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In vierzig Jahren zum Forschungsmeister

EUI – die drei Buchstaben stehen für ein Institut, an dem der Forschungsraum Europa greifbar wird. 1972 gegründet, setzt die international finanzierte Einrichtung bei Florenz heute als Talentschmiede und Thinktank Maßstäbe.

Florenz Sie kommen aus ganz Europa und haben das gleiche Ziel: den Doktortitel. Verliehen vom Europäischen Universitätsinstitut (EUI), ermöglicht er Karrieren in ganz Europa. 1972 von sechs Staaten der damaligen europäischen Gemeinschaft – den Beneluxländern, Frankreich, Italien und Deutschland – gegründet, will das EUI „durch sein Wirken auf dem Gebiet des Hochschulunterrichts und der Forschung zur Entwicklung des kulturellen und wissenschaftlichen Erbes Europas beitragen“, heißt es hochtrabend in der Gründungsurkunde. Vergangenen April feierte die internationale Einrichtung ihr 40-jähriges Bestehen.

In den Hügeln der Toskana oberhalb von Florenz ist das EUI zu finden, das sich selbst ganz unbescheiden als Schmelztigel Europas sieht. Von der „internationalen Atmosphäre“ auf dem Campus schwärmt EUI-Präsident Professor Dr. Josep Borrell vollmundig: „Wir befinden uns zwar auf italienischem Boden, aber für uns gilt das Motto: no guests and no hosts – es gibt hier weder Gäste noch Gastgeber.“

Dahinter steckt freilich auch Kalkül. Die EU-Mitgliedsstaaten lassen sich das Institut einiges kosten. Rund 26,5 Millionen Euro steuern sie jährlich zum Budget bei. Mit der Erweiterung der europäischen Gemeinschaft kamen zu den sechs Gründerländern nach und nach 13 weitere Mitglieder hinzu. Gegenwärtig schließt sich Lettland an, „und mit einigen der sieben übrigen sind wir im Gespräch“, sagt Dr. Andreas Frijdal, der am EUI die Doktoranden-Programme federführend organisiert. Die Staaten zahlen nach einem bestimmten Schlüssel Beiträge ans EUI. An dem Schlüssel wird auch die Zahl der Studierenden bemessen, die aus den jeweiligen Ländern aufgenommen werden.

Mit rund 40 Doktoranden begann 1976 der Lehrbetrieb am EUI. Mittlerweile lebt eine Gemeinschaft von rund 1000 Wissenschaftlern und Verwaltungsmitarbeitern auf einem Campus mit 14 historischen Villen Tag für Tag die europäische Idee im Kleinen. Acht Sprachen werden am EUI gesprochen, wenngleich man sich offiziell auf ein „bad international English“ geeinigt hat, wie Fabian Breuer sagt, der am EUI promovierte und nun als Postdoc weiter am Institut beschäftigt ist.

„Wichtig ist, dass Professoren und Doktoranden konstruktiv zusammenarbeiten“

Knapp 600 Doktoranden forschen derzeit am Institut in den Disziplinen Recht, Geschichte, Wirtschaft sowie Politik und Sozialwissenschaften. Betreut werden sie von insgesamt 55 Professoren. Das ergibt einen Betreuungsschlüssel von rund zehn Studierenden pro Professor. „Wichtig ist bei uns, dass Professoren und Doktoranden konstruktiv zusammenarbeiten und nicht auf Hierarchien achten“, erklärt Borell. Dafür freilich müssen die personellen Kapazitäten vorhanden sein. An Massenhochschulen ist diese individuelle Betreuung jedenfalls nicht leicht zu erreichen.

Genau sie aber macht offenbar die Forschungserfolge möglich, die am EUI erzielt werden. So gehört das Institut zu den weltweit renommiertesten Institutionen im Bereich der Politikwissenschaften. In einem Ranking der London School of Economics belegt das EUI im weltweiten Vergleich Platz fünf im Fach Politikwissenschaft, besser schnitten nur die amerikanischen Elite-Universitäten ab, in Europa liegt das EUI auf dem ersten Platz.

