Debatte: Citizen Science Der inkonsequente Reformer

Mit seinem Plädoyer für eine Bürgeruniversität zeigt der Wuppertaler Wissenschaftsreformer Uwe Schneidewind der akademischen Elite die Harke. Das ist gut, meint der Wissenschaftstheoretiker Peter Finke, aber nicht gut genug. Eine Philippika gegen die Philippika.

Transformative Wissenschaft ist notwendig

Schneidewinds „Philippika“ gegen das System ist im Kern richtig und notwendig. Ihr ging ein Buch voraus, das zum Besten gehört, das in den letzten Jahren in Deutschland zum Thema geschrieben worden ist: „Transformative Wissenschaft“, von ihm und Mandy Singer-Bodrowski (2). Ich kenne nichts sonst, was so ausführlich, zutreffend und vor allem konkret ein System kritisiert, was durch Bologna nicht reformiert, sondern fast noch verschlimmert worden ist: das deutsche Wissenschafts- und Universitätssystem. Dennoch muss man wohl jetzt damit leben und das Beste daraus machen. Die Bürgeruniversität wäre eine Möglichkeit, wenigstens einige Schwächen des gegenwärtigen Systems abzumildern. Das Buch nennt viele weitere, auch flankierende Reformmaßnahmen außerhalb der Universitäten.  Diese Konkretheit im Formulieren konstruktiver Reformschritte ist seine Stärke, die auch durch das, was ich im Folgenden auszusetzen habe, nicht gemindert wird.
Allerdings stellen sich die Autoren selber ein Bein: Sie übersehen einen möglichen, vielleicht auch nötigen Zwischenschritt. Sie unterschätzen den Unterschied zwischen der Wissenschaft und ihren Universitäten. Dieser Unterschied ist groß, denn es ist der Unterschied zwischen einer Sache und ihrer Organisation und Verwaltung. Auch im Aufsatz zur Bürgeruniversität geht der Autor darüber hinweg, als ob es unnötig wäre, sich damit aufzuhalten.

Wer immer nur von den Institutionen her denkt, denkt zu kurz

Der entscheidende Fehler, den Schneidewind macht, ist, dass er Wissenschaft stets von ihren Institutionen her denkt. Das war schon im Buch so und ist jetzt im Aufsatz dasselbe. Wissenschaft ist bei ihm stets professionell und institutionalisiert. Damit macht er nichts Ungewöhnliches; die meisten identifizieren Wissenschaft mit Universitäten und dem Beruf des Wissenschaftlers. Ich werfe ihm deshalb gerade dies vor: dass er das Gewöhnliche tut, denn dies ist zwar richtig, aber zugleich auch falsch. Natürlich ist die Universität ein herausgehobener, wichtiger Ort für Wissenschaft und der Berufswissenschaftler ein wichtiger Akteur. Und die entscheidenden Mängel liegen tatsächlich dort. Nur: Die professionelle Ebene mit ihren Institutionen in den Blick zu nehmen ist so naheliegend, dass es wenig originell ist; es ist einseitig und blendet Entscheidendes aus. Deshalb ist es auch falsch.

Von dem, der unser Wissenschaftssystem für veränderungswürdig hält, muss man wohl erwarten dürfen, dass er den gewöhnlichen Blick darauf relativieren und sich zu einer Wahrnehmung zwingen kann, die eigentlich nicht zu schwer sein sollte: Es gibt auch Wissenschaft jenseits ihrer Institutionen mit ihrer starren Verwaltungsrealität und unabhängig von Beruf, Universität, Studium und Karriere. Ganz einfach ist dies zum Beispiel dann zu verstehen, wenn man sich fragt, wo eigentlich all die Personen bleiben, die wir zu Wissenschaftlern ausbilden, die aber nie oder nur kurzzeitig eine Stelle im System bekommen. Viele von ihnen arbeiten dennoch zeitlebens als Wissenschaftler, auch wenn sie ihren Lebensunterhalt fern von seinen Institutionen verdienen oder auch arbeitslos bleiben. Und wenn wir diese Einsicht gewonnen haben, dann kann uns auch auffallen, dass sehr viele weitere Menschen ebenfalls zum System Wissenschaft hinzugezählt werden müssten, obwohl sie womöglich noch nicht einmal studiert haben und auf oft seltsamen, individuellen Wegen zu ihren Interessen und Kompetenzen hingefunden haben. Wohlgemerkt: Ich spreche nicht nur von lernbereiten, wissbegierigen Personen, sondern auch von solchen, die selber neues Wissen heranschaffen, also forschen. Differenzieren wir also. Reden wir von Wissenschaft jenseits der Universitäten.

