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Wenn nicht wir, wer dann?

Die Wissenschaft muss jetzt zeigen, was in ihr steckt, sagt Stefan Gärtner vom Institut Arbeit und Technik – und macht jede Menge Vorschläge, wie sie in vielen kleinen Teilbereichen dazu beitragen kann, die Pandemie einzudämmen und mit neuen Ideen eine bessere Zukunft mitzugestalten

Wissenschaftliche Einrichtungen sind jetzt besonders gefordert. Sie stehen an erster Stelle, wenn es darum geht, sich der eigenen Verantwortung bewusst zu werden und einen wirksamen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie und zum Schutz ihrer Beschäftigten zu leisten. Es ist ihre Aufgabe zu zeigen, wie die Welt auch im Remote-Zustand läuft, wie die Folgen der Krise abgemildert werden und was wir für die Post-Corona-Zeit davon lernen können. Die ohnehin unmittelbar zur Pandemie forschenden Lebenswissenschaften, insbesondere die medizinisch-biologische und epidemiologische Forschung, sei hier ausgeklammert.

Homeoffice für Forscher

Wissenschaftseinrichtungen wissen, dass es zurzeit nötig ist, möglichst wenige Kontakte zu haben – und sind in vielen Bereichen, in Lehre, Forschung und Verwaltung, in der Lage, kontaktlos von Zuhause zu arbeiten. Und da es nicht unwahrscheinlich ist, dass uns die Pandemie erst wieder loslässt, wenn ein Impfstoff da ist, macht es Sinn, Zeit und Ressourcen in den Aufbau eines mittelfristigen Remote-Betriebs zu stecken. Abgesehen von Ausnahmen: Die Lage ist für manche Drittmittelbeschäftigte, die dringend in die Labore müssen, um etwa ihre Dissertation fertigzustellen, prekär. Dort sollte Präsenz erlaubt und die Distanzregeln sollten streng eingehalten werden.

Wenn nicht wir, wer sollte dann vormachen, wie der Remote-Betrieb funktionieren kann: Homeoffice muss nicht heißen, weniger oder weniger effizient zu arbeiten. Wer, wenn nicht wir, kann zeigen, wie auch sozialwissenschaftliche empirische Forschung online erfolgen, wie neue Methoden der Netzwerkforschung aussehen, große Workshops, Delphirunden und fokussierte Gruppengespräche oder Bürgerinnenbeteiligung neu und digital erfolgen können. Gleiches gilt für die Lehre: Neue Methoden und digitale Techniken können einen Mehrwert bewirken, Praxisakteure einbezogen und Paneldebatten mit Externen ohne Reiseaufwand digital geführt werden. Viele der in der Krise entwickelten und erprobten Verfahren werden bleiben – weil sie Vorteile haben.

Wider die Populisten

Wie können wir den Populisten in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft den Wind aus den Segeln nehmen? Seriöse Wissenschaftler sollten keinesfalls in das gleiche Horn blasen wie Populisten. Anstatt etwa einseitig die Distanzregel zu kritisieren, wäre es schön, auch oder gerade aus den Nicht-Lebenswissenschaften mehr konstruktive Vorschläge zu hören, wie trotz der Regeln der Isolation Einzelner vorgebeugt werden kann. In den Niederlanden etwa werden dazu digitale Besuchscontainer vor Altersheimen aufgestellt.

Wissenschaftler müssen differenziert hinschauen, kommentieren und auch erklären, dass ihr Metier ein dynamisches System ist. Alle Disziplinen sollten deutlich machen, dass es zur wissenschaftlichen Redlichkeit gehört, sich zu irren, seine Sichtweise zu ändern, wenn neue Forschungsergebnisse da sind, und zu vielen Aspekten gar nichts sagen zu können. Wenn Politik auf neue Ergebnisse, Sicht- und Zählweisen reagiert, ist dies eher ein gutes Zeichen. Unverständlich ist da die Forderung, zum Teil leider auch aus der Wissenschaft, die Regierung müsse eine klare Perspektive, Ziele und Zeitpläne haben.

