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Hochschulstandort Österreich fällt zurück

Die Unis der Alpenrepublik versinken in den Tiefen der internationalen Rankings. Das heißt: in der Bedeutungslosigkeit. Im Mitte März erschienenen Ranking des britischen Magazins Times Higher Education (THE) fiel die Uni Wien als letzte österreichische Hochschule aus den Top 100 heraus.

„Es ist kein dramatischer Abstieg“, sagte THE-Herausgeber Phil Baty, „aber einer mit hoher Symbolkraft.“ Doch die Politiker scheint das nicht sonderlich aufzuschrecken. Dabei gibt es drei große Probleme, die es dringend zu lösen gilt, wenn der Hochschulstandort Österreich nicht weiter an Attraktivität verlieren soll. Erstens: die Wiedereinführung von Studiengebühren. Zweitens: die Regelung des Zugangs von Studenten an die Universitäten. Drittens: Das Budget für die Hochschulen muss steigen. Das könnte anders als in Deutschland zentral auf einen Schlag gelöst werden, weil die Unis dem Bund und nicht den Ländern unterstehen. Momentan stecken die Reformbemühungen jedoch in einer Pattsituation fest. Während sich die Partei des Bundeskanzlers Werner Faymann, die SPÖ, strikt gegen Studiengebühren und Zulassungsregeln wehrt, ist der Koalitionspartner, die ÖVP, dafür.

Nur langsam tut sich etwas. Die im Jahr 2008 abgeschafften Studiengebühren könnten zum kommenden Wintersemester zum Teil wieder eingeführt werden. Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (parteilos) möchte aber, dass die Unis über das Geld autonom bestimmen können. Der Koalitionspartner SPÖ ist dagegen. Bis Juni will Töchterle mit der SPÖ eine Basis zu dem Thema finden.
Das viel größere Problem ist, wie man den ungehinderten Studentenstrom an die Unis regelt. „Das derzeitige System des freien Zugangs hat versagt“, konstatierte der österreichische Wissenschaftsrat bereits 2007. Noch immer hat jeder Abiturient das Recht auf einen Studienplatz. Die Unis platzen aus allen Nähten. Studenten bemängeln die Qualität der Lehre, wie eine Umfrage der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) Ende März zeigte.

Das dritte Problem kennen auch deutsche Hochschulen gut: die strukturelle Unterfinanzierung des tertiären Bildungsbereiches. Deutschland und Österreich liegen nach den letzten OECD-Vergleichszahlen von 2008 unter dem OECD-Durchschnitt von 1,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (Deutschland: 1,2 Prozent, Österreich: 1,3 Prozent). Sogar Polen ist besser (1,5 Prozent). Spitzenreiter sind Südkorea (2,6) und die USA (2,7). Das Problem Österreichs ist ein gesamteuropäisches: Es fließen zu wenig private Mittel in die Hochschulen, etwa durch Studiengebühren. Immerhin wurden einige deutsche Unis durch die 2006 gestartete Exzellenzinitiative jetzt in den Rankings nach vorn gespült. Für Österreich hat Töchterle erst im vergangenen Dezember seine „Universitätsmilliarde“ präsentiert. Nebenbei legte er ein Eckpunktepapier zu einem Hochschulplan auf den Tisch. Auf den warten die Hochschulen schon lange. Töchterles Amtsvorgänger versprachen ihn nur. Er selbst muss ihn auch erst einmal vorlegen. Dafür präsentierte Ende März die ÖH schon einmal ihren Gegenentwurf. Sie fordern dringende Reformen in den Uni-Strukturen,  bei der Finanzierung und im Stipendiensystem. Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen sind für sie tabu.

Bereits im August 2011 legte eine internationale Expertenkommission ein umfangreiches Papier für den Hochschulplan vor und nannte die Punkte mit dem größten Regelungsbedarf: Studiengebühren, Zugang, Finanzierung. Bislang kommt nur das Geld. Der Rest wird weiter debattiert. Die Universitätsmilliarde fließt in den Jahren 2013 bis 2015. Die Rektoren freuten sich über den Geldsegen. Der Hochschulplan war plötzlich uninteressant. Die Unis bekommen 750 Millionen Euro zusätzlich und 240 Millionen Euro sogenannte Offensivmittel. Die Fachhochschulen erhalten davon 40 Millionen Euro.

Mehr Geld allein löst die Probleme nicht. Nötig ist noch eine Koppelung der Geldzuweisung an die Studienplätze. Die Fachhochschulen haben das längst. Für die Unis wird das lediglich diskutiert. Solange nicht gehandelt wird, schreiben sich auch abgelehnte FH-Bewerber an den Unis ein. Wegen des eklatanten Missverhältnisses zwischen dem Ansturm der Studienanfänger und den zu geringen Mitteln klagte Mitte vergangenen Jahres der Rektor der Wirtschaftsuni Wien, Prof. Dr. Christoph Badelt. Eine Schlichtungskommission forderte das Ministerium auf, entweder Zugangsregeln einzuführen oder die Budgets zu erhöhen. Statt der geforderten 64 Millionen Euro pro Jahr gestand Töchterle der Wirtschaftsuni sechs Millionen Euro zu. Dem Institute of Science and Technology Austria wurden hingegen im Februar 1,4 Milliarden Euro für die Zeit von 2017 bis 2026 zugesagt. Der Aufschrei über eine „eklatante Ungleichbehandlung“ folgte prompt.

