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Viele Wege führen zum Ruhm

Die Hochschulforscher vom Incher in Kassel haben in zwei Studien den Berufsalltag von Hochschullehrern aus aller Welt erfragt. Die Daten erlauben auch einen vergleichenden Blick auf die Situation der Wissenschaftler in zwölf europäischen Ländern. Anfang Juni werden sie der Öffentlichkeit vorgestellt.

Inmitten der Irrungen und Wirrungen, die Europa derzeit durchlebt, ist eine Gefahr vorerst gebannt: ein Übermaß an Gleichmacherei. Die Staaten bewahren sich ihre Eigenarten. Das ist nicht nur das Credo der Politiker von Athen bis London, das gilt auch für die Hochschullandschaft. Seien es die Hochschultypen, die Karrierewege für den wissenschaftlichen Nachwuchs oder die Qualitätssicherung des Studienangebots – die nationale Couleur lebt.
Hochschullehrer stehen damit in einem eigenartigen Spannungsfeld. Denn in der europäischen Vielstimmigkeit tauchen zugleich immer wieder Glaubenssätze auf, die die Zukunft des Hochschulwesens in einer gemeinsamen Entwicklungsrichtung sehen. „Bestimmte Maximen, etwa mehr Internationalität, eine stärkere Nutzen-Orientierung oder eine Stärkung des Hochschul-Managements, gelten grenzübergreifend als unvermeidbar und werden durchweg begrüßt“, sagt Prof. Dr. Ulrich Teichler, der ehemalige Direktor des internationalen Zentrums für Hochschulforschung (Incher) in Kassel. Die Forscher aus Hessen wollten deshalb herausfinden, wie sich der Berufsalltag von Hochschullehrern in Europa in den vergangenen Jahren tatsächlich entwickelt hat. In zwei Studien haben sie untersucht, ob die Qualifikationen, Tätigkeiten und Einstellungen der Wissenschaftler einander ähnlicher werden oder ob sie ihre nationalen Traditionen beibehalten.

„Wir sehen weiterhin eher viele Länder in Europa als ein Europa ähnlicher Länder.“

Das Projekt „The Academic Profession in Europe: Responses to Societal Challenges“ (Euroac) wurde von 2009 bis 2012 gefördert und zentral vom Incher koordiniert. 2010 fanden dessen Befragungen statt. Euroac hat den Fragebogen einer anderen Studie übernommen, den der 2007/2008 durchgeführten CAP-Studie (The Changing Academic Profession). Gemeinsam mit deren Daten sind jetzt die Ergebnisse aus zwölf europäischen Ländern und von 16.500 Wissenschaftlern miteinander vergleichbar. Erstmals vorgestellt werden sie Anfang Juni auf einer internationalen Konferenz in Berlin (s. Kasten unten). Die duz konnte bereits vorab einen Blick auf die ersten Ergebnisse werfen. Der Berufsalltag von Hochschullehrern hält demnach im europäischen Vergleich so manche Überraschung parat. „Zwar gibt es auf der Makroebene in Europa eine gewisse Einheitlichkeit durch die Bologna-Reformen, etwa die Bachelor- und Master-Studiengänge“, sagt Teichler. Auf nationaler Ebene aber herrsche weiterhin kulturelle Vielfalt. „Was den Hochschullehrerberuf angeht, sehen wir weiterhin eher viele Länder in Europa als ein Europa ähnlicher Länder“, sagt er.

In den Studien wurden die Daten von Wissenschaftlern an Unis und an Fachhochschulen erhoben. In Deutschland wurden sie zusätzlich an außeruniversitären Forschungseinrichtungen befragt. Dabei wurden zwei Personalkategorien unterschieden: die Professur und wissenschaftlich Bedienstete unterhalb der Professur. „In Deutschland gab es über 1000 Antworten an den Universitäten, etwas unter 150 Antworten an den Fachhochschulen und knapp 500 Antworten an den außeruniversitären Forschungseinrichtungen“, sagt Ester Höhle. Sie ist seit Februar 2010 wissenschaftliche Mitarbeiterin des Incher und unter anderem mit der quantitativen Auswertung der CAP- und Euroac-Studie betraut. „Außer in Kroatien wurde die von uns angestrebte Mindestfallzahl von 800 Rückläufen von Universitäten durchweg erreicht“, sagt Höhle.

