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Die Neugierigen

Der britische Sozialwissenschaftler Alan Irwin hat den Begriff „Citizen Science“ geprägt. Ein Gespräch über die Zukunft der Bewegung.

Professor Irwin, wie erklären Sie, dass die Bedeutung von Citizen Science in den letzten Jahren so stark gewachsen ist?

Das verdanken wir sicherlich auch der Digitalisierung und neuen Möglichkeiten, sich weltweit zu vernetzen. Aber vieles, was wir heute Citizen Science nennen, ist ja nicht neu. Es handelt sich um eine Bewegung mit einer langen Tradition. Denken wir an Amateur-Geologen oder Vogelbeobachter. Sie gab es schon, bevor Universitäten ihre wissenschaftlichen Abteilungen entwickelten. Damals nannte man es bloß noch nicht Citizen Science. Seit sich der Begriff etabliert hat, liefert er vielleicht auch eine Legitimation oder einen gewissen Status für eine Gruppe von Menschen, die ohne diesen Begriff einfach Leute waren, die sich beispielsweise brennend für Würmer interessierten oder das erste Frühlingslied eines Vogels untersuchten.

Sie haben den Begriff mit ihrem Buch „Citizen Science: A Study of People, Expertise and Sustainable Development“ Mitte der 90er-Jahre überhaupt erst in Umlauf gebracht. Hätten Sie gedacht, dass er so große Bedeutung erlangen wird?

Nein, es entbehrt aber nicht einer gewissen Ironie, dass mein Verlag damals eigentlich den Titel ändern wollte. Niemand würde sich unter Citizen Science etwas vorstellen können, hieß es. Was mich damals wirklich bewegte, waren die Spannungen, die sich zwischen Wissenschaft und Gesellschaft aufbauen können – denken wir nur an Nuklearenergie oder bestimmte Gebiete der Genetik. Citizen Science ist ein Ansatz, der eine positive und produktive Interaktion mit Wissenschaft zum Wesen hat. Das hat mich fasziniert, auch wenn ich damals Probleme hatte, viele positive Beispiele zu nennen – denn immerhin war das noch vor dem Google-Zeitalter, als man solche Projekte gar nicht so einfach finden konnte.

Was macht Citizen Science in Ihren Augen so reizvoll?

Es verbindet Menschen miteinander. Man kreiert eine Art gemeinsame Identität. Auch wenn Hobby-Astronomen, Vogelbeobachter oder passionierte Bienenbesitzer durchaus unterschiedliche Themen erforschen: Sie alle eint, dass sie als Citizen Scientist ihrer Welt mit Neugierde begegnen, den Wunsch haben, etwas Praktisches und Unmittelbares zu tun und sich auf eine intensive Art mit Wissenschaft auseinanderzusetzen. Das können viele andere Arten der Wissenschaftskommunikation so nicht liefern. Das ist in meine Augen etwas ganz Substanzielles.

Aber ist es nicht zu fehleranfällig, wissenschaftliche Erhebungen von Laien durchführen zu lassen?

Die Stärke von Citizen Science ist ja häufig gerade die unglaubliche Datenmenge, die generiert werden kann. Wenn Menschen in ganz Europa an einem spezifischen Tag ihre Vogelsichtungen sammeln, dann gleicht die Masse der präzisen Sichtungen auch Fehler aus. Klar werden Fehler gemacht, aber generell kann man wohl behaupten, dass Citizen Science Menschen anzieht, die sich leidenschaftlich für ein Thema interessieren und hier über unglaubliches Expertenwissen verfügen. Meiner Ansicht nach wird die Frage nach der Datenqualität häufig zu sehr ins Zentrum der Diskussion gestellt. Als sei dies der alleinige Zweck von Citizen Science.

Wie würden Sie den Zweck von Citizen Science denn dann beschreiben?

