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Geld oder Liebe?

Nach dem Brexit: Britische Universitäten suchen verstärkt nach europäischen Hochschulpartnern. Was steckt dahinter? Eine Einordnung von Dr. Jana Maria Kleibert

Während die Brexit -Verhandlungen um die künftigen Beziehungen zwischen EU und Großbritannien andauern, versuchen sich einige britische Universitäten einen festen Platz im europäischen Forschungsraum zu sichern. So kamen bereits im November 2018 die Leitungen der Berliner Universitäten und der Universität Oxford, zusammen, um die Wissenschaftskooperation Oxford/Berlin zu feiern. Die neue Kooperation wurde wesentlich getrieben von der Angst vor dem drohenden Abbruch der engen wissenschaftlichen Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien, vor einem Ende gemeinsamer Projekte und der fast grenzenlosen Mobilität von Forschenden und Studierenden.

Warum auch sollten britische und deutsche Hochschulen nicht nach Kräften kooperieren, um der drohenden Abkopplung durch den Brexit zu begegnen? Schließlich ist das im Interesse beider Seiten, zumal das Niveau der britischen Wissenschaft allgemein als hoch gilt, die Forschung häufig als hervorragend.

Eine Frage der Motivation 

Allerdings sollten potenzielle Partner in Deutschland die Motivationen und Strategien britischer Hochschulen gewissenhaft unter die Lupe nehmen, denn häufig ist deren Engagement durch bestimmte wirtschaftliche Interessenlagen getrieben. Vor allem englische Universitäten erhalten immer geringere staatliche Förderung und sind in hohem Maße auf Studiengebühren angewiesen, insbesondere von zahlungskräftigen ausländischen Studierenden, sowie auf Forschungsgelder, insbesondere vom Europäischen Forschungsrat. Der Brexit bringt ihnen erhebliche finanzielle Probleme, die sich durch die Corona-Pandemie noch verstärken.

Britischen Hochschulen ist also dringend daran gelegen, ihren Zugang zur EU-Forschungsförderung zu erhalten, weshalb sie sich bemühen, sich in „Continental Europe“ institutionell zu verankern. Besonders die forschungsstarken Universitäten in Deutschland, dem EU-Land, das das größte Volumen von EU-Forschungsgeldern einwirbt, scheinen geeignete Partner für diese Strategie zu sein. Nicht alle britischen Universitäten sind jedoch in der Lage, derartige Strategien zu verfolgen: Spitzenunis mit bestehenden internationalen Beziehungen setzen sich ab, während finanzschwächere Universitäten weiter abgehängt werden.

Britische Campusse in der EU

Eine andere Strategie britischer Hochschulen setzt auf Studiengebühren aus dem europäischen Ausland. Hierfür planen einige Universitäten Zweig-Campusse in der EU, die zahlungskräftigen internationalen Studierenden kostenpflichtige britische Hochschulabschlüsse anbieten sollen. Diese agieren allerdings in Konkurrenz zu den dortigen Hochschulen. Nicht immer sind aber Studierende in den jeweiligen europäischen Standortländern die Zielgruppe, sondern mitunter auch Bildungsmigranten aus anderen Teilen der Welt, von denen noch deutlich höhere Studiengebühren erhoben werden als von EU-Studierenden. In Leipzig zum Beispiel errichtet die Universität Lancaster derzeit eine Zweigstelle – nicht etwa gemeinsam mit der Universität Leipzig, sondern in Kooperation mit einem privatwirtschaftlichen, australischen Bildungsdienstleister. Laut Presseberichten soll sie Studierende aus Drittländern wie Indien nach Deutschland locken.

Darin drückt sich ein Dilemma aus: Im kolonial geprägten Selbstverständnis britischer Institutionen ist Indien ein wichtiger Absatzmarkt für Bildungsdienstleistungen, der hohe Einnahmen verspricht. Zugleich wird die Einwanderung von Studierenden im von zunehmender Abschottung geprägten politischen Klima Großbritanniens kritisch betrachtet. Durch den Leipziger Campus soll das traditionelle Modell unter veränderten Umständen am Leben gehalten werden. Dies drückt sich auch in den Studiengebühren am Leipziger Standort der britischen Universität aus, die mit 27.000 Euro für Studierende aus der EU und satten 45.000 Euro für Studierende außerhalb der EU für ein dreijähriges Bachelorstudium zu Buche schlagen. Ob diese Bildungsangebote, in Konkurrenz zu ansässigen Institutionen wie der Universität Leipzig entwickelt, tatsächlich auf Interesse der Studierenden stoßen, bleibt selbstverständlich abzuwarten.

Die Verantwortlichen in deutschen Hochschulen und der deutschen Bildungspolitik, sollten sich also darüber klar werden, welche Markt- und Wettbewerbslogiken hinter dem plötzlich angefachten Investitions- und Kooperationsinteresse der Nachbarn stecken und somit auch Einzug in die deutsche Hochschulbildung und Forschungslandschaft halten können.

Netzwerke müssen geschützt werden

Zweifellos gibt es gemeinsame Interessen deutscher und britischer Hochschulen nach dem Brexit. Die Netzwerke zwischen ihnen müssen geschützt und entwickelt werden. Doch der brutale Wettbewerbsdruck, der die britische Hochschullandschaft in der Krise noch mehr denn je in Gewinner und Verlierer spaltet, scheint sich nun im Rennen deutscher Universitätsstädte um „ihre“ britische Spitzenuni zu spiegeln. Während Berlin sich mit Oxford schmückt, verkündet die TU München eine Allianz mit dem Imperial College London.

Bevor also allzu viel Freude über Deutschlands neuerliche Rolle als Krisengewinner die Urteilskraft trübt, wäre eine kühle Analyse angeraten, welche Interessen auf beiden Seiten wirklich dahinter stecken: Was versprechen sich die britischen Partner, was der Bund, die Länder und die deutschen Hochschulen davon? Und welche Arten von Kooperationsprojekten versprechen hier nachhaltigen Erfolg?

Was sich aus der Perspektive deutscher Hochschulen sagen lässt, ist, dass eine Kooperation nicht ohne eine gute strategische Fundierung eingegangen werden sollte. Beispielsweise sollten Projekte über die Universitätsleitung hinaus breite Unterstützung genießen und nicht, wie es oft geschieht, nur top-down vorangetrieben werden. Sie sollten sich nicht auf isolierte finanzielle oder reputationsbezogene Effekte konzentrieren, sondern entlang mehrerer Dimensionen für die Hochschule Vorteile bieten, beispielsweise auch für die Studierenden. Die anfangs genannte Oxford/Berlin Wissenschaftskooperation ist in mancherlei Hinsicht ein gutes Beispiel. Sie verfügt über ein eigenes Budget und ist in der Lage eigene Teil-Kooperationsprojekte zu entwickeln. Auch sie scheint jedoch auf britischer Seite vor allem als juristischer Kniff entwickelt worden zu sein, um Forschenden der Universitäten aus dem Vereinigten Königreich den Zugang zu Forschungsgeldern des Europäischen Forschungsrats zu gewähren.

ZUR PERSON

Dr. Jana Maria Kleibert ist Leiterin der Nachwuchsgruppe „Constructing Transnational Spaces of Higher Education“ (TRANSEDU) am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Erkner.
Foto: Ljilja Suvajdžić

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