Bildungsexporte Bedürfnisse der Gastländer nicht ignorieren

Die internationale akademische Mobilität nimmt im Umfang zu – und mit ihr das Begriffs-Chaos. Was unterscheidet eine binationale von einer Satelliten-Uni? Was ist ein Offshore-Campus? Bildungsexpertin Professor Jane Knight plädiert für neue, klarere Konzepte.

von Kristina Moorehead

duz: Frau Professor Knight, wenn eine ungarische Hochschule einen Medizinstudiengang in Deutschland gebührenpflichtig anbietet: Ist das dann „transnationale Bildung“ – oder einfach nur ein lukratives Geschäftsmodell?
Knight: Das hängt von der Art der akademischen Mobilität und der Perspektive ab – geht es um Studenten, Wissenschaftler, Programme oder Anbieter? Für eine entsendende Bildungseinrichtung kann Profitstreben durchaus eine Motivation sein. Die Gründe dafür, dass ein Gastgeberland internationale Programme und Anbieter begrüßt, sind aber häufig andere: Dabei kann es darum gehen, einen verbesserten Zugang zu Bildungsangeboten zu ermöglichen, bestimmte Sonderprogramme anzubieten oder die Modernisierung des Hochschulsystems voranzutreiben. Man muss differenzieren. Und dafür ist es aus meiner Sicht sinnvoller, auf den Begriff „transnationale Bildung“ zu verzichten.

duz: Was schlagen Sie stattdessen vor?
Knight: Es herrscht große Verwirrung darüber, wo der Unterschied zwischen transnationaler, internationaler, grenzüberschreitender, grenzenloser und Offshore-Bildung liegt. Um für mehr Klarheit zu sorgen, habe ich im Rahmen einer Studie für den DAAD und den British Council neue Begrifflichkeiten vorgeschlagen: Ich unterscheide zwischen Mobilität von Studienprogrammen und Anbietern einerseits und der Mobilität von Studierenden, Lehrenden und Hochschulmitarbeitern andererseits, also zwischen der sogenannten International Programme and Provider Mobility (IPPM) und der International Student and Scholar Mobility (ISSM). Kurz gesagt, kommen im Fall von IPPM akademische Programme zu den Studenten, beim ISSM ziehen die Studenten hingegen in das Heimatland der Bildungsanbieter.

duz: Diese Begrifflichkeiten standen am Ende eines Forschungsprojektes. Worum ging es dabei genau?
Knight: Wir haben mit unserer Arbeit versucht, ein Klassifizierungssystem zu entwickeln, das helfen soll, die verschiedenen Typen und Modi der IPPM besser zu verstehen. Dies soll es den immerhin über 100 aktiven IPPM-Ländern ermöglichen, Daten über die diversen Leitlinien und Aktivitäten der vielen Gastgeber­ und Entsendeländern zu sammeln.

duz: Und was macht man dann mit den Daten? Damit ließe sich doch das Problem der starken Qualitätsunterschiede angehen und eine Vereinheitlichung der internationalen Standards forcieren …
Knight: Wir haben sorgfältig darauf geachtet, die jeweilige politische, soziale, ökonomische und kulturelle Situation der Gastgeber­ und Entsendeländer zu berücksichtigen. Zu keinem Zeitpunkt haben wir in den letzten fünf Jahren unserer Arbeit internationale Standards vorgeschlagen oder diskutiert. Politische Leitlinien aufzuerlegen wäre ein Top-down-Ansatz, den ich für nicht angemessen halte.

duz: Bislang galten die angelsächsischen Hochschulen als die größten Bildungsexporteure, das scheint sich mittlerweile zu ändern.
Knight: Ja, wir beobachten einen Wandel. So schafft Indien beispielsweise ganz offensiv internationale Zweigstellen von Universitäten in Ländern mit einer großen Anzahl von indischen Einwanderern. Und auch China beginnt auf dem Feld der IPPM immer aktiver zu werden.

duz: Wie steht es um die Unabhängigkeit von staatlichen Bildungseinrichtungen, die ja bestimmt eine eigene Agenda verfolgen?
Knight: Ich warne davor, Länder zu stereotypisieren. Selbst wenn Bildungseinrichtungen verstaatlicht sind, verfügen sie in der Regel über ein bestimmtes Maß an Autonomie. Deshalb variieren auch die Zielsetzungen der Bildungseinrichtungen stark. Es gibt wahrscheinlich mehr Hochschuleinrichtungen, die IPPM von unten nach oben initiieren, als Modelle, die von oben herab gesteuert werden. Europa ist da in gewisser Weise eine Ausnahme. Denn hier werden durch die großzügigen Förderprogramme der EU Bedingungen gestellt, an die sich die Einrichtungen zu halten haben, um gefördert zu werden.