Im Zentrum steht für mich als Sozialwissenschaftler der Aspekt der Beteiligung und Förderung einer wissenschaftlichen Bürgerschaft, ich nenne das „scientific citizenship“. Natürlich ist auch die Perspektive der Wissenschaftler wichtig, die durch von Bürgern gesammelte Daten ihre Wissenschaft erweitern und voranbringen, aber häufig wird eben die andere Seite vergessen. Was bedeutet Citizen Science für die Demokratie und ihre Bürger, ihre gesellschaftliche Einbindung und ihr gesellschaftliches Engagement, welche Fragen ergeben sich hieraus für das tägliche Leben? Großartig an Citizen Science ist, dass es beide Aktivitäten miteinander verbinden kann – sowohl das wissenschaftliche Outsourcing, als auch eine Förderung der gesellschaftlichen Einbindung. Konzentriert man sich zu sehr auf einen der beiden Aspekte, ignoriert man die Bandbreite des Themas.

Wo sehen Sie die Grenzen von Citizen Science?

Man könnte sagen, dass Citizen Science nur Sinn macht, wenn wissenschaftlich verwertbare Ergebnisse produziert werden. Da folgte man aber wieder der Argumentationslinie, dass Citizen Science der Wissenschaft zu dienen hat. Man kann auch die Sichtweise einnehmen, dass dies nicht so bedeutend ist. Wenn sich viele Menschen zusammenfinden, um einen Tag lang in ihrer Stadt bestimmte Umweltbedingungen zu beobachten, mag das wissenschaftlich – zumindest anfänglich – nicht weiter relevant sein. Aber wer sind wir zu sagen, dass dieses Engagement und wissenschaftliche Interesse keinen Eigenwert hat? Und vielleicht ergibt sich daraus im weiteren Verlauf etwas wissenschaftlich Wichtiges? Das lässt sich doch nicht vorhersagen. 

Welche Visionen haben Sie für die Bewegung?

Citizen Science eröffnet viele Möglichkeiten. Ich würde mir wünschen, dass es vor allem zum Nachdenken anregt: Stellt Citizen Science vielleicht die Art und Weise infrage, wie wissenschaftliche Einrichtungen arbeiten? Welche Ideen und Inspirationen liefert Citizen Science? Welche Rolle nimmt der Wissenschaftler in Auseinandersetzung mit Citizen Science ein?

Welche Verantwortung gegenüber den Bürgern haben denn Wissenschaftler?

Statt Citizen Science lediglich als Möglichkeit zu verstehen, kostenfrei an Daten zu kommen, sollten sich Wissenschaftler fragen, was sie davon lernen können. Welche Fragen bewegen die Gesellschaft? Vielleicht kann man etwas Zeit investieren, bietet Schulungen an, macht das eigene Wissen frei zugänglich und trägt durch Open Science aktiv zur Demokratisierung des Wissens bei. Aber natürlich kann die Bringschuld nicht dem Wissenschaftler allein aufgebürdet werden. Meiner Ansicht nach sind besonders die Institutionen verpflichtet, hier ihre Wertschätzung von Citizen Science zum Ausdruck zu bringen und ihre Forscher bei der Interaktion mit Bürgerwissenschaftlern zu unterstützen.

Wie bewerten Sie die finanzielle Förderung von Citizen Science: Wird hier genug getan?

Einer der großen Vorteile von Citizen Science ist eigentlich, dass es zum Großteil außerhalb formaler Strukturen und Institutionen stattfindet. Deshalb birgt groß angelegte Förderung natürlich ihre Risiken – wenn möglicherweise eine Professionalisierung stattfindet, die die Bürgerwissenschaftler verdrängt. Gleichzeitig sind Fördermittel aber natürlich zu begrüßen, besonders wenn sie die Verbindung zwischen Wissenschaft und Bürgern unterstützen. Wichtig ist, dass Menschen, die sich für ihre Umwelt und ihre soziale Welt interessieren, eine Anlaufstelle haben – etwas, das ich oft als „Eingangstür“ zu den Institutionen bezeichne. Wohin können sie sich mit ihren Fragen wenden, wo können sie mit einsteigen? Solche verbindenden Projekte finanziell zu fördern, finde ich sinnvoll.

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