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Nach draussen zum Lernen

Die meisten Studierenden werden überwiegend mit Lehr-Lernformaten in den Räumen der Hochschule konfrontiert. Exkursionen stellen in den meisten Studiengängen eine Ausnahme dar. Dabei bietet das Lernen vor Ort eine exzellente Möglichkeit

Exkursionen können auf sehr unterschiedliche Art durchgeführt werden. Als differenzierende Faktoren möchte ich hier das räumliche Ziel, die Dauer, die Art der Durchführung und die Wahl der Fortbewegung erwähnen. Eine grundsätzliche Frage sollte dem allem natürlich vorangehen, und zwar: An welchen Kompetenzen sollen meine Studierenden auf der Exkursion arbeiten? Daran sollte sich die Gestaltung der genannten Faktoren orientieren.

Neben Fach- und Methodenkompetenzen besteht auf Exkursionen eben auch die große Chance, an Sozial- und Selbstkompetenzen zu arbeiten. Hinsichtlich des räumlichen Ziels beziehungsweise der räumlichen Ziele ist es empfehlenswert, sich dessen beziehungsweise deren ideale Gestalt zu definieren und dann Orte zu suchen, die dem am nächsten kommen. Vielleicht ist dies ein spezifisches Stadtviertel in Berlin, ein Landschaftsausschnitt in den Alpen, ein Kunstmuseum, ein Betrieb der Autoindustrie oder ein Archiv. Der gewünschte Kompetenzerwerb und das räumliche Ziel ergeben dann – von anderen Rahmenbedingungen einmal abgesehen – vermutlich die Dauer der Exkursion. Auch kurze, ein- bis zweistündige oder halbtägige Exkursionen in der näheren Umgebung der Hochschule können sehr gute Lerneffekte bei den Studierenden bewirken. Exkursionen zu entfernteren Zielen werden in der Regel mehrere Tage bis zu mehrere Wochen andauern.

Mit der Art der Durchführung ist die Frage der didaktischen Gestaltung angesprochen: Wer leitet die Exkursion? Ausschließlich die Lehrenden, auch Studierende oder werden Personen/ Experten vor Ort mit einbezogen? Empfehlenswert wäre es, alle drei zu berücksichtigen, sofern dies möglich ist. Die Art der Fortbewegung ist auch in didaktischer Hinsicht ein wichtiger Faktor. Ist man nach der Überwindung einer größeren Entfernung mit dem angemieteten Bus oder öffentlichen Verkehrsmitteln am gewünschten Lernort angekommen, so empfehle ich, dort zu Fuß zu gehen. So kann der direkte Kontakt mit den Objekten und Personen im Sinne der Besonderheiten von Exkursionen erfolgen. Denn Wahrnehmung und deren Verarbeitung brauchen auch Zeit, die den Studierenden unbedingt zugestanden werden sollte.

Besonderheiten von Exkursionen

Exkursionen sind im Gegensatz zu den meisten anderen Lehrveranstaltungsformaten durch einige Besonderheiten gekennzeichnet, die vielfältige Chancen des Lernens bieten (vgl. Stolz und Feiler 2018). Die direkte Wahrnehmung und der direkte Kontakt mit relevanten Objekten, Personen und Orten fördern die Realitäts- beziehungsweise Praxisorientierung bei Studierenden und zeigen eben die Relevanz von Sachverhalten auf. Das Üben der Beobachtungskompetenz erfolgt dabei zumindest implizit. Empfehlenswert ist es, bei der direkten Anschauung auf Exkursionen die „Sichtweise des Faches“ einzuüben. Dies könnte beispielweise geschehen, indem die Beobachtungskompetenz durch die Differenzierung einer reinen Beschreibung eines Objektes (hier wären auch Skizzen möglich), ihrer Interpretation und einer abschließenden Bewertung strukturiert zu explizitem Wissen geführt wird.