Töchterle versteht die Forderung der Unis nach mehr Geld. Bevor er im April 2011 Minister wurde, war er Rektor der Uni Innsbruck. Die Universitätenkonferenz versucht, dem Ex-Kollegen in der Regierung den Rücken zu stärken. Ihr Präsident Prof. Dr. Heinrich Schmidinger plädiert für eine sachliche anstelle einer ideologischen Diskussion. Damit schießt er in Richtung SPÖ, die für den freien Zugang und gegen Studiengebühren ist. Ohne neue Perspektiven, sagt er, „droht Österreich in eine Art Geiselhaft unserer eigenen Provinzialität zu geraten“. Der politische Zug, der aus diesem Tal heraus führt, ist längst ins Stocken geraten.

Karlheinz Töchterle

Wie die Reform gelingt

„Es muss eine planerische Seite geben“

Karlheinz Töchterle ist seit April 2011 Wissenschaftsminister in Österreich. Mit einem Hochschulplan will die österreichischen Unis vor dem Niedergang bewahren. Wann er ihn allerdings vorstellt, ist noch offen.

duz: Bisherige Minister haben es nicht geschafft, Hochschulpläne zu verwirklichen. Warum sollten Sie sich durchsetzen?

Töchterle: Der Hochschulplan ist ein Prozess, bei dem es nicht den einen Punkt gibt, den man durchsetzt oder nicht. Er begleitet die politische Arbeit und unterstützt sie. Insofern bin ich optimistisch, weil erstens von den Sachnotwendigkeiten her jeder, der die Hochschulszene in Österreich kennt, weiß, dass es eine planerische Seite geben muss; und weil ich zweitens möglichst viele Hochschulpartner einbinden möchte.

duz: Wie wollen Sie das Steuer herumreißen, damit die Universitäten international wieder an Ruf gewinnen?

Töchterle: Mit einem Mehr an Qualität. Eine qualitative Weiterentwicklung gibt es  mit dem Hochschulplan, der etwa im Rahmen der Baupläne eine verbesserte Abstimmung bei den Bauvorhaben und durch die Studienplatzfinanzierung eine transparente Finanzierung mit sich bringt. Darüber hinaus wird natürlich durch die zusätzlichen Mittel der Hochschulmilliarde eine spürbare Verbesserung der Rahmenbedingungen in Forschung und Lehre ermöglicht.

duz: Sie sind nicht Mitglied der ÖVP, die Sie nominiert hat. Macht Sie das innerhalb der Regierung stark?

Töchterle: Das klingt vielleicht paradox, aber ja, man kann daraus eine gewisse Stärke und vor allem eine große Freiheit beziehen. Ich bin nicht in irgendeiner Weise von jemandem abhängig, sondern habe das Privileg, eine Zeit des beruflichen Lebens in der Politik zu verbringen, kann aber jederzeit in mein eigentliches Berufsleben, in eine Professur, zurückkehren.

Internet: www.bmwf.gv.at

Die Fragen stellte Erich Witzmann

Österreich im Fokus

Österreich im Fokus

Staatliche Universitäten: Österreich hat 21 Universitäten, davon sechs Kunst- und drei Medizin-Unis. An der Uni Innsbruck und der Medizin-Uni Innsbruck wird derzeit diskutiert, ob man nach der Trennung im Jahr 2004 wieder zusammengeht. An allen staatlichen Unis sind knapp 300 000 Studenten eingeschrieben, 53 Prozent davon sind Frauen (Stand: Januar 2012), Im Studienjahr 2020/11 gab es etwas

Fachhochschulen: An den 21 Fachhochschulen studieren knapp 40.000 Menschen, davon 47 Prozent Frauen.

Privatunis: An den 13 Privatuniversitäten sind 6300 Studierende eingeschrieben, 60 Prozent davon sind Frauen.

Pädagogische Hochschulen: Dort sind rund 10.000 Studenten eingeschrieben. Der Frauenanteil liegt mit 78 Prozent sehr hoch.

Der Hochschulplan

Der Hochschulplan

Mit einem Hochschulplan sollen die österreichischen Unis auf Vordermann gebracht werden. Wann er kommt, ist offen. Im Dezember präsentierte Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle erst einmal vier Eckpunkte.

1. Schaffung einer Hochschulkonferenz als beratendes Gremium des Ministers mit den wichtigsten Akteuren aus den Fachhochschulen und Universitäten.

2. Einführung einer kapazitätsorientierten Universitätsfinanzierung, bei der sich die Uni-Budgets unter anderem an einer festgelegten Zahl an Studierenden orientieren.

3. Regelung des Anteils von Forschung und Lehre unter Professoren.

4. Erstellung eines Leitplanes für alle 21 Unis mit einer Prioritätensetzung, was wann und wo gebaut wird.

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