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Gradlinig durch die Krise steuern

Gefahrenabwehr in der Corona-Krise – wie dies der Uni Konstanz gelang, berichten Rektorin Kerstin Krieglstein (rechts) und Pressesprecherin Julia Wandt im Gespräch mit Veronika Renkes, das in der ersten Aprilhälfte stattfand.

Frau Prof. Krieglstein, Frau Wandt: Was haben Sie als Erstes getan, als die Corona-Pandemie ausgerufen wurde?

Kerstin Krieglstein: Damals, Anfang März, befand ich mich mit 15 anderen Hochschulleitungen auf einer DAAD-Studienreise. Nach einer intensiven Diskussion war uns sehr schnell die Dramatik der Situation bewusst. Nach der Rückkehr nach Hause haben wir alle sofort weitere Maßnahmen ergriffen. An der Universität Konstanz tagte der Krisenstab bereits seit einigen Tagen und uns war klar, wir müssen unmittelbar handeln.

Warum konnte Ihr Krisenstab so schnell agieren?

Julia Wandt: Wir haben seit 2009 einen Pandemieplan und einen Krisenstab. Dessen erste Bewährungsprobe war der Asbestalarm für die Uni-Bibliothek, die komplett saniert werden musste. Der Krisenstab traf sich auch danach noch regelmäßig in größeren Abständen, um immer einsatzfähig zu sein.

Wofür ist er zuständig und wer ist dort involviert?

Julia Wandt: Zu seinen Aufgaben gehören gemeinsam mit dem Rektorat unter anderem: eine Analyse der Krisensituation, die Feststellung und Aufhebung des Krisenfalls, die Anordnung und Aufhebung von Schließungen und Arbeitsfreistellungen, die Anordnung von Homeoffice, die Aufrechterhaltung der Kommunikation, der Kontakt zu den Behörden sowie die Versorgung und der Gewährleistung der Sicherheit in der Universität Konstanz. Mitglieder des Krisenstabs sind neben Rektorin und Kanzler, der Leiter des Facility Management, ich als Kommunikationsleiterin, der leitende Sicherheitsingenieur, die Betriebsärztin, die Leiterin des Kommunikations-, Informations-, Medienzentrums und die Vorsitzende des Personalrates. Bei der Pandemie kommt noch der Pandemieexperte der Universität hinzu. Beraten wird der Krisenstab durch die Dekane und die Dekanin, die Leiter der Zentralen Einrichtungen, die Abteilungsleiterinnen und Abteilungsleiter und andere Funktionsträger wie zum Beispiel der Strahlenschutzbevollmächtigte.

Für die interne wie auch externe Krisenkommunikation ist die Stabsstelle Kommunikation und Marketing der Universität zuständig. Als deren Leiterin bin ich wie gesagt im Mitglied im Krisenstab. Wir sind wir ein eingespieltes Team und konnten schon im Vorfeld der sich überschlagenden Ereignisse die wichtigsten Maßnahmen in Gang setzen. Da das Kommunikations-, Informations-, Medienzentrums ein zentrales Dienstleistungszentrum bestehend aus Bibliothek, Rechenzentrum und Verwaltungs-EDV ist, konnte es zudem schnell die passende technische Infrastruktur und notwendige Beratung für Lehre, Forschung und Studium bereitstellen.

Wann haben Sie sich dazu entschlossen, auf Notbetrieb umzustellen?

Kerstin Krieglstein: Am Morgen des 16. März haben wir eine Lageeinschätzung vorgenommen, die Ausbreitung der Infektion, die Zahl der Infizierten sowie die Rahmenbedingungen möglicher Neuinfektionen besprochen. Da zu erwarten war, dass sich die Infektionszahlen exponentiell schnell entwickeln würden und es bereits erste Infektionen an unserer Universität gab, beschlossen wir, sofort zu handeln. Unsere Krisenexperten und Techniker informierten uns, dass es mit unserem 96-Stunden-(Krisen)Plan möglich sei, alle Gebäude, technischen Geräte und Anlagen auf Notbetrieb runterzufahren. Dazu haben wir uns am gleichen Tag noch entschieden und abends den Plan in Gang gesetzt.

Was waren Ihre wichtigsten Schritte in den Notbetrieb und wie haben Sie diese kommuniziert?

