick freilich nicht sein: In Belarus geht es auch um unsere Werte. Wir können nicht schweigend zusehen, wenn Studierende von maskierten Milizen mitgenommen werden. Wir müssen genau hinschauen, wenn Hochschulleitungen unter Druck gesetzt werden, um oppositionelle Lehrende zu entlassen und Studierende zu exmatrikulieren.

Gerade jetzt ist es daher wichtig, die Kontakte zu Belarus zu pflegen und mit aufrichtigem Interesse nachzufragen, wie wir Studierende und Lehrende vor Ort unterstützen können. Unsere vertrauensvollen Beziehungen bildeten über ein halbes Jahrhundert hinweg Brücken, die verpflichten. Wir stehen bereit, bedrängten Studierenden und Wissenschaftlern beizustehen: für ihr Recht auf freie Forschung und Lehre! //

ZUR PERSON

Der Mediziner und Pharmakologe Professor Dr. Walter Rosenthal ist seit 2014 Präsident der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt.

Foto: Anne Günther  / Uni Jena

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