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„In Windeseile umgestellt"

Er gehört zu den acht wichtigsten Virologen Deutschlands: Stephan Becker forscht über die gefährlichsten und rätselhaftesten Viren der Welt. Mit der DUZ spricht er über sensationell schnelle Forschung, den Hype um die Virologen und die Suche nach einem Impfstoff

Virologen gelten als die neuen Popstars der Wissenschaft. Auch Sie sind als Berater und Interviewpartner gefragt wie nie zuvor. Tut das gut oder ist das vor allem anstrengend?

Das ist beides. Auf einen Seite streichelt es das Selbstbewusstsein. Auf der anderen Seite ist es ziemlich anstrengend. Das liegt auch daran, dass sich die gestellten Fragen oftmals gar nicht beantworten lassen. Wir wissen noch relativ wenig über das neue Coronavirus. Trotzdem sollen Fragen beantwortet werden, die dann Konsequenzen für unser tägliches Leben haben. Außerdem kann dieser Hype um die Virologen sehr schnell in Aggression umschlagen. Da muss man sich seiner Rolle als Wissenschaftler sehr bewusst sein. Wir können tatsächlich nur versuchen, die wissenschaftlichen Fakten zusammenzutragen und daraus Schlüsse zu ziehen. Die Entscheidungen muss die Politik treffen. 

Was hat sich für Ihr Team seit dem Ausbruch von Corona verändert?

Wir hatten schon vorher Projekte zu anderen Coronaviren. Wir haben dann aber wirklich in Windeseile unser Forschungsprogramm umgestellt und arbeiten jetzt mit 20 Forscherinnen und Forschern daran. Wir machen auch sehr viel Diagnostik – anfangs haben wir fast deutschlandweit Verdachtsfälle untersucht, inzwischen testen wir vor allem für Patienten aus dem mittelhessischen Universitätsklinikum, aus Krankenhäusern und Altenheimen aus der Region. Überall da, wo sich Infektketten entwickeln, sind wir dabei, diese nachzuweisen. Das nimmt sehr viel Zeit in Anspruch und auch die Forschung geht oft bis in die Nacht hinein.

Sie arbeiten an einem Impfstoff. Wie weit sind Sie?

Wir haben zusammen mit Arbeitsgruppen aus München und Hamburg im Rahmen des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung einen Impfstoffkandidaten entwickelt, der momentan an Tieren getestet wird. Die ersten klinischen Tests an Menschen sind für September geplant.

Wann könnte der Impfstoff kommen?

Er kann frühestens Mitte nächsten Jahres zugelassen werden. Aber schon im Rahmen der Phase­3­Studie, die hoffentlich zur Jahreswende möglich sein wird, kann man sehr viele Menschen immunisieren, um die Wirksamkeit des Impfstoffes zu testen.

Sie entwickeln Vektor-Impfstoffe. Wie funktioniert das?

Wir haben die Strategie dieser VektorImpfstoffe seit 2011 im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung mitentwickelt. Wir profitieren dabei von unseren Erfahrungen mit dem Impfstoff, den wir gegen die Lungenkrankheit MERS entwickelt haben. Als Vektor verwenden wir ein nicht krank machendes Pockenvirus, das dazu benutzt wurde, die Pocken in den 70er­ und 80er­Jahren auszurotten. In dieses Virus bauen wir mittels molekularbiologischer Methoden einen charakteristischen Erbgutabschnitt des zu bekämpfenden Erregers ein und verwenden das veränderte Virus dann als Impfstoff. Das funktioniert wie ein Baukastensystem für Viren und passende Antigene. 

Könnten die Impfstoffe noch schneller entwickelt werden?

Es ist einfach so, dass die Entwicklung von Impfstoffen Zeit braucht. Wenn Sie jetzt ein Tier mit dem neuen Impfstoff behandeln, dann dauert es vier bis sechs Wochen, bis klar ist, ob es eine Immunantwort gibt. Solche Abstände kann man nicht verkürzen. Auch wenn die Geschwindigkeit, mit der diese Impfstoffe zurzeit entwickelt werden, als sehr langsam wahrgenommen wird, sind wir eigentlich sensationell schnell. Normalerweise dauert es zehn Jahre, bis ein Impfstoff fertig ist.

Arbeiten Sie auch an Medikamenten gegen Corona?

Wir machen Versuche zusammen mit anderen Partnern mit chemischen Stoffen, die das neue Coronavirus hemmen sollen. Wir stecken aber in einer relativ frühen Phase der Arzneimittelentwicklung. Am schnellsten sind jetzt sicherlich die Medikamente, die schon irgendwo für eine andere Indikation zugelassen wurden.  Eines dieser Medikamente ist das jetzt  diskutierte Remdesivir.

