Vietnam Ein Land sucht Anschluss

Zum Jahresende eröffnet in Ho-Chi-Minh-Stadt die US-amerikanische Fulbright University Vietnam – ein Höhepunkt der Annäherung nach Krieg und jahrzehntelanger Feindschaft. Für die Hochschullandschaft in Vietnam ist es auch ein Schritt zur dringend notwendigen Modernisierung der akademischen Ausbildung.

Wer einmal nach Vietnam gereist ist, kennt das Rex-Hotel im Zentrum der südvietnamesischen Metropole und früheren Hauptstadt Saigon (heute: Ho-Chi-Minh-Stadt) – es ist ein zentraler Treffpunkt für ausländische Gäste und bis heute ein Symbol aus den Kriegstagen. Von seinem Dachgarten aus berichteten in den 60er­ und 70er­Jahren die Journalisten über den Krieg der Supermacht USA gegen die drohende kommunistische Machtübernahme durch den Norden des Landes. Die Supermacht scheiterte. Wer alt genug ist, wird sich erinnern.

So wie der US-amerikanische Außenminister John Kerry: „Als ich an einem Abend 1968 als junger GI vom Mekong-Delta nach Saigon kam, habe ich auf dem Dach des Rex-Hotels in Saigon gesessen und konnte das Farbenspiel auf den Straßen beobachten und aus der Ferne die Gewehrsalven und das Brummen unserer Militärflugzeuge hören“, erzählte er im Mai dieses Jahres. Da war er wieder im Rex Hotel. Diesmal, um eine Rede zu halten. Der Anlass: die Eröffnung eines Ablegers der amerikanischen Fulbright University in Vietnam. Ein historisches Datum und ein Erfolg für Kerrys Bemühungen um Verständigung zwischen den beiden Ländern.

„Ich bin nach dem Krieg 1990 mit meinen beiden jungen Töchtern als Senator wieder nach Vietnam gekommen“, erzählte Kerry, „und war beeindruckt, wie sich Vietnam gewandelt hat und welche Energie, welchen Optimismus und Zukunftswillen die junge Generation ausstrahlt, obwohl das Land und die Menschen nach wie vor arm und von den Folgen des Krieges gezeichnet waren. Ich beschloss, mich dafür einzusetzen, dass wir jungen Menschen aus unseren beiden Ländern die Chance geben sollten, sich besser kennenzulernen und aus den Fehlern unserer Generation zu lernen.“

Kerry realisierte seine Vision, und zwar durch das Fulbright-Stipendienprogramm Vietnam. Es startete 1992 mit 600.000 US-Dollar – 300.000 US Dollar kamen von der US-Regierung, die andere Hälfte des Budgets von der Harvard University. Zu dieser Zeit galt noch der umfassende Wirtschaftsboykott, den die USA nach dem Krieg gegen das kommunistische Land verhängt hatten. Erst 1994 wurde er aufgehoben.

Annäherung in schwierigen Zeiten

Was 1968 auf dem Dachgarten des Rex-Hotels begann und 2016 im Rex-Hotel mit der Gründungsfeier zur Fulbright University Vietnam (FUV) seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte, ist auch die Geschichte zweier Nationen mit mehr als einer Million toter Vietnamesen und 58 000 toten GIs und die Geschichte zweier Nationen, die es trotz oder gerade wegen des Krieges und des langen Embargos ohne diplomatische Beziehungen verstanden, langfristig Vertrauen aufzubauen. Dabei schufen die akademischen Kontakte eine Grundlage für die politische Annäherung.

War auf amerikanischer Seite der junge Senator Kerry einer der Brückenbauer, so war es auf vietnamesischer Seite der damalige charismatische Vizeaußenminister Lê Mai, der leider bereits im Jahre 1996 verstarb. Beide mussten auch in den eigenen Reihen, im Kongress in Washington und bei den Generälen und Politbüromitgliedern in Hanoi, Überzeugungsarbeit leisten. Zu den bekanntesten Stipendiaten des Fulbright-Programms gehörten der frühere Bildungsminister und Vizepremierminister und heutige Präsident der vietnamesischen Vaterlandsfront, Politbüromitglied Prof. Dr. Nguyen Thien Nhan, und der jetzige Außenminister Vietnams, Politbüromitglied Pham Binh Minh.

Die FUV startet auf einem über 25 Hektar großen Areal im Saigon Hi-Tech Park mit 17,5 Millionen US-Dollar Startkapital, die vom US-Kongress zur Verfügung gestellt wurden. In der Endausbaustufe sollen 10 000 Studienplätze angeboten werden. Die Größenordnung macht klar: Hier geht es nicht nur um Völkerverständigung.

Auf vietnamesischer Seite gibt es schon seit Jahren Anstrengungen, die Qualität der Hochschulen im Land zu verbessern und auf ein international konkurrenzfähiges akademisches Niveau zu kommen.
Auf amerikanischer Seite formulierte der US-Kongress drei Grundbedingungen für die Bereitstellung der Haushaltsmittel: dass die FUV einen akademischen Standard erreicht, der für die Akkreditierung von US-Universitäten notwendig ist; dass die FUV sowohl Bachelor­ als auch Masterstudiengänge mit einer Forschungsausrichtung anbietet; dass sie ein Höchstmaß an akademischer Freiheit erhält.