Ein Drittel der Arbeitszeit für Lehre

Die zahlreichen Einzelergebnisse zeigen, wie der akademische Flickenteppich gewebt ist. So machen Forschung und Lehre in allen Ländern zwar den Kernarbeitsbereich aller Befragten aus. Je nach Land unterscheidet sich die Verteilung der Arbeitszeit auf Forschung und Lehre bei den Professoren aber deutlich. In Finnland etwa verwenden sie rund 42 Prozent ihrer Zeit auf Lehre und jeweils knapp 30 Prozent auf Forschung und Sonstiges. In Deutschland wenden die Professoren 34 Prozent der Zeit für die Lehre auf, 30 Prozent für Forschung und ebenfalls 34 Prozent für Sonstiges. „Die Bologna-Reformen haben einiges in der Hochschullandschaft verändert“, sagt Prof. Dr. Barbara Kehm vom Incher. Sie hat das Euroac-Projekt gemeinsam mit Ulrich Teichler geleitet. So habe zum Beispiel die Lehre in nahezu allen Ländern ein deutlich stärkeres Gewicht erhalten. „Das könnte daraus resultieren, dass sie nun gemessen und bewertet wird. Auch gibt es mehr didaktische Weiterbildungen“, sagt Kehm. Die administrative Belastung sei in einigen Ländern wie Deutschland aber nach wie vor hoch.

Die Karriereperspektiven für Nachwuchswissenschaftler sind je nach Land sehr unterschiedlich, zeigt die Studie. „Wir haben sogenannte interne und externe Arbeitsmärkte festgestellt“, sagt Barbara Kehm. „Ein externes Karrieresystem bedeutet, dass es für Bewerber üblich ist, sich nicht an einer Hochschule, an der sie bereits tätig sind, auf eine neue Stelle zu bewerben“, weiß sie. Das ist etwa in Deutschland üblich. Eine Karriere an einer anderen Hochschule ist aber von der Prüfung einer Kommission abhängig, die der Bewerber meist nicht kennt, und damit schwieriger planbar. In internen Karrieresystemen hingegen gibt es eine bessere Planbarkeit für Nachwuchswissenschaftler. Nach einer Leistungsbewertung können sie dort an derselben Hochschule befördert werden, an der sie bereits tätig sind. „Das ist zum Beispiel in den skandinavischen Ländern und in Osteuropa der Fall“, sagt Kehm.

Kontrovers diskutiert

Zudem gibt es in einigen Ländern prekäre Arbeitsverhältnisse für wissenschaftliche Mitarbeiter, etwa durch Drittmittelverträge, die zeitlich begrenzt sind. Das ist beispielsweise in Deutschland und Großbritannien verbreitet und wird kontrovers diskutiert. Die Gewerkschaften laufen dagegen Sturm.  Prof. Dr. Dieter Lenzen hingegen, der Präsident der Uni Hamburg, hält die Befristung der Verträge von einem Teil der wissenschaftlichen Mitarbeiter in Deutschland für das Wissenschaftssystem durchaus für sinnvoll. „Ein komplett unbefristeter Mittelbau wäre der Tod der Universitäten“, sagt er. „Nur so kann das System für Nachwuchskräfte durchlässig bleiben.“ Wären die Stellen nicht befristet, wären sie nach wenigen Jahren vollständig besetzt und der Nachwuchs stünde vor verschlossenen Türen.

Dass ein Doktorgrad ein unvermeidlicher Schritt auf dem Weg zur Professur ist, gilt laut Studie nicht in allen Ländern. Außer in Deutschland haben in Polen, der Schweiz, Österreich, Portugal und Finnland mehr als 90 Prozent der Profs promoviert. In den anderen Ländern sind es deutlich weniger. Schlusslichter sind Italien und Kroatien. Dort hatte nur ein knappes Drittel der Uni-Professoren einen Doktortitel.

