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Die OECD fördert Wissensregionen

Arbeitslosigkeit und Abwanderung. Das sind Probleme vieler Regionen in Europa. Vielerorts ruht die Hoffnung auf den Ideen von Hochschulabsolventen. Leider lernen sie meist nicht, wie sie Unternehmen gründen.

Paris Im Konferenzraum der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris ist vom 19. bis 20. September eine schwierige Partnerschaft in Behandlung: Städte, Regionen und ihre Hochschulen. Sie hängen zwar voneinander ab, unterstützen sich aber oft nicht gut genug. Es geht dabei vor allem um das Dauerproblem in Europa, dass zu wenig innovative Ideen aus den Hochschulen in neue Unternehmen fließen. Bis zu 130 Regionalpolitiker, Hochschulfunktionäre und Wirtschaftsvertreter werden deshalb ihre Erfahrungen austauschen, die sie im Rahmen solcher Kooperationen gemacht haben.

Die OECD verfolgt das Thema schon seit 2005. Sie bietet eine Art Paartherapie für Unis und Regionen an, den sogenannten Review of Higher Education in Regional and City Development. Die Organisation schickt Berater, die den Status quo vor Ort evaluieren und nach Möglichkeiten der effektiveren Zusammenarbeit zwischen Kommunen, Unternehmen und Hochschulen suchen. Über 30 Regionen haben sich bereits helfen lassen. Die nächste Runde wurde gerade ausgeschrieben. Regionen, die ab dem nächsten Jahr teilnehmen möchten, können sich bis 15. Dezember bei Jaana Puukka melden, die das Programm leitet.

Die Kosten eines solchen Review sind allerdings beträchtlich: je nach Aufwand 100.000 bis 120.000 Euro. Und was bekommt man dafür? Keine fertigen Lösungen, aber immerhin ein Spiegelbild, das zeigt, wo es nicht gut aussieht. Hübsch machen zu einer innovativen Wissensregion, die prosperiert und Arbeitsplätze schafft, muss man sich dann schon selbst. Die spanische Region Andalusien zum Beispiel nahm an der letzten Review-Runde teil, die 2010 zu Ende ging. Eine Arbeitslosenquote von über 26 Prozent im Jahr 2009 und der drohende Verlust von EU-Subventionen ab 2013 hingen wie ein Damoklesschwert über der Zukunft der meistbevölkerten Region des Landes. Neben vielen anderen Empfehlungen riet die OECD deshalb, spezielle Fonds zu gründen, deren Mittel im Rahmen eines Wettbewerbs nur an solche Hochschulen verteilt werden, die bestimmte Kriterien erfüllen. Kooperationsprogramme untereinander, die Zusammenarbeit mit lokalen Arbeitgebern in der Lehre oder die Schaffung von Studienplätzen speziell für Kinder aus Arbeiter- oder Migrantenhaushalten sind einige Beispiele. Darüber hinaus sollte die Regionalregierung enger mit den Hochschulen zusammenarbeiten, wenn es um die Beschäftigungsfähigkeit junger Leute geht.

Der Ansatz der OECD macht aus ökonomischer Sicht Sinn, denn Hochschulen spielen für die lokale Wirtschaft eine entscheidende Rolle. Gerade in kleineren Städten oder ländlichen Regionen sorgen sie für die Versorgung mit Fachkräften, locken und binden junge Leute und spucken nicht selten Erfindungen aus, die als Basis für Unternehmensgründungen dienen. Aus diesem Grund hat die Bundesregierung Ende August eine halbe Milliarde Euro zur Verfügung gestellt, um Wissenschaft und Wirtschaft in Ostdeutschland enger zusammenzubringen und strukturschwache Regionen zu fördern.

