Psychologie „Mit mehr Leichtigkeit“

Wer verspielt ist, kann sich leichter für neue Erfahrungen öffnen und den alltäglichen Herausforderungen stressfreier begegnen. Das sagt Dr. René Proyer, Professor für Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Halle.

von Veronika Renkes

duz: Herr Dr. Proyer, Sie forschen über die Verspieltheit von Erwachsenen und deren individuelle Varianten – warum?

Proyer: Ich versuche, die unterschiedlichen Persönlichkeitsausprägungen von Menschen zu verstehen. Mich interessiert Verspieltheit als Persönlichkeitsmerkmal. Es gibt zwar viel Literatur zur Verspieltheit im Kindesalter, aber kaum über die von Erwachsenen – und somit auch wenige Erkenntnisse über die Struktur von Verspieltheit im Erwachsenenalter und wofür sie genutzt werden kann.

duz: Ist denn Verspieltheit bei Erwachsenen anders ausgeprägt als bei Kindern?

Proyer: Zum Teil ja. Die Persönlichkeitseigenschaft „Verspieltheit“ ist gekennzeichnet von einer Disposition zum Spielen, die steuert, wie gerne und häufig man sich spielerisch verhält. Typisch für Erwachsene ist die Verspieltheit im Bereich der romantischen Beziehungen und die im intellektuellen Bereich. Von Erwachsenen wissen wir, dass Verspieltheit mit der Zufriedenheit in romantischen Beziehungen zusammenhängt, zum Beispiel mit der Sexualität in der Beziehung, und dass sie auch einen Beitrag zum Problemlösen bei schwierigen Aufgaben oder Situationen am Arbeitsplatz bieten kann. Bei Erwachsenen scheint also das Spektrum von verspieltem Verhalten auch etwas breiter zu sein als beim Spiel eines Kindes.

„Improvisation ist eine Art von unbeschwerter Verspieltheit.“

duz: Was sind die zentralen Erkenntnisse aus Ihrer Forschung?

Proyer: Man kann eine Struktur erkennen und ein Strukturmodell für Verspieltheit entwerfen. So gibt es vier Arten der Verspieltheit im Erwachsenenalter: die auf andere ausgerichtete, die unbeschwerte, die intellektuelle und die extravagante Verspieltheit (siehe Infokasten). Verspieltheit scheint ein gut beobachtbares und alltagsrelevantes Merkmal zu sein. Es ist möglich, verspieltes Verhalten vorherzusagen, und das gemessene Merkmal kann man auch an tatsächlichem Verhalten erkennen. Interessant wird es sein, zu untersuchen, welche Rolle Verspieltheit auf innovatives Verhalten am Arbeitsplatz und die Produktivität haben kann oder in romantischen Beziehungen einnimmt.

duz: Kann Verspieltheit Einfluss auf Beruf und Karriere nehmen?

Proyer: Dies muss noch weiter untersucht werden – also zum Beispiel die Frage, wie die auf andere ausgerichtete Art der Verspieltheit im Umgang mit Arbeitskollegen, in der Teamarbeit oder bei Problemlösungen angewendet wird. Unbeschwerte Verspieltheit äußert sich beispielsweise darin, gerne zu improvisieren. Das kann sich auf verschiedenen Ebenen zeigen, Dinge auf sich zukommen zu lassen. Oder denken Sie etwa an Wissenschaftler, die ihre Lehre gut vorbereiten und die trotzdem in ihren Lehrveranstaltungen auch improvisieren, um mit ihrem Lehrtempo und den zu vermittelnden Inhalten auf die Studierenden adäquat reagieren zu können. Oder bei der intellektuellen Art der Verspieltheit, bei der man die Komplexität lieber mag als Einfachheit, Probleme gerne aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und neue Analysemethoden ausprobiert. Hier wäre zum Beispiel interessant, herauszufinden: Wie flexibel und wie produktiv sind diese Menschen am Arbeitsplatz und welche Verhaltensweisen sind möglich? Und nicht zuletzt die extravagante Art der Verspieltheit, die sich im Arbeitsalltag am wenigsten direkt auszuwirken scheint. Das betrifft Menschen, die sich gerne mit ungewöhnlichen, ein bisschen seltsamen oder skurrilen Themen beschäftigen; die Beobachtungen machen, die anderen gar nicht auffallen oder über die sie sich keine Gedanken machen würden. Also Leute, die vielleicht auch einen schrägeren Sinn für Humor haben. Alle vier Varianten der Verspieltheit haben etwas mit unserem Arbeitsalltag zu tun und zeigen dort ihre Auswirkungen.

„Verspielte scheinen über eine höhere kognitive Flexibilität zu verfügen“

duz: Kennen Sie Beispiele, wo Verspieltheit positiv genutzt wurde?