„Die innovativste Form ist die Gründung von binationalen Unis“

duz: Welche weiteren Trends lassen sich beobachten?
Knight: Die jüngste und innovativste Form von IPPM ist die Gründung von binationalen Universitäten. Deutschland ist hier führend. Auch China ist sehr aktiv – als Gastgeber von sieben gemeinsamen Universitäten. Das sind unabhängige, nationale Hochschuleinrichtungen von Universitäten, die kooperativ von einem internationalen und einem inländischen Partner getragen werden. Das unterscheidet sie grundlegend von einem sogenannten International Branch Campus (IBC). Bei solchen Zweigstellen handelt es sich nämlich um Satelliteneinrichtungen einer Mutteruniversität aus einem fremden Land – ein wichtiger Unterschied, der immer wieder für Verwirrung sorgt.

duz: Was liegt mehr im Trend: der Export von Studiengängen oder die Schaffung ganzer Universitäten?
Knight: Derzeit hat die Studiengangsmobilität im Rahmen von Franchise­ oder Partnerschaftsmodellen – die beispielsweise einen doppelten Studienabschluss anbieten – mehr Gewicht als die Etablierung von IBCs oder binationalen Universitäten. Die Zahl der Studiengänge mit Doppelabschluss jedenfalls ist exponentiell gewachsen.

„Discount-Abschlüsse setzen die Glaubwürdigkeit aufs Spiel“

duz: Wo sehen Sie hier mögliche Probleme?
Knight: Doppelte und gemeinsame Studienprogramme mögen viele Vorteile haben, aber die Beliebtheit dieser Programme birgt auch das Risiko fragwürdiger Praktiken. Ein bedenklicher Trend ist die Verleihung von zwei Abschlüssen, die aber nur der für einen Abschluss nötigen Arbeitsbelastung entsprechen. Diese „Discount-Abschlüsse“, also zwei Abschlüsse zum Preis von einem, setzen die Glaubwürdigkeit der IPPM-Abschlüsse insgesamt aufs Spiel. Die Agenturen zur Qualitätssicherung ziehen sich aus der Verantwortung und verweisen darauf, dass sie nur für die Verfahrensweise von Universitäten in ihrem Zuständigkeitsbereich verantwortlich sind aber nicht dafür, zu unterbinden, dass ein anderes Land für die gleiche Arbeit einen weiteren Abschluss vergibt. Das ist ein Problem, das man angehen muss.

duz: Ist nicht auch die Profitorientierung der privaten Bildungsanbieter aus den Entsendeländern ein Problem?
Knight: Es wäre falsch, zu sagen, dass es bei der IPPM nur um Profit geht. Natürlich ist das bei einigen Anbietern der Fall, aber vielfach geht es um den Ausbau von Kapazitäten in Entwicklungsländern, um die Möglichkeit von Internationalisierung für Angestellte und Studenten, oder auch um Branding. Im Großen und Ganzen wird IPPM ohnedies verstärkt von staatlichen Akteuren betrieben, aber natürlich gibt es auch hier wieder viele Ausnahmen.

duz: Wie sieht Ihre Prognose aus: Ist der Markt für Bildungsexporte mittlerweile gesättigt?
Knight: Man sollte meiner Ansicht nach vorsichtig sein, IPPM als bloße Industrie statt als Sektor zu verstehen. Immer nur von Märkten zu sprechen ist deshalb nicht zielführend. Denn durch diesen Fokus nimmt man automatisch die Perspektive der Entsendeländer ein und ignoriert die Bedürfnisse und die Situation der Gastgeberländer. Es erscheint mir wichtig, dass man deren Perspektive künftig mehr Aufmerksamkeit schenkt.

Das Interview führte Dr. Kristina Moorehead. Sie ist Journalistin in London.

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Prof. Jane Knight, Ph.D.
forscht am Ontario Institute for Studies in Education an der Universität von Toronto. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der internationalen Dimension der Hochschulbildung. Jüngst hat sie in Zusammenarbeit mit dem DAAD und dem British Council einen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Bericht vorgestellt: „Transnational Education: A Classification Framework and Data Collection Guidelines for International Programme and Provider Mobility“.

 


URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2017/09/beduerfnisse-der-gastlaender-nicht-ignorieren/447

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 09/17

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