Julia Wandt: Am 11. März wurde von der Landesregierung Baden-Württemberg verordnet, den Vorlesungsbetrieb an Universitäten, Hochschulen und Akademien bis zum 19. April auszusetzen. Das war für uns noch nicht dramatisch, weil dieser Lockdown lediglich Lehrveranstaltungen und Prüfungen in der vorlesungsfreien Zeit betraf. Der reguläre Studienbetrieb sollte an den Universitäten sowieso erst nach Ostern beginnen. Am 16. März entschlossen wir uns an der Universität Konstanz, auch in Bezug auf Forschung und Verwaltung in einen Notbetrieb zu gehen. Für uns hieß das, schnell Ausnahmen zu definieren für Wissenschaftler und Verwaltungsmitarbeiter, die davon nicht betroffen sein dürfen und den Notbetrieb aufrechterhalten müssen. Wie etwa unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich für die Bewältigung der Corona-Krise engagieren oder diejenigen, deren Forschung weitergehen muss, wie etwa bei den Langzeittierversuchen. Hinzu kommen Mitarbeiter in Technik und Verwaltung, die unentbehrlich sind. Somit befand sich unsere Universität bis Ende April zwar im Notbetrieb (seitdem in einem erweiterten Notbetrieb vor Ort), sorgte aber gleichzeitig dafür, dass alle notwendigen Aufgaben und Tätigkeiten erledigt werden können. Alle Maßnahmen wurden im Krisenstab diskutiert, als Empfehlungen an die Hochschulleitung weitergegeben und dann von der Rektorin entschieden.

Wie gelang es, dass alle Hochschulangehörigen die beschlossenen Maßnahmen auch beachten?

Kerstin Krieglstein: Mit einer strategisch hervorragend geplant und durchgeführten Kommunikation.

Julia Wandt: Schon sehr früh, vor Aufnahme des Notbetriebs, war es uns wichtig, alle Hochschulangehörigen über mögliche Auswirkungen der Pandemie zu informieren und für notwendige Schutzmaßnahmen zu sensibilisieren. Die interne Kommunikation hatte für uns absoluten Vorrang. Wir haben die unterschiedlichen Statusgruppen mit Informationen versorgt, die diese dringend brauchten. Dies geschah über die Informationskanäle, die diese schnell und einfach nutzen können. Dazu gehören unser hochschulinterner Newsletter, persönliche Informationen und Schreiben, wie E-Mails der Rektorin, sowie eigens angefertigte FAQs auf unserer Website über alle wichtigen Vorgänge, Sachlagen, Tatbestände und Hilfsangebote an unserer Universität. Dynamik und Vielfalt der Krisenentwicklung machten es notwendig, jeden Tag neue Inhalte nach den unterschiedlichen Bedarfen der Wissenschaftler, Studierenden, Verwaltungsmitarbeiter und Wissenschaftsmanager auf unterschiedlichen Kanälen zu kommunizieren. Zudem haben wir nachgefragt, wie unsere Informationen aufgenommen werden. Die meisten Hochschulmitglieder spielten uns zurück, dass es gerade in einer Krise für sie wichtig sei zu wissen, was, warum entschieden wurde und was das für sie bedeute. Die Entscheidungen sollten für sie klar, eindeutig und nachvollziehbar sein, auch wenn diese natürlich nicht immer von allen geteilt worden sind. Das signalisiere Sicherheit und Verlässlichkeit, was gerade in Krisensituationen wichtig sei.

Welche Unterstützung würden Sie sich von der Politik in der Krise wünschen?

Kerstin Krieglstein: Dass bei den Verordnungen und Regelungen, die uns betreffen, auf unsere Bedürfnisse und Notwendigkeiten eindeutiger eingegangen wird. So wurden in den ersten Corona-Verordnungen des Landes Baden-Württemberg zwar Aussagen zum Lehrbetrieb gemacht, aber die zum Forschungsbetrieb fehlten. Das war bedauerlich, denn durch den Notbetrieb einer Universität beschränken wir auch vorübergehend die Forschungsfreiheit. Eindeutige Hinweise darauf, inwieweit die Kontakteinschränkungen des öffentlichen Raums auch für die Gebäude, Räume und Labore der Universität und damit auch für die Wissenschaftler gelten, von Beginn an wären hilfreich gewesen. Mehr Unterstützung von der Landesregierung wäre hier hilfreich. Von der Bundespolitik würde ich mir wünschen, dass man die Konsequenzen der Krise klarer kommuniziert. Einerseits wird davor gewarnt, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten, andererseits wird der Wiedereinstieg in ein normales Leben signalisiert, der unser Gesundheitssystem bis an die Grenze ausreizen wird. Natürlich können wir die Wirtschaft nicht an die Wand fahren lassen, aber es muss ein intelligenteres Konzept geben, als sich zum Spielball von Interessenverbänden zu machen.

Was sollte die Politik konkret tun?

Kerstin Krieglstein: Realistische Perspektiven für die Zukunft diskutieren, denn wir werden mit den Einschränkungen wahrscheinlich noch länger leben müssen. Für die Universitäten würde ich mir Diskurse und Einordnungen von Juristen und Politikern wünschen, wenn es um die Abwägung zwischen temporären Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit und dem Menschenrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit geht. Wir wissen, wenn wir unser Gesundheitssystem überlasten, nehmen wir billigend in Kauf, dass schwer kranke Menschen sterben werden, weil es keine freien Behandlungsplätze gibt. Das ist irreversibel und höher zu bewerten, als eine vorübergehende Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit. Ein Wissenschaftsministerium könnte helfen, diese Diskussion zu führen und Lösungen im Umgang mit diesem Dilemma zu finden. Hinzu kommt, dass wir für den Ausbau der digitalen Entwicklung und der Homeoffice-Arbeitsplätze finanzielle Unterstützung benötigen. Mehr Computer, Lizenzen, Software, Schulungen und Umstellungsprozesse kosten auch mehr Geld.

