Hochschulkommunikation Streitkultur

Wenn Studierende wie Dozierende in diesen Wochen zurückkehren in die Hörsäle und Seminarräume und das Wintersemester in Angriff nehmen, können sie einfach so weitermachen wie bisher – oder einen neuen Stil begründen. Einen, der auf Kommunikation setzt und Kritik fördert.

von Jeannette Goddar

Ein bisschen ist es so, als wäre die Wissenschaft im vergangenen Frühling und Sommer in eine Aufmerksamkeitsspirale geraten – allerdings nicht wegen ihrer wissenschaftlichen Ergebnisse, sondern wegen eines Blitzlichtgewitters, in das einige ihrer Protagonisten unwillkürlich geraten waren.

Geachtet, beachtet, geächtet

Ein paar Fälle zur Erinnerung: Da wird ein australischer Philosoph, Professor Dr. Peter Singer, als Referent bei einem Philosophiefestival über Veganertum und Tierrechte zunächst eingeladen und dann wieder ausgeladen. Er hatte in einem Zeitungsinterview Umstrittenes zum Recht auf das Leben von behinderten Kindern geäußert.

Professoren aus aller Welt im Shitstorm

Ein Nobelpreisträger, der britische Medizinprofessor Dr. Tim Hunt, verliert seine Professur, weil er bei einem Dinner in Südkorea für getrennte Labore für Männer und Frauen plädiert, sonst passiere folgendes: „Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich, und wenn du sie kritisierst, fangen sie an zu heulen.“ Da beendet der Leiter des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik, Professor Dr. Nikos Logothetis, seine Experimente an Rhesusaffen, weil er, so teilt es die Max-Planck-Gesellschaft schließlich mit, „an die Grenzen der physischen und psychischen Belastbarkeit getrieben wurde (...) aufgrund unaufhörlicher Diffamierungen von Seiten der radikalen Tierversuchsgegner“.

Noch mehr ungewollte Aufmerksamkeit als Logothetis erfuhr in jenen Monaten im wissenschaftlichen Deutschland vermutlich nur Professor Dr. Herfried Münkler, dessen Vorlesung unter dem an sich eigentlich wenig öffentlichkeitswirksamen Titel „Politische Theorie und Ideengeschichte“ jede Woche von anonymen Bloggern begleitet wurde, die ihn als „Kriegstreiber“ beschimpften und ihn des „Wessi-Chauvinismus“ und der „Propaganda“ bezichtigten. Kurz vor den Semesterferien dann konnten die „Münkler-Watch“-Blogger notieren: Im nächsten Semester werde es keine Vorlesung geben.

Im Schutz der Anonymität

Ist das Problem damit gelöst? Für die Blogger-Szene allemal, die an der Berliner Humboldt-Universität (HU) auch schon einmal den Privatdozenten für Soziologie Dr. Michael Makropoulos und den Historiker Professor Dr. Jörg Baberowski ins Visier nahmen. Sie ist ein Ärgernis losgeworden mit Waffen, die ihr das Internet gab. Im Schutz der Anonymität der Masse lässt sich pfeilschnell kritisieren, argumentieren und eben auch denunzieren. Die Bewahrung ihrer Anonymität rechtfertigen Blogger mit der „Asymmetrie der Macht“, wie sie zwischen Prüfenden und Prüflingen verteilt sei. Bei Münkler-Watch heißt es: „Wir stehen (...) am untersten Ende der akademischen Hierarchie. Von hier möchten wir alle einen Abschluss, einen Job und uns den Zugang zu Einkommen wahren.“

Protest nach 68er-Manier

Das nun ist ein Argument, das jemanden, der so etwas wie die Inkarnation des studentischen wie professoralen Protests in Deutschland ist, doch ziemlich entsetzt: „Wie viele Dozenten lehren an der HU? Da sollte es doch möglich sein, einen anderen Prüfer zu finden“, wettert der pensionierte FU-Politikprofessor Dr. Peter Grottian. Seiner Ansicht nach fehle es „schlicht an Mut“. Bislang nämlich, „ob 1968, in den 70ern, 80ern oder 90ern hatten Studierende doch immer die Chuzpe, einen Streit nicht nur vom Zaun zu brechen, sondern auch auszutragen“. Dass das nun ausgerechnet in den Politikwissenschaften – „also in einem Fach, in dem Kritik mitten in den Seminarraum gehört“ – anders ist, macht für Grottian deutlich: „Es mangelt den Hochschulen an interner Kommunikations- wie Kritikfähigkeit.“

Flugblatt oder Blog: Wo ist der Unterschied?

