Arbeitspsychologie Zynismus schadet der Karriere

Wissenschaftler des Instituts für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität Köln geben Antworten auf die Frage, wie sich Zynismus auf den Geldbeutel und den beruflichen Erfolg auswirkt.

von Veronika Renkes

Zyniker machen es sich und anderen nicht leicht. Ihre sozialen Beziehungen sind meistens weniger intakt als die von Idealisten. Auch um ihre Gesundheit ist es häufig schlechter bestellt. Dr. Olga Stavrova und Dr. Daniel Ehlebracht vom Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität Köln kennen einen weiteren Grund, warum zynische Menschen ihre Einstellung überdenken sollten: Am Ende des Monats landet auf ihren Konten weniger Geld als bei Idealisten. Und sie haben auf jeden Fall das Nachsehen beim beruflichen Aufstieg. Das belegen die beiden Wissenschaftler mit einer Studie, deren Ergebnisse im Journal of Personality and Social Psychology erschienen sind.

Zyniker überschätzen die Gefahr, hintergangen zu werden, und verpassen dadurch wertvolle Chancen, wie zum Beispiel gewinnbringend mit anderen zu kooperieren und so gemeinsam ihre Ziele zu erreichen. „Unsere Studie zeigt, dass ein zynisches Menschenbild zu einem geringeren Durchschnittseinkommen und einer flacheren Einkommens­entwicklung führt als ein idealistisches Menschenbild“, sagt Daniel Ehlebracht. Olga Stavrova fügt hinzu: „Für Zyniker wiegen die Kosten verpasster Kooperation finanziell tatsächlich schwerer als der Schutz vor vermeintlicher Ausbeutung.“

"Zynismus führt zu Rückzug"

Wie sich das auf das soziale Miteinander zum Beispiel unter Kollegen auswirken kann, erklären die Sozialpsychologen Dr. Olga Stavrova und Dr. Daniel Ehlebracht im Interview:

duz: Herr Ehlebracht, Frau Stavrova: Sie haben in fünf verschiedenen Studien untersucht, ob eine zynische Einstellung anderen Menschen gegenüber auch einen Einfluss auf das Einkommen haben kann. Warum?

Stavrova: Während die negativen psychologischen und gesundheitlichen Konsequenzen von Zynismus bereits in vielen Studien dargelegt wurden, scheinen viele Menschen immer noch den Irrglauben zu hegen, dass Zyniker wirtschaftlich erfolgreich sind. Wir konnten zeigen, dass zynische Einstellungen gegenüber anderen Menschen keine Grundlage wirtschaftlichen Erfolgs, sondern vielmehr ein Hindernis sind. Zynismus führt zu sozialem Rückzug und verpassten Gelegenheiten, welche sich über die Zeit auch im Geldbeutel negativ bemerkbar machen. Kooperationsbereitschaft und gegenseitiges Vertrauen sind in den allermeisten Kontexten zwingende Voraussetzungen für nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg.

duz: Was sagt eine zynische Einstellung gegenüber anderen Menschen über die Persönlichkeit eines Zynikers aus?

Ehlebracht: Zyniker neigen zu Pessimismus, sie sind oftmals neurotische, verletzte und verletzliche Menschen. Es gelingt ihnen nicht, zu erkennen, dass die allermeisten Menschen tatsächlich vertrauenswürdig und integer sind und bei Weitem nicht jede Gelegenheit nutzen, rücksichtslos ihre eigenen Interessen zu vertreten. Sie stellen andere unter Generalverdacht und ziehen es vor, niemandem zu vertrauen und mit niemandem zu kooperieren.

duz: Woran erkennt man einen Zyniker?

Stavrova: Bislang noch unveröffentlichte Ergebnisse unserer neuesten Studie zeigen, dass Zyniker als weniger „warm“ wahrgenommen werden, da sie in Texten zum Beispiel öfter das Wort „ich“ als „wir“ und grundsätzlich weniger sozial­orientierte Wörter benutzen wie sprechen oder teilen. In einer anderen Studie wurden Videos der Reaktionen von Zynikern auf ärgerliche Ereignisse aufgenommen. Dabei wurde festgestellt, dass zynische Teilnehmer eher dazu neigten, Verachtung zu zeigen, als weniger zynische.

duz: Welche möglichen Effekte könnte solch eine Einstellung auf das eigene Engagement am Arbeitsplatz haben? Welche Effekte zeigen sich meist und sind kaum vermeidbar?

