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Weit entfernt vom Mai 68

Der Frühling 2018 in Frankreich ist voller Streiks. Und doch ist alles anders als vor fünfzig Jahren.

Ein Gastbeitrag von Rainer Maria Kiesow.

An der Universität Paris-Nanterre nennt sich eine Gruppe von Arbeitsgemeinschaftsleitern „68+“. Sie haben einen Zeitvertrag mit Lehr- und Korrekturverpflichtungen und schreiben an ihren Doktorarbeiten. Viele empfinden ihre Situation als prekär. Außerdem sind sie nicht einverstanden mit der neuen nationalen Methode der Studienplatzvergabe.

Bislang, seit 2009, konnten Abiturienten in einem höchst komplizierten System bis zu vierundzwanzig Studienwünsche angeben, unFoto: André Crosd das Rechensystem der Nach-Abitur-Zulassung „Admission Post-bac“ (APB) ergab nach verschiedenen Kriterien, beruhend auch auf der angegebenen Rangliste der Wünsche, die Zuweisung des Studienplatzes. Gegebenenfalls musste das Los entscheiden.

Dieses Verfahren ist seit diesem Jahr durch „Parcoursup“ ersetzt: nur noch zehn Wünsche ohne Rangfolge, dafür aber eine erheblich ausgeweitete Möglichkeit für die Hochschulen, auf Fakultätsebene Aufnahmekriterien zu formulieren (etwa gute Noten in Französisch für Jura oder gute Noten in Mathematik für Medizin). Kurz, die französischen Universitäten können nun nach jeweils eigenen Kriterien ihre Studierenden selbst auswählen. Ziel ist unter anderem, die hohe – in manchen Fächern wie Jura mehr als fünfzig Prozent betragende – Abbrecherquote zu senken.

In Frankreich, mit seiner höchst verzweigten Hochschullandschaft inklusive seiner „Grandes écoles“ und deren teils extremen Anforderungs- und Auswahlprofilen, gilt die Universität vielen als egalitärer Ort, der allen offen stehen soll. Zwar erhält auch mit Parcoursup prinzipiell jeder Abiturient einen Studienplatz, allerdings nicht unbedingt den am meisten gewünschten, sondern eben einen der zehn genannten und jedenfalls nur den, von dem die Universität meint, dass er für den Studenten geeignet sei.

Nur wenn der Abiturient mehrere Zusagen erhält, hat er die Wahl. Parcoursup führt also zu Zusagen, Absagen und, dies ist eine der großen Neuerungen, zu bedingten Zusagen, also etwa der Zusage zum Physikstudium unter der Bedingung, dass der Student Kurse besucht, um seine nicht wirklich ausreichenden Mathematikkenntnisse zu verbessern.

Insgesamt lässt sich im Detail alles Mögliche an Parcoursup kritisieren, vor allem ganz grundsätzlich, dass das Verfahren (wie auch zuvor APB) schon läuft, bevor die landesweiten Abiturprüfungen abgehalten werden, also auch bevor die Abiturnoten vergeben sind, was etwa zu einer Berücksichtigung von „Vornoten“ und auch individuellen Einschätzungen der Schüler durch die Klassenlehrer führt, da nun einmal die Noten des Abiturzeugnisses (mit Ausnahme von Französisch, das im vorletzten Gymnasialjahr geprüft wird) noch nicht vorliegen.

Dies ist in der Tat ein großes Manko des ganzen Unternehmens und wahrscheinlich nur mit der Heiligkeit der großen Sommerferien zu erklären, in die der Auswahlprozess keinesfalls hineinragen soll. Aber Präsident Macron und seine Mannschaft arbeiten bereits an einer Reform des Abiturs, inklusive eines neuen Terminplans.

Die AG-Leiter in Paris-Nanterre sind gegen das alles. „Selektion“ sagen sie, und das nun auch an der egalitären Universität! Also demonstrieren sie, streiken sie, weigerten sie sich monatelang, die Noten in ihren Arbeitsgemeinschaften an die Universitätsverwaltung weiterzugeben. Einige Studierende teilen diese Ansicht im Hinblick auf Parcoursup. Also haben sie Mülltonnen, Stühle und Tische zusammengestellt und blockieren die Eingänge zur Universität. Es handelt sich um ein paar Dutzend Studierende, allenfalls wenige Hundert.

Den Blockierern steht der Rest gegenüber, Paris-Nanterre zählt etwa fünfunddreißigtausend Studierende. Einige Professoren sind auch gegen Parcoursup. Dazu gehört eine Lehrerin des öffentlichen Rechts, sie ist eine der nächsten Mitstreiterinnen innerhalb der Partei von Jean-Luc Mélenchon „La France insoumise“ („Das unbeugsame Frankreich“ ist eine der „Linken“ vergleichbare politische Gruppierung).