Inwieweit engagiert sich Ihre Universität in Ihrer Region, um zur Lösung der mit der Corona-Krise auftretenden Probleme beizutragen?

Kerstin Krieglstein: Bürokratie und Politik zeichneten sich hier nicht immer durch Flexibilität aus. So erhielten wir einen Anruf aus dem Landratsamt, mit der Bitte um dringende Hilfe bei den Corona-Tests. Wir haben sofort reagiert und konnten innerhalb weniger Stunden unsere Hilfe anbieten. Dann kamen die Bedenken. Nein, das darf nur ein Facharzt machen, ein Molekularbiologe kann das nicht. Was einfach nicht stimmt. Wir haben aber nicht lockergelassen, denn wir wussten; wir werden dringend gebraucht. In kürzester Zeit haben wir Verbindung kam der Kontakt mit dem zuständigen Diagnostiklabor zustande. Unter fachärztlicher Leitung unterstützen wir jetzt dieses Labor bei den Corona-Tests, das dadurch wesentlich mehr Tests durchführen kann. Außerdem sind Wissenschaftler unserer Universität an der Erforschung eines Impfstoffes beteiligt, andere haben IT-Tools zur Visualisierung und besseren Planung von Intensivbetten-Kapazitäten entwickelt und stellen diese bundesweit zur Verfügung. Zudem unterstützen wir die öffentliche Verwaltung bei der Digitalisierung. Hier hat sich die Kultur unserer Universität bewährt, pragmatisch, schnell und interdisziplinär gut zusammen zu arbeiten und das nicht als Problem, sondern als Chance zu sehen, um Anforderungen besser zu bewältigen. Dadurch funktionieren in der Krise unsere Abstimmungsprozesse schnell, unbürokratisch und unkompliziert. Für uns gilt dann das Motto: „Wir werden benötigt, wir helfen, was können wir tun?“

ZUR PERSON ​

Prof. Dr. Kerstin Krieglstein ist seit dem 1. August 2018 Rektorin der Universität Konstanz. Die Professorin für Anatomie und Zellbiologie ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina sowie in Gremien von DFG, AvH, Helmholtz-Gemeinschaft, des BMBF und des Scientific Advisory Board des Centers of Excellence for Neuroscience der Academy of Sciences Finland.

Julia Wandt ist seit 2010 Pressesprecherin und Leiterin der Stabsstelle Kommunikation und Marketing der Universität Konstanz. Die Kommunikationswissenschaftlerin und Betriebswirtin ist Vorsitzende des Bundesverbands Hochschulkommunikation. Bis 2010 war sie Beauftragte für Kommunikation und Marketing der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen.


DIE UNIVERSITÄT KONSTANZ ​

Die 1966 als Reformuniversität gegründete Universität Konstanz gehört zu den elf Exzellenzuniversitäten bzw. -verbünden in Deutschland. Sie ist eine von sechs Universitäten, die durchgängig seit 2007 in allen Förderlinien der Exzellenzinitiative und -strategie erfolgreich sind. Auf die Einrichtung von Fakultäten wurde zu Gunsten einer stärkeren interdisziplinären Orientierung verzichtet. Die 13 Fachbereiche der Universität gliedern sich daher in drei Sektionen: Mathematik-Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften sowie Politik – Recht – Wirtschaft. Derzeit sind rund 11 700 Studierende an der Campusuniversität immatrikuliert, die zirka 2 300 Beschäftigte, darunter rund 210 Professoren, zählt. Die Universität Konstanz unterhält ein dichtes Netzwerk an Kooperationen mit regionalen, nationalen und internationalen Partnerinstitutionen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit. Auf regionaler Ebene besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem Kanton Thurgau. So werden mit der Pädagogischen Hochschule Thurgau (PHTG) unter anderem gemeinsame Studiengänge angeboten. Weitere deutsch-schweizerische Kooperationen sind das Biotechnologie-Institut Thurgau (BITg) sowie das Thurgauer Wirtschaftsinstitut (TWI). Über die Internationale Bodensee-Hochschule ist die Universität Konstanz mit 30 Hochschulen im Dreiländereck verbunden. Auf internationaler Ebene kooperiert sie derzeit mit rund 220 Partnerhochschulen im Rahmen des Erasmus-Programms. Darüber hinaus unterhält sie Verbindungen zu rund 100 strategisch wichtigen und ausgewählten internationalen Institutionen.

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