Stavrova: Studien zeigen, dass Zyniker weniger Organizational Citizenship Behavior zeigen, das heißt weniger Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber, weniger Hilfsbereitschaft gegenüber den Kollegen, weniger Extra-role Behavior, beispielsweise für das Organisieren von Betriebsfeiern, sowie weniger Commitment zur Organisation.

duz: Sie haben in Ihren Studien in Deutschland und den USA unter anderem herausgefunden, dass Zynismus einen negativen Effekt auf die Entwicklung des Einkommens hat. Warum ist das so und was impliziert das gegebenenfalls dann auch bezüglich der eigenen Karriereentwicklung?

Ehlebracht: Unsere Studien liefern Hinweise darauf, dass vor allem der mit Zynismus einhergehende soziale Rückzug zu einer vergleichsweise schlechten Entwicklung des Einkommens führen kann. Zyniker vermeiden Teamarbeit, weigern sich, anderen einen Vertrauensvorschuss zu geben, und versuchen aufwendig, sich gegen soziale Risiken abzusichern, zum Beispiel indem sie informelle Vereinbarungen ablehnen oder versuchen, andere laufend zu kontrollieren. Zyniker sind daher entweder auf sich allein gestellt und verpassen somit gewinnbringende Kooperationsmöglichkeiten oder wenden Kontrollkosten auf, welche in aller Regel vermeidbar wären. Bezüglich der Karriereentwicklung würden wir auf Grundlage unserer Forschungsergebnisse den meisten Menschen raten, offen gegenüber Kooperationsmöglichkeiten zu sein und anderen im Zweifelsfall lieber zu vertrauen als zu misstrauen. Dies kann vereinzelt natürlich zu bösen Überraschungen führen, von welchen man sich jedoch nicht entmutigen lassen sollte. Wer anderen Menschen aus Prinzip misstraut, der wird leider auch nie erfahren, dass die meisten Menschen eigentlich gar nicht so böse und unmoralisch sind.

duz: Wie entsteht Zynismus überhaupt? Und ist es eine Verhaltensweise, die gerade in der Wissenschaft oft vorkommt?

Stavrova: Die Ergebnisse mehrerer bislang unveröffentlichter Studien legen nahe, dass Zynismus im Zusammenhang mit geringer Bildung und negativen sozialen Erfahrungen steht. Auch ein Gefühl mangelnder Kontrolle und Selbstbestimmung kann zu zynischen Einstellungen führen. Es gibt sicherlich auch unter Wissenschaftlern einige Zyniker – jedoch vergleichsweise weniger als in ungebildeten Schichten.

duz: Ein Befund aus Ihren Studien lautet: „Wer gegenüber der menschlichen Natur zynisch eingestellt ist, wird in der Folge weniger Vertrauen in Menschen haben und somit vergleichsweise viele lukrative Kooperationen verpassen. Außerdem ist anzunehmen, dass zynisch eingestellte Menschen auch weniger um Hilfe fragen, was sich wiederum negativ auf das eigene berufliche Fortkommen auswirken kann“ – gilt das auch für den Arbeitsbereich Hochschule und Forschung?

Ehlebracht: Man würde vermuten, dass Zynismus sich besonders in der Wissenschaft negativ auf den Karriereerfolg auswirkt. Hierzu sollte man sich allein vor Augen führen, wie wenige der in den renommiertesten Top-Journals erscheinenden Artikel Einzelautorschaften sind. Das Sinnbild des einsam agierenden Wissenschaftlers entspricht in keiner Weise der Realität. Ohne den Willen zur Kooperation und ohne gegenseitiges Vertrauen sind die meisten Forschungsvorhaben undenkbar oder zum Scheitern verurteilt.

duz: Schadet Zynismus der Karriere – wenn ja, warum und wie?

Stavrova: Zyniker verpassen aus vermeintlichem Selbstschutz gewinnbringende Kooperationsmöglichkeiten. Dadurch sind sie nicht in der Lage, mit vereinten Kräften mehr zu erreichen. Darüber hinaus investieren sie häufig in die Kontrolle und Überwachung anderer, obwohl ein wenig Vertrauen und Zuversicht meistens angebrachter wäre.

Zynische Chefs vergiften das Klima in einer Organisation von oben herab

duz: Ist eine gute Portion Zynismus gegebenenfalls sogar für eine Karriere als Führungskraft förderlich? Wenn ja, warum?

Ehlebracht: Gerade bei Führungskräften sind vertrauensvolle Netzwerke und belastbare Allianzen für den Erfolg entscheidend. Zudem hat der Führungsstil auch Auswirkungen auf die gesamte Unternehmenskultur. Ein vertrauensvoller und idealistischer Chef kann seine Mitarbeiter durch sein Vorbild ebenfalls zu mehr Vertrauen und wechselseitiger Kooperation ermutigen.

duz: Gibt es Beispiele für Biografien von Personen, die aufgrund ihres Zynismus gescheitert sind oder gerade deshalb Karriere gemacht haben?