Auch die Arbeitszeiten für Hochschullehrer sind in den verglichenen zwölf Ländern sehr unterschiedlich. Professoren in Deutschland und der Schweiz arbeiten demnach am meisten. Sie sind wöchentlich 52 Stunden tätig. In Norwegen beträgt die Arbeitszeit 39 Stunden pro Woche. „Dort ist es nicht verpönt, nachmittags um 16 Uhr nach Hause zu gehen“, sagt Kehm, „Familienfreundlichkeit und Work-Life-Balance haben dort ein sehr viel stärkeres Gewicht.“ Möglich sei das unter anderem, weil Wissenschaftler nicht so stark mit administrativen Aufgaben belastet seien.
Eine Karriere innerhalb Europas ist leichter geworden. „Das ist unter anderem auf das Engagement der europäischen Kommission zurückzuführen, die einen einheitlichen Forschungsraum schaffen will“, meint Barbara Kehm. Die Mobilität von Wissenschaftlern variiere jedoch stark von Fach zu Fach. „Während sie in Jura gering ausgeprägt ist, ist sie in wirtschafts-, sozial- und naturwissenschaftlichen Fächern stark“, sagt sie.

Der Maastrichter Vertrag

Der Hamburger Professor Lenzen weist beim Thema einheitliche Arbeitsbedingungen von Hochschullehrern noch auf einen anderen Aspekt hin, auf das Subsidiaritätsprinzip des Maastrichter Vertrags. „Eine Angleichung oder Vereinheitlichung der Beschäftigungsverhältnisse in Europa ist danach schlicht nicht vorgesehen“, sagt er. Für Deutschland sei diese Wettbewerbssituation zurzeit jedoch nicht negativ. „Im Augenblick ist es für deutsche Hochschulen beispielsweise leichter als in der Vergangenheit, Spitzenkräfte aus Großbritannien anzuwerben“, meint Lenzen. Gerade Geisteswissenschaftler bekämen dort derzeit viel zu wenig Geld.

Im Vergleich mit anderen Ländern sei die Arbeitssituation für Professoren in Deutschland eher gut. In den USA beispielsweise müssten sich rund 50 Prozent der Professoren mit befristeten Stellen zufriedengeben. In Deutschland gelte das nur für einen äußerst geringen Teil der Professorenschaft. Das können die Hochschulforscher vom Incher bestätigen. Ihre Studien haben ergeben, dass 96 Prozent der Professoren hierzulande eine Dauerbeschäftigung haben. Auch im europäischen Vergleich liegen sie damit im Spitzenfeld.

Hochschulforscher-Tagung in Berlin

Hochschulforscher tagen in Berlin

Die Tagung: Vom 4. bis 6. Juni 2012 treffen sich in Berlin-Dahlem rund 200 Hochschulforscher aus aller Welt zur Tagung „Changing Conditions and Changing Approaches of Academic Work“. International vergleichend sollen dort Veränderungen des Hochschullehrerberufs dargestellt und diskutiert werden. Die Konferenz wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt.

Die Studie: Während der Tagung werden auch Kernergebnisse der Forschungsprojekte „The Changing Academic Profession“ (CAP) und „The Academic Profession in Europe: Responses to Societal Challenges“ (Euroac) vorgestellt. In beiden Projekten wird der Wissensstand zum Hochschullehrerberuf bilanziert. In zwölf europäischen Ländern wurde er verglichen: Deutschland, Finnland, Großbritannien, Irland, Italien, Kroatien, Niederlande, Norwegen, Polen, Portugal, Österreich und Schweiz. Das internationale Projekt Euroac wurde vom Incher, dem Internationalen Zentrum für Hochschulforschung in Kassel, geleitet.

Weitere Informationen:
www.incher.uni-kassel.de/conference2012

Die Ergebnisse der CAP/Euroac-Studien sollen nun schrittweise in vier Bänden publiziert werden. Der letzte und zusammenfassende Band ist für 2013 geplant.

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