Man könnte meinen, dies sei im heutigen Vietnam etwas Außergewöhnliches und die FUV betrete Neuland. Tatsächlich jedoch hat die vietnamesische Regierung all diese Voraussetzung bereits geschaffen, und zwar 2008 mit der Gründung der Vietnamesisch-Deutschen Universität (Vietnamese-German University, VGU) als staatliche vietnamesische Universität. Federführend handelte das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst mit dem vietnamesischen Ministerium für Erziehung und Ausbildung (MOET) eine Satzung für die VGU aus, die dem Muster des Autonomiestatus der TU Darmstadt folgte, die bundesweit ein Höchstmaß an Autonomie genießt.

Das war neu für Vietnam – und wegweisend. Denn hier gab es damals nur ein allgemeines Gesetz, das die Bildung vom Kindergarten bis zur Hochschule regelte. Als 2012 erstmalig in Vietnam ein Hochschulgesetz verabschiedet wurde, orientierte es sich in weiten Bereichen an der Satzung der VGU, insbesondere hinsichtlich der Hochschulautonomie. Hier hat die VGU strukturbildend gewirkt. Sie repräsentiert das deutsche Modell der Einheit von Forschung und Lehre, und seit einem Jahr können nicht nur die VGU, sondern alle staatlichen Universitäten Vietnams bis zu acht Prozent ihres Gesamthaushaltes für Forschungsprojekte einsetzen. Davor mussten die Universitäten jedes einzelne Forschungsvorhaben beim Ministerium beantragen, da in Vietnam bisher Lehre und Forschung getrennt waren und es für die Forschung eigenständige Institute gab und gibt.

Vorbild aus Deutschland

Die Reform des vietnamesischen Hochschulwesens wurde vom früheren Bildungsminister und Ex-Fulbright-Stipendiaten Prof. Dr. Nguyen Thien Nhân 2005 mit der Entwicklung eines Planes zur Errichtung von vier Modell-Universitäten in Gang gesetzt. Die VGU ist die erste von ihnen. Nhân, der in Magdeburg promoviert hat (ebenso wie sein Sohn) und ein ausgezeichneter Kenner des deutschen Bildungswesens ist, hob gemeinsam mit dem früheren hessischen Wissenschaftsminister Dr. Udo Corts die VGU 2007 im Beisein von Bundespräsident Prof. Dr. Horst Köhler aus der Taufe. Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst und das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzieren die VGU jährlich mit jeweils 1,5 Millionen Euro. Auf vietnamesischer Seite weiß man dieses Engagement zu schätzen; schon wenige Tage nach seiner Wahl zum Premierminister empfing Nguyen Xuan Phuc den hessischen Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) als einen der ersten ausländischen Regierungsvertreter zu einem Gespräch über die künftige Entwicklung der VGU. Vietnam hat für den Campusneubau einen Weltbankkredit von 180 Millionen US-Dollar aufgenommen und finanziert 60 Prozent der laufenden Kosten. Die jährlichen Studiengebühren an der VGU betragen bis zu 2800 Euro und liegen im unterem Landesdurchschnitt. Studiengebühren sind in Vietnam üblich, aber es gibt auch ein ausgebautes Stipendiensystem für Studierende aus einkommensschwachen Familien.

Die VGU hat inzwischen mehr als 1200 Studierende in sieben Masterstudiengängen und vier Bachelorprogrammen. Über 380 Absolventinnen und Absolventen haben bereits ihre Master­ und Bachelorstudien an der VGU erfolgreich abgeschlossen. Nach ihr wurden die Vietnamesisch-Französische Universität und als dritte Modell-Universität 2016 die Vietnamesisch-Japanische Universität jeweils als staatliche vietnamesische Universitäten gegründet. Die Verhandlungen mit Großbritannien wie auch mit der US-Regierung ergaben, dass es keine Bereitschaft gibt, den Beispielen aus Deutschland, Frankreich und Japan zu folgen. Stattdessen einigte man sich auf die FUV als private Non-Profit-Universität.
Wenn die anderen Kooperationen ähnlich wirken wie die VGU, dürfte die Modernisierung der vietnamesischen Hochschullandschaft auf einem guten Weg sein.


Autor

Foto: WUS

Dr. Kambiz Ghawami

ist Betriebswirt und Jurist. Er leitet als Geschäftsführer das deutsche Komitee des World University Service (WUS), eines weltumspannenden Netzwerks aus insgesamt 50 Komitees.


INFOKASTEN

Vietnam in Zahlen

  • Einwohner 93 Millionen
  • Hochschulen Es gibt mehr als 300 staatliche und 80 private Hochschulen.
  • Struktur An Vietnams Hochschulen findet Lehre statt, geforscht wird an externen Instituten. Das schmälert die Studienqualität.
  • Studierende 2 Millionen, davon die Hälfte in Teilzeit.
  • Dozenten Rund die Hälfte der gut 75 000 Hochschullehrer hat nur einen Bachelorabschluss.
  • Etat Vietnam gibt 6,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus.

URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2016/13/ein-land-sucht-anschluss/408

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 13/16

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