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Mit Ambivalenzen umgehen – für eine weltoffene Wissenschaft

Kerstin Schill über die Bedeutung von Interdisziplinarität

Die Corona-Krise hat gezeigt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse gesellschaftlichen Dialog nicht ersetzen können. Weil sie Interdisziplinarität fördern, sind Institutes for Advanced Study gut geeignet, beide Seiten zusammenzubringen

Kein zweites Ereignis der vergangenen Jahrzehnte hat die Wissenschaften so sehr in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Aufmerksamkeit gerückt wie die Corona-Krise. Im Gegensatz zu technischen Großprojekten, für die sich meist nur Teilöffentlichkeiten interessieren, oder dem Klimawandel, der sich der Wahrnehmung nur begrenzt erschließt, sind die Auswirkungen von Covid-19 für alle unmittelbar erfahrbar.

Aufgrund guter Umfrageergebnisse zum Vertrauen in die Wissenschaften ist die Stimmung derzeit entsprechend zuversichtlich. Die Wissenschaftskommunikation soll das erworbene Vertrauen nun sichern. Das ist wohl sinnvoll – und doch sollte die Arbeit nicht nur ihr aufgebürdet  werden.

Die Corona-Krise hat nämlich auch die Herausforderung vor Augen geführt, wissenschaftliche Forschungsergebnisse und gesellschaftliche Wertvorstellungen in Ausgleich zu bringen. Wie hoch bewerten wir Besuchsverbote bei Hilfsbedürftigen gegenüber der Empathie für die Angehörigen? Worin bestehen die Folgen von Langzeiteinsamkeit und wie bewältigen wir sie? Welches sind die ethischen Konsequenzen einer umfassenden Virtualisierung sozialen Lebens? Covid-19 hat gezeigt, wie schwierig es ist, auf Fragen wie diese befriedigende Antworten zu geben.

Das liegt an ihrer Komplexität und an ambivalenten Werthaltungen, die sich selten allein rationalen Erwägungen fügen. Die Wissenschaften können Handlungsoptionen aufzeigen, aber der Gesellschaft nicht die Auseinandersetzung mit ihren möglichen Konsequenzen abnehmen. Dennoch sollten sie derartige Problemlagen als Quellen für ein wirklichkeitsnahes Problemverständnis und Forschungsdesign begreifen. Ein möglicher Weg ist interdisziplinärer und kommunikativer Natur.

Institutes for Advanced Study – kleine Förderinstitutionen mit wenigen Plätzen für Fellows, die hier individuell und gemeinsam an ihren eigenen Projekten einige Monate forschen – können exemplarisch zeigen, wie dieser Weg beschritten werden kann.

Am Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) bildet eine Struktur mit minimaler Moderation die Grundlage. Im Mittelpunkt stehen (Frei-)Räume. HWK-Fellows arbeiten vom täglichen Lehrbetrieb unabhängig. Sie wechseln bruchlos zwischen Räumen, die zurückgezogenes und gemeinschaftliches Arbeiten mit flexibler technologischer Unterstützung ermöglichen. Räumlichkeiten, die Begegnung unterstützen, laden dazu ein, Forschung auch als kontinuierlichen persönlichen Austausch zu begreifen. Das „Kaminzimmer“ des HWK hat sich so zu einem Kristallisationspunkt für konzentrierte Debatten entwickelt.

Teilmoderierte Angebote helfen  dabei, methodische Denkgewohnheiten zu durchbrechen. Wöchentliche Projektpräsentationen von Fellows für Fellows motivieren, Forschungsfragen aus der Perspektive anderer Disziplinen zu betrachten. Die Größe des HWK mit 21 Plätzen und der Verzicht auf Jahreskohorten erlauben die kontinuierliche Zirkulation unterschiedlichster personeller Lebens- und fachlicher Arbeitsentwürfe, unter Einbeziehung neuester Forschungstrends. Gemeinsame Abendessen und Aktivitäten mit kombiniertem wissenschaftlichem und regionalkulturellem Bezug verschaffen ideen- und kulturgeschichtliche Anregungen.