Wissenschaft als Bürgerbewegung gibt es seit der Aufklärung. In Vereinen hat sie überlebt – bis heute

Keine Bürgeruniversität, aber Wissenschaft als Bürgerbewegung gibt es seit der Aufklärung. Sie überlebt bis heute zum Beispiel in Historischen Vereinen, in kultur- und kunstinteressierten Gesellschaften, bei Einzelnen und Gruppen, die eigene Sprach- und Dialektforschung betreiben, in naturwissenschaftlichen Vereinigungen und Arbeitsgemeinschaften. Wenn zum Beispiel letztere nicht einen Großteil der floristisch-faunistischen Landeserforschung ehrenamtlich durchführen, ihre Ergebnisse publizieren und den Ämtern und Behörden großzügig zur Verfügung stellen würden, stünden diese mangels Personals und immer weniger Hochschulen, die sich auf diesem Felde noch engagieren, sehr schlecht da. Jene Ämter betteln die freiwillig, meist ganz unentgeltlich, ehrenamtlich und nur von ihren Interessen und Fähigkeiten getrieben arbeitenden Wissenschaftler gelegentlich geradezu an, sie doch bitteschön weiter mit ihren aktuellen Forschungsergebnissen zu beliefern, weil sie sonst manchen ihrer gesetzlichen Aufgaben kaum gerecht werden könnten.  

Die Wissenschaft der Bürger gibt es längst

Wer gedanklich abrüstet und die Wissenschaft von ihren institutionellen Korsetten her trennt, kann entdecken, dass es sie längst gibt: die lebensnähere, freiere, ja selbstorganisierte Form von Wissenschaft. Es kommt mir so vor, als ob sie dem Wunschbild einer veränderten „transformativen“ Wissenschaft nahe wäre. Aber sie wird konsequent übersehen, von fast allen, die sich mit der Wissenschaft befassen; auch vom inkonsequenten Reformer Schneidewind. Bei vielen Wissenschaftlern – nicht bei ihm – ist es wahrscheinlich eine bewusste Ignoranz, die sich hier äußert, denn das Vorurteil von minderer Qualität steht unübersehbar im Raum. Als ich vor über dreißig Jahren auf einem Wissenschaftstheoriekongress in Wien mitteilte, dass ich die Art und Weise studierte, wie in einem großen naturwissenschaftlichen Verein Wissenschaft getrieben würde, bekam ich das deutlich vorgeführt. „Junger Mann“, belehrte mich damals einer der hochangesehenen Altvorderen der Zunft, „Sie sind zu bedauern. Dort lernen Sie gar nichts, denn man treibt dort die Wissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts.“

Bis heute pflegt die etablierte Profiwissenschaft ihre Vorurteile von dem, was richtig und was falsch ist in der Wissenschaft.