Aber war das einmal anders? So mancher glaubt das nicht. Den „Bruch aller gängigen Kommunikationsregeln haben doch die 68er erfunden“, erklärt der Kommunikationswissenschaftler Professor Dr. Joachim Trebbe von der Freien Universität Berlin (FU): „Professoren wurden ein¬ oder ausgesperrt, Vorlesungen gestürmt, Dozenten niedergebrüllt“, sagt Trebbe und: „Auch das anonyme Flugblatt wurde damals erfunden. Was ist das anderes als so manch ein Blog?“

Auch der Historiker Dr. Nikolai Wehrs von der Universität Konstanz ist erstaunt, wie sehr sich jede Studentengeneration „in ihrer Vorstellung, wie Protest auszusehen hat, immer wieder an 1968 orientiert“. Das gelte nicht nur für die Form, sondern auch für den Sprachduktus: Der „leicht überhebliche Ton, die Betonung der politischen statt wissenschaftlichen Dimension, das ist sich alles sehr ähnlich“. Wehrs hat sich in seiner Dissertation mit dem Bund Freiheit der Wissenschaft (BFW) beschäftigt, in dem bis zu 1400 Professoren von 1970 an gegen die Studentenbewegung und gegen die Ausweitung der studentischen Mitbestimmung kämpften. Auch damals, sagt Wehrs, hätte sich eine ganze Reihe Professoren vorübergehend von der Lehre abgewendet, einige dauerhaft.

Doch selbst wenn das Internet nichts als ein neues Trägermedium ist, führt es Diskurse schneller als früher aus der Hochschule heraus – mit der Folge, dass einige extrem hochkochen, während andere völlig untergehen. Das hänge auch von der Unterstützung herkömmlicher Medien ab, sagt Kommunikationswissenschaftler Trebbe: „Den Sub-Öffentlichkeiten werden Shitstorms auch deshalb leicht gemacht, weil Journalisten gern über sie berichten, erst recht, wenn ein Protagonist aus dem Fernsehen bekannt ist.“ Tatsächlich saß eine Reihe Journalisten im Sommersemester in Münklers Vorlesung.

Daumen rauf, Daumen runter

Trebbe macht aber auch auf eine zweite Tendenz aufmerksam: Die „Welt der Bewertung, in der jeder Kugelschreiber mit Daumen rauf, Daumen runter versehen wird, macht vor Professoren nicht halt“. Es geht dabei längst nicht in allen Fällen um inneruniversitäre Diskurse. Erstens, weil die Kritiker häufig nicht aus der Universität, sondern aus anderen gesellschaftlichen Gruppen stammen. Zweitens, weil zuweilen auch der Begriff einer zivilgesellschaftlichen Organisation kaum angebracht ist.

Der Neurobiologe Professor Dr. Andreas Kreiter, der wie Logothetis an Primaten forscht, erfährt Anfeindungen seit bald 20 Jahren unter Umständen, die sich phasenweise als lebensbedrohlich beschreiben lassen. Einige Monate nach seiner Probevorlesung 1997 klebte in der Bremer Innenstadt das erste Plakat: „Uni beruft Affenfolterer.“ Bei dem verbalen Protest blieb es nicht: Kreiters Laborräume wurden verwüstet, der Professor brauchte Polizeischutz. Obwohl seine Forschung von mehreren Gerichtsurteilen gestützt wird, riet die Polizei nach weiteren Drohungen Kreiters schwangerer Frau, sich nach der Geburt nicht ins eigene Zuhause, sondern an einen sicheren Ort fernab der Hansestadt zu begeben.