Diese Angebote ergänzen strukturierte Forschungsprogramme, die das HWK mit Partnern wie der Volkswagenstiftung durchführt. In ihnen geht es um die Bilder, die sich die Gesellschaft von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und ihren Arbeitsweisen macht, durch die Augen von Buch- und Theaterautorinnen und -autoren gesehen. Sie leisten einen Beitrag zur Förderung der Selbstreflexionsfähigkeit der Wissenschaften.

Was Wissen ist, zeigt sich am besten an solchen Grenzen. Deshalb ist auch die Begegnung von Akademikern und Nicht-Akademikern wichtig. Hier wird Interdisziplinarität zu Transdisziplinarität. Die vor Ort meist gut integrierten IAS sind prädestiniert, diesen Dialog zu führen, weil sie weniger unüberschaubar wirken als große Universitäten und flexibler auf aktuelle Themen reagieren können. Sie werden daher oft als zugänglicher und vertrauensvoller erlebt.

Das HWK veranstaltet regelmäßige Abendvorträge mit namhaften Forscherinnen und Forschern zu aktuellen gesellschaftlichen Themen, die ein wachsendes Publikum auch außerhalb urbaner Zentren anziehen – eine häufig übersehene Zielgruppe. Es schöpft dazu auch aus seinem Reservoir von über 900 Alumni. Der persönliche Austausch macht die Entstehungsbedingungen von Wissenschaft anschaulich, fördert so ihre Glaubwürdigkeit und schult im Umgang mit nicht immer formgerechten Fragen. Auch viele Fellows schätzen die Teilnahme. Der Erfolg belegt das Interesse eines untypischen Publikums an wissenschaftlichen Fragen – und dass beidseitigen Vorurteilen am besten durch persönlichen Kontakt zu begegnen ist.

Interdisziplinarität besitzt auch eine „innere“ Seite, denn wissenschaftliche Arbeit hat ihren Ursprung zuletzt in den Vorstellungen, die sich der Forschende von sich, seinem Gegenstand und seinem Verhältnis zur Gesellschaft macht: Mit welchen Axiomen arbeitet eine Methode? Welches Weltbild liegt dem persönlichen Wissenschaftsbegriff zugrunde? Auf welchen, vielleicht uneingestandenen Werten oder Motivationen fußt das Interesse? Wissenschaft ist nie voraussetzungslos.

Fragen wie diese richten sich auf die Bedingungen unseres Wissens, daher lohnt es, ihnen nachzugehen. Die alte Idee eines „Studium Fundamentale“ sollte auch für die Akademie fruchtbar gemacht werden. Eine „Academia Fundamentale“ könnte, undogmatisch moderiert, gerade an den beweglichen IAS Räume schaffen, die methodische Pluralität fördern und unangemessene Vereinfachungen vermeiden helfen. Besonders für die Nachwuchsförderung ist dies von Bedeutung.

Mit Ambivalenzen umgehen zu lernen, ist nicht nur für die Wissenschaften eine Herausforderung. Dass das  Bedürfnis nach Eindeutigkeit allgemein zuzunehmen scheint, wird vielerorts beklagt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können daran erinnern, dass Interdisziplinarität dabei hilft, wachsende Komplexität als  Bereicherung zu verstehen, indem sie es erlaubt, ihr mit einem gleichermaßen wachsenden Repertoire an Fähigkeiten des Begreifens und Verstehens zu begegnen.

Wissenschaftskommunikation kann dann dazu beitragen, den notwendigen dreifachen Dialograum offen zu halten: den des Forschers mit sich selbst, mit anderen Disziplinen und mit der Öffentlichkeit. Ihre Bedeutung liegt weniger in der Ergebnisvermittlung als darin, Wissensproduzenten aller Art miteinander ins Gespräch zu bringen und erfahrbar zu machen, warum der Mangel einer eindeutigen Antwort häufiger einen Gewinn darstellt als einen Verlust. //

ZUR PERSON

Prof. Dr. Kerstin Schill ist Informatikerin und promovierte Humanbiologin und leitet seit Oktober 2018 als Rektorin das Hanse-Wissenschaftskolleg. Bis Oktober 2018 war sie Dekanin des Fachbereichs Informatik/ Mathematik der Universität Bremen. Von 2014 bis Juli 2019 engagierte sie sich als Senatorin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, zu deren Vizepräsidentin sie 2019 gewählt wurde.

Foto: Christophe Delory

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