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Mit Bravour?

Hochschulen ziehen in ihren Pressemitteilungen in der Regel ein positives Fazit, wenn sie erklären, wie sie zum Sommersemester innerhalb kurzer Zeit ihre Lehre auf „Virtuelles Studium“ umgestellt haben. Stellvertretend für Lehrende und Lernende, die das differenzierter sehen, hat die DUZ einen Studenten und eine Didaktik-Expertin nach ihrer Bilanz gefragt

Fabian Müller stimmt der erfolgreichen Bilanz, die viele Hochschulen im Hinblick auf das vergangene Online-Semester ziehen, nicht ganz zu. Er studiert an der Universität Münster im 4. Semester Rechtswissenschaft und für ihn bedeutet das Studium viel mehr als nur die passive Aufnahme von Informationen. „Meiner Meinung nach stellt sich hier die Frage, welchen Anspruch eine Universität an ihre Lehre hat. Wenn sie diesen Anspruch auf die bloße, unreflektierte Vermittlung von Wissen beschränkt, mag man dem Online-Semester einen gewissen Erfolg zuschreiben können.“ Dem 20-Jährigen fehlten die Diskussion, der Austausch und die Interaktion, die in der Präsenzlehre viel eher gegeben sind. „Etwa die Hälfte der Vorlesungen ist über Aufzeichnungen als Video zur Verfügung gestellt worden, was ein Sich-Einbringen per se ausschloss. Doch selbst Live-Vorlesungen haben entweder nie oder nur sehr vereinzelt den virtuellen Hörsaal direkt eingebunden“, sagt er. Dr. Birgit Szczyrba, Leiterin des Teams Hochschuldidaktik am Zentrum für Lehrentwicklung an der Technischen Hochschule Köln (TH Köln), verteidigt die Lehrenden: „Viele waren in Zoom-Konferenzen, in welchen sie auf überwiegend schwarze Kacheln schauten, nicht nur didaktisch herausgefordert.“ Es habe bei der Online-Lehre oft an einer entsprechenden Moderation gefehlt, gibt sie zu. Techniken und Werkzeuge hierfür solle den Lehrenden in Zukunft vermittelt werden.

Mangelnde Transparenz verstärkte bestehende Unsicherheiten

Viele Studierende beschäftigten zudem Zukunftssorgen, die durch mehr Transparenz hätten vermieden werden können, betont Birgit Szczyrba. Dies leitet die Hochschuldidaktik-Expertin aus einer im April geführten Umfrage ab, an der Studierende der Hochschule Emden/Leer, der Fachhochschule Kiel und der TH Köln teilnahmen. Die Ergebnisse offenbarten eine tiefe Verunsicherung aufseiten der Studierenden hinsichtlich der Prüfungsplanungen, Prüfungsinhalte und möglicher Folgen für ihr ganzes Studium. Birgit Szczyrba fordert: „Das anvisierte Lernergebnis der Studierenden, mit dem sie aus dem Semester gehen sollen, muss lupenrein formuliert sein, sodass die Studierenden sich darauf ausrichten und ihr Lernen dahingehend organisieren können.“ Es passiere leider sehr häufig, dass Studierende die Motivation verlieren, wenn sie den Sinn ihrer Anstrengungen nicht erkennen. „Studieren sollte nicht wie eine große Blackbox sein: Wenn ich weiß, ich soll eigentlich drei Bücher lesen, aber nicht weiß, was anschließend mit dem erarbeiteten Stoff passiert oder was dazu in der Prüfung von mir erwartet wird, dann lerne ich in der Konsequenz entweder orientierungslos und nicht zielgerichtet oder ich lasse es ganz.“ Laut der Umfrage haben Studierende insbesondere eine starke, verlässliche Interaktion, transparentes Feedback und Planungssicherheit vermisst, hebt die Sozialwissenschaftlerin und promovierte Pädagogin hervor. 

Schwindende Motivation

Fabian Müller beschreibt sich selbst als motivierten Studenten. Dennoch fiel es ihm beim Online-Lernen deutlich schwerer, die Konzentration aufrechtzuerhalten. „Das stundenlange Starren auf einen Bildschirm – ohne Abwechslung und ohne Ausgleich durch Pausengespräche und Ähnliches – führte zu Ermüdungserscheinungen.“ Zu Beginn habe er noch die Hoffnung gehabt, dass es zu einer baldigen, möglicherweise sukzessiven Rückkehr in die Präsenzlehre kommen würde, nicht zuletzt, nachdem einige Lockerungen in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen vorgenommen wurden. „Absurderweise waren irgendwann sogar Kontaktsportarten wieder erlaubt, während für die Universität weiterhin ein genereller Lockdown gegolten habe. Gerade für kleine Vorlesungen, für Seminare oder einfach interessierte Studierende hätte ich mir hier mehr

Flexibilität und Angemessenheit gewünscht“, kritisiert er. Ferner entwickelte sich die anfänglich als vorteilhaft erlebte Flexibilität, die die aufgezeichneten Vorlesungen mit sich brachten, schnell zum Nachteil. So habe er das eine oder andere Mal auch eine Vorlesung wegen der einfachen „Nachholmöglichkeit“ verschoben – was er in der Präsenzlehre sonst nicht getan hätte. Dieses „Prokrastinieren“ habe sich negativ auf seine generelle Motivation ausgewirkt, sagt der angehende Rechtswissenschaftler. Diese hätte um so mehr gelitten, als klar wurde, dass es vorerst keine Rückkehr in den Regelbetrieb geben würde.

