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„Unaufgeregt und pragmatisch“

Tanja Brühl, Präsidentin der TU Darmstadt, stellt im Interview mit Veronika Renkes dar, wie sie gemeinsam mit ihrem Leitungsteam die Corona-Krise meistert. Das Gespräch fand in der ersten Aprilhälfte statt.

Bereits 2009, im Nachgang zum SARS-Virus, der die erste Corona-Epidemie weltweit auslöste, erstellte die TU Darmstadt einen Pandemie-Krisenplan. Darauf aufbauend, befasste sich die Hochschulleitung bereits seit Ende Januar diesen Jahres mit einem möglichen Corona-Bedrohungsszenario und leitete zügig Maßnahmen ein, um die aktuelle Krise in den Griff zu bekommen.

Frau Prof. Brühl: Wie sieht Ihr Alltag in der Corona-Krise aus?

Er besteht in dieser Phase der Krise aus einer Kombination von Krisenmanagement und Tagesgeschäft. Wir versuchen in der Krise, langsam eine Normalität herzustellen und damit Stabilität aufzubauen. Dazu gehört auch, Ängste ernst zu nehmen und konstruktiv mit ihnen umzugehen, aber auch neue Ideen zu prüfen und umzusetzen. Zentrales Instrument, um das Krisenmanagement wirkungsvoll umzusetzen, ist für uns: Kommunikation, Kommunikation und nochmals Kommunikation.

Man hat den Eindruck, dass Sie ruhig und gut überlegt die Krise managen.

Dies war von Anfang an unser Ziel: Auf der Basis von Fakten langfristig ausgerichtet zu agieren. Schon Ende Januar haben wir damit begonnen, uns mit einer drohenden Epidemie aktiv auseinanderzusetzen und Kontakt zu unseren Betriebsärztinnenaufgenommen. Damals noch vor dem Hintergrund: Es gibt eine Gefahr, die sich von China aus ausbreitet. Es ging uns zunächst um die Dienstreisen unserer Beschäftigten und die Situation unserer internationalen Studierenden. Viele von ihnen kommen aus China. Wir haben dann unseren Pandemieplanaus dem Jahr 2010 aktualisiert. Das hat uns sehr geholfen. Denn so konnten wir unsere Maßnahmen strategisch planen, bevor die Pandemie in Europa ausbrach. Damals waren unsere Überlegungen: Es handelt sich um einen hoch infektiösen Virus, der sich schnell verbreitet. Wir tun alles, um unsere Beschäftigten und unsere Studierenden zu schützen. Dass das Ganze so schnell und dramatisch werden würde, haben wir uns so nicht vorstellen können. Auch nicht, dass später ein tägliches Krisenmanagement notwendig sein würde.

Sie konnten vor Ausbruch der Corona-Krise auf einen früheren Pandemieplan zurückgreifen?

Ja, der Plan wurde im Nachgang zur SARS-Pandemie und im Kontext der Schweinegrippe entwickelt. Durch die Kombination aus dem gut strukturierten Pandemieplan, einem professionellen Krisenstab, einem sehr gut miteinander funktionierendem Präsidium und einer starken Verwaltung sowie effektiven Kommunikationsmaßnahmen lässt sich eine Krise gut bewältigen. Man muss in Prozessen denken und die richtigen Akteure und Akteurinnen dabei haben.

Was waren Ihre ersten Schritte?

Die konzentrierten sich auf die Frage, wie gehen wir mit Personen um, die aus den Risikogebieten kommen? Und zwar in der Forschung, wie auch in der Lehre. Das bezog sowohl Beschäftigte wie auch Studierende unserer Universität ein, die hier ihren Auslandsaufenthalt verbrachten als auch ausländische Gäste, die zu uns nach Darmstadt kommen wollten. Da wir die Ansteckungsrisiken so gering wie möglich halten wollten, entschieden wir uns schon im Januar für eine 14-tägige Quarantäne-Empfehlung. Der zweite Schritt war am 4. Februar die Empfehlung, Dienstreisen möglichst nicht durchzuführen. Viele Maßnahmen, die wir im Februar angedacht haben, ziehen sich wie ein roter Faden durch die Eskalation der Krise. Mit steigender Bedrohung wurden diese immer strenger. Bereits Ende Februar – als sich eine Corona-Epidemie für Europa abzeichnete – rieten wir unseren Kolleginnen und Kollegen: „Bitte keine realen Treffen. Wann immer möglich, bitte Video- und Telefonkonferenzen veranstalten.“ Außerdem haben wir überall Hygieneplakate aufgehängt mit Anleitungen zum Händewaschen und zur Niesetikette. Anfang März, als die Ereignisse eskalierten, haben wir unseren Pandemieplan erneut überarbeitet und der drohenden Corona-Pandemie angepasst. In dem Moment, als die WHO die „gesundheitliche Notlage mit internationaler Tragweite“ ausrief, trat unser Plan in Kraft. Dadurch konnten wir schnell reagieren.

