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„Wir wollen in der Welt globale Verantwortung übernehmen“

Der DAAD hat sich strategisch neu aufgestellt – Im Interview mit Joybrato Mukherjee und Christiane Schmeken

Herr Prof. Mukherjee, Frau Schmeken: Ihre neue Strategie „DAAD 2025“ wurde mitten in der Corona-Krise verabschiedet. Wäre es nicht sinnvoller, die Erfahrungen mit der Pandemie abzuwarten und diese in der neuen Strategie zu berücksichtigen?

Joybrato Mukherjee: Unsere Strategie zeigt, wohin sich der DAAD in den nächsten Jahren weiterentwickeln will und welche Prioritäten wir dabei setzen. Dazu gehören auch die zukunftsprägenden Themen: Nachhaltigkeit, Klima, Gesundheit und Digitalisierung. Obwohl wir bereits 2018 mit der Strategieentwicklung begonnen haben, haben wir damit die Schwerpunkte gesetzt, die auch jetzt, während der Corona-Pandemie, in den internationalen Wissenschaftsbeziehungen weiter an Bedeutung gewinnen.

Müssen Sie Ihre Strategie wegen Corona jetzt nachjustieren?

Christiane Schmeken: Unsere Strategie ist im März 2020, kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie, vom Vorstand verabschiedet worden. Wir wollten den Strategieentwicklungsprozess daher nicht wieder neu aufrollen. Zumal sich unsere strategische Ausrichtung weniger auf tagesaktuelle Themen bezieht, sondern längerfristig auf fünf Jahre angelegt ist. Bevor Corona zum alles beherrschenden Thema wurde, waren dies der Klimawandel, die Fridays-for-Future-Bewegung, der islamistische Terror und die sogenannte Flüchtlingskrise. Eine Strategie, die mehrere Jahre Bestand haben soll, muss eine Kernbotschaft als Antwort auf alle diese globalen Herausforderungen geben. Die Kernbotschaft unserer Strategie ist, dass globale Herausforderungen nur gemeinsam bewältigt werden können.

Die neue Strategie betont die „Wechselbeziehungen zwischen dem akademisch-wissenschaftlichen Austausch und den gesellschaftlichen und politischen Bedingungen“ – was meinen Sie damit?

Mukherjee: Die Intensität und Häufigkeit globaler Herausforderungen hat zugenommen. Wir erleben heute autoritäre Entwicklungen, zunehmende nationale Egoismen, Gewalt in politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen sowie fehlende Solidarität bei humanitären Katastrophen, Flüchtlingsbewegungen und klimabedingten Katastrophen. Es ist daher dringend notwendig, dass auch der DAAD seinen Beitrag zur Überwindung dieser Krisen leistet und mit seiner Förderpolitik auf die aktuellen weltweiten Herausforderungen reagiert. Wir verstehen uns hier auch als außenwissenschaftspolitischer Akteur. Unsere Arbeit wird zwar von internationalen Rahmenbedingungen stark beeinflusst, wir können aber durch unser Förderhandeln positiv auf das außenpolitische Miteinander einwirken.

Was sind die Kernthemen der Strategie 2025?

Schmeken: Der DAAD will künftig in der Welt noch entschiedener globale Verantwortung übernehmen. Er betreibt Außenwissenschaftspolitik in schwierigen Zeiten, auch um innovative und gemeinsame Lösungen für die globalen Herausforderungen zu finden. Für die Erfüllung dieser Aufgaben bringen wir drei zentrale Stärken mit: Als Mitglieds­organisation der deutschen Hochschulen und Studierendenschaften sind wir erstens imstande, zwischen Wissenschaft und Politik zu vermitteln. So tragen wir dazu bei, unser Hochschulsystem international anschlussfähig zu halten. Zweitens sind wir in Bezug auf Themen und Instrumente breit aufgestellt und können somit auf unterschiedlichen Ebenen wirkungsvoll Impulse setzen. Und: Mit unseren Außenstellen, Lektoren und Alumni in mehr als 100 Ländern steht uns hierzu ein weltweites Netzwerk zur Verfügung.

In der neuen Strategie treten Sie für „Partnerschaft, Wissenschaftsfreiheit und Engagement für gemeinschaftliche Lösungen“ ein. Wie können Sie sich im Umgang mit Partnern aus Systemen, die diese Werte nicht teilen, Gehör verschaffen?

Mukherjee: Wir stehen auf einem deutschen und europäischen Wertefundament, das es zu verteidigen gilt. Ganz wesentlich sind hier: Wissenschaftsfreiheit und institutionelle Freiheit, Meinungsfreiheit und Pressefreiheit. Wir wissen aber auch, wenn wir international kooperieren, werden wir mit Systemen und Institutionen konfrontiert, die diese Werte nicht oder nur teilweise teilen. Zwar müssen wir für unsere Werte international eintreten, sollten aber nicht nur mit denjenigen zusammenarbeiten, die zu 100 Prozent unsere Werte teilen. Wir müssen gerade mit den Ländern und Systemen zusammenarbeiten, die nicht auf dem gleichen Wertefundament stehen. „Wandel durch Austausch“, um es als DAAD-Slogan zu sagen.