Zweitens sollte Wissenschaft die Zahlen und Fakten einordnen und dringend erklären, zum Beispiel solche zentralen Begriffe wie das Präventionsparadox, um „Maß und Mitte“ für Öffentlichkeit und Politik beurteilbar zu machen. Zudem sollte Wissenschaft nicht auf Linie sein, eine differenzierte, kritisch reflektierte Debatte ist dringend geboten. Dabei sollten auch die Kritiker der Maßnahmen und die Corona-Leugner zu Wort kommen, schon um ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen, aber auch, um ihre eine oder andere Kritik zu hinterfragen und konstruktive Verbesserungsvorschläge zu machen.
Expertise aus so gut wie dem gesamten Fächerkanon ist gefragt. Sportwissenschaftler können Bewegungsprogramme aufsetzen (fitte Menschen haben deutlich bessere Heilungschancen), Informatiker telemedizinische Anwendungen entwickeln, um Vorerkrankungen zu erfassen und zu behandeln, Wirtschaftswissenschaftlerinnen aufzeigen, wie sich Gefahren einer Finanzkrise abwenden lassen, Stadt- und Raumforscher zeigen, wie städtische Versorgungsstrukturen stabilisiert und sozialverträglich gestaltet werden können. Da die Krise leider morgen nicht vorbei sein wird, macht es zudem Sinn, Ad-hoc-Empirie aufzubauen und zu prüfen, wie die jetzigen Maßnahmen zu ökonomischen Stabilisierung wirken.

Krisentaugliches Modell

Auch sollten wir die Forschungs- und Gestaltungsfelder im Blick haben, die gut funktionieren: zum Beispiel das egalitär zugängliche Gesundheitssystem und das „Modell Deutschland“, die jetzt eine hohe Resilienz und wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität beweisen. Das haben auch die Erfahrungen der Finanzkrise gezeigt, zum Beispiel durch die Möglichkeit des Kurzarbeitergeldes. Maßnahmen wie diese scheinen kein Anachronismus zu sein, sondern gerade in einer globalisierten und damit krisenanfälligen Welt ein Vorteil. Das ist weiter zu untersuchen.

Ein anderer sehr wichtiger Aspekt: Die Krise macht deutlich, dass die monetär
geringe Wertschätzung der sogenannten Frauenberufe (Sorgearbeit und Einzelhandel) in keinem Verhältnis zu dem gesellschaftlichen Nutzen steht. Wie sich dieses auf eine gerechtere Entlohnung auswirken kann, ist dringend zu erforschen. Millionen von Eltern erfahren zurzeit, dass Homeoffice kein Betreuungsproblem löst. Um familienfreundliche, gleichberechtigte Lebensformen zu ermöglichen, ist auch die Stadtentwicklung gefragt. Um monofunktionale, nur auf das Wohnen ausgerichtete Stadtquartiere zu vermeiden, sollte Wohnraumversorgung immer im Zusammenhang mit sozialen Einrichtungen, Arbeitsplätzen, Handwerk und so weiter diskutiert werden.
 
Klimaforschung braucht das Reallabor Corona nicht, um festzustellen, dass weniger Verkehr und weniger Produktion dem Klima helfen. Dass die Krise auch unmittelbar zu verbesserten Lebensbedingungen führt, zu sauberer Luft, weniger Konsum, mehr Sicherheit auf den Straßen, müssen wir aber im Blick haben, wenn wir über Lebensqualität und Wohlstand sprechen. Diese Wahrnehmung wäre etwa für Wirtschaftswissenschaftler ein spannendes Feld, um den Gewinn an Lebensqualität zu monetarisieren und damit zu einer neuen, weniger ideologisch aufgeladenen Debatte um Suffizienz oder reduktive Moderne beizutragen. Dass Politik und Unternehmen in globalen Krisenzeiten auf die Verkürzung von Wertschöpfungsketten setzen, bietet die Chance, über eine neue sozial und ökologisch motivierte räumliche Arbeitsteilung nachzudenken, ohne in nationalstaatlichen Protektionismus zu verfallen.

Andere gegenwärtige Reallabore, etwa das Einrichten temporärer Radwege zur Einhaltung der Abstandsregeln in Berlin, liefern gute Forschungsdaten, die helfen können, eine Verkehrswende fair für alle Beteiligten zu konzeptionieren.

Fazit aus alledem: Wissenschaftliche Einrichtungen sollten ad hoc helfen, die Pandemie einzudämmen, differenzierter zu kommunizieren und Maßnahmen vorzuschlagen, die die Folgen der Krise mindern. In der Zukunft sollten sie die Lerneffekte für eine bessere Welt aufarbeiten und (mit den Medien) darauf­ achten, dass nach der Krise die Freiheits- und Persönlichkeitsrechte wieder in vollem Umfang hergestellt werden.

ZUR PERSON

Stefan Gärtner ist der geschäftsführende Direktor des Instituts Arbeit und Technik (IAT) der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen.

Foto: Braczko / IAT​

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