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Gefahr und Gelegenheit

Vom Kraftakt in die Lernphase – ein Gastkommentar von Prof. Dr. Frank Ziegele, Geschäftsführer des CHE

In der Corona-Krise lese ich viele kritische Artikel zu den deutschen Hochschulen, in denen sie oft kritisiert werden: Sie wären unbeweglich, langsam, ineffizient und vor allem sie hätten die Digitalisierung verschlafen. Wenn die Krise jedoch eines zeigt, dann, dass dies keineswegs für alle gilt: Zahlreiche Hochschulen stellen aus dem Stand auf Online-Lehre um und schaffen es, dass die Studierenden kein Semester verlieren. Bürokratische Widerstände gegen Homeoffice lösen sich schlagartig auf. Rektorate und Dekanate passen Regeln für Prüfungen pragmatisch und in Windeseile an, zeitliche Strukturen werden verändert. Eine gigantische Managementleistung großer Teile des Hochschulsystems!

Doch dieser Spontanumbruch im laufenden Betrieb ist für die Beteiligten ziemlich anstrengend. Die Gefahr besteht, dass in den gewohnten Modus zurückgeschaltet wird, sobald – wann auch immer – wieder Normalität einkehrt. Dadurch würde aber eine große Chance zur Weiterentwicklung verpasst: Derzeit lernen die Hochschulen sehr viel über sich selbst: Welche bisherige Praxis oder Überzeugung hat sich in der Krise als ungeeignet erwiesen? Welche neuen Verfahren und Strukturen sind auch für die Zukunft vielversprechend, gegebenenfalls durch Verschmelzung mit der vorherigen Praxis? Wenn es gelingt, diese Lessons learned in den Normalbetrieb hinüberzuretten, dann werden unsere Hochschulen langfristig besser gerüstet sein. Für den Krisenmodus und den Normalbetrieb.

Dazu einige Beispiele aus meiner derzeitigen Erfahrung: Meine Überzeugung, dass größere Gruppen, die sich in einem Raum treffen, zwingend mehr Interaktion haben als in einer Videokonferenz, wurde erschüttert. Mir fiel auf, dass bei einem Treffen vor Ort meistens drei bis vier Leute der Gruppe reden, dass aber in einer Videokonferenz sehr gut mehr Personen aktiv einbezogen werden können. Schlagartig stellte ich auch fest, dass manche gültige Regeln wenig sinnvoll sind: Als ich eine mündliche Online-Masterprüfung an meiner Hochschule abhalten wollte, stellte sich heraus, dass das laut Prüfungsordnung nur mit ausländischen Studierenden geht, wenn sich zusätzlich eine Aufsichtsperson beim Studierenden befindet und ein Antrag beim Studiendekan eingereicht wurde. In der Krise wurden diese Regeln ausgesetzt – zu Recht, der Antrag ist unnötige Bürokratie, deutsche Studierende können auch woanders sein und in einem Fachdialog über die eigene Masterarbeit braucht man keine Aufsicht.

Auch Entscheidungswege gilt es zu hinterfragen: gibt es nicht viele Entscheidungen, die man auch in Zukunft im Umlaufverfahren treffen kann, zum Beipiel in einem Hochschulrat? Zudem wurde mir deutlich, dass Konzepte des „new work“, die flexibles Arbeiten auch von Zuhause idealisieren, zu einseitig sind. Einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beim CHE haben mir klar gesagt, dass sie unbedingt wieder die Bürostruktur und -kultur brauchen, um gut arbeiten zu können. Echte Mitarbeiterorientierung muss alle Optionen zulassen und fördern. Und natürlich müssen jetzt die gesammelten Erfahrungen in der Online-Lehre mit der bisherigen Präsenzpraxis verschmolzen werden, um das Beste aus beiden Welten zu bekommen. Ähnliches gilt übrigens für den Datenschutz: In der Krise wird hier womöglich einiges – in bester Absicht – zu lax gehandhabt, allerdings wird überdeutlich, dass es ohne mobilen Zugriff auf die Datenbanken der Hochschule auch in Zukunft nicht gehen wird. Das darf aus Datenschutzgründen nicht verhindert werden.

Schon der wahrlich krisenerprobte US-Präsident John F. Kennedy stellte fest: „Das Wort Krise setzt sich im Chinesischen aus zwei Schriftzeichen zusammen – das eine bedeutet Gefahr und das andere Gelegenheit.“ Nach dem jetzigen Kraftakt sollten wir in diesem Sinne also gemeinsam in eine Lernphase übergehen. Die grandiose Managementleistung darf nicht im Normalbetrieb verpuffen, sondern kann uns nachhaltig voranbringen.


ZUR PERSON

Prof. Dr. Frank Ziegele ist Geschäftsführer des CHE – Gemeinnütziges Centrum für Hochschulentwicklung und hat seit 2004 eine Professur für Hochschul- und Wissenschaftsmanagement an der Hochschule Osnabrück inne.

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