Auf Exkursionen haben die Studierenden zudem die Möglichkeit, eigene Erlebnisse und Erfahrungen im Kontext relevanter Sachverhalte zu machen, wodurch besondere emotionale Dimensionen des Lernens angesprochen werden (vgl. Edelmann 2000). In der Exkursionsdidaktik spricht man hier auch vom „Lernen mit allen Sinnen“ und der Möglichkeit, tieferes Lernen vor Ort bei den Studierenden zu erreichen. Als ein Beispiel möchte ich das Thema „Nationalpark Wattenmeer“ herausgreifen, bei dem Studierende vor Ort vielfältige natürliche Phänomene wie die Tide, das Watt, die Tiere und Pflanzen nicht nur real beobachten, sondern auch erspüren, riechen und hören können. Darüber hinaus gibt es vielfältige Ansatzpunkte für eine Handlungsorientierung im Sinne des Learning by doing für die Studierenden.

Ein weiterer Aspekt der Besonderheiten von Exkursionen ist das sozial-kommunikative Lernen. Da Exkursionen in der Regel länger andauern als normale Lehrveranstaltungssitzungen, entfaltet sich eine besondere Gruppendynamik und damit verbunden ein intensiver Austausch zwischen Dozierenden sowie Exkursionsleiterinnen und Exkursionsleitern mit den Studierenden sowie der Studierenden untereinander. Dabei besteht die Chance des besseren gegenseitigen Kennenlernens – sowohl in den Bereichen des Denkens und Wissens als auch der Persönlichkeit – und des intensivierten miteinander Arbeitens und Erlebens.

Schließlich sei noch auf die besondere Planung und Vorbereitung von Exkursionen hingewiesen. Insbesondere Exkursionen, die mehrere Tage oder länger andauern, sollten frühzeitig geplant werden. Die Exkursionsleitung nimmt in dem Falle auch die Rolle eines Reiseveranstalters ein, Unterkünfte und Transport müssen organisiert und rechtliche Aspekte berücksichtigt werden.

„Abklappern von Orten als Exkursionsstil ist unter Experten in die Kritik geraten“

Didaktische Ansätze

In der exkursionsdidaktischen Literatur ist der traditionelle Exkursionsstil im Sinne eines Abklapperns von Orten beziehungsweise Objekten mit Vorträgen in die Kritik geraten (vgl. Dickel 2006, Maik u. Sachs 2007). Es wird bemängelt, dass Exkursionen in diesem Stil eine Auseinandersetzung mit verschiede-nen Perspektiven eher behindern als fördern und zwar in methodischer Hinsicht durch die Ausrichtung auf eine Exkursionsleiterin und einen Exkursionsleiter oder Expertinnen und Experten und in inhaltlicher Hinsicht durch die Beschränkung auf Sehenswürdigkeiten.

Innovative Konzepte hingegen orientieren sich an den teilnehmenden Studierenden mit ihren Wahrnehmungen und Perspektiven. Sie sind dialogisch mit den Studierenden sowie den Personen und Objekten vor Ort organisiert und ermöglichen erlebnisreiche Erkundungen. Im Vergleich zu den traditionellen Formen der Exkursionsleitung zeichnen sich die neuen Ansätze dadurch aus, dass sie stärker prozessorientiert und ergebnisoffener sowie auf Vielperspektivität hin angelegt sind.

Dabei wird die Idee einer „wahren“ beziehungsweise ausschließlich „richtigen“ Beschreibung, Interpretation oder Bewertung eines Ortes (Objektes) verworfen. Neuere, konstruktivistische Ansätze der Exkursionsdidaktik (vgl. Dickel 2006) gehen davon aus, dass Lernen und Lehren vom lernenden Subjekt aus zu denken ist und Wirklichkeit erst im Verhandlungsprozess entsteht beziehungsweise in der Kommunikation zwischen den beteiligten Personen konstruiert wird – und zwar in der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der Exkursionen. Anhand der folgenden Gegenüberstellung unterschiedlicher didaktischer Praktiken auf Exkursionen sollen die neuen Ansätze veranschaulicht werden (nach Dickel 2006).

Traditionelle Exkursionsdidaktik: Objekte werden in den Fokus genommen, die eindeutig beziehungsweise monoperspektivisch beschrieben werden, und/oder es wird ihnen eine entsprechende Bedeutung zugeschrieben. Dabei bestimmt die Exkursionsleitung oder eine Expertin/ein Experte im Sinne einer scheinbar objektiven Betrachtung den Diskurs. Damit entfällt in hohem Maße eine echte Kommunikation zwischen den beteiligten Personen. Die Studierenden sind tendenziell fremdbestimmt. Als ein Beispiel könnte man den Besuch auf dem Hauptmarkt in der Nürnberger Altstadt anführen, bei dem den Studierenden lediglich historische Fakten und aktuelle Daten bezüglich der Nutzung vorgetragen werden, bevor es zum nächsten Ort weitergeht.