So hört sich die etablierte Profiwissenschaft nicht nur gelegentlich auf ihren großen Kongressen an, wo die verdienten Alten gelegentlich die zuweilen unkonventionelleren Jungen belehren, sondern auch in ihren bisweilen berechtigten, meist aber durch gewachsene Lernunwilligkeit verfestigten Vorurteilen, was richtig und was falsch ist in der Wissenschaft; übrigens gehöre ich inzwischen auch zu den Alten. Nein, ich habe damals wirklich etwas gelernt durch mein „Zweitstudium“ in jenem Verein: nämlich, dass es Wissenschaftler gibt, die keine Wissenschaftler sind, jedenfalls nicht von Beruf, Stelle oder Institution, und die dennoch wichtige, aktuelle, gute, ja lebensnahe Forschung ablieferten. Freilich nahmen und nehmen dies nur wenige Insider wahr; die anderen, das gemeine Volk und die Profis, identifizieren unverdrossen die Wissenschaft zur Gänze mit ihren Institutionen. Leider auch unser Reformer, der deren Reformbedürftigkeit völlig zu Recht erkennt, aber die Chance übersieht, auf ein Alternativbeispiel hinweisen zu können.

Es mag also noch keine Universität der Bürger geben, aber die Wissenschaft der Bürger gibt es für den, der sie bemerken will, längst. Sie ist manchmal vielleicht tatsächlich ein bisschen überholt, aber keinesfalls durchweg und immer. Sie ist – das ist etwas anderes – oft in ihrem Anspruch und ihrer Reichweite bescheiden, hat relativ geringe theoretische Ambitionen und meidet sehr abstrakte und teure Gefilde, aber sie ist immer aktuell, lebensnah und bereit, disziplinäre Grenzen zu überschreiten. Diese bedeuten ihr wenig, denn hier gibt es keine Lehrstühle, Richtlinien, veniae legendi oder Dienstvorgesetzte. Es gibt noch nicht einmal Stellen. Auch der Minister hat nichts zu sagen; wie schön. Sie ist institutionenunabhängig, selbstorganisiert und hält auch den Aufwand, den sie treibt, in Grenzen. Sie ist nicht von minderer Qualität als professionelle Spitzenforschung, sondern nur bewusster auf das Elementare, Nahe, für die Menschen unmittelbar Relevante bezogen – eine Eigenschaft, die man auch als Gespür für Bodenhaftung positiv bewerten kann. Man kann es nicht überall in der Wissenschaft kopieren; aber davon lernen kann man schon.  

Das Versagen der Wissenschaftstheorie

Wenn es eine Hauptversagerin gibt, die unsere heutige quasi-automatische Identifikation von Wissenschaft mit der Profiwissenschaft zu verantworten hat, dann ist es maßgeblich mein Fach, die Wissenschaftstheorie. Doch mit Ausnahme von Paul Feyerabend, der sich letztlich durch Übertreibungen selbst den Wind aus den Segeln genommen hat, war das Lob der Zivilcourage nie ihr Ding (s.o.). Schneidewind wagt sich gar nicht erst an sie heran (3), denn sie kann ein gestrenger Scharfrichter sein. Er macht völlig zu Recht etwas anderes: Er hält eine Philippika gegen den Verlust der Bodenhaftung in großen Teilen der professionellen, institutionalisierten Wissenschaft, die den Laien zu Unrecht für einen dummen Menschen hält, die Beschränkung auf das Elementare und Nahe für Schwäche und die Zivilgesellschaft für inkompetent, in die Wissenschaft hineinreden zu wollen. Eine Bürgeruniversität zu fordern ist richtig und dennoch falsch zugleich, denn es lässt den notwendigen Zwischenschritt aus: die Bürgerwissenschaft.

Die durchs Internet aufpolierte Version der Citizen Science birgt die Gefahr, das Original fortgesetzt zu ignorieren

Deren durchs Internet aufpolierte neue Version sorgt zurzeit als Import aus den angelsächsischen Ländern – vor allem den USA – unter dem Namen Citizen Science bei uns für etwas Wirbel. Die wirkliche Gefahr besteht aber nur darin, das noch immer lebendige Original, dessen Vereinigungen und Salons heute oft Nachfolger in Bürgerinitiativen und Netzwerken auf vielen weiteren sozialen und kulturellen Problemfeldern gefunden haben, fortgesetzt zu ignorieren. Dabei könnte der Weckruf der Aufklärung „sapere aude!“, von Kant selbst prophetisch mit „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ übersetzt, heute wie eine Aufforderung an die Laien wirken, das Heft des Wissens und Handelns nicht ganz den Profis und angeblichen Experten zu überlassen, sondern es unabhängig von deren institutioneller Macht selbst in die Hand zu nehmen.

