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„Den Bürgern zuhören“

Die Robert Bosch Stiftung brachte Hochschulen, Bürger und Forschende miteinander ins Gespräch. Wie der Dialog geklappt hat, erklärt Projektmanagerin Isabella Kessel

Der Wissenschaftsbereich der Robert Bosch Stiftung beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit Wissenschaftskommunikation. Wieso sollen Forschende Wissenschaftskommunikation betreiben?

Wir beobachten in den letzten Jahren nicht nur in Deutschland die Zunahme populistischer Denkweisen und einen Riss, der durch die Gesellschaft geht. Viele Menschen lassen sich von Fake News und Verschwörungsmythen überzeugen, anstatt sich von evidenzbasierten, gesicherten Informationen leiten zu lassen. Wir sehen die Wissenschaft in der Verantwortung, dieser Entwicklung entgegenzuwirken, Vertrauen in die Wissenschaft zu stärken und neben Forschungsergebnissen und deren Nutzen und Risiken auch über die Werte von Wissenschaft und ihre Methoden zu kommunizieren.

Die Robert Bosch Stiftung hat je eine Dialogveranstaltung „Mensch Wissenschaft!“ mit Wissenschaftlern und Bürgern in Essen und Stuttgart veranstaltet. Ziel war es, einen gleichberechtigten Austausch herzustellen. Ist das gelungen?

In den letzten 20 Jahren hat die Wissenschaftskommunikation vor allem wissenschaftsaffine Menschen erreicht. Wir glauben, dass es Ziel der Wissenschaftskommunikation sein muss, Menschen zu erreichen, die keine oder sehr wenig Berührung mit Wissenschaft haben. Der Austausch muss viel stärker in beide Richtungen ablaufen, im Dialog, der ernst gemeint und transparent gestaltet ist. Die Rückmeldung der vielen Teilnehmenden beider Gruppen war eindeutig: 84 Prozent der Wissenschaftler und 85 Prozent der Bürger konnten sich gleichberechtigt in die Diskussionen einbringen.

Wie sind Sie vorgegangen?

Wir versuchten bei der Veranstaltung, jegliche Hierarchien und Vorbehalte so gut wie möglich aus dem Weg zu räumen, um für unbefangene Gespräche Platz zu machen. Zum Beispiel trugen die Namensschilder keine akademischen ­Titel. Keiner wusste, wer ist Bürger, wer Wissenschaftler. Wir luden wesentlich mehr Bürger ein als Wissenschaftler, um denen, die es nicht unbedingt gewöhnt sind, vor anderen zu sprechen, mehr Raum zu bieten. Wir mischten die Diskussionsgruppen immer wieder durch und gaben immer neue Themen und Fragestellungen mit, um ein großes Spektrum an Beteiligung zu ermöglichen. Dennoch bleibt es eine Herausforderung, Wissenschaftler zum Zuhören und Bürger zum Mitreden zu bringen.

Welche Rahmenbedingungen sind für einen gelingenden Austausch wie diesen vonnöten?

Die richtige Ansprache der Teilnehmer und gute Kommunikation im Vorfeld über Sinn und Vorteile, den Ablauf der Veranstaltung und die Erwartungsklärung sind unabdingbar. Die meisten Wissenschaftler sind es gewöhnt, zu Veranstaltungen eingeladen zu werden, um auf dem Podium zu stehen. Ihnen wird normalerweise zugehört. Von Fachleuten und den Medien. In einer Dialogveranstaltung geht es aber ganz besonders darum, zuzuhören und Laienbeiträge ernst zu nehmen. Dazu hilft es sehr, wenn selbst komplexe Sachverhalte sehr einfach erklärt werden können.

Welche Herausforderungen beinhaltet die Organisation und Durchführung einer solchen Veranstaltung?