Einschränkung sozialer Interaktionen durch fehlende Führung

Fabian Müller bedauert vor allem, dass wenig bis gar kein Austausch mit seinen Kommilitonen stattgefunden habe. Zwar sei in den Chatgruppen hin und wieder ein Thema besprochen worden. Jedoch konnten diese Chat-Unterhaltungen die „anregenden Gespräche“, die man sonst, bei zufälligen Begegnungen im Hörsaal, führe, nicht wirklich ersetzen. Das beträfe besonders die Vor- oder Nachbesprechung einer Vorlesung, die vor dem Hörsaal stattfänden, wo man ihnen einfach beitreten könne. „Diese inspirierenden Diskussionen mit unterschiedlichen Meinungen oder einer anderen Interpretation des Stoffs eröffnen mir neue Blickwinkel, welche meinen Lernprozess insgesamt stark bereichern.“ In dieser ins Digitale abgewanderten Kommunikation sieht auch Birgit Szczyrba ein großes Problem. Zumal der Austausch meist nur unter Studierenden stattfinde, die sich schon vorher kannten. Diese Kommunikationshürde müsse abgebaut werden, gerade für Studierende mit wenigen sozialen Kontakten in ihrem Studiengang. „Wenn hier nicht von Lehrenden gelenkt und unterstützt wird, scheitert die für das Lernen wichtige soziale Interaktion. Besonders die Erstsemester werden diese Einbindung brauchen“, mahnt die Hochschuldidaktikerin. Zum Beispiel entscheiden bei der Teambildung in der Regel immer noch die Studierenden selbst, mit wem sie eine Gruppe bilden wollen. „Nun soll man aber – zu Hause sitzend – aus hundert Studierenden Teams bilden? Das geht nicht durch Zufall oder durch Vorlieben“, erklärt sie. Es bestehe die Notwendigkeit, viele Studierende in „Breakout Sessions“ in kleine Gruppen aufzuteilen. „Dafür braucht es Organisation und eine starke Lenkung. So bleibt zwar einiges an Spontaneität auf der Strecke, aber das ist immer noch besser als keine Gruppenarbeit.“ Natürlich müssten die studentischen Teams online intensiver betreut werden – mit viel Übung, Routine und guten Ideen für die Umsetzung, so Szczyrba.

Lernqualität nimmt ab

Rückblickend habe er inhaltlich kaum Unterschiede zu vergangenen Semestern feststellen können, sagt Fabian Müller. Er vermutet aber, dass der Stoff in einer viel geringeren Tiefe erarbeitet wurde. „Durch das letztlich sehr ’Ich-bezogene‘ Lernen, ohne wirklichen Austausch mit meinen Kommilitonen oder Professoren, sind einige Wissenslücken wahrscheinlich gar nicht erst aufgetreten.“ Welche Auswirkungen dies auf seinen Leistungsstand habe, könne er vermutlich erst mit etwas Abstand sagen. „Das Lernen hat sich in den letzten Monaten überwiegend auf niedrigen Komplexitätsstufen abgespielt“, meint auch Birgit Szczyrba. Diese Form des Lernens ist in der Hochschuldidaktik und Lernpsychologie bekannt als Oberflächenlernen. Texte werden nur zur einfachen Wiedergabe gelesen. „Dabei stellt man einfache Fragen und ist mit den Antworten zufrieden, die man in Texten findet – ohne eine kritische  Auseinandersetzung mit dem Stoff“, konkretisiert sie weiter. Eine solche Hinterfragung der Lerninhalte würde normalerweise während der Vorlesung passieren, sagt Fabian Müller. „In den Online-Formaten haben einige Professoren beispielsweise Fragen oder Fälle nicht zur allgemeinen Beantwortung gestellt, sondern direkt selbst beantwortet.“ Auch außerhalb der Vorlesung fand sich kein Raum für tiefere Auseinandersetzungen mit einem Problem. „Es entwickelt sich aus einem E-Mail-Verkehr oder einer eingerichteten Sprechstunde oft keine spontane Diskussion. Viele Fragen kommen auch eher im Anschluss an die Vorlesung auf“, stellt Müller fest. „Als ein Student, der sich gerne mit weiterführenden Fragen beschäftigt, hat mir das gefehlt.“ 

Obgleich das vergangene Online-Semester herausfordernd war – Fabian Müller sieht dem nächsten Semester zuversichtlich entgegen. Er habe das Gefühl, dass die Universität und das Dekanat die Frage der Wiedereröffnung für das Wintersemester 2020/21 gut angegangen sind. „In Münster gibt es einen Plan, der mehrere Stufen der Öffnung bedient und einen vermutlich guten Mix aus Präsenz und Online herstellt.“ Allerdings befürchtet er, dass angesichts der steigenden Fallzahlen der Corona-Infizierten in Deutschland das Semester nicht bei der „lockersten Stufe“ beginnen wird, und er hofft, dass ausreichend vielfältige Szenarien geplant sind, sodass die Lehre jederzeit „so online wie nötig, aber so präsent wie möglich“ gestaltet werden kann. //

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