Unis brauchen Profis in Krisenkommunikation

Gelernt hat Kreiter in dem langen Prozess zweierlei: „Ein Angriff gehört mit einer glasklaren Positionierung beantwortet, nicht mit diffusen Stellungnahmen.“ Und: „Universitäten sind keine Experten in Krisenkommunikation. Die Wissenschaft sollte sich dringend verstärkt professionelle Unterstützung suchen, um ihre Positionen auch zu strittigen Themen in der Öffentlichkeit besser zu vermitteln.“

Im Falle von Logothetis gab die Max-Planck-Gesellschaft ein klares Statement ab. Man sei „erschüttert“ über die „teilweise menschenverachtende Aggressivität, mit der manche unter dem Deckmantel der Anonymität für die Ideen des organisierten Tierschutzes eintreten“, hieß es in einer Erklärung. „Innovative Forschungsansätze“ würden auf dem Gebiet der Primatenforschung weiterhin gefördert: Bei der Suche nach Behandlungsansätzen für Gehirnerkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson seien diese „nach wie vor der einzige Weg“.

In anderen Fällen stellen sich akademische Institution oftmals (zu) schnell auf die Seite lautstarker Kritiker. Demnach hat das University College London, so erzählte es jedenfalls Tim Hunts ebenfalls dort lehrende Ehefrau Professorin Dr. Mary Collins, Hunts Entlassung bereits angekündigt, als der noch auf dem Rückflug von dem besagten Dinner in Südkorea war – Anhörung offenbar unnötig. Da kommt auch ein Ende Juli aufgetauchter Audiomitschnitt, der Hunt entlasten könnte, viel zu spät.

Und in Konstanz, nachdem sich der Evolutionsbiologe Professor Dr. Axel Meyer öffentlich über die „Faulheit“ und „Inkompetenz“ von Studierenden mokiert hatte, entschuldigte sich Universitätsrektor Professor Dr. Ulrich Rüdiger öffentlich für den an seiner Universität beschäftigten Axel Meyer und kündigte die Prüfung „disziplinarischer Maßnahmen“ an. Warum? Dazu möchte sich Ulrich Rüdiger nun nicht mehr äußern.

An der Humboldt-Universität hat sich der Präsident jedes Mal und nur einmal positioniert: Im Falle Baberowskis als einer von 28 Unterzeichnern eines Offenen Briefs (und damit nicht als Präsidiumsmitglied), im Falle Münklers in einer Beilage der Universität in der Berliner Zeitung. Münkler hatte zuvor die HU-Leitung scharf kritisiert und in einem Interview gewettert: „Sie hat keine Fähigkeit zur Empathie. Die Administration der Universität ist von den Hochschullehrern sehr weit entfernt.“

Vom Glück der Unbefangenheit

Professor Dr. Jan-Hendrik Olbertz, als HU-Präsident mit Kultusminister-Vergangenheit politikerfahren, macht den Versuch einer Erklärung: Reagiere eine Hochschulleitung nicht, lasse sie scheinbar ihre Mitarbeiter im Regen stehen; tue sie es doch, gerate sie in Gefahr, ein Rädchen im Getriebe zu werden.
Olbertz‘ Fazit: „Mit allem, was ich tue, befeure ich die Medienmaschinerie weiter – ganz im Sinne der Verursacher des Shitstorms“, sagt Olbertz. Er sorge sich um die „Kultur des wissenschaftlichen Meinungsstreits“, und damit um die Wissenschaft an sich. „Zu einer geglückten Vorlesung gehören Unbefangenheit, eine gelöste Atmosphäre und eine tolerante Grundhaltung“, sagt der HU-Präsident. Und: „Wissenschaft lebt davon, dass auch ungesicherte Auffassungen vertreten und in einem geschützten Raum erprobt werden dürfen.“


INFOKASTEN

Tipps zum Weiterlesen

  • Bernhard Pörksen: Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter; Verlag Herbert von Halem, 2012; 248 Seiten; gebundene Ausgabe, 19,80 Euro
  • Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens; Verlag Junfermann, Paderborn 2012; 240 Seiten, Broschur, 23,90 Euro
  • Harry G. Frankfurt: Bullshit; Suhrkamp-Verlag 2006, 73 Seiten, 10 Euro
  • Nikolai Wehrs: Protest der Professoren. Der „Bund Freiheit der Wissenschaft“ in den 1970er Jahren. Reihe: Geschichte der Gegenwart (Hg. von Frank Bösch und Martin Sabrow), Bd. 09. Wallstein Verlag, Göttingen 20014, 539 Seiten, 44 Euro

URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2015/10/streitkultur/335

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 10/15

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