In der Türkei wird die Bildungspolitik in den kommenden Monaten stärker im Fokus stehen. Das hat sich die islamisch-konservative Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) nach dem Sieg bei den Parlamentswahlen im Juni auf die Fahnen geschrieben.
von Benjamin Weber
Istanbul Ministerpräsident Tayyip Recep Erdoğan kündigte an, im Rahmen einer neuen Verfassung auch das Hochschulsystem zu verändern. Der Unterstützung der Opposition kann er sich relativ sicher sein, denn das türkische Hochschulwesen gilt parteiübergreifend als unmodern.
Wie genau die Reformen aussehen sollen, verriet Erdoğan nicht. Aber der Verweis auf die Verfassung zeigt den Weg. Dreh- und Angelpunkt von Veränderungen dürfte der umstrittene Türkische Hochschulrat (YÖK) sein. Als oberstes Organ des Hochschulsystems ist er eine mächtige Instanz. Die Hochschulen können nur wenig selbst entscheiden. Das Problem: Um das zu ändern, muss die Verfassung geändert werden. Denn nach dem letzten Militärputsch von 1981 wurde der YÖK dort als zentrale Institution verankert, um die Universitäten zu kontrollieren und zu entpolitisieren. Die starke Entwicklung der linkspolitischen Bewegung in der Türkei der späten siebziger Jahre wurde auch auf die Universitäten zurückgeführt. Damit verloren die Hochschulen ihre 1961 zugestandene Autonomie.
Die 22 Mitglieder des YÖK werden von der Regierung und dem Präsidenten eingesetzt. Die Entscheidungen des Gremiums bedürfen keiner Zustimmung des Parlaments. Der Hochschulrat kann tun und lassen, was er will. Und das ist viel. Er entscheidet über die Personalfragen der Universitäten, ist zuständig für Promotionen, Weiterbildungen, Versetzungen, Disziplinarfragen und Berufungen. Soll ein neuer Rektor eingesetzt werden, wählt der YÖK aus sechs Vorschlägen drei Kandidaten aus, von denen einer schließlich vom Staatspräsidenten eingesetzt wird. Jedes Gremium im Hochschulsystem untersteht dem YÖK, er allein entscheidet über Ausstattung der Universitäten oder die Vergabe von Studienplätzen.
Die Probleme innerhalb des türkischen Hochschulsektors werden als Folgen dieses zentralistischen Systems gesehen: Im aktuellen Shanghai-Ranking schaffen es nur zwei Unis unter die besten 500. Die Hochschulen bilden ihre Studenten an den Bedürfnissen von Gesellschaft und Wirtschaft vorbei aus. Das zeigt sich daran, dass sich zwar die Menge wissenschaftlicher Veröffentlichungen in den letzten 30 Jahren verachtfacht hat, aber nur fünf Patente pro tausend Publikationen angemeldet werden. Viel zu wenige Studierende promovieren. So fehlt es an gut ausgebildetem Uni-Personal. Die 165 Universitäten des Landes haben zu wenig Kapazität für die Menge der Schulabgänger, die studieren wollen. Der Zugang zum Studium ist durch einen zentralisierten Eingangstest (ÖSS) beschränkt, der im Human Development Report der Vereinten Nationen von 2008 wegen Chancenungleichheit kritisiert wurde. Für die zur Zeit 62 privaten Universitäten gibt es keine Begrenzungen von Studiengebühren. Nach wie vor müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen, dass auch der Geldbeutel über die Note entscheidet.
Staatspräsident Abdullah Gül ließ bereits kurz vor der Parlamentswahl über Twitter verlauten, der Hochschulrat müsse dringend reformiert werden. YÖK-Präsident Yusuf Ziya Özcan stimmte dem überraschenderweise zu: „Wenn der YÖK seinen aktuellen Status beibehält, wird das zur Zerstörung der Universitäten führen. Wir müssen uns zu einer liberalen Institution entwickeln, die die Universitäten handeln lässt.“ In seiner Rede auf der 22. Internationalen Hochschulkonferenz in Ankara Mitte Juni betonte er, wie wichtig die Öffnung der Universitäten in Richtung Europa sei.
Tatsächlich streben die türkischen Hochschulen nach Europa. 57 von ihnen sind bereits Mitglied der European University Association (EUA). In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) laufen die Planungen für die Deutsch-Türkische Universität in Istanbul auf Hochtouren. Die Türkei nimmt an den EU-Forschungsrahmenprogrammen teil, und nach den USA ist Deutschland der zweitwichtigste Kooperationspartner in der Forschung.
Wie ernst es YÖK-Präsident Özcan mit seinem Öffnungsplädoyer ist, bleibt abzuwarten. In der jüngeren Vergangenheit hat der Hochschulrat sich nicht gerade Freunde gemacht. Der Artuklu Universität im südöstlichen Mardin wurde untersagt, Bachelor-Studenten auf Kurdisch zu unterrichten, obwohl das in der Türkei erlaubt ist. Der letzte ÖSS-Eingangstest geriet zur Farce, weil ein Lösungscode vorab veröffentlicht wurde, doch der YÖK keinerlei Konsequenzen zog. Und auch die politisch hochbrisante Entscheidung, das Kopftuchverbot an Universitäten aufzuheben und die lange schwelende Diskussion somit im Sinne der Regierungspartei AKP zu beenden, traf im vergangenen Oktober der Hochschulrat. Die Rektorenkonferenz forderte daraufhin Özcans Rücktritt, der einigen Hochschulchefs wiederum mit strafrechtlicher Verfolgung drohte.
Kritischen Stimmen begegnet die Regierung mit Härte. Im vergangenen Jahr wurden drei Studentendemonstrationen gegen die türkische Hochschulpolitik mit Wasserwerfern niedergeschlagen. Im Mai wurden zehn Studenten nach friedlichen Protesten festgenommen. Ministerpräsident Erdogan diffamierte die Demonstranten als Extremisten.
Mehr Autonomie für die Hochschulen ist also ein brisantes innenpolitisches Thema. Die Notwendigkeit wird gesehen, aber die Angst davor ist groß.