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Wissenschaft muss sich erklären

Die Corona-Krise offenbart die Probleme zwischen Forschenden und Medien. Jetzt sind die Lehren zu ziehen, fordert Reinhard Hüttl

Die Corona-Krise wirkt wie ein Brennglas für eine ganze Reihe von Prozessen, die sonst im Verborgenen ablaufen. Da ist zum einen die Medienkrise: Verlagshäuser melden Kurzarbeit, in Berlin wird ein Stadtmagazin eingestellt, in den USA schließen Zeitungen und Newsrooms. Zum anderen konnte in der Hochphase ein interessiertes Publikum der Wissenschaft beim Arbeiten und Dazulernen über die Schulter gucken. Auch das Zusammenspiel zwischen Politik und Wissenschaft, das sonst über viele Iterationen und Hintergrundgespräche funktioniert, geriet ins grelle Scheinwerferlicht von Talkshow-Studios und Boulevardmedien. Aus alldem lassen sich bereits jetzt, noch mitten in der Krise, Lehren für Wissenschaft und Wissenschaftsjournalismus ziehen.

Es ist paradox: Einerseits hungern die Menschen nach gesicherten Informationen und schalten Nachrichtensendungen viel öfter ein als früher. Andererseits melden Verlagshäuser wie die Süddeutsche Zeitung, der Tagesspiegel oder Gruner und Jahr (Stern) für ihre Redaktionen Kurzarbeit an. Grund dafür sind drastische Einbrüche bei den Anzeigenerlösen. Doch dahinter steht der tiefgreifende Wandel der Medienwelt mit immer mehr Online-Angeboten und sinkenden Erlösen, die die Redaktionsarbeit nicht mehr auskömmlich finanzieren. Vielfach fallen zuerst Nischenressorts wie die Wissenschaft den Kürzungen zum Opfer.

Dabei zeigt die Pandemie, wie wichtig gerade in einer unsicheren Lage seriöse und qualitätsgesicherte Informationen aus der Forschung sind. Dazu gehören auch das Kenntlichmachen von Unsicherheiten und Grenzen des Wissens sowie das Korrigieren von Fehleinschätzungen aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Die Wissenschaft hat hierfür Mechanismen entwickelt und über Jahrzehnte erprobt. Zum Beispiel das Peer-Review: Arbeiten werden vor der Veröffentlichung von Gutachterinnen und Gutachtern geprüft und kritisch kommentiert. Manchmal führt das dazu, dass Experimente wiederholt, Statistiken überprüft oder Formulierungen präzisiert werden müssen. In der Physik begann man bereits vor fast 30 Jahren, Entwürfe von Studien für die eigene Community zugänglich zu machen. Das Repositorium wurde arXiv genannt, wobei das X dem griechischen Chi entspricht und der Name auf Englisch wie „archive“ gesprochen wird. Auf arXiv diskutieren Forschende „Preprints“ – Arbeiten, die nicht offiziell veröffentlicht und noch nicht zur Publikation eingereicht sind. Andere Disziplinen zogen nach. Damit war es möglich, eine Art von informellem Peer-Review vorzuschalten.

Der Corona-Experte Christian Drosten stellte nun vor einigen Wochen eine Studie auf bioRxive („Bio-Archiv“) zur Diskussion. Thema war die nach wie vor umstrittene Frage, ob Kinder genauso ansteckend sind wie Erwachsene oder weniger. Drosten hatte dazu die Virenlast im Rachenraum von Kindern und Jugendlichen mit derjenigen von Erwachsenen verglichen. Er erhielt insbesondere zu seinen statistischen Auswertungen Kritik und Hinweise, die er in die Arbeit einbaute.

Womit weder Wissenschaftsjournalisten noch Forschende gerechnet hätten: Eine Boulevard-Zeitung übernahm aus den öffentlich zugänglichen Peer-Kommentaren Zitate und stellte sie so dar, als sei Drostens Studie grob fehlerhaft. Jörg Stoye, einer der Forschenden, deren Kritik benutzt wurden, rückte auf Twitter zwar umgehend die Dinge zurecht: „Noch mal zum Mitschreiben: Es gab eine Erstfassung. Kollegen hatten was zu meckern. Dabei ging es immer nur um statistische Feinheiten. Die Einwände wurden gehört. Nun ist der Aufsatz noch runder. Alle gewinnen. So geht das bei #TeamWissenschaft.“

Doch die Zeitung blieb bei ihrer Darstellung, in Talkshows wurde ein Expertenstreit ausgerufen, ein politisches Wochenmagazin machte mit großer Titelstory gar einen „Glaubenskrieg“ daraus und bezeichnete Christian Drosten als „verehrt und verhasst“. Der Preprint-Begutachtungsprozess war in den Hintergrund getreten. Wer sich für die Feinheiten interessierte, konnte alles nachlesen und der Wissenschaft quasi beim Lernen zuschauen. Alle anderen konnten sich aussuchen, ob sie lieber #TeamDrosten angehören oder bei den „Gegnern“ sein wollten. Wo man sich Mäßigung und Erklärung gewünscht hätte, wurde Empörung geschürt, auch von Qualitätsmedien. Empörung und Streit bringen Quote und steigern Verkaufszahlen. Auch ist es einfacher, eine Kontroverse mit zugespitzten Argumenten und Personen abzubilden, als lang und breit Nuancen statistischer Verfahren zu diskutieren. Zumal, wenn es um eine hoch emotionale und für viele Eltern wichtige Debatte wie Schul- und Kindergartenschließungen geht.

