Forscher-Blogs Wissenschaft im Neuland

Für manche gehören sie zum wissenschaftlichen Handwerk, für andere sind sie des Teufels: Blogs. Worum es bei dem Streit geht, welche Hauptargumente einander gegenüberstehen und wie sie
jeweils entkräftet werden, lesen Sie zusammengefasst in Form eines Gesprächs.

von Debora Weber-Wulff und Sven Schroder

Debora: Ich blogge, also bin ich.

Sven: Ist das die neue Variante von Publish or Perish? Muss man jetzt als Wissenschaftler auch noch einen Blog betreiben?

Debora: Bloggen ist nun sehr einfach geworden. Blog-Software wie WordPress kann man leicht auf den eigenen Server installieren. Noch einfacher ist es, man startet einen neuen Blog direkt bei WordPress oder bei Google Blogspot. Sie kümmern sich um Betrieb und Back-Up, man muss „nur noch“ die Inhalte liefern.

Sven: Bloggen ist doch keine seriöse Wissenschaft. Es findet gar kein Peer-Review statt ...

Debora: Moment. Natürlich kann das seriöse Wissenschaft sein: Es ist eine moderne Art, Gedanken zu sammeln und zu ordnen, interessante Links zu konservieren und zu kommentieren, Beobachtungen niederzuschreiben oder auch (Anonymität vorausgesetzt) eine Möglichkeit, Dampf abzulassen. Durch die Kommentarfunktion ist es sogar möglich, mit dem Autor zu diskutieren. So etwas geht bei traditionellen Publikationen nur schwer und recht langsam. Blogs sind damit eine Art „science-in-progress“, mit einer ganz anderen Art des Peer-Reviews. Außerdem bloggst du doch auch.

„Das ist das Besondere: Man diskutiert mit anderen frühzeitig, bevor etwas ausgereift ist“

Sven: Ja, aber nur Maschbau- und ChickLit-Plag-Anekdoten – und das nur zur Unterhaltung, ohne wissenschaftlichen Anspruch. Dein Blog verändert sich aber teilweise sehr schnell, weil du nach User-Kommentaren Änderungen im Text vornimmst. Das bekommt man nicht immer mit.

Debora: Aber das ist doch das Besondere: Man diskutiert mit anderen frühzeitig, bevor etwas ausgereift ist. Und überhaupt: Schneller als gedruckt geht es allemal.

Sven: Als Provisorium mag man das gelten lassen, aber in der Wissenschaft geht es nicht um Schnelligkeit. Wissenschaft hat mit Exaktheit und Wahrheit zu tun. Das braucht seine Zeit, will gut durchdacht und überlegt sein. Viele Blogger nehmen sich nicht einmal die Zeit, eine Rechtschreibkontrolle durchzuführen.

Debora: Okay, du hast recht mit der Rechtschreibung. Aber was die Zeit angeht: Ich habe gerade ein Buch geschrieben und es auf traditionellem Weg publiziert. Ich war mit dem Manuskript schon vor sechs Monaten fertig. Aber die Abläufe im Verlag haben so lange gedauert, dass es erst jetzt erscheint. Wenn ich das Buch als Blog veröffentlicht hätte, wären einige Unterkapitel bereits vor einem Jahr publiziert worden.

Sven: Aber hättest du wirklich wichtige Erkenntnisse oder Arbeiten im Netz vorabpubliziert? Da hat man doch die Sorge, dass jemand die Ideen auf- und übernimmt und selber verwertet. Ich denke eher, dass ein Blog eine Veröffentlichungsmöglichkeit für die „Unterrahmstufe“ ist: Diese Ideen sind es durchaus wert, mitgeteilt zu werden, sie sind aber kein großer Durchbruch.

Debora: Ich habe schon wichtige Publikationen in Blogs gesehen. Zum Beispiel ist Jeffrey Bealls Scholarly Open Access-Blog eine exzellente Quelle, wenn es um Pseudojournale und Pseudoverleger geht. Und da es hier immer etwas Neues gibt, geht es nicht anders, als mittels eines Blog zu publizieren. Die Texte fallen manchmal sehr umfangreich aus; das wäre in Buchform nicht möglich.

„In einem Blog kann man besser Belege und Referenzen setzen als in einem Buch“

Sven: In einem Buch sollte man ordentlich strukturierte Gedanken vorfinden, die Argumente sollten plausibel und logisch geordnet sein. Hinführung, Ausführung, Zusammenfassung, alles vernünftig belegt und referenziert.

Debora: Das kann man doch in einem Blog genauso machen, vielleicht noch besser, weil die lineare Struktur am Anfang noch nicht klar ist. Man schreibt erst mal hier und da was, später sieht man, wie die Struktur entsteht. Und man kann in einem Blog selbstverständlich Belege und Referenzen setzen. Das geht sogar besser als im Buch, weil man Online-Quellen verlinken kann.

