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Die Coronakrise ist ein Weckruf

Ein Gastkommentar von Prof. Dr. Hans-Christian Pape, Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung

Die Covid-19-Pandemie zeigt in dramatischer Weise, dass eine Krise in der globalisierten Welt nicht nur eine neue Quantität, sondern auch eine neue Qualität entfalten kann, die weit über nationale Grenzen hinaus Störungen von ganzen Funktionssystemen bewirkt. In Anbetracht der Progression der Pandemie stehen die Herausforderungen und deren Bewältigung aktuell im Vordergrund. Gleichwohl stellen sich die Fragen, welche Erfahrungen diese Krise in der Gesellschaft herausbildet, welche Lerneffekte sich entwickeln und welche von ihnen nachhaltig wirken. Corona wird Veränderungen mit sich bringen. Die Rückkehr zur bis dato gewohnten Normalität ist nicht garantiert. Doch die Erfahrungen und Veränderungen bergen Chancen.

Erstens die Chance, in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft das Vertrauen in die Funktionssysteme zu verbessern. Die Coronakrise hat eindrücklich dokumentiert, dass die Wissenschaft als verlässliche Instanz für Fakten, die Politik als verantwortliche Instanz für Entscheidungen, und der Journalismus als Vermittler von Information kooperativ und komplementär funktionieren. Politik und Wissenschaft beraten sich intensiv und die Bevölkerung informiert sich darüber, was Virenforscher und Ärzte raten, die ihrerseits auf Fragen antworten. Die Zivilbevölkerung gewinnt Einblicke in das lernende System Wissenschaft. Das Coronavirus Sars-CoV-2 ist neuartig. Verbreitungswege, Symptome und Gegenmittel sind Gegenstand intensiver Forschungsanstrengungen. Die Öffentlichkeit wird Zeugin eines wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses in Echtzeit mit seinen Vorläufigkeiten und Hypothesen, die vielfach geprüft, bestätigt oder eben auch widerlegt werden.

In der Bevölkerung sind Stressreaktionen, Trotz, Ignoranz und Angst, trotz begründeter Sorgen um die Gesundheit und die wirtschaftliche Existenz der vielen Betroffenen, einem weitgehend zielführenden Verhalten mit herausragenden Beispielen von Solidarität und Kreativität gewichen. Hier zeigt sich die Adaptationsfähigkeit des Menschen, aber auch das Vertrauen in die Ratgeber, Entscheider und Vermittler in Wissenschaft, Politik und Journalismus, sofern deren Handeln gemeinsam, entschlossen und transparent begründet ist. 

Ich würde mir wünschen, dass die Kommunikation und Transparenz zwischen den Bereichen unserer Gesellschaft weiter systematisch entwickelt wird, um das Vertrauen stets zu untermauern, nicht nur unter dem Einfluss globaler Krisen. Die Wissenschaftskommunikation wird hierbei eine zentrale Rolle spielen müssen und können.

Zweitens die Chance, Mobilität zu überdenken und neu zu definieren. Schon der Klimawandel hat unsere Reisegewohnheiten (einschließlich der von international mobilen Forschenden) kritisch in Frage gestellt. Die Coronakrise erhöht diesen Druck. Sie zeigt aber auch, dass die verordnete physische Distanz bei gleichzeitigem digitalem Zusammenrücken neue Formen der Kommunikation erfolgreich zur Anwendung führt – sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext. Mit den Möglichkeiten der globalen Digitalisierung bekommt auch vernetztes Arbeiten eine neue Dimension. Darin sind „physische“ und „virtuelle“ Mobilität zu differenzieren, die weniger in binärer Funktion als flexibel in einem individualisierten Spektrum verortet sind. Aktuell existieren allerdings wenige Ansätze zur Erfassung der Mobilitätsspektren und des inhärenten Parameters „Wissen“, das sowohl „allokativ“ personengebunden als auch „konnektiv“ als Struktur zu begreifen ist. Sicher ist, dass die persönliche Begegnung wichtig bleibt, sei es auf einer Konferenz, im Labor oder im privaten Bereich. Ich würde mir allerdings wünschen, dass die Digitalisierung konsequent entwickelt würde, sodass Mobilität neu definiert werden kann und jeder Mensch sich vor einer Reise fragen kann, ob diese wirklich ohne Alternative ist.


Drittens, die Chance den Nutzen internationaler Forschungskooperationen deutlich zu machen. Die Coronakrise lehrt uns, wie wichtig internationale Zusammenarbeit ist. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in fast allen Ländern haben die Konkurrenz hintan gestellt und ihre Ergebnisse sofort öffentlich zugänglich gemacht, damit andere damit weiterarbeiten können. Überlegungen zur exklusiven nationalen Nutzung von Impfstoffen werden zumindest hierzulande klare Absagen erteilt. Das ist gut so. Für diejenigen, die noch zweifeln, ist die Coronakrise ein Weckruf: Nicht nationaler Egoismus, sondern internationale Zusammenarbeit bringt Lösungen – in der Wissenschaft wie in der Politik. Ich würde mir wünschen, dass derartige Kooperationen über disziplinäre und nationale Grenzen hinweg nicht nur stärker in das Bewusstsein, sondern auch vermehrt in das Portfolio der Förderinstitutionen gerückt würden.

Die Wissenschaft und ihre Förderer müssen die Chancen, die sich aus der Krise ergeben, nutzen. Der Ruf nach öffentlichen Mitteln zur Bewältigung globaler Krisen wird unüberhörbar laut und potentielle Bruchstellen unseres Systems werden zahlreich benannt werden. Ein zentral unverzichtbares Element ist die Unterstützung internationaler Kooperationen, ohne die in unseren globalisierten Systemen weder die Mechanismen der Prävention, der Prophylaxe oder der Früherkennung, noch die Standards eines qualitätsgesicherten und damit wirkungsvollen Reagierens gewährleistet werden können.


ZUR PERSON

Prof. Dr. Hans-Christian Pape
 ist seit 2018 Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung und leitet seit 2004 das Institut für Neurophysiologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Münster.

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