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Die unterschiedlichen Problemlagen in strukturschwachen Räumen hat jüngst eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft untersucht. Hochschulen spielen eine entscheidende Rolle bei der Stärkung der Regionen, meint der Mitautor der Studie Klaus-Heiner Röhl.

Seit mehreren Jahren wird verstärkt die Frage diskutiert, ob der regionale Zusammenhalt in Deutschland gefährdet ist. Die zunehmende Konzentration der Bevölkerung und die Verortung digitaler Unternehmen in den Ballungsräumen befeuerten das Narrativ von den zurückbleibenden ländlichen Räumen, die „abgehängt“ oder zumindest davon bedroht seien. Die empirische Analyse der regionalen Entwicklung in Deutschland zeigt allerdings ein sehr differenziertes Bild. Ein Auseinanderdriften urbaner und ländlicher Regionen wird für wirtschaftliche Kernkriterien wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner, die kaufkraftbereinigten Einkommen oder die Arbeitslosenquote nicht bestätigt. Vielmehr zeigt sich für diese Indikatoren der wirtschaftlichen Lage sogar eine Konvergenz der verschiedenen Regionstypen in Deutschland. Insbesondere für das BIP sind divergierende Entwicklungen der Wirtschaftskraft, die die aktuelle Diskussion prägen, statistisch nicht feststellbar.

DEMOGRAFISCHES STADT-LAND-GEFÄLLE

Woher rührt also der Glaube vieler Menschen – und vor allem der Kommentatoren in den Medien – dass die Republik eine zunehmende Spaltung in prosperierende Städte und verarmende ländliche Regionen erlebe? Einen Hinweis darauf gibt die Demografie: Anders als für die genannten Wirtschaftsindikatoren lässt sich für die Bevölkerungsentwicklung tatsächlich eine Spaltung zwischen Stadt und Land konstatieren. Mit der Konzentration der Bevölkerung seit der Jahrtausendwende in den urbanen Regionen – genauer in etwa 35 beliebten Groß- und Universitätsstädten – ging eine Verjüngung einher, während die Alterung der ländlichen Räume sich spiegelbildlich beschleunigt hat. Hauptgrund hierfür ist, dass vor allem junge Menschen in die Großstädte wandern. Hierbei spielt die Arbeitsmigration für die Wahl des ersten Arbeitsplatzes, aber noch stärker die Bildungsmigration die entscheidende Rolle. Während also viele Großstädte wachsen und es zu Engpässen auf dem Wohnungsmarkt kommt, verlassen gerade junge Menschen ländlich geprägte oder strukturschwache Regionen.

Der positive Befund, der sich aus der Analyse der meisten Regionalindikatoren ergibt, könnte daher durchaus eine etwas trügerische Momentaufnahme sein. Gerade in Ostdeutschland sind die Einwohnerverluste in den letzten drei Jahrzehnten in vielen Regionen beträchtlich und im ländlichen Raum fehlen dort junge Menschen, die selbst Kinder bekommen könnten. Dabei hält die Abwanderung immer noch an – nun allerdings nicht mehr auf Westdeutschland, sondern auf die attraktiven Städte der neuen Bundesländer wie Leipzig, Rostock oder Jena gerichtet. Fehlen in den ländlichen Regionen aber junge Menschen, werden sie unattraktiv für Unternehmensansiedlungen und die Wirtschaftskraft leidet über kurz oder lang. Die günstige Entwicklung von Arbeitslosigkeit und der Wirtschaftskraft je Einwohner im Osten ist zum Teil auf die Abwanderung zurückzuführen, da sie gemeinsam mit der Verrentung stärkerer Jahrgänge die Verknappung von Arbeitskräften befördert.

REGIONAL UNTERSCHIEDLICHE PROBLEMLAGEN

Zudem gibt es eine Reihe von Regionen in Deutschland, die trotz genereller wirtschaftlicher Konvergenz erhebliche Probleme aufweisen. Allerdings unterscheiden sich die jeweiligen Problemlagen, sodass man nicht pauschal von zurückbleibenden oder gar abgehängten Regionen sprechen kann. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat in einer umfassenden Regionalstudie (siehe Literaturhinweis weiter unten) diese Problemlagen herausgearbeitet. Jenseits der genannten demografischen Probleme, die neben den meisten ländlichen Regionen Ostdeutschlands auch periphere Regionen im Westen betreffen, gibt es städtische Problemregionen, die am allgemeinen Boom der Metropolen und Hochschulstädte in den letzten 20 Jahren nicht teilhatten. An erster Stelle ist hier das Ruhrgebiet zu nennen, mit 5,1 Millionen Einwohnern immer noch der größte deutsche Ballungsraum.

Aber auch infrastrukturell sind eine Reihe von Regionen schlecht aufgestellt, obwohl der Ausbau regionaler Verkehrswege seit Jahrzehnten zum Kanon regionalpolitischer Maßnahmen zählt. Ein besonderes Problem ist dabei die digitale Infrastruktur – viele weniger dicht besiedelte Regionen in Ost- und Westdeutschland sind tatsächlich noch abgehängt, wenn man sich die Versorgung mit schnellen Breitbandnetzen anschaut. Ohne eine gute digitale Anbindung ist die Ansiedlung innovativer Wachstumsunternehmen aber kaum vorstellbar. Daneben gibt es auch eine Reihe ländlicher Regionen, die zwar nicht zurückfallen, aber aufgrund fehlender wertschöpfungsstarker Unternehmen wirtschaftsschwach sind. Zum Teil tritt dies mit einer ungünstigen demografischen Struktur und/ oder schlechter Infrastruktur kombiniert auf. Hier wären zum Beispiel die Küstenregionen Schleswig-Holsteins und Teile von Rheinland-Pfalz zu nennen.

