Evaluation der Exzellenzinitiative „Das letzte Wort hat die Politik“

Wie geht die Exzellenzinitiative nach 2017 weiter? Eine Kommission soll bis Anfang 2016 Antworten liefern. Der Vorsitzende des Gremiums, Dieter Imboden, über das Vorgehen, die Ziele – und die Hängepartie der Hochschulen.
 

von Benjamin Haerdle

duz: Herr Imboden, Sie waren bis Ende 2012 Präsident des Nationalen Forschungsrats des Schweizerischen Nationalfonds, danach verschwanden Sie etwas vom Radar der Forschungspolitik. Waren Sie überrascht, dass die Wahl auf Sie fiel?

Imboden: Ich fühlte mich gleichermaßen geehrt und überrascht. Allerdings war ich über die Entwicklung der Exzellenzinitiative immer im Bilde. Als Vorsitzender des Aufsichtsrats des österreichischen Wissenschaftsfonds FWF bin ich zudem im deutschsprachigen Forschungsraum immer noch gut vernetzt.

duz: Was ist denn die Aufgabe der zehnköpfigen Kommission?

Imboden: Wir sollen vor allem herausfinden, ob die forschungspolitischen Ziele des Wettbewerbs erreicht wurden. Das betrifft die internationale Sichtbarkeit und die Qualität des Universitätssystems sowie die Frage, ob die Exzellenzinitiative zu strukturellen Änderungen an den Unis führt. Und wir sollen schließlich basierend auf unseren eigenen Untersuchungen sowie auf den Berichten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), des Wissenschaftsrats (WR) und anderen eine Empfehlung abgeben, ob und wie die Exzellenzinitiative weiterzuführen ist.

duz: Mehr als 180 Anträge der Hochschulen wurden seit 2006 bewilligt. Wie behalten Sie da den Überblick?

Imboden: Zunächst: Die Kommission muss keine neuen Erhebungen starten, Zahlen gibt es genug. Wir werden beispielsweise erheblich vom Bericht über die drei Förderlinien Zukunftskonzepte, Graduiertenschulen und Cluster profitieren, den die DFG und der WR Mitte 2015 vorlegen. Dazu werden wir Interviews und Gespräche im In- und Ausland führen: Mit Rektoren, deren Universitäten erfolgreich waren, die keine oder erfolglos Anträge gestellt haben oder in der zweiten Phase wieder rausgeflogen sind, mit Nachwuchswissenschaftlern und mit Vertretern aus außeruniversitären sowie ausländischen Forschungseinrichtungen.

duz: Was erhoffen Sie sich von Interviews mit Rektoren, deren Hochschulen nicht gefördert wurden?

Imboden: Der Elitewettbewerb hat sicherlich auch indirekte Effekte ausgelöst, an die man vorher gar nicht dachte. Universitäten, die keinen Zuschlag bekamen, haben beispielsweise gesagt, dass die Arbeit für den Antrag nicht umsonst gewesen sei und dass sie jetzt trotzdem versuchen, strukturell einiges zu ändern. Diese Impulse für die Entwicklung einer Universität wollen wir analysieren und bewerten.

duz: Es gibt bereits Evaluationen durch das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung in Berlin und das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Warum jetzt noch eine weitere Bewertung?

Imboden: Diese Evaluationen waren stark auf messbare Parameter und auf Effekte ausgerichtet, die nach ein paar Jahren an jenen Universitäten sichtbar waren, die an der Exzellenzinitiative teilgenommen haben. Wir schauen mehr aus der Vogelperspektive auf das Universitätssystem als Ganzes.

duz: Dafür steht der Kommission ein Budget von 250.000 Euro zur Verfügung, und sie hat am Berliner Institut für Innovation und Technik eine eigene Geschäftsstelle. Werden Sie dort als Ansprechpartner für die Hochschulen präsent sein?

Imboden: Nein, am Institut gibt es rund 20 Mitarbeiter, die uns im Umfang von drei Vollzeitstellen unterstützen. Wir vergeben an sie Aufträge, und sie versorgen uns mit aktuellen Informationen über die Situation der deutschen Hochschullandschaft.

duz: Die Exellenzinitiative läuft seit dem Jahr 2006. Kommt die Evaluation nicht zu spät?

Imboden: Das ist relativ: Wenn Universitäten neue Schwerpunkte schaffen wollen, braucht das Zeit. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass größere Veränderungen an den Hochschulen 15 bis 20 Jahre benötigen. Hat eine Universität, die schon im Jahr 2006 für ihr Zukunftskonzept gefördert wurde, ihr Forschungsprofil neu ausgerichtet, sehen Sie natürlich Effekte. Bei Universitäten, die erst seit drei Jahren dabei sind, eher weniger. Deswegen ist es fraglich, ob schon jetzt überall Auswirkungen zu erkennen sind.

duz: Also ist der Zeitpunkt eher zu früh?