Orientieren Sie sich eher an der WHO, weil Sie eine autonome Universität mit sehr vielen internationalen Wissenschaftlern und Studierenden sind?

Die WHO ist die globale Koordinationsbehörde für Gesundheitsfragen, daher ist ihr Urteil sehr wichtig. Zudem stimmen wir uns sehr eng mit der hessischen Wissenschaftsministerin Dorn und ihrer Staatssekretärin Asar in regelmäßigen Telefonkonferenzen, per SMS und E-Mail ab. Als autonome Universität handeln wir auch selbst verantwortungsbewusst. Wir treffen unaufgeregt und pragmatisch Vorsichtsmaßnahmen. Unsere Autonomie bestimmt zudem das Selbstverständnis der Kolleginnen und Kollegen und Fachbereiche, die auch in der Krise Verantwortung übernehmen. Wie etwa bei den Fragen: Welche Rolle und Aufgaben übernimmt jede einzelne Person in der Krise? Und wie begleiten wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice?

Wie funktioniert das Krisenmanagement an Ihrer Universität?

Zentral sind der Pandemieplan, der Krisenstab, in dem auch der Kanzler und ich als Präsidentin vertreten sind. Dieser tagte seit dem 12. März täglich eine Stunde und seit Ostern nur noch jeden zweiten Tag. Hinzu kommt, dass auch das Präsidium täglich eine Stunde tagt, auch an Wochenenden. Die Treffen finden als Videokonferenzen statt. Von Anfang an war es für uns auch wichtig, dass wir als Krisenstab sofort über Verdachtsfälle und positive Testungen informiert werden, damit wir schnell notwendige Maßnahmen einleiten können. Zudem wurde im Krisenstab besprochen, wie die Anforderung aus der Politik – sprich den Basisbetrieb bei gleichzeitiger Kontaktminimierung zu garantieren – umgesetzt werden kann. Schon sehr früh entschieden wir uns für die Möglichkeit der mobilen Arbeit, also das, was meist Homeoffice genannt wird. Damit die Zusammenarbeit sichergestellt ist, hat unser Hochschulrechenzentrum Lizenzen für ein Videokonferenzsystem erworben. Alle Dekanate und Dezernate, Professorinnen und Professoren sowie Beschäftigte in der Verwaltung haben Lizenzen erhalten, auch um den Arbeitsalltag zu gewährleisten.

Finden auch Gremientreffen und Berufungsverhandlungen per Videokonferenz statt?

Ja. Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht. So haben wir zum Beispiel eine Senatssitzung mit 61 Teilnehmern und Teilnehmerinnen durchgeführt. Wir haben die Tagesordnung auf die wichtigsten Punkte reduziert und konnten inhaltlich viel und gut diskutieren. Auch der Hochschulrat hat so getagt. Das klappte alles richtig gut. Aber nicht nur die Gremienarbeit und Verwaltungsvorgänge finden zurzeit als Video- und Telefonkonferenzen statt, sondern auch Berufungsverhandlungen. Da Reisen nicht möglich ist und wir die neuen Kolleginnen und Kollegen möglichst früh gewinnen wollen, führen wir die Verhandlungen online durch. Das geht, weil unser System sehr stabil ist und wir auch über mehrere Stunden miteinander in guter Qualität kommunizieren können.

Wie wichtig sind ein eigenes Rechenzentrum und eine gut funktionierende digitale Infrastruktur?

