Jean-Pierre Bourguignon im Interview „Wir müssen wachsam bleiben“

Mitte September wurde der französische Mathematiker Jean-Pierre Bourguignon für weitere zwei Jahre als Präsident des Europäischen Forschungsrats bestätigt. Im duz-Interview verteidigt er die Programmstruktur des ERC, nicht zuletzt auch in Abgrenzung gegen wirtschaftsgetriebene Einflussnahmen von außen.

von Benjamin Haerdle

duz: Herr Bourguignon, viel wird diskutiert über die Zukunft der europäischen Forschungspolitik, über das Nachfolgeprogramm von Horizont 2020, dessen Evaluation Ende des Jahres abgeschlossen sein soll. Bei den Debatten haben auch Sie sich mit Finanzforderungen aus dem Fenster gelehnt: Vier Milliarden Euro soll der ERC im Jahr 2027 als Budget erhalten. Wie kommen Sie auf diese Zahl?
Bourguignon: Dem ERC soll im Jahr 2020 ein Budget von 2,2 Milliarden Euro zur Verfügung stehen. In dem Bericht, den die Expertengruppe unter Vorsitz von Pascal Lamy zur Zukunft der EU-Forschungspolitik vorgelegt hat, wird ein Gesamthaushalt für Forschung und Innovation von mindestens 120 Milliarden Euro für sieben Jahre gefordert. Das ist auch die Position des EU-Parlaments. Derzeit macht das ERC-Budget 17 Prozent des Forschungshaushalts aus, in der Diskussion für das nächste Rahmenprogramm geht es um eine Erhöhung dieses Anteils. Diese Perspektive macht es möglich, dass der ERC 2027 vier Milliarden Euro zur Verfügung haben wird.

duz: Wie realistisch ist das?
Bourguignon: Wir haben ein Ziel formuliert. Ob das erreicht wird, bleibt natürlich offen, aber wir haben gute Argumente dafür. Wir werden uns bemühen, viele zu überzeugen, dass es der richtige Weg ist, den Erfolg des ERC zu verbessern. Zurzeit weiß niemand, was politisch im nächsten Rahmenprogramm möglich sein wird, denn es ist völlig unklar, wie hoch das gesamte EU-Budget sein wird. In Zukunft werden auch Beitragsgelder aus Großbritannien fehlen. Ungewiss ist deswegen auch, wie viel Geld für Forschung und Innovation bereitstehen wird.

duz: Der ERC gilt als Champions League der europäischen Forschung. Was macht für Sie den Erfolg aus?
Bourguignon: Der entscheidende Grund ist, dass beim ERC nur die wissenschaftliche Qualität über einen Grant ausschlaggebend ist. Die Gutachter in den Panels, die über die Projektanträge entscheiden, sind erstklassige Wissenschaftler. Zudem ist es uns gelungen, Wissenschaftler aus der ganzen Welt zu überzeugen, ambitionierte Projekte einzureichen getreu dem Motto „High risk, high gain“. Das macht den Unterschied aus, warum so viele ERC-Projekte wissenschaftliche Durchbrüche sind. Das gelingt nicht mit Forschungsprojekten, die nur „Business as usual“ anstreben.

duz: Der ERC führt jetzt wieder die Synergy Grants ein, also interdisziplinäre Forschungsprojekte, bei denen Wissenschaftler kooperieren. Die Pilotphasen dafür liefen 2012 und 2013. Warum haben Sie mit der offiziellen Einführung so lange gewartet?
Bourguignon: Die Synergy Grants waren zu stark begehrt im Vergleich zu den zur Verfügung stehenden Mitteln. Im Jahr 2012 gab es rund 700 Anträge und nur elf waren erfolgreich, im Jahr 2013 nur 13 Bewilligungen bei rund 400 Anträgen. Das war viel vergebliche Arbeit für alle und hat zu vielen Leuten nicht gefallen. Zudem wurde das ERC-Budget von 1,7 Milliarden Euro im Jahr 2013 im Anschluss auf jährlich 1,6 Milliarden Euro reduziert. Wir hätten also bei den anderen Grants streng kürzen müssen, um genügend Mittel für Synergy Grants zu haben. Auch waren nicht alle Mitglieder des Wissenschaftlichen Rats im ERC von Anfang an von diesen Grants völlig überzeugt.

duz: Das hat sich dann wohl geändert ...
Bourguignon: Ja, die Ratsmitglieder haben die Wissenschaftler aller geförderten Synergy Grants besucht und waren sehr angetan von deren Arbeit. Außerdem steht uns für das kommende Jahr mit 1,8 Milliarden Euro wieder etwas mehr Geld zur Verfügung. Wir hoffen, die Erfolgsquote bei den Anträgen für die Synergy Grants auf acht bis zehn Prozent steigern zu können.