Sven: Aber was wird in fünfzig Jahren sein? Wird dein Blog dann noch zugänglich sein? Da werden die Links wohl nicht mehr funktionieren. Das, was nicht in Bibliotheken oder in Archiven aufbewahrt wird, existiert dann nicht mehr.

Debora: Na ja, meine ersten Äußerungen im Internet von 1992 sind immer noch auffindbar, wenn man weiß, wo man suchen muss. Aber du hast vielleicht recht damit, dass ich etwas unternehmen sollte, damit meine Blog-Beiträge für die Nachwelt erhalten bleiben. Vielleicht sollte ich ein Buch mit den Beiträgen eines Jahres erstellen? Aber ich bin zu faul, alles händisch zusammenzustellen; ich würde gerne auf Knopfdruck eine Rohfassung erzeugen, überarbeiten und dann bei einem Onlineverlag drucken lassen.

Sven: Das gibt es schon längst, schau mal zum Beispiel bei BlogBooker vorbei. Da kriegst du deinen Blog als PDF, aber eine inhaltliche Qualitätssicherung ist immer noch nicht dabei. Weil wir gerade über Qualität sprechen: Wie will man in diesem unüberschaubaren Internet die guten und brauchbaren Blogs eigentlich auffinden?

Debora: Dazu gibt es einige „Blogsammelstellen“, die sich zunächst den Blog anschauen und bewerten, bevor er in die Blogliste (die sogenannte blogroll) aufgenommen wird. In den USA war lange Zeit ScienceBlogs die Top-Adresse für wissenschaftliche Blogs, sie haben sogar Sammlungen in verschiedenen Sprachen, auch deutschsprachige Blogs sind dort zu finden. Dann haben sie sich aber das erlaubt, was man PepsiGate nennt. Sie haben der Firma PepsiCo erlaubt, einen Blog unter ScienceBlogs zu führen, der von Mitarbeitern der Firma geschrieben worden ist. Viele Blogger fanden diese Mischung aus Wissenschaftsjournalismus und Werbung unerträglich und haben daraufhin Scientopia gegründet. Mark Chu-Carroll von Good Math/Bad Math hat den Betrieb organisiert. Aber Anfang 2014 gab es dort interne Querelen, die dazu geführt haben, dass Scientopia eine Zeit lang gar nicht erreichbar war. Etliche Blogger haben danach Scientopia verlassen; sie betreiben jetzt ihre Blogs auf eigenen Servern. ScienceBlogs und Scientopia verzeichnen eher naturwissenschaftliche Blogs. Für die Geisteswissenschaften gibt es Hypotheses, die auch Blog-Sammlungen in verschiedenen Sprachen führen. Gebloggt wird auch in Medizin, Jura, Informatik, Skandinavistik – so gut wie jedes Fach ist vertreten. Bemerkenswert ist, dass über alle Statusgruppen hinweg gebloggt wird: von Studierenden bis zum Professor. Es gibt überall bloggende Mitglieder der akademischen Gemeinschaft.

Sven: Das ist aber „erbaulich“, wenn Studenten über ihr Fach bloggen, verstehen sie doch oft nicht die Zusammenhänge. Das sieht man oft bei Wikipedia, wo jeder jeden Unsinn schreiben kann.

Debora: Na, aber in Wikipedia kann auch jeder korrigieren, wenn da Unsinn steht. Bei einem Blog kann man in den Kommentaren Korrekturen vorschlagen, sie werden dann auch oft umgesetzt. Aber es ist sinnvoll und wünschenswert, dass gerade Studierende ihre eigene wissenschaftliche Stimme ausprobieren können. Die Studierenden bekommen direktes Feedback über ihre Fehler – und über ihre guten Leistungen. Sie müssen natürlich lernen, keine Bilder von anderen Seiten zu klauen, um ihre Texte zu illustrieren. Comics und Karten sind sehr beliebt, die Rechteinhaber mahnen aber sehr schnell kostenpflichtig ab.

„Wenn die eigenen Inhalte geklaut werden, kann man die Pseudoblog-Seite sperren lassen“

Sven: Und was ist mit den Pseudoblogs, die nur existieren, um den Google Page Rank einer Seite zu optimieren?