Proyer: Ich habe die Studie „Being playful and smart?“ durchgeführt, bei der ich zeigen konnte, dass verspielte Studierende bei einer schriftlichen Prüfung bessere Noten erzielt haben. Meine aktuelle Hypothese ist, dass dies entweder an der speziellen Vorbereitung liegt, das heißt, dass es den Studierenden gelungen sein könnte, sich den Prüfungsstoff interessanter aufzubereiten oder die Vorbereitungsphase attraktiver zu gestalten. Oder alternativ: Dass die Studierenden in der Prüfungssituation vielleicht weniger aufgeregt und gestresst waren. Für endgültige Ergebnisse sind weitere Studien erforderlich. Aber ich fand das schon ein erstaunliches Phänomen.

duz: Kann Verspieltheit Wissenschaftlern nutzen?

Proyer: Vor allem die intellektuelle Variante und die größere Flexibilität, die mit Verspieltheit einhergehen, sind für das Arbeiten als Wissenschaftler bedeutsam. Aber man muss zunächst einige Vorurteile aus dem Weg räumen. Eine weit verbreitete Meinung, auch unter Wissenschaftlern, ist: Die Verspielten seien albern, kindisch, unrealistisch und unzuverlässig. Meine Forschungsergebnisse bestätigen das nicht. Im Gegenteil. So geht es bei intellektuell verspielten Menschen überhaupt nicht ums Rumalbern, sondern darum, andere und neue Sichtweisen zuzulassen und vielfältige Lösungen zu finden. Verspielte scheinen über eine höhere kognitive Flexibilität zu verfügen, die es ihnen ermöglicht, sich leicht auf unterschiedliche Themen einzulassen. Ihre Vorliebe für Komplexität und komplexe Fragestellungen ist gerade in der Wissenschaft von Vorteil. Das heißt aber nicht, dass alle Wissenschaftler verspielt sein müssen, um ihren Beruf gut ausfüllen zu können.

duz: Was ist der Unterschied zwischen Verspieltheit und Kreativität?

Proyer: Verspieltheit ist ein Persönlichkeitsmerkmal und umfasst mehr Merkmale als die Kreativität. Zwar sind Verspielte häufig auch kreativ. Es ist aber nicht so, dass jeder Verspielte automatisch kreativ ist oder jeder Kreative verspielt sein muss.

„Verspielte scheinen flexibler mit geänderten Umständen umgehen zu können“

duz: Können verspielte Menschen besser mit den sich schnell ändernden Anforderungen unseres Arbeitslebens umgehen?

Proyer: Dazu haben wir noch keine empirischen Daten. Aber wir haben in einer Studie die Reaktion von Probanden auf zwei unterschiedliche Arbeitsplätze untersucht. Der eine war total chaotisch und unordentlich, der andere sehr aufgeräumt, strukturiert und geordnet. Wir haben die Probanden damit konfrontiert, welchen dieser Arbeitsplätze sie bevorzugen und welchen sie ablehnen würden. Die Verspielten konnten sich vorstellen, an beiderlei Arbeitsplätzen zu arbeiten, während für die Nicht-Verspielten nur die Option ordentlicher Arbeitsplatz infrage kam. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass Verspielte flexibler mit geänderten Umweltbedingungen umgehen können.

duz: Kann man denn Verspieltheit lernen?

Proyer: Das wird die zukünftige Forschung zeigen. Man kann gewisse Strategien lernen, um seinen Alltag verspielter zu gestalten. So gibt es in der Humorforschung, zu der auch die Forschung über Verspieltheit gehört, einige Studien zu Humortrainings. Diese Trainings haben stark verspielte, spielerische Anteile und geben Hinweise darauf, dass es uns gelingen könnte, Verspieltheit zu erlernen. Mir ist aber kein spezielles Verspieltheitstrainingsprogramm bekannt.

Das Interview führte Veronika Renkes, Bildungsjournalistin in Berlin.


INFOKASTEN

Die Studie

Verspieltheit im Erwachsenenalter ist ein bislang wenig erforschtes Persönlichkeitsmerkmal. Der Psychologe Prof. Dr. René Proyer hat es in einer Studie erforscht.

1. vier Arten
Der Wissenschaftler unterscheidet folgende Arten der Verspieltheit von Erwachsenen: die auf andere ausgerichtete, die unbeschwerte, die intellektuelle und die extravagante Verspieltheit.

2. relevant im Alltag
Selbsteinschätzungen und Beurteilungen von Freunden und Bekannten bezüglich der Verspieltheit stimmen gut überein — Verspieltheit scheint ein gut be­obachtbares und alltagsrelevantes Merkmal zu sein, hat der Wissenschaftler herausgefunden.

3. vorhersehbar
Die vorliegende Studie zeigt auch, dass es anhand der Selbsteinschätzungen in einem Fragebogen gelingt, verspieltes Verhalten vorherzusagen, und dass das gemessene Merkmal mit dem tatsächlichen Verhalten einhergeht.

4. Grundlage geschaffen
Durch die Studie wurde die Grundlage für weitere Forschungsbemühungen gelegt, beispielsweise zu innovativem Verhalten am Arbeitsplatz, Produktivität oder der Rolle der Verspieltheit in romantischen Beziehungen.

Internet: www.sciencedirect.com/science/ article/pii/S0191886916311886


URL:
http://www.duz.de//duz-karriere/2017/02/mit-mehr-leichtigkeit/419

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Karriere Letter 02/17

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