Ergebnis des Dagegenseins im Juni: Seit gut zwei Monaten geht in Paris-Nanterre nicht mehr viel. Die Vorlesungszeit war zwar schon vorüber, die Prüfungen konnten jedoch nicht mehr stattfinden, die Universität ist blockiert, von der Leitung organisierte Examen an Ausweichstandorten wurden von der Allianz der Professoren und Studenten gegen Parcoursup ebenso durch Blockade verhindert.

Die Universität war gezwungen, ganz neue Examenswege zu gehen: online. Und Paris-Nanterre ist keine Ausnahme. Überall im Land verhindert eine radikale (und absolute) Minderheit den normalen Universitätsbetrieb. Manchmal kommt schließlich die Polizei, um zu räumen, manchmal geht den Protestlern auch einfach die Luft aus. Die Sommerferien nahen.

Zunächst einmal ist Engagement zu begrüßen. Auch wenn es keine Konvergenz der verschiedenen gesellschaftlichen „Kämpfe“ gibt: die zeitgleichen Streiks der Bahnbeamten gegen die französische Bahnreform, das Verharren der „Zadisten“ (abgeleitet von „Zone à défendre“, die Zone, die es zu verteidigen gilt) auf dem jahrelang von ihnen besetzten Terrain eines neuen Flughafens in der Nähe von Nantes, obwohl die Regierung inzwischen von dem Bauprojekt endgültig Abstand genommen hat – der Frühling 2018 in Frankreich ist voller Streiks, Blockaden, Besetzungen. Und was an den Universitäten geschieht, respektive die Verhinderung des üblichen Universitätsbetriebs, lässt manchen Beobachter und Akteur zuweilen vom Mai 1968 träumen. Daher rührt auch der Name „68+“ der angestellten AG-Leiter in Paris-Nanterre.

Paris-Nanterre – hier nahm der weltberühmte Pariser Mai vor fünfzig Jahren seinen Ausgang. Die Revolution begann mit einer Kleinigkeit, die aber schon Großes in sich trug: Es ging um den Zugang zu den Schlafräumen der Studentinnen. Die Studenten durften nicht rein. Umgekehrt auch nicht. So waren die Regeln damals. Die Revolution fegte sie hinweg. Die Revolution, der Mai 1968, hatte eine Umstürzung der gesellschaftlichen Verhältnisse zur Folge, der sexuellen, der geschlechtlichen, der institutionellen, der politischen, der internationalen.

Es war eine phantasiereiche, nach vorne blickende Unternehmung

Für die Moderne, manche mögen sagen Postmoderne, von heute ist der Aufbruch, der vor fünfzig Jahren mit dem „roten Dany“ an der Spitze an der Universität Paris-Nanterre debütierte, von gar nicht zu überschätzender Bedeutung. Es war eine phantasiereiche, nicht ganz gewaltfreie, aber auch humorvolle, nach vorne blickende, nicht rückwärtsgewandte Unternehmung.

Heute geht es nicht mehr um die großen Fragen der Weltgesellschaft wie damals: Krieg oder Frieden (in Vietnam), Freiheit und Gleichheit (der geschlechtlichen Beziehungen), Vergangenheit und Zukunft (der patriarchalisch-traditionellen Politik und Gesellschaft). Nein, heute geht es etwa um: Universitätszulassungsmethoden (Parcoursup), Bewahrung von Privilegien (Eisenbahner), Hüttenbauten (in Westfrankreich). Sicher, auch das sind wichtige Fragen, um die gestritten werden darf und soll.

Allerdings hat Daniel Cohn-Bendit wieder einmal Recht: Mit dem Mai 1968 hat dies alles aber auch rein gar nichts zu tun. Es ist eine merkwürdig konservativ-reaktionäre Stimmung, die von nicht wenigen der heutigen Systemgegner ausgeht. „68+“? Ach nein. Und vielleicht markiert ein in die Augen springender, aber kaum einmal artikulierter Unterschied zu „68“ das Problem von heute, das sich nicht ernsthaft in den Streiks und Blockaden zur französischen Bahn, zur französischen Rechenkunst und zu französischen Waldhütten erschöpft. Wo sind die Massendemonstrationen gegen den Krieg in Syrien beispielsweise, gegen die demokratischen Autokraten in Russland oder der Türkei etwa? Schon wegen dieser Abwesenheit ist es nichts als Anmaßung oder Blindheit, von „68+“ zu schwafeln. „18“ wird sicher nicht im universitären Gedächtnis bleiben. Weder in Paris-Nanterre noch in der übrigen Welt.

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