Konstruktivistische Exkursionsdidaktik: Orte und Objekte werden hier eher in ihrer subjektiven Bedeutsamkeit in den Blick genommen. Der Diskurs vor Ort ist durch die Beziehungen zwischen Objekt und Personen geprägt. Dabei werden die Sichtweisen der Studierenden und ergänzend auch weiterer Personen vor Ort hinsichtlich verschiedener Frage- und Problemstellungen einbezogen. Im Beispiel: Der Hauptmarkt in der Altstadt von Nürnberg wird somit explizit subjektiv und mehrdimensional betrachtet. Welche Bedeutung hat der Hauptmarkt zum Beispiel für die Touristen, die Einheimischen, die Händler, die Stadtplanung, die Historiker? Es erfolgt eine Perspektivenreflexion. Damit werden der Ort oder das Objekt nicht auf eine beispielsweise faktengetragene historische Identität festgelegt. So finden Dialog und Austausch statt. Die Studierenden agieren selbstbestimmt, da ihre eigenen Gedanken, Sichtweisen und Zugänge eingebunden werden.

Überblicksexkursion und Arbeitsexkursion: Ergänzend zu konstruktivistischen Vorgehensweisen führen Stolz und Feiler (2018, S. 31 ff.) als methodische Grundtypen die problemorientierte Überblicksexkursion und die handlungsorientierte Arbeitsexkursion an. Beim erstgenannten Typ handelt es sich um eine Exkursion mit klar definierter Frage- und Problemstellung, wodurch sie sich häufig vom traditionellen Exkursionsstil unterscheidet. In beiden Fällen ist die konkrete Methodik durch Frontalunterricht, Gruppendiskussionen und das Erlernen von feststehenden Inhalten gekennzeichnet. Der zweite Typus weist eine starke Handlungsorientierung auf, das heißt in Partner- oder Kleingruppenarbeit erarbeiten sich die Studierenden Wissen nach vorgegebener Methodik. Beispiele sind Befragungen von Passanten, Bestimmungen von Vegetation, Messungen, Zählungen oder die Aufnahme von Bodenprofilen. Die Exkursionsleitung hält sich dabei weitestgehend im Hintergrund und kann bei Fragen oder Problemen kontaktiert werden.

Empfehlenswert ist eine Kombination beziehungsweise Verknüpfung der drei Exkursionstypen, da so unterschiedliche Kompetenzniveaus und Kompetenzfelder angesprochen werden können. Zudem wäre dadurch eine abwechslungsreiche Methodik gegeben, die einer ansprechenden und motivierenden Dramaturgie des Ablaufs der Exkursion entgegenkommt.

Konkrete didaktische Planung

Für den Ablauf sind zwei Ebenen zu berücksichtigen: Auf der obersten Ebene wäre zunächst die Dramaturgie des groben Ablaufs der aufeinanderfolgenden Tage zu gestalten. Wo möchten Sie wann sein und was soll dort getan werden? Auch das geschickte Ansetzen von Terminen mit Experten vor Ort gehört dazu. Bei längeren Exkursionen ab einer Woche wäre ein halber oder ganzer Tag zur freien Verfügung sicherlich sinnvoll. Ganz grundsätzlich ist empfehlenswert, die Exkursion nicht mit Inhalten, Arbeitsabläufen und Terminen zu überfrachten. Die Studierenden und auch die Exkursionsleitung brauchen Pausen und ausreichend Zeit für die Versorgung von Grundbedürfnissen. Bei der Missachtung von Bedürfnissen oder zu restriktiver Handhabung von Zeit tritt sehr schnell Unmut in der Gruppe auf, was zu negativen Dynamiken führen kann. Nach der groben Tagesplanung erfolgt auf untergeordneter Ebene die jeweilige Standortkonzeption. Die Gestaltung des Lernens an einem konkreten Ort, der aus mehreren Standorten bestehen kann, sollte sich an den Erwerb spezifischer (fachlicher und/oder sozial-kommunikativer) Kompetenzen orientieren und einer Frage- und Problemstellung folgen. Dabei ist es hilfreich, einen Ablaufplan für das Lernen vor Ort zu entwerfen, der insbesondere die zeitliche Dimension berücksichtigt. Das kann in Form eines Rasters oder einer Tabelle erfolgen.