Imboden: Für gewisse Veränderungen nicht, andere kann man sicher jetzt noch nicht abschließend beurteilen. Bis eine Hochschule beispielsweise ein neues Forschungszentrum eingerichtet hat, dessen Wissenschaftler qualitativ hochwertig publizieren, kann es schon paar Jahre dauern.

duz: Ihre Kommission gibt den Bericht im Januar 2016 bei der Gemeinsamen Wissenschaftkonferenz (GWK) ab, danach wird das Papier sicherlich fleißig diskutiert. Zugleich läuft die zweite Förderphase Ende 2017 aus. Kritisieren die Hochschulchefs nicht zu Recht, es fehle ihnen an Planungssicherheit?

Imboden: Es ist von den Seiten der Universitäten völlig legitim, wenn sie ein frühes Zeichen der Politik einfordern, wie die Zukunft der Exzellenzinitiative aussehen könnte. Ich möchte aber daran erinnern, dass es schon beim Übergang von der ersten  auf die zweite Förderphase eine Periode gab, in der die Universitäten nicht so recht wussten, wie es weitergeht. Diese Unsicherheit müssen die Universitäten aushalten können.

duz: Die Rektoren werden klagen, dass ihnen ab 2018 das Geld ausgeht.

Imboden: Schon möglich, aber der Bericht könnte zum Beispiel auch zu dem Ergebnis kommen, dass die Exzellenzinitiative sehr gut ist, man aber die Instrumente neu justieren sollte. Dies würde nicht bedeuten, dass während der Übergangsphase kein Geld  fließt, sondern man könnte zwei Jahre weitermachen wie bisher und erst dann das neue Modell umsetzen.

duz: Und Geld gäbe es dann auch in der Übergangszeit?

Imboden: Über die Exzellenzinitiative wurden bisher 4,6 Milliarden Euro ausgegeben, das sind mehr als 400 Millionen Euro pro Jahr. Die Hochschulen sind auf das Geld angewiesen, auch nach 2017. Ich denke nicht, dass der Geldhahn zugedreht wird.

duz: Haben Sie eigentlich keine Sorge, dass Ihre Empfehlungen im Papierkorb landen?

Imboden: Diese Frage habe ich in der GWK auch gestellt. Ich möchte keiner Kommission vorstehen, die nur eine Alibifunktion hat. Man hat mir jedoch versichert, dass unsere Arbeit sehr ernst genommen wird. Ich gehe davon aus, dass Deutschland es sich nicht leisten kann, eine international besetzte Kommission einzusetzen und anschließend deren Resultate in der Schublade verschwinden zu lassen. Dafür ist die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit einfach zu groß.

duz: Allerdings droht der Bericht der Kommission zerrieben zu werden: 2017 ist Bundestagswahl. Und im Jahr davor beginnt bereits der Wahlkampf.

Imboden: Natürlich ist das nicht der ideale Zeitpunkt, aber wir können das nicht ändern. Als Wissenschaftler können Sie nur die bestmögliche Arbeit machen, das letzte Wort hat immer die Politik. Ich hoffe, unser Bericht ist so überzeugend, dass die Politik gar nicht darum herumkommt, ihn ernst zu nehmen.

Im Interview:

Dieter Imboden ist Umweltphysiker und forschte an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Dem Nationalen Forschungsrat des Schweizerischen Nationalfonds stand er von 2005 bis 2012 vor. Er führte den Dachverband der Forschungsförderorganisationen Eurohorc (European Heads Of Research Councils) und wurde 2011 Gründungspräsident von dessen Nachfolgeorganisation Science Europe. Derzeit ist Imboden Vorsitzender des Aufsichtsrats des Österreichischen Wissenschaftsfonds.


INFOKASTEN

Schritte zur Evaluation

  • Schritt 1 Die Kommission führt Interviews und Gespräche mit Rektoren und Wissenschaftlern aus Universitäten, Fachhochschulen und außeruniversitären Forschungsinstituten aus dem In- und Ausland.
  • Schritt 2 Im Sommer veröffentlichen DFG und WR einen Bericht zur Exzellenzinitiative, der Datenbasis für die Kommission ist.
  • Schritt 3 Die Kommission übergibt den Bericht im Januar 2016 der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern. Einen Zwischenbericht gibt es nicht.

URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2014/11/das-letzte-wort-hat-die-politik/278

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 11/14

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