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Ein Königreich für die chaosfreie Zulassung

Was in Deutschland Mitte Mai endlich im Testlauf gestartet werden konnte, klappt in England längst problemlos. Nicht umsonst empfahl der Wissenschaftsrat 2004 ein Zulassungssystem nach britischem Vorbild. Was ist daraus geworden?

Berlin/London Bei 100 Kilometern Höhe endet offiziell die Erdatmosphäre, das freie Weltall beginnt. Einen Turm dieser Höhe an gestapelten Bewerbungsunterlagen mussten die Hochschulen im Wintersemester bewältigen – wenn man davon ausgeht, dass sich jeder der gut 500.000 Studienanfänger an bis zu fünf Standorten bewarb. Derlei Metaphorik bemühte der Generalsekretär der Hochschulrektorenkonferenz, Dr. Thomas Kathöfer, am Jahresanfang bei der Bundestagsanhörung zum Zulassungschaos in Deutschland. Weil es für Mehrfachbewerbungen keinen Abgleich gibt und zugleich die Zahl von NC-Angeboten steigt, wächst der Frust. Mehrmals wurde der Start des dialogorientierten Serviceverfahrens (DOSV) wegen technischer Pannen verzögert. Bis Mitte Mai endlich der Pilotbetrieb mit einem guten Dutzend an Hochschulen gestartet werden konnte, vergingen Jahre. Deutschland ist blamiert. Zumal andere Länder zeigen, wie die Zulassung funktionieren kann.

Beispiel Großbritannien. Seit 20 Jahren werden dort Studienplätze in einem zentralen Verfahren vergeben. An den Zulassungsdienst UCAS (Universities and Colleges Admissions Service) sind fast alle staatlichen Hochschulen angebunden. Das System klappt dort derart gut, dass es der Wissenschaftsrat zur Übernahme in Deutschland empfahl. 2004 war das. Auch die deutschen Uni-Chefs plädierten damals dafür, von den Briten zu lernen.
UCAS ist kein Auswahl-, sondern ein Verwaltungssystem. Das Prinzip kommt besonders in Exzellenz-Kreisen gut an. „Wir wollten und wollen definitiv keine Neuauflage der alten ZVS, das passt einfach nicht mehr in die Landschaft. Die Zuweisung über eine solche bürokratische Maschine setzt voraus, dass alle Hochschulen und Studiengänge in Deutschland das gleiche Profil haben und es vollkommen austauschbar wäre, welcher Studierende wohin kommt“, erklärt der Rektor der Universität Heidelberg, Prof. Dr. Bernhard Eitel. Er fordert mehr Engagement für das DOSV (siehe Interview).

„Das funktioniert fantastisch.Wir können uns zu 100 Prozent darauf verlassen."

Der britische Erfolg hat seinen Preis: 1993 entstanden, zählte UCAS im Jahr 2010 gut 400 Beschäftigte. Hinzu kommen Tausende Mitarbeiter, die Hochschulen lokal mit der Zulassung betrauen. Finanziert wird die Organisation zu großen Teilen über die Hochschulen, die für jeden besetzten Platz bezahlen, sowie Gebühren der Bewerber. „Das System funktioniert fantastisch. Wir als Hochschulen können uns zu 100 Prozent darauf verlassen“, sagt Prof. Petra Wend, Rektorin der Queen Margaret University Edinburgh.

Die Auswahlrunde beginnt in Großbritannien ein Jahr vor dem geplanten Studienbeginn. Vorläufige Noten, Empfehlungsschreiben und Motivationsessays gehören zur Bewerbung. Eine Datenbank listet alle  Studienangebote auf, nennt Inhalte und Anforderungen. Interessenten senden eine Bewerbung mit fünf Fach- und Ortswünschen an UCAS. Die Vergabestelle verteilt diese dann, Hochschulen laden Schüler oft zu Tests oder Gesprächen. Liegen alle Entscheidungen vor, sendet UCAS den Bewerbern die Ergebnisse zu. Darunter kann eine Zusage sein, eine Absage oder eine Annahme unter Vorbehalt („conditional offer“), bei der die Zulassung erfolgt, wenn die prognostizierten Noten erreicht werden. Der Bewerber muss auf alle Angebote antworten, mit einer Zusage verpflichtet er sich. Wichtig: Alle Bewerber sind stets erfasst. Ein Abgleich offener Plätze geht so später einfacher vonstatten.