Der Medienhype zu Citizen Science, der der Zivilgesellschaft nützen soll, könnte ihr schaden, weil diejenigen, die die nichtprofessionelle und nichtinstitutionalisierte Wissenschaft immer unterschätzt, nie wahrgenommen oder gefördert haben, sich jetzt auf einmal wie ein aufgeschreckter Hühnerhaufen daran machen, auch sie noch organisieren, verwalten und institutionalisieren zu wollen, wo doch die sanierende Botschaft im genauen Gegenteil liegen müsste: im Abbau der Überorganisation, der Reglementierungen, der Macht der Institutionen. Nicht Citizen Science ist der Patient, dem die Ärzte von Professional Science helfen müssten, sondern es ist exakt umgekehrt.

Deshalb Philippika gegen Philippika: Ich muss etwas kritisieren, um ihm aufzuhelfen. Schneidewind ist fast auf der richtigen Fährte. Er verdient jede Unterstützung. Man muss ihm deshalb raten, seine Scheuklappen abzunehmen, sein Gesichtsfeld zu weiten und nicht nur die Profiwissenschaft, sondern Wissenschaft insgesamt neu zu denken. Keine Angst dabei vor der Wissenschaftstheorie, die hat selbst ihre Fehler zu verantworten. Erst dann ist sein Vorschlag einer Bürgeruniversität konsequent und erst dann wird er uneingeschränkt viele Mitstreiter finden. Allerdings auch neue Gegner; so ist das in der Wissenschaft. Aber das weiß er ja und hält es aus.

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1) U. Schneidewind, Plädoyer für eine Bürgeruniversität. DUZ 8 (2013), 30-31.
2) U. Schneidewind/M. Singer-Bodrowski, Transformative Wissenschaft. Klimawandel im deutschen Wissenschafts- und Hochschulsystem. Marburg 2013: Metropolis.
3) Er zitiert lediglich H. Nowotny mit ihrer auf Transdisziplinarität setzenden „Modus-2-Wissenschaft“.

 

Dieser Beitrag ist in gekürzter Fassung


Autor

Foto: Mario Brand

Prof. Dr. Peter Finke

Peter Finke (geb.1942) ist Sprecher der naturforschenden Vereinigungen in Mitteleuropa, Mitgründer und Vorstandsmitglied der Vereinigung für ökologische Ökonomik und Begründer eines internationalen Netzwerks gegen die Urwaldvernichtung in Südostasien.
Als Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld (1982 – 2006), für Kulturökologie an der Privatuniversität Witten-Herdecke (1995 – 1998) und bei vielen Gastverpflichtungen an in- und ausländischen Universitäten (bis heute) hat er häufig die Übergriffe von Politik, Wirtschaft und Verwaltung auf die Wissenschaft kritisiert.
Studium in Göttingen, Heidelberg und Oxford (St. Catherine’s College). Promotion 1977 Göttingen, Habilitation 1979 Bielefeld, Ehrendoktor 2004 Debrecen/Ungarn. Vorzeitiger freiwilliger Rückzug von seiner Lehrtätigkeit 2006 aus Protest gegen die politisch verordnete Umstrukturierung der Universitäten.
Im März 2014 erschien sein Buch: „Citizen Science: Das unterschätzte Wissen der Laien“ im Oekom-Verlag, München.
E-Mail: peter.finke@t-online.de


URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2014/01/der-inkonsequente-reformer/219

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 01/14

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