Debora: Das stimmt. Pseudoblogs klauen Texte und Bilder von anderen Blogs und setzen Links zu den Seiten, die für Google „optimiert“ werden sollen. Diese Blogs sind eine Plage. Wenn die eigenen Inhalte geklaut worden sind, kann man nur versuchen, die entsprechende Pseudoblog-Seite schließen zu lassen. Google reagiert recht schnell, teilweise zu schnell, auf solche Anzeigen. Manche Personen versuchen einen „gegnerischen“ Blog dadurch auszuschalten, indem sie behaupten, der Blog verstoße gegen das eigene Copyright, und schon sperrt Google die Seite. Aber Gauner gibt es ja überall, auch in der Wissenschaft. Du erinnerst dich sicher noch, erst Ende Februar mussten Springer und IEEE (Institute of Electrical and Electronic Engineers) 120 unsinnige Aufsätze zurücknehmen, die in ihren Journalen und Proceedings publiziert worden sind (siehe Fußnote 1).

Sven: Es soll sogar Blogs mit mehreren Autoren geben.

Debora: Oh ja, davon gibt es recht viele, und das ist eine spannende Entwicklung. Es findet sich eine Handvoll Leute zusammen, die über ein Thema gemeinsam bloggen wollen. Jeder Beitrag ist dann mit dem jeweiligen Autorennamen signiert. Es gibt auch Gruppenblogs, bei denen sich die Autoren bewusst lustige Namen geben, damit klar ist, dass es sich um Pseudonyme handelt. Sie wollen sich zum Beispiel über problematische Situationen an ihren Hochschulen austauschen, ohne die Hochschule oder ihre Kollegen oder Studierende zu benennen. Auch viele Einzelblogger wählen Pseudonyme, um etwas freier schreiben zu können. Ich lese gerne Blogs von Autoren mit Pseudonymen, wie bei AcademicWaterCooler, Adventures in Ethics and Science, Female Computer Scientist, FemaleScienceProfessor oder ThusSpakeZuska. Aber auch Pseudonyme gewähren keinen hundertprozentigen Schutz, wenn die Person hinter dem Pseudonym einem anderen bekannt ist. Ein Nature-Redakteur zum Beispiel hat vor nicht allzu langer Zeit aus Rache die Bloggerin Isis the Scientist geoutet. Eine umfangreiche Diskussion setzte in der Blogosphere ein, eine gute Zusammenfassung von diesen und anderen Outings kann man auf dem Blog von Greg Laden finden (2).

Sven: Kleiner Gedanken- und Zeitsprung: Wie wäre es eigentlich gewesen, wenn es zu Zeiten von Leibniz und Newton Blogs gegeben hätte? Sie haben sich ja leidenschaftlich darüber gestritten, wer von ihnen zuerst die Infinitesimalrechnung erfunden hat (3).

Debora: Tja, kontrafaktische Überlegungen sind zwar müßig, aber interessant. Damals haben sie viele Briefe geschrieben und Pamphlete publiziert und ihre Freunde und Kollegen eingespannt. Sicherlich wäre der Streit noch intensiver gewesen – es wird schließlich sehr heftig gestritten im Internet.

Sven: Okay, sie hätten vielleicht nicht selbst gebloggt, sondern ihre Schüler und Anhänger in Blogs streiten lassen, aber ihre Ideen hätten sie dort bestimmt nicht entwickelt. Nur das, was gründlich durchdacht war, hätten sie gewagt zu publizieren.

Debora: Aber das ist alles nur Spekulation, mein lieber Sven, weil wir erst seit den 1990ern überhaupt das World Wide Web haben und somit die Möglichkeit, einfach, bequem und schnell zu bloggen. Ich muss aber jetzt los, ich habe einiges, das ich heute noch bloggen will.

Sven: Aber hoffentlich nicht schnell-schnell bloggy-blog-style – und die Rechtschreibprüfung nicht vergessen!

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Fußnoten:

(1) Van Noorden, R. (24. Februar 2014). Publishers withdraw more than 120 gibberish papers. In Nature, doi:10.1038/nature.2014.14763, http://www.nature.com/ news/publishers-withdraw-more-than-120-gibberish-papers-1.14763 gelesen 2014-02-25.

(2) Laden, G. (10. Februar 2014). Outing A Pseudonymous Blogger. http://scienceblogs.com/gregladen/2014/02/10/outing-a-pseudonymous-blogger gelesen 2014-02-25.

(3) Kandaswamy, A. (2002). The Newton/Leibniz Conflict in Context. http://www.math.rutgers.edu/courses/436/Honors02/newton.html gelesen 2014-02-25.


INFOKASTEN

Die Diskutanten

Idee, Konzept und Text für diesen Beitrag stammen von

Debora Weber-Wulff, Professorin für Medieninformation und Wissenschafts-Bloggerin

Sven Schroder, freischaffender Wissenschaftler und Blog-Skeptiker


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URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2014/06/wissenschaft-im-neuland/257

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 06/14

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