Das britische Verfahren funktioniert auch deshalb so gut, weil es sich über einen langen Zeitraum erstreckt. Das nervt nicht zuletzt die Studienbewerber. Reformansätze scheiterten bislang jedoch am Veto der Hochschulen. Sie halten ein abgekürztes Verfahren nicht nur wegen variierender Schulprüfungstermine in den Landesteilen für unrealistisch. Ihre Sorge ist auch, die Zulassung im engeren Zeitfenster nicht zu stemmen.
Die deutsche Stiftung Hochschulzulassung soll neben dem Mehrfachabgleich Information bieten. Der Wissenschaftsrat bemängelte 2004: Über die Hälfte der Erstsemester sei kaum über Fach und Hochschule informiert, oft werde einfach am Heimatort studiert. Ansonsten wurde die Dimension der britischen Zulassung nicht erreicht. Wegen der „eklatanten strukturellen Unterschiede“ sei die Orientierung an UCAS „schnell an Grenzen gestoßen“, sagt Geschäftsführer Dr. Ulf Bade. Eine Komplettumsetzung von UCAS in Deutschland würde vielleicht „kein unfaires, aber ein nicht gerichtsfestes Verfahren“ schaffen.

Dies, so Bade, seit bedeutend mit Blick auf die freie Ausbildungswahl in Artikel 12 Grundgesetz. Auch sei die Ausstattung deutscher Hochschulen, die für ein solch aufwendiges Auswahlverfahren nötig ist, mit Großbritannien nicht vergleichbar. Zudem sei die starke Einbindung der Schulen in die Zulassung hierzulande kaum denkbar. „UCAS war so nicht auf Deutschland übertragbar. Das DOSV hat den Grundgedanken des Abgleichs übernommen, angepasst an die deutschen Rahmenbedingungen.“ Der offensichtlichste Unterschied: eine funktionierende Technik. Einmal, erinnert sich Rektorin Wend, sei der Server für eine Stunde wegen Überlastung zusammengeklappt. Davon können die DOSV-Macher noch nicht einmal träumen.

Internet: www.ucas.ac.uk

Prof. Dr. Bernhard Eitel

Zulassungschaos

„Wir müssen weg vom Negativ-Image"

Nach vielen Pannen bei der Einführung eines bundesweiten Vergabe-Systems für Studienplätze breitet sich in den Führungsriegen deutscher Hochschulen Skepsis aus. Fragen an Heidelbergs Uni-Rektor Prof. Dr. Bernhard Eitel.

duz: Wollen Hochschulen das dialogorientierte Zulassungssystem noch?

Eitel: Die Hochschulen haben sich klar für das System ausgesprochen – unter der Bedingung, dass die Kosten von Bund und Ländern getragen werden. Wir in Heidelberg bekommen zwar Mittel vom Land für die mit der Einführung nötige Technik, das ist aber keinesfalls überall so. Wenn Hochschulen für die Kosten ihre Grundetats bemühen müssen, stellt das ihre Loyalität schon auf die Probe. Sie bekommen ein technisches Problem serviert und sollen dann auch noch für die nachhaltige Finanzierung des Projekts aufkommen. Das löst keine Jubelstürme aus.

duz: Dann ist das dialogorientierte Vergabeverfahren gestorben?

Eitel: Nein, keiner stellt die Ziele des Systems an sich in Frage. Die Pilotprojekte müssen im Herbst funktionieren. Und dann müssen alle wieder an einem Strang ziehen.

duz: Inwiefern?

Eitel: Das ganze System ergibt nur Sinn, wenn möglichst viele mitmachen. Wir vergeben zwar am Ende nahezu sämtliche Studienplätze, müssen dafür jedoch Nachrückverfahren bis in den Oktober hinein in Kauf nehmen. Das ist ein Problem, das nicht wegzudiskutieren ist. Heidelberg nimmt am Pilotbetrieb teil, ich bin zuversichtlich. Jetzt muss zügig ein Know-how-Fluss stattfinden zwischen den Pilot-Universitäten und den übrigen Hochschulen. Wir müssen weg vom Negativimage, es müssen endlich Erfolge her, die zeigen, wie das dialogorientierte Verfahren die Studienplatzvergabe beschleunigt und vereinfacht.

Das Interview führte Johann Osel.

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