Solche Effekte will die OECD mit ihren Reviews auslösen. Hochschulen würden ihre wichtige Rolle als Entwicklungsmotoren ihrer Region oft zu wenig wahrnehmen, sagt Jaana Puukka. Sie glichen in dieser Hinsicht noch immer Elfenbeintürmen. Die Berater aus Paris suchen deshalb vor Ort nach Wegen, die Hochschulen besser auf die Bedürfnisse der lokalen Wirtschaft einzustellen.
Das bedeutet zum Beispiel, so Puukka, andere Prioriäten zu setzen. Es müsse beim Thema Forschung nicht allein darum gehen, möglichst viele Publikationen zu produzieren, es ist auch relevant, ein markttaugliches Produkt zu entwickeln. „In Deutschland sind die Fachhochschulen mit ihrer Forschung nah an der Basis und daher besonders gut dazu geeignet, mit dem lokalen Mittelstand zu kooperieren“, sagt Puukka.

Etwa in Neubrandenburg. Im äußerst dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern ist die örtliche Hochschule ein wichtiges Element der Wirtschaftsförderung. Die Stadt hat eine Arbeitslosenquote von 14 Prozent. Für mehr Arbeitsplätze braucht es Unternehmen mit tragfähigen Konzepten. Das Fach Gründungslehre wird in etlichen Studiengängen als Wahlpflichtkurs angeboten. „In vielen Berufen machen sich Absolventen später einmal selbstständig, lernen aber nicht, wie das eigentlich geht“, sagt Rektor Prof. Dr. Micha Teuscher. Er ist auch Sprecher der Fachhochschulen in der Hochschulrektorenkonferenz. Ein Programm wie den OECD-Review könnte er sich gut auf Landesebene vorstellen, da man dort näher an den lokalen Bedürfnissen sei als der Weltverband mit Sitz in Paris.

Gründungszentren und Gründungslehrstühle gibt es an deutschen Hochschulen reichlich, ob in Kassel, wo Stadt und Uni dieses Jahr ein 15 Millionen Euro teures Gründungszentrum errichtet haben, oder in Potsdam, wo jungen Wissenschaftlern seit fünf Jahren beim Erstellen von Business-Plänen geholfen wird. Die Ansätze sind da. Dennoch gibt es in Deutschland im Unterschied zu anderen Ländern keine landesweite oder gar nationale Strategie, wie man Studierenden unternehmerisches Denken im Hörsaal vermittelt (siehe Grafik oben).

Internet: www.oecd.org/edu/imhe/highereducationinregional
andcitydevelopment.htm

E-Mail: jaana.puuka@oecd.org

Kevin Heidenreich

Wie geht Ausgründung?

„Hochschulen können Räume bereitstellen"

Unnötige Belastungen müssen aus dem Weg geräumt werden, fordert Kevin Heidenreich. Er leitet das Referat Hochschulpolitik beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag.

duz: Sollte das Thema Entrepreneurship in deutschen Hochschulen eine wichtigere Rolle spielen als bislang?

Heidenreich: Das vermisse ich in vielen Studiengängen. Nicht nur in der Betriebswirtschaftslehre, auch in anderen Fächern gibt es viele potenzielle Gründer. Mit mehr Unternehmertum in Schulen und Hochschulen können wir die Qualifikation erhöhen.

duz: Welche Steine werden den Gründern denn in den Weg gelegt?

Heidenreich: Junge Gründer begeistern sich für ihre Idee, weniger für Amtsgänge und Bürokratie. Genehmigungsverfahren sollten daher, wo immer es möglich ist, durch schnellere Anzeigeverfahren ersetzt werden. Auch die Finanzierung ist oft schwierig, gerade bei Hightech-Projekten mit unsicherem Markterfolg.

duz: Wie können Hochschulen und Städte gemeinsam für mehr erfolgreiche Gründungen in ihrer Region sorgen?

Heidenreich: Lokale Gründerzentren, die eine kostengünstige Infrastruktur anbieten, sind ein hervorragender Weg, um Gründer zu unterstützen und sie gleichzeitig an Hochschule und Region zu binden. Wer sich gut behandelt fühlt, gibt auch gerne etwas an die Region zurück.

duz: Warum ist es wichtig, dass beide Seiten bei diesem Thema zusammenarbeiten?

Heidenreich: Wir müssen eine Gründungskultur entwickeln, damit mehr frische und innovative Ideen entstehen können. Hochschulen können Räume unbürokratisch bereitstellen und Kommunen sollten Existenzgründer von unverhältnismäßigen Belastungen befreien.

Internet: www.dihk.de

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