Wie versuchen Sie, diese Werte in Kooperation mit Partnerländern, die andere Werte vertreten, zu leben?

Mukherjee: Wir entwickeln Programme und Projekte, in denen wir auch mit schwierigen Partnerländern kooperieren, um durch den Austausch Einfluss nehmen zu können. Ein Beispiel ist die Türkisch-Deutsche Universität in Istanbul, die sowohl dem Spannungsfeld deutsch-türkischer Beziehungen als auch der türkischen Innenpolitik ausgesetzt ist. Sie ist ein wichtiges Projekt, weil sie den wissenschaftlichen Austausch und gemeinsame Studiengänge ermöglicht und türkischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine wichtige Öffnungsperspektive mit westlichen Partnern und Institutionen bietet.

Schmeken: Uns stehen hier drei Handlungsfelder zur Verfügung. Das sind die individuelle Förderung durch Stipendien, die Kooperation in Projekten sowie die Expertise über Länder und Wissenschaftssysteme. Jedes dieser Handlungsfelder kann die Zusammenarbeit in schwierigen Kontexten stärken: Ein geförderter Aufenthalt im Ausland führt zu neuen interkulturellen Perspektiven, eine Kooperation schafft langfristige Bindungen zwischen Hochschulen, und mehr Wissen über andere Wissenschaftssysteme erleichtert den Aufbau tragfähiger Austauschformate. Für letzteres haben wir 2019 das Kompetenzzentrum Internationale Wissenschaftskooperationen eingerichtet. Das ist eine Beratungsstelle zu Anbahnung, Ausbau und Förderung erfolgreicher Projekte mit ausländischen Partnern.

Inwieweit können die deutschen Hochschulen von Ihrer neuen Strategie profitieren und sich im Bereich der Internationalisierung professionalisieren?

Mukherjee: Wir sind mit den Mitgliedshochschulen im ständigen Austausch über unsere Strategie. Dadurch, dass der Vorstand unsere Strategie maßgeblich beeinflusst und verabschiedet hat und im Vorstand die Hochschulen als Mitglieder vertreten sind, wurde die Strategie imgrunde von den Hochschulen mitentwickelt. Die Hochschulen haben natürlich ein großes Interesse daran, dass ihre Internationalisierungsstrategien zur DAAD-Strategie passen.

Schmeken: Die Hochschulen haben nicht nur Einfluss auf die Ausgestaltung der Strategie, sondern wir entwickeln auch Maßnahmen und Programme, mit denen die Hochschulen sich entlang dieser strategischen Ziele weiterentwickeln können. Denn die beste Strategie kann nichts bewirken, wenn sie nicht in die Praxis umgesetzt wird. Hierzu ein Beispiel: Die Strategie benennt als ein wichtiges Thema die Gewinnung internationaler Fachkräfte. Daraus haben wir inzwischen ein neues Programm zur Förderung von KI-Nachwuchs in sogenannten „Schools“ entwickelt. Die Strategie verändert aber auch die Art und Weise, wie wir uns intern organisieren. So hat das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit dazu geführt, dass wir hierzu ein entsprechendes Projekt im DAAD aufgesetzt haben. Dabei geht es um handfeste Themen wie CO2-Reduzierung, Beschaffung von Büromaterialien und ökologisch ausgerichtetes Catering.

Werden zunehmende Abschottung, Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus oder rückläufige Mobilität eine neue Herausforderung für den DAAD und die Hochschulen sein?

Mukherjee: Ich glaube an die positive Wirkung internationaler Kooperationen und die Förderung junger Talente. Nationalistische Abschottungsagenden und eine zunehmend restriktive Migrationspolitik gibt es nicht erst seit Corona. Die Corona-Pandemie hat dies noch verschärft, auch in Europa. Im Interesse des Infektionsschutzes fallen zu Corona-Zeiten viele Länder auch in Europa auf unabgestimmte nationale Regelungen zurück, anstatt die Probleme gemeinsam zu lösen. Dieses parzellierte und fragmentierte Agieren ist das Gegenteil davon, was wir unter internationaler Kooperation, globalem Handeln und Denken verstehen. In Zeiten wie diesen ist es umso wichtiger, Internationalist zu sein und dafür einzutreten, dass man dieser globalen Pandemie als globale Verantwortungsgemeinschaft begegnen muss; Gleiches gilt für alle anderen globalen Herausforderungen – vom Klimawandel bis hin zu Kulturkonflikten. //

ZUR PERSON


Christiane Schmeken ist Ethnologin und leitete von 2012 bis 2017 die Außenstelle des DAAD in Paris. Seit 2018 ist sie Direktorin der Strategieabteilung des DAAD.
Foto: Lichtenscheidt


Prof. Dr. Joybrato Mukherjee, Anglist und Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen ist seit Januar 2020 Präsident des DAAD.

Foto: Ratermann

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