Entsprechend hoch ist die Zahl der Bewerber: 1700 Kandidaten versuchten 2011 ihr Glück. Angenommen wurden am Ende  135 Doktoranden. Wer die Auswahlprozedur geschafft hat, bekommt automatisch ein Stipendium. Dafür kommt dann das jeweilige Heimatland auf, für Deutschland wird es über den Deutschen Akademischen Austauschdienst abgewickelt. Die Förderungshöchstdauer für deutsche Stipendiaten beträgt drei Jahre, das vierte finanziert das EUI. Nach zwei Jahren müssen sich die Doktoranden für eine weitere Förderung qualifizieren. Die Stipendienhöhe der deutschen Doktoranden beläuft sich auf 1200 Euro im Monat, viele Länder zahlen deutlich mehr. Die höchste monatliche Unterstützung erfahren junge Talente aus Norwegen. Sie erhalten 3600 Euro, das entspricht fast dem Grundgehalt von W2-Professoren in Deutschland.
Ergänzt wird das Ausbildungsprogramm am EUI seit Mitte der 90er-Jahre vom Robert-Schuman-Zentrum (siehe Interview). Die nach dem ersten Präsidenten des Europaparlaments benannte Einrichtung betreibt Auftragsforschung. Die EU-Kommission gehört dabei zu den größten Auftraggebern, aber auch die Wirtschaftsunternehmen bedienen sich der Expertise des Zentrums. Das bringt nicht wenig Geld: Im vergangenen Jahr beliefen sich die Einnahmen aus der Auftragsforschung auf rund 20 Millionen Euro – eine Summe, fast so hoch wie die Zuschüsse der EU-Mitgliedsstaaten.

Damit ist dem EUI etwas gelungen, wovon viele Hochschulen in Europa bislang vergeblich träumen. Die Abhängigkeit von einem einzelnen Geldgeber massiv zu senken – ohne gleichzeitig Einbußen in der Forschungsqualität hinnehmen zu müssen. Im Gegenteil: 2006 kam das Max-Weber-Programm hinzu, in das jährlich etwa 35 Stipendiaten aufgenommen werden. Bei diesem Programm spielen nationale Quoten keine Rolle, auch die europäische Herkunft ist keine Bedingung. Die Forscher werden von den Professoren ausgesucht. Das Auswahlkriterium ist allein wissenschaftliche Exzellenz.

Internet: www.eui.eu

Andreas Frijdal (EUI-Ausbildungschef )

Auftragsforschung

„Unsere Doktoranden verharren nicht
im Elfenbeinturm"

Im Robert-Schuman-Zentrum forscht das Europäische Universitätsinstitut (EUI) nach Auftrag. So kommt Geld in die Kasse und Praxisnähe in die Promotionsausbildung. Fragen an den EUI-Ausbildungschef Andreas Frijdal.

duz: Woher kommen die Drittmittel, die Sie am Schuman-Zentrum erwirtschaften?

Frijdal: Vor allem aus der EU. Wir haben acht Ausschreibungen des europäischen Forschungsrates ERC (European Research Council) gewonnen. Dazu kommen sechs weitere Projekte, die aus dem Forschungsrahmenprogramm finanziert werden, und dann sind wir noch an einem großen Forschungsprogramm beteiligt, das die Kommission zum Thema Migration aufgelegt hat.

duz: Wird die Arbeit ausschließlich vom Robert-Schuman-Zentrum geleistet?

Frijdal: Das Zentrum beschäftigt rund 150 Forscher. Sie kommen aus dem EUI, aber auch von anderen Universitäten. Unsere Doktoranden arbeiten in den Drittmittelprojekten des Zentrums mit. Betreut werden sie dabei von zehn Professoren, die sie auch schon aus dem sonstigen Ausbildungsprogramm am EUI kennen. Die Arbeit an praktischen Forschungsfragen sorgt dafür, dass unsere Doktoranden nicht im Elfenbeinturm verharren. Das Robert-Schuman-Zentrum ist unser Fenster zur Welt.

duz: Auf welche Themen ist das Zentrum spezialisiert?

Frijdal: Wir widmen uns vor allem Fragen zu Demokratie und Staatsführung. Außerdem arbeiten wir an wirtschaftlichen Fragestellungen wie Wettbewerbspolitik und Marktregulation. Weitere wichtige Themen sind Migration, Energie- und Klimapolitik.

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