Beides ist sehr wichtig. Hier haben wir noch Luft nach oben. Daher habe ich ein neues Ressort für Digitalisierung eingerichtet, das der Vizepräsident für wissenschaftliche Infrastruktur leitet. Doch bei allem Schrecklichen, was die Coronakrise mit sich bringt, zeigt sich: die Digitalisierung geht schnell voran. Sowohl bei den administrativen Aufgaben, als auch bei der Bearbeitung von Forschungsanträgen und den Veranstaltungen der Lehre. Die Digitalisierung entscheidender Prozesse ermöglicht uns viel mehr Handlungsspielräume. So sind wir am 20. April in ein zunächst rein digitales Semester gestartet. Die Lehrenden baten wir am 30. März, alle Lehrveranstaltungen auf E-Learning umzustellen. Das gilt für Vorlesungen, Seminare und Übungen. Alle Lehrenden wissen jetzt, dass sie ihr Semester ganz anders planen müssen. Die Veranstaltungen, die wir nicht umstellen können, wie etwa Laborpraktika, werden frühestens am 1. Juni starten können. Wichtig war uns eine klare, eindeutige Kommunikation, damit jede und jeder für sich planen kann.

Wie haben Sie es geschafft, dass alle mitmachen?

Die Lehrenden sind aufgrund der Notlage gerne bereit, ihre Lehre digital zu gestalten. Das Präsidium prüft gerade, was alles bereits gut funktioniert und wo es noch Unterstützungsbedarfe gibt. Der Vizepräsident für Studium und Lehre erfragt zurzeit in digitalen Eins-zu-Eins-Gesprächen, welche Bedarfe technischer oder struktureller Art es noch gibt und wo weitere Unterstützungen notwendig sind. Die E-Lectures, digitale Vorlesungen, scheinen bereits vollkommen unproblematisch zu laufen.

Wie kommunizieren Sie die neuen Maßnahmen?

Anfang März haben wir festgelegt, dass unsere Homepage die zentrale Kommunikationsplattform sein soll. Auf ihr sind regelmäßige Updates und bedarfsgerechte Informationenübersichtlich und schnell zu finden. Die Homepagewurde zielgruppenspezifisch neu strukturiert, mit Informationen für Studierende, für Beschäftigte und Gäste. Zeitweise wurde die Homepage dreimal täglich aktualisiert, weil wir so viele neue Regelungen treffen und kommunizieren mussten. Prinzipiell versuchen wir aber, niemanden mit zu vielen Neuigkeiten zu überfrachten. Zudem haben wir einen Mailverteiler, über den unsere Führungskräfte in den Dezernaten, Dekanaten und Fachbereichen informiert werden.

Wie kommunizieren die Mitarbeiter im Homeoffice untereinander?

Unsere Führungskräfte sind da durchaus kreativ. So gibt es virtuelle Kaffeepausen, bei denen man sich informell zweimal am Tag für 20 Minuten trifft und sich austauscht. Auf einer formaleren Ebene werden Arbeitsaufträge vergeben, auch per E-Mail oder telefonisch. Das funktioniert alles sehr gut. Das zeigen auch die Zugriffe auf das Netz der TU Darmstadt, die sich in den letzten Wochen mehr als vervierfacht haben.

Und wie haben Sie die psychologische und soziale Begleitung organisiert?

An dieser Stelle haben wir gemerkt, dass wir nicht auf alles vorbereitet waren. Denn unsere Sozial- und Konfliktberatung für Beschäftigte ist eigentlich darauf angelegt, dass man sich trifft und miteinander redet. Das ist jetzt jedoch nicht mehr möglich. Deshalb haben wir Diensthandys und Lizenzen für Videokonferenzsoftware erworben und den Mitarbeiterinnen der Beratungsstellen Laptops zur Verfügung gestellt. Jetzt finden die Beratungen digital statt. Ähnliches gilt für die Beratungsangebote des Studierendenwerkes für die Studierenden. Wir rufen auf unserer Homepage dazu auf, diese Angebote zu nutzen. Denn wir sind derzeit mit extrem anstrengenden Situationen konfrontiert, die mit professioneller Beratung und Unterstützung manchmal besser gemeistert werden können.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Basisbetrieb: Was funktioniert besser als erwartet und was läuft nicht so gut?

Basisbetrieb heißt für uns in erster Linie, dass die Verwaltung und der Forschungsbetrieb so gut es geht weiterlaufen. Einzelne Fachbereiche, wie etwa in der Chemie, arbeiten mit einem Schichtmodell. Wenn nur eine reduzierte Arbeitsgruppe im Labor ist, können Experimente weiterhin durchgeführt werden, gleichzeitig aber auch Hygienevorschriften eingehalten werden. Die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befinden sich im Homeoffice. Laborpraktika für Studierende haben wir leider absagen müssen. Nach einer Gefahreneinschätzung haben wir Mitte März auch entschieden, die Klausuren vorerst nicht schreiben zu lassen. Das ist uns sehr schwer gefallen. Aber wir können nicht ausschließen, dass Studierende dicht gedrängt vor den Türen stehen und in unser Gebäude kommen. Für die Zeit ab dem 15. Mai haben wir – Stand heute – mögliche Klausurtermine vorgeplant – auch, um den Lehrenden und Studierenden Planungssicherheit geben zu können.