BENÖTIGT WERDEN DIFFERENZIERTE REGIONALPOLITSICHE ANTWORTEN

Wie könnte eine regionalpolitische Antwort auf die geschilderten Probleme aussehen? Die betroffenen Regionen sind oft bereits seit Jahrzehnten Fördergebiet, sodass eine durchgreifende Verbesserung der Lage offenbar neue Antworten (oder mehr Mittel) erfordert. Im Mittelpunkt der Regionalpolitik standen lange Zeit Zuschüsse für Unternehmensinvestitionen zur Schaffung neuer Arbeitsplätze und ein Ausbau der Infrastruktur. Angesichts fallender Arbeitslosenquoten und eines Fachkräftemangels selbst in peripheren Regionen sind die bisherigen Ansätze aber nicht mehr überall geeignet. Die Regionalpolitik muss fallbezogene Antworten auf vielschichtige Probleme finden.

Ab 2021 gibt es für die Bund-Länder-Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW) eine neue Förderkulisse ohne Ost-Fokus, nachdem 30 Jahre lang 80 bis 90 Prozent der Regionalfördermittel in die neuen Bundesländer geflossen sind. In diesem Zusammenhang sollten inhaltlich die Schwerpunkte stärker in Richtung Innovationsförderung verschoben werden. Innovationen bilden die Triebfeder für regionales Wachstum und können auch helfen, Antworten auf die demografischen Herausforderungen zu finden. Die Mittel der GRW sind jedoch mit 1,2 Milliarden Euro pro Jahr begrenzt – vor 20 Jahren wurden noch 4 bis 5 Milliarden Euro pro Jahr für die Investitionsförderung und regionale wirtschaftsnahe Infrastruktur vergeben. Der Verzahnung mit anderen Programmen etwa für Forschungseinrichtungen, den Städtebau oder Schulungsmaßnahmen für Beschäftigte und Arbeitslose kommt daher eine wachsende Bedeutung zu.

HOCHSCHULEN UND FORSCHUNGSINSTITUTE STÄRKEN DIE REGION

Technologisch führende Regionen zeichnen sich durch eine hohe Wissensorientierung ihrer Wirtschaft aus, die auf guten Bildungseinrichtungen basiert. Forschungsinstitute, Universitäten und innovationsstarke Unternehmen sind eng vernetzt und bilden ein „innovatives Milieu“, das ständig Neuerungen hervorbringt. Im Kontext der stärkeren Innovationsorientierung wächst auch die Bedeutung des Faktors Bildung stark an. Die Bildungsexpansion ging bereits in den letzten drei Jahrzehnten mit einem starken Ausbau der regionalen Hochschulen einher.

Deutschlandweit stieg die Zahl der Hochschulstandorte – unter Einrechnung von Dependancen – von 1990 bis 2016 um 167 Prozent auf über 600. Die vielen Neugründungen müssen relativ kurze Zeit nach ihrem Start zum Teil noch in ihre Rolle als Fokus für regionale Innovationsnetzwerke und „Anker“ für junge Menschen in der Region hineinwachsen. Zwar werden Schulabsolventen, die zum Studium an einen Hochschulstandort außerhalb der Metropolen gehen, weniger häufig als in den großen Universitätsstädten am Ausbildungsort verbleiben. Doch die Chancen, dass sie entweder am kleinstädtischen Bildungsort „Wurzeln schlagen“ oder in ihre ländliche Heimatregion zurückkehren, dürften weit höher sein, als wenn sie zum Studium in eine Großstadt gezogen sind.

Durch Hochschulen und Forschungseinrichtungen kann auch die regionale Gründungstätigkeit gestärkt werden. Eine gute Gründerkultur ist ein weiterer Erfolgsfaktor der Regionalentwicklung: Wirtschaftlich erfolgreiche Regionen weisen auch eine Vielzahl wachstumsstarker Start-ups auf. Der Aufbau eines gründungsaffinen Umfeldes rund um einen Hochschulstandort erfordert allerdings üblicherweise Akteure, die die Initiative ergreifen – und Zeit.

Neben den Wirkungen auf das regionale Bildungs- und Innovationssystem kann es durch die Stärkung der Hochschulen auch zu einer kulturellen Veränderung kommen: Die Anwesenheit der Studenten gibt dem jeweiligen Standort ein jüngeres Image, Schulabgänger finden leichter Clubs und Treffpunkte junger Menschen und fühlen sich so eher veranlasst, in der Region zu bleiben. Der „Herdeneffekt“, der Abiturienten in nur etwa 30 bis 40 deutsche Städte mit bekannten Universitäten und Hochschulen zieht, wird durch die immer weiter voranschreitende Ausdifferenzierung der Hochschullandschaft in den Regionen zumindest deutlich abgemildert. //

ZUR PERSON 

Dr. Klaus-Heiner Röhl ist Senior Economist für Unternehmen im Kompetenzfeld Digitalisierung, Strukturwandel und Wettbewerb
im Hauptstadtbüro des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln e.V.


ZUR LITERATUR

Michael Hüther, Jens Südekum, Michael Voigtländer (Hrsg.): Die Zukunft der Regionen in Deutschland – zwischen Vielfalt und Gleichwertigkeit. IW-Studien. Köln 2019. Online abrufbar unter: https://www.iwkoeln.de/ fileadmin/user_upload/Studien/Externe_Studien/2019/ IW-Regionalstudie_2019.pdf

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