Das hängt natürlich ganz davon ab, wie aufwendig man die Organisation gestaltet. Ganz generell gilt die Regel: Gut geplant ist halb gewonnen. Genügend Zeit muss eingeplant werden und die entsprechende Man-Power. Wenn im Vorfeld viel und gut kommuniziert wird mit anderen Abteilungen im eigenen Haus und allen Teilnehmenden, ist schon viel gewonnen. Während der Durchführung empfiehlt es sich, flexibel zu bleiben, um spontan aufkommende Themen und Wünsche der Gruppe einbauen zu können. Wichtig sind nicht zuletzt die gut vorbereitete Dokumentation und Evaluation.

Was sind das für Bürgerinnen und Bürger, die sich mit den Wissenschaftlern austauschen möchten? Wie rekrutieren Hochschulen diese am besten?

Idealerweise sollten sehr unterschiedliche Teilnehmende für die Veranstaltung gewonnen werden. Eine möglichst ausgewogene Verteilung zwischen Alter, Geschlecht, Bildungsgrad und Migrationshintergrund beispielsweise bringen viele unterschiedliche Perspektiven an den Tisch und bereichern so die Diskussionen. Hochschulen sollten versuchen, Bekannte des Projektteams zu rekrutieren. Wir hatten auf diese Art in der Fokusgruppe des Projekts neben anderen eine Grundschullehrerin, eine Rentnerin, einen Käsethekenverkäufer und einen Zimmermann gefunden. Eine Alternative wäre, das Recruiting in der Fußgängerzone oder in Vereinen stattfinden zu lassen.

Welche Themen sind besonders gefragt?

Der Themenvielfalt sind keine Grenzen gesetzt. Vonseiten der Wissenschaft kamen derart viele Vorschläge für gesellschaftsrelevante Themen, dass wir viele davon gar nicht behandeln konnten. Und die Bürger waren den unterschiedlichsten Fragestellungen gegenüber extrem aufgeschlossen: Von Lobbyismus über Medien zu Verkehrsfragen und Ernährung wurde alles mit großem Interesse diskutiert.

Was können Wissenschaftler und Nicht-Wissenschaftler voneinander lernen?

Sehr viel, in der Tat! Wissenschaftler können erfahren, wie Laien (ihre) Forschung wahrnehmen, was auf Interesse stößt, welche Schwerpunkte Bürger sehen, wo Hürden im Dialog bestehen, was die Gründe für Verständnisprobleme und verzerrte Wahrnehmungen sind. Ganz besonders spannend finden viele Wissenschaftler, dass die Perspektive von Laien ihre Forschung bereichern kann. Die Wissenschaftler werden an ihre gesellschaftliche Verantwortung erinnert und erleben, dass es in ihrem Interesse ist, wenn möglichst viele gesellschaftliche Gruppen ein Grundverständnis von ihrer Arbeit haben. Die Bürger dagegen lernen, wie Wissenschaft funktioniert, welche Methoden sie anwendet, wie sie die Seriosität von Wissenschaft einschätzen können und wo sie verlässliche und verständliche Informationen zu Themen aus der Wissenschaft erhalten. Die Bürger entwickeln eine grundsätzlich positivere Einstellung zu Wissenschaft.

Weshalb und wie könnte Ihr Format „Mensch Wissenschaft!“ als Blaupause für andere Hochschulen dienen?

Wir sind der Ansicht, dass die Durchführung von Dialogveranstaltungen mit und für die Menschen in der Region einer Hochschule zur Öffnung und Profilbildung der Hochschule beiträgt und damit ihre Third Mission stärken kann. Sie kann sichtbarer und nahbarer werden, indem sie Menschen direkt einlädt. Die Broschüre ‚Wie Hochschulen Bürger und Wissenschaftler ins Gespräch bringen’, die auf unserer Homepage auch heruntergeladen werden kann, ist eine Art Werkzeugkasten, den Hochschulen zur Umsetzung der Veranstaltung hervorragend als Vorlage nutzen können. //

ZUR PERSON

Isabella Kessel ist Projektmanagerin und betreut bei der Robert Bosch Stiftung Projekte im Bereich Wissenschaft. Schwerpunkte liegen in der Wissenschaftskommunikation, dem Wissenschaftsjournalismus und im Science Engagement.

Foto: Robert Bosch Stiftung

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