Mussten Sie Entscheidungen nachjustieren?

Wir wollen möglichst viel Normalität in der Krise ermöglichen und schätzen situationsgebunden ab, was möglich ist und was nicht. So haben wir bei den mündlichen Prüfungen nachjustiert. Wir waren zunächst davon ausgegangen, dass diese, wie die Klausuren, nicht durchführbar wären. Unsere Erfahrungen mit der Videokonferenzsoftware haben jedoch gezeigt, dass das sehr wohl geht. Da die einzelnen Fachkulturen sehr unterschiedlich sind, bedarf es vieler Kommunikationsschleifen, um abzuklären, was geht und was nicht.

Welche Unterstützung würden Sie sich von Politik und Gesellschaft wünschen?

Ich wünsche mir mutigere und bundeseinheitliche Regelungen durch die Politik. Das betrifft vor allem die Schulen. Für die Hochschulen hoffe ich auf einen bundesweiten Nachteilsausgleich. Wir werden trotz all unserer Anstrengungen nicht sicherstellen können, dass jeder und jede Studierende wirklich die 30 Credit Points(ECTS) erreicht, die für ein Semester vorgesehen sind. Auch wenn die Praktika im Juni oder Juli anfangen können, kann nicht garantiert werden, dass alle einen Platz erhalten. Wir brauchen flexible Lösungen, damit den Studierenden keine gravierenden Nachteile entstehen. Auch die Bafög-Regelungen müssen nachjustiert werden. Zudem befinden sich viele Studierende in einer schwierigen monetären Situation, weil ihre Jobs wegfallen. Gute Lösungen müssen auch aus der Politik kommen. Und die können nicht nur für ein Bundesland gelten.

Inwieweit wird diese Krise, die Hochschullandschaft verändern?

Durch den Digitalisierungsschub in der Lehre erhalten wir viel mehr Handlungsoptionen, ein flexibleres Studieren wird möglich. Auch werden künftig viele Meetings eher als Videokonferenz stattfinden. Man spart viel Zeit, Energie und Geld, wenn man nicht für ein paar Stunden extra nach Berlin oder New York fliegen muss.

Was war oder ist für Sie die größte Herausforderung?

Die richtige Entscheidung in einer Situation zu treffen, die von großer Unsicherheit geprägt ist, ist eine sehr große Herausforderung. Häufig gibt es keine richtige oder falsche Entscheidung. Erst im Nachhinein können wir einschätzen, war diese angemessen oder nicht angemessen. Auch deshalb bin ich sehr froh, dass wir im Präsidium Entscheidungen immer wieder überprüfen und gemeinsam laut darüber nachdenken, wie wir zu möglichst guten Entscheidungen für die TU Darmstadt gelangen. Eine Krise lässt sich nur gemeinsam und in enger Zusammenarbeit bewältigen. Dass dies an der TU mit allen Beteiligten möglich ist, erfüllt mich mit Freude und großem Vertrauen für die Zukunft.

ZUR PERSON

Prof. Dr. Tanja Brühl ist seit Oktober 2019 Präsidentin der Technischen Universität Darmstadt. Die Politikwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen und Friedensforschung war zuvor Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der Goethe-Universität Frankfurt/Main.


DIE TU DARMSTADT

Die 1877 gegründete TU Darmstadt ist eine der führenden Technischen Universitäten in Deutschland mit hoher internationaler Sichtbarkeit und Reputation. Sie war 2007 und 2012 in der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder erfolgreich. Im Mittelpunkt der TU Darmstadt steht ein breit gefächertes Studienangebot in den Ingenieur- und Naturwissenschaften, das durch ein profiliertes geistes- und sozialwissenschaftliches Fächerangebot ergänzt wird. Mit rund 25 000 Studierenden und knapp 5000 Beschäftigten, davon etwa 310 Professoren, zählt die TU Darmstadt zu den mittelgroßen Universitäten in Deutschland. Sie ist unter anderem Mitglied im Verbund der TU9, einem Zusammenschluss Technischer Universitäten.

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