Politikerinnen und Politiker sind diese Form der Auseinandersetzung gewöhnt. Forschende dagegen scheuen davor zurück, weil sie um ihre Reputation im Fach und künftige Kooperationen fürchten müssen; von inakzeptablen Hasskommentaren unter Artikeln im Netz, per E-Mail oder auf sozialen Medien ganz abgesehen.

Die Situation ist nicht neu. Vor rund dreißig Jahren gab es massive Auseinandersetzungen um das Waldsterben. Auch damals gerieten Wissenschaftler ins Visier der Kritik. Doch damals gab es nicht die sozialen Medien mit ihrer Schärfe und den selbstverstärkenden Empörungswellen. Das mediale Klima war noch nicht so überhitzt wie heute, wenngleich Verkürzungen von Sachverhalten und Sensationsmache – auch vonseiten der Wissenschaft – gerade beim Thema Waldsterben viel Schaden angerichtet haben.

Wir erleben jetzt, nach zwei Dürrejahren, ein neues Waldsterben – ein Effekt der regionalspezifischen Auswirkungen des Klimawandels. Um weitere Flurschäden zu verhindern, brauchen wir dringend eine Rückbesinnung auf gute wissenschaftliche Praxis, zu der professionelle Wissenschaftskommunikation gehört, sowie unbedingt auch auf journalistische Werte.

Aus der Corona-Krise können wir lernen, wo Handlungsbedarf besteht. So machte die Kommunikation aus dem Robert-Koch-Institut die Grenzen des Wissens und dessen Vorläufigkeit nicht immer hinreichend deutlich: Zunächst hieß es, die Gefährdung für Deutschland sei mäßig und man habe alles im Griff. Masken seien weder nötig noch hilfreich. Dann wurde das nach und nach revidiert.

Die Nationalakademie Leopoldina wiederum reagierte mit Ad-hoc-Stellungnahmen ausgesprochen schnell. Das ist absolut positiv zu bewerten. Woran es allerdings haperte, war die Transparenz bei den Auswahlkriterien für die (wenigen) Expertinnen und (vielen) Experten für die Stellungnahmen. Es waren zudem Personen beteiligt, die schon lange aus der eigentlichen Forschung ausgeschieden waren. Eine möglichst diverse Zusammensetzung von Panels, Inter- und auch Transdisziplinarität sowie immer wieder Transparenz sind also nötig, wenn Forschung so nah wie derzeit an Politik heranrückt.

Zugleich bedarf es in den Universitäten und Instituten einer hoch professionellen Kommunikation, die die eigenen Forschenden schult, auf Fallstricke im Umgang mit Medien hinweist und als Mittler zwischen Medien und Forschung fungiert.

Wichtig ist auch ein geschützter Raum, in dem Forschende unter sich ihre Ideen und vorläufigen Ergebnisse offen diskutieren können. Andernfalls geschieht das, was die Boulevard-Zeitung mit den Zitaten aus der Preprint-Debatte anstellte.

Bei den Medien wiederum besteht dringender Nachholbedarf in Sachen Wissenschaftsjournalismus. Der Wunsch klingt beinahe absurd, weil es in Deutschland hervorragende Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten gibt; viele davon sind organisiert in der Wissenschaftspressekonferenz WPK. Doch die Crux in der aktuellen Lage ist, dass die Corona-Krise in den politischen Ressorts und in Talkshows verhandelt wird. Das macht das Grundproblem im Mediensystem sichtbar: Sobald ein Thema wichtig wird, wandert es nach „vorne“ in den Redaktionen, und das heißt in „die Politik“ und „das Aktuelle“. Wer leider viel zu selten mitwandert, sind die Fachjournalistinnen und -journalisten. Wenn dann noch hausintern Wissenschaftsressorts ausgedünnt oder gar abgeschafft werden, fehlt das interne Korrektiv völlig.

Diese Dinge regeln sich nicht von selbst. Die Verankerung von Wissenschaftskommunikation muss in die grundständige Lehre der Hochschulen integriert werden. Dorthin gehört auch die Auseinandersetzung mit guter wissenschaftlicher Praxis. Viel zu oft beschränkt sich die Kenntnis der Absolventinnen und Absolventen auf Zitierregeln. Es ist jedoch die dahinterliegende Idee einer auf geteiltem Wissen basierenden, sich selbst korrigierenden Forschung mit rigiden Regeln, die es zu vermitteln gilt.

Was nun die Medien betrifft, so gehört die Auseinandersetzung mit den Regeln der Wissenschaft ebenso wie die Bewertung fachlicher Reputation zur allgemeinen Ausbildung aller Journalistinnen und Journalisten. Ein Professorentitel alleine darf nicht reichen, jemanden für eine Expertin oder einen Experte zu halten. Eine Akademie für Wissenschaftskommunikation könnte hierzu Lehrangebote entwickeln, getragen von einer Stiftung, die daneben noch Fortbildungen für Forschende und Journalistinnen und Journalisten anbietet. Es gilt jetzt, die Lehren aus der Corona-Krise zu ziehen, denn die anderen Krisen – Klima, Biodiversitätsverluste, Ernährung, Energiewende – warten nicht, bis sie an der Reihe sind. //

ZU PERSON

Prof. Dr. Reinhard Hüttl ist Wissenschaftlicher Vorstand und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Geoforschungszentrums (GFZ) in Potsdam sowie Vizepräsident von Acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. Er studierte Forst- und Bodenwissenschaften an der Universität in Freiburg, wo er auch promovierte und habilitierte.  Seit November 2016 ist er Vorsitzender des Fördervereins des Science Media Center Germany.

Foto: GFZ​

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