duz: Ist die Einführung der Synergy Grants nicht auch eine Reaktion auf Kritik, dass vor allem individuelle Fördermöglichkeiten   durch Horizont 2020 EU-Staaten aus der Verantwortung lässt, die nationalen Förderprogramme attraktiver zu gestalten?  
Bourguignon: Der ERC ist nur eine von vielen Komponenten von Horizont 2020. Es gibt viele andere Förderinstrumente wie Twinning und Teaming, die jenen Staaten helfen, die derzeit noch nicht so erfolgreich im Wettbewerb sind. Eines der Ziele des ERC ist, das Niveau der Forschung in Europa zu steigern. An der Programmstruktur des ERC etwas zu ändern, ist ein viel zu großes Risiko. Würde man das tun, droht die Logik des ERC erschüttert zu werden und es würden sich nicht mehr die besten Wissenschaftler Europas bewerben.

duz: Der ERC steht für Frontier Research, also auch Grundlagenforschung. Das restliche EU-Forschungsförderprogramm droht mehr und mehr das Mäntelchen der Innovation umgehängt zu bekommen. Steht auch der ERC unter Druck, Projekte mit mehr Drang Richtung Innovation zu fördern?
Bourguignon: Es gibt diesen Druck von außen, weil manche meinen, der ERC solle nicht nur wissenschaftliche Qualität fördern, sondern auch Impact auf die Wirtschaft haben. Meine Reaktion darauf ist immer dieselbe: Für uns darf dieser Impact nie ein Kriterium sein. Wenn aber ein von uns gefördertes Projekt neben der wissenschaftlichen Qualität zudem die industrielle Entwicklung fördert, wehren wir uns nicht.

duz: Der ERC wird auch 2021 und danach standhaft bleiben?
Bourguignon: Ich verstehe ja die Sorgen, aber der ERC hat eine stabile Unterstützung. Auch EU-Forschungskommissar Carlos Moedas steht voll hinter dem bisherigen Konzept.

duz: Was müsste sich denn am ERC aus Ihrer Sicht ändern?
Bourguignon: Es war notwendig, die Synergy Grants wieder einzuführen, um die interdisziplinäre Forschung zu stärken. Und wir wissen, dass wir auch die Struktur der wissenschaftlichen Panels an die aktuellen Entwicklungen in der Wissenschaft anpassen müssen. Generell müssen wir uns immer bemühen, die Evaluierung und das Vertragsmanagement optimal zu gestalten.

duz: Die Erfolgsraten beim ERC liegen bei bescheidenen zehn Prozent. Wie wollen Sie Wissenschaftler ermutigen, sich trotzdem zu bewerben?
Bourguignon: Wir wollen die Erfolgsquote auf 15 Prozent steigern. Viele unserer Projektanträge sind exzellent, wir müssen sie aber aus rein budgetären Gründen absagen. Die wissenschaftliche Exzellenz wurde uns übrigens erst kürzlich in einer externen Evaluation bescheinigt. Demnach waren 25 Prozent der ERC-Projekte wissenschaftliche Durchbrüche, 48 Prozent der Projekte wurde ein großer wissenschaftlicher Fortschritt attestiert. Zusammen sind also 73 Prozent der ERC­Projekte überaus erfolgreich.

„Die Entwicklung des ERC könnte zerbrechlich sein“

duz: Die Exzellenz verhindert aber nicht, dass das regelmäßige Feilschen um die Gelder aus den Töpfen der Europäischen Union ermüdend viele Nerven kostet. Wäre es im Sinne einer kontinuierlichen Forschungsförderung nicht sinnvoll, sich große Forschungsförderer wie die Volkswagen-Stiftung oder den Wellcome Trust ins Boot zu holen?
Bourguignon: Das ist ein interessanter Punkt. Generell ist es immer schwierig, eine öffentliche mit einer privaten Struktur zu verbinden. Der ERC hat eine hervorragende Entwicklung genommen, aber wir wissen auch, dass diese zerbrechlich sein könnte. Wir müssen wachsam bleiben. Wir überlegen, ob und wie eine zusätzliche Struktur aussehen könnte, die in enger Verbindung mit dem wissenschaftlichen Rat des ERC zum Beispiel Konferenzen unabhängig organisieren könnte. Eine Stiftung wäre eine Option. Allerdings wäre das keine, die jetzt schon besteht. Uns geht es eher darum, etwas Neues mit der richtigen Steuerung zu gründen.

duz: Also so etwas wie eine ERC-Stiftung. Wann könnte das der Fall sein?
Bourguignon: Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. Wir diskutieren das mit verschiedenen Partnern. Mal schauen, was bis zum Anfang des nächsten Rahmenprogramms 2021 passiert.

Das Interview führte Benjamin Haerdle. Er ist Journalist in Leipzig.

 

Jean-Pierre Bourguignon

Der Mathematiker Professor Dr. Jean-Pierre Bourguignon, Jahrgang 1947, steht dem ERC seit 2014 vor. Zuvor war er 19 Jahre lang Direktor am Institut des Hautes Études Scientifiques, das als europäisches Pendant zum Institute for Advanced Study in Princeton gilt. An der École Polytechnique hatte er zwischen 1986 und 2012 eine Professur inne. Der Franzose forschte 44 Jahre am Centre National de la Recherche Scientifique, erhielt diverse wissenschaftliche Auszeichnungen, ist Mitglied zahlreicher Akademien und war vier Jahre lang Präsident der Europäischen Mathematischen Gesellschaft.
Internet: https://erc.europa.eu


URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2017/10/wir-muessen-wachsam-bleiben/450

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 10/17

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