Wenn die Studierenden vor Ort eigenständig etwas erkunden oder erarbeiten sollen, ist ein klarer Arbeitsauftrag wichtig, der nach Möglichkeit schriftlich an die Studierenden verteilt und von ihnen notiert werden sollte. Der Arbeitsauftrag kann folgende Aspekte beinhalten: Zielsetzung (wie Rekonstruktion der historischen Genese einer Altstadt), konkrete Vorgehensweise (Spurenlesen anhand von Gebäuden, Materialien sammeln in Museen oder Touristeninformationen, Einheimische befragen, Grundrissskizze der Altstadt anfertigen), benötigtes Material (Klemmbrett mit Papier und Stifte), Sozialform (Einzelarbeit oder Anzahl der Personen einer Kleingruppe), Ergebnisdarstellung (wie, wann und wo), Zeit und Termine (genauer Zeitpunkt am Treffpunkt), Rolle und Erreichbarkeit der Exkursionsleitung (zum Beispiel bei Fragen über Handy erreichbar). Von großer Bedeutung für den Erfolg der Umsetzung eines Arbeitsauftrags ist seine akzentuierte und klare Einführung sowie die Darstellung und Besprechung der Ergebnisse.

Eine Aufbereitung und Darstellung der Ergebnisse sollte zudem in die Nachbereitung von Exkursionen einfließen. Diese sollte vorab den Studierenden bekannt sein, damit darauf hingearbeitet werden kann. Die Präsentation von Ergebnissen der Exkursion kann in Form eines Berichts und von Protokollen, einer Ausstellung (oder Collage/Wandzeitung), einem Zeitungsbericht, Vorträgen oder der Gestaltung einer Webseite erfolgen.

Fazit

Exkursionen sind besonders dazu geeignet, den Studierenden sehr anschaulich Praxisrelevanz aufzuzeigen und Arbeitstechniken einzuüben. Zudem haben die Studierenden die Möglichkeit, bei der Berücksichtigung handlungsorientierter und konstruktivistischer Exkursionsmethoden ihren Lernprozess relativ autonom selbst zu steuern, Kompetenz zu erleben und beim Lernen sozial eingebunden zu sein. Alle genannten Faktoren fördern in der Regel die Motivation der Studierenden konkret vor Ort, aber auch für die allgemeine Beschäftigung mit dem Fach (vgl. Deci u. Ryan 1993, Winteler 2004). Für eine gelungene Gestaltung des Lernens vor Ort sind die Besonderheiten von Exkursionen zu berücksichtigen, eine gründliche und rechtzeitige Planung, ein Ablaufplan für die Standorte sowie klare Arbeitsaufträge sind wichtig. //

Literatur

  • Böing, M. und U. Sachs (2007): Exkursionsdidaktik zwischen Tradition und Innovation – Eine Bestandsaufnahme. In: Geographie und Schule, Heft 167, S. 36–44.
  • Deci, E. L. und R. M. Ryan (1993): Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. In: Zeitschrift für Pädagogik, 39, S. 223–238.
  • Dickel, M. (2006): Zur Philosophie von Exkursionen. In: Hennings, W., Kanwischer, D. und T. Rhode-Jüchtern (Hrsg.): Exkursionsdidaktik – innovativ!? Erweiterte Dokumentation zum HGD-Symposium 2005 in Bielefeld. Weingarten, S. 31–49.
  • Edelmann, W. (2000): Lernpsychologie. Weinheim.
  • Stolz, Ch. Und B. Feiler (2018): Exkursionsdidaktik. Ein fächerübergreifender Praxisratgeber. Stuttgart.
  • Winteler, A. (2004): Professionell lehren und lernen. Ein Praxisbuch. Darmstadt.

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