Ehlebracht: Erfolgreiche Zyniker gibt es vermutlich weniger, als uns Filme wie „The Wolf of Wall Street“ glauben lassen wollen.

duz: Wie schädlich sind Zyniker als Chefs? Was können sie anrichten oder aber im Positiven bewirken, wie zum Beispiel ihr Team dadurch anspornen?

Stavrova: Es besteht die Gefahr, dass Zyniker in der Führungsetage das Klima eines Unternehmens oder einer Organisation von oben herab vergiften. Darüber hinaus kann zynisches Misstrauen und die damit oftmals verbundene Kontrolle und Überwachung der Mitarbeiter von oben herab deren Motivation nachhaltig untergraben.

duz: Was können Arbeitgeber – insbesondere auch im Wissenschaftsbereich – tun, wenn sie Zyniker in der Belegschaft haben?

Stavrova: Zyniker sollten einerseits positiven sozialen Erfahrungen ausgesetzt werden, beispielsweise selber einen Vertrauensvorschuss erhalten. Andererseits sollte man ihnen die Augen öffnen, dass die meisten Menschen wirklich ehrlich und fair sind – man unterschätzt, wie viele verlorene Geldbörsen jeden Tag unversehrt und mit vollständigem Inhalt in Fundbüros abgegeben werden.

duz: Was kann der Einzelne tun, dass sein Zynismus nicht die eigene Karriere und den eigenen Erfolg behindert?

Ehrlebracht: Jeden Tag aufs Neue seine zynischen Einstellungen infrage stellen. Mit kleinen Vertrauensgesten beginnen und lernen, dass diesem Vertrauen in den allermeisten Fällen mit Ehrlichkeit begegnet wird. Anderen Menschen die Chance geben, sich von ihrer besten Seite zu zeigen, und sie nicht aus vermeintlichem Selbstschutz vorverurteilen.

Das Interview führte Veronika Renkes.


INTERVIEW

Die Autoren der Studie

Dr. Daniel Ehlebracht ist Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialpsychologie der Universität Köln

 

 

 

 

 

 

Dr. Olga Stavrova wechselte vom Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialpsychologie der Universität Köln als Assistenzprofessorin an die niederländischen Universität Tilburg.



INFOKASTEN

Die Studie

Die Ergebnisse aus den insgesamt fünf empirischen Längs- und Querschnitts-Studien von Dr. Olga Stavrova (Universität Tilburg, vormals Universität zu Köln) und Dr. Daniel Ehlebracht (Universität zu Köln) mit repräsentativen Daten aus Deutschland, den USA und 40 weiteren Ländern zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen Zynismus und finanziellen Einbußen.

  • Ein zynisches Menschenbild führt zu einem geringeren Durchschnittseinkommen und einer flacheren Einkommensentwicklung.
  • Für Zyniker wiegen die Kosten verpasster Kooperation finanziell schwerer als der Schutz vor vermeintlicher Ausbeutung.
  • Zyniker verpassen durch ihr generalisiertes Misstrauen gegenüber anderen Menschen wertvolle Kooperationsmöglichkeiten.
  • Zyniker nehmen unnötige Kosten für die Kontrolle und Überwachung anderer auf sich.
  • Idealisten sind im Geschäftsleben die realistischeren Menschen. Ihre finanzielle Besserstellung beträgt laut der Studie immerhin bis zu 1000 Euro im Monat.
  • Der Ländervergleich mit Stichproben aus 41 Ländern zeigt, dass Zynismus vor allem dann dem individuellen Wohlstand schadet, wenn das allgemeine soziale Klima eines Landes freundlich ist. Wo das soziale Klima hingegen durch ein vergleichsweise hohes Maß an Kriminalität und Egoismus geprägt ist, lassen sich keine so deutlichen Nachteile für Zyniker erkennen.

Download: www.apa.org/pubs/journals/releases/psp-pspp0000050.pdf


URL:
http://www.duz.de//duz-karriere/2016/09/zynismus-schadet-der-karriere/403

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Karriere Letter 09/16

Bei Veröffentlichungs- und nicht-privaten Nutzungsvorhaben wenden Sie sich an Please enable Javascript.

duz Special

Gerade erschienen:

Auf dem Weg zur Europäischen Universitiät

zur Info

duz SPECIAL der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
___________
duz SPECIAL:
wissenschaftsrelevantes
Corporate Publishing