Deutschland scheint in der Corona-Krise bislang relativ glimpflich davonzukommen. Was haben wir anders gemacht als andere Länder?

Ich glaube, wir waren insgesamt etwas besser vorbereitet, weil wir sehr aufmerksam auf die ersten Verdachtsfälle geachtet haben. Wir hatten ganz schnell einen Diagnostiktest, der von Christian Drosten entwickelt worden ist. Das ist entscheidend zur Eindämmung einer solchen Pandemie. Dann hatten wir das Glück, dass zunächst vorwiegend jüngere Menschen infiziert waren und deswegen der Ansturm auf die Krankenhäuser ausgeblieben ist.

Was halten Sie von den Lockerungen?

Virologen ist es am liebsten, wenn die Quarantäne­Maßnahmen möglichst lange aufrechterhalten bleiben. Doch der Lockdown wirkt sich so massiv auf die Wirtschaft und das Wohlbefinden der Bevölkerung aus, dass die Lockerung wichtig ist. Wir müssen allerdings darauf achten, dass die Infektionszahlen nicht wieder dramatisch nach oben schnellen.

Wie lautet Ihre Prognose für die Universitäten? Werden sich die Hörsäle im Herbst wieder füllen?

In den letzten Wochen wurde ja immer wieder deutlich, dass Vorhersagen nur eine ganz kurze Halbwertzeit haben und viele Dinge sich innerhalb von Tagen entscheiden. Da werde ich mich kaum an eine Prognose wagen.

Von welchen Viren gehen in Zukunft die größten Gefahren aus?

Alle Viren, die durch die Luft übertragen werden, sind für Epidemiologen eher ein Albtraum. Sie sind schwer einzudämmen, vor allem, wenn Menschen bereits ansteckend sein können, obwohl sie selbst noch keine Symptome zeigen. Dazu gehören die Corona­, aber auch die Grippeviren, die ebenso gefährlich sein können. Schwer ist die Eindämmung auch bei Viren, die durch Insekten übertragen werden. Dazu gehören zum Beispiel das Dengue­ oder das West­Nil­Virus. Diese Ausbrüche scheinen sich zu vermehren, was möglicherweise mit dem Klimawandel zusammenhängt.

Was müsste sich an unserer Lebensweise verändern, damit solche Pandemien in Zukunft nicht wieder auftreten?

Den Ausbruch von solchen Epidemien kann man nicht wirklich verhindern. Die auslösenden Viren werden häufig durch exotische Tiere übertragen. Durch oft ziemlich komplexe Infektionsketten gelangen sie dann zu den Menschen und lösen teilweise schwere Erkrankungen aus. Und das wird sich wahrscheinlich auch in der Zukunft so abspielen. Deshalb ist es so wichtig, dass man das größte Augenmerk darauf legt, die Ausbreitung solcher Infektionen schon in einer Frühphase zu verhindern. //

Stephan Becker: MEINE FORSCHUNG

DIE HERAUSFORDERUNG

Ausbrüche von Emerging Viruses stellen weltweit ein wachsendes Problem dar, das potenziell alle Länder betrifft.

MEIN BEITRAG

Wir haben in den letzten Jahren begonnen, Strategien zu entwickeln, um die Ausbreitung solcher Ausbrüche einzudämmen. Stichpunkte: schnelle Entwicklung von Diagnostik, Impfstoffen und antiviralen Medikamenten.

DROHENDE GEFAHREN

Die aktuelle COVID-19-Pandemie zeigt sehr deutlich, welche Dramatik von einem neu auftretenden Virus ausgeht, für das keinerlei Immunität in der Bevölkerung besteht.

OFFENE FRAGEN

Die Eindämmung der aktuellen Pandemie wirft bis dato völlig unerwartete Fragen auch ethischer Natur auf. Nur ein Beispiel: die Eindämmung der Pandemie hat sehr große Auswirkungen auf unsere Wirtschaft, was zunächst Deutschland betrifft, aber auch das Einbrechen der Weltwirtschaft beschleunigt. Dies wiederum trifft weniger entwickelte Länder wahrscheinlich stärker als die COVID-19-Pandemie. Wie kann man diese Problematik bei zukünftigen Ausbrüchen berücksichtigen?

MEIN NÄCHSTES PROJEKT

Ergibt sich sicherlich während der jetzigen Arbeiten zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie.

ZUR PERSON


Prof. Dr. Stephan Becker leitet seit 2007 das Institut für Virologie der Universität Marburg, zu dem ein Hochsicherheitslabor der höchsten Sicherheitsstufe gehört. Er war maßgeblich an der Entdeckung des Sarsvirus beteiligt, hat den Impfstoff gegen die „Schweinegrippe“ mitentwickelt und einen Impfstoff gegen Ebola mitinitiiert.

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