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Macrons Idee der Europäischen Hochschule ist auf den Weg gebracht, die zweite Runde der Ausschreibung läuft. Der Beifall ist groß, doch es wurde knapp kalkuliert.

Gerne wird die Brüsseler Verwaltungsmaschinerie als langsam und behäbig kritisiert. Doch in Sachen Europäische Hochschule hat sie ihre Kritiker Lügen gestraft: Im September 2017 skizzierte der französische Präsident Emmanuel Macron in der Universität Sorbonne seine Vision einer europäischen Hochschule, sprach von „europäischen Semestern“ und „europäischen Diplomen“ – im Oktober 2018 veröffentlichte die Kommission den ersten Call für die „European Universities Initiative“. Und im Juni 2019 kürte sie unter den 54 Netzwerken, die sich beworben hatten, 17 Allianzen. „Die 17 europäischen Universitäten, die als Vorbilder für andere in der gesamten EU fungieren werden, werden es den nächsten Studierendengenerationen ermöglichen, Europa zu erleben, indem sie in verschiedenen Ländern studieren“, verhieß der damalige EU-Bildungskommissar Tibor Navracsics. Die Initiative werde ein wichtiger Baustein des Europäischen Bildungsraums und ein echter Wandel für die Hochschulbildung in Europa sein, werde Exzellenz und Integration fördern.

Man mag Navracsics’ Aussagen als PR-Floskeln werten, doch auch das Lob der Hochschulszene fiel überwiegend positiv aus. Internationale Hochschulverbände wie die League of European Research Universities (LERU) und die EUA (European University Association) äußerten sich zustimmend, auch nationale Rektorenverbände aus Polen, Frankreich oder aus Deutschland wie die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hoben den Daumen. Selbst anfängliche Kritiker differenzierten ihr Urteil, etwa Dr. Andreas Keller, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und dort zuständig für Hochschulen und Forschung.

„Die EU-Kommission hat das ursprüngliche Konzept für den Wettbewerb nachgebessert: Deutlich mehr Hochschulen als geplant können gefördert werden, die Ziele des Wettbewerbs heben nicht auf Spitzenforschung, sondern Zusammenarbeit in der Lehre ab“, sagte er. Allerdings liege bei den ausgewählten Netzwerken eine deutliche Schieflage zu Lasten der Hochschulen in Mittel-, Ost- und Südeuropa vor, und in den Genuss der Förderung kämen vor allem „die üblichen Verdächtigen“. Daher bleibe die Gefahr, dass sich die neu gekürten Europäischen Hochschulen in ihren geförderten Netzwerken vom Rest des Europäischen Hochschulraums abschotteten.

Viele Formate

Die 17 Netzwerke, die mit einer Festveranstaltung in Brüssel im vorigen November ins Rennen geschickt wurden, umfassen 114 Hochschulen aus 25 Staaten. Manche Netzwerke bestehen schon seit Jahren oder bauen auf Vorläufern auf, andere starten jetzt ganz frisch. Die Formate reichen von disziplinären Verbünden wie Civica (The European University in social sciences) über thematische Allianzen wie Conexus (European University for Smart Urban Coastal Sustainability) bis zu Netzwerken mit besonderen Lehrkonzepten wie CHARMEU (Challenge-driven, Accessible, Research-based, Mobile). Auch das, was sie vorhaben, klingt vielfältig: flexible Mobilitätsformate, offene Studiengänge für Studierende aus den Netzwerkpartnern, gemeinsame Verwaltungsstrukturen etwa für Bibliotheken oder modulare Lehrpläne, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Was davon die Allianzen in den kommenden drei Jahren tatsächlich umsetzen werden, muss sich zeigen. Denn: Drei Jahre sind wenig Zeit, vor allem wenn sie erst noch Verwaltungs- und Rechtsstrukturen aufbauen und Personal einstellen müssen. „Der Erfolg hängt davon ab, wie sehr es den ausgewählten Allianzen gelingt, von Anfang an so viele Studenten und Mitarbeiter wie möglich einzubeziehen“, sagt Sinéad Meehan-van Druten, Sprecherin der EU-Kommission. Dies müsse auf allen Ebenen der beteiligten Institutionen, einschließlich aller Fakultäten, geschehen.

Wenig Chancen für Fachhochschulen

Aus Deutschland erhielten in dem Brüsseler Pilotprogramm 15 Hochschulen den Zuschlag, nur Frankreich war mit 16 Hochschulen erfolgreicher. Italien ist mit zwölf Hochschulen vertreten, Spanien mit elf, Schweden mit sechs und Großbritannien mit drei. Wermutstropfen aus deutscher Sicht: Die Fachhochschulen (FH) beziehungsweise Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) sind mit Ausnahme der Dresdner Hochschule für Bildende Künste leer ausgegangen.

„Die Idee, sich in Europa zu vernetzen, ist sehr gut“, lobt zwar Prof. Dr. Karim Khakzar, Präsident der Hochschule Fulda und Sprecher der HAWs in der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), berichtet aber: „Wir haben das innerhalb der HAW-Gruppe vor Start der Initiative diskutiert und festgestellt, dass wir wahrscheinlich nur geringe Erfolgsaussichten haben.“ Ohne auf einem bereits bestehenden Netzwerk aufbauen zu können, werde es schwierig. Die Hochschule Fulda habe ihre Energie daher lieber in eine Ausschreibung des DAAD zur Internationalisierung der HAWs gesteckt, von der sie nun profitiere. Um sich zusätzlich an der EU-Initiative zu beteiligen, fehlten die Ressourcen.

Seit November läuft die zweite Ausschreibungsrunde, für die die Kommission noch bis zum 26. Februar Bewerbungen entgegennimmt. An den Inhalten hat sich kaum etwas geändert. Auch die Fördersumme bleibt gleich: fünf Millionen Euro pro Netzwerk in drei Jahren. Fördern will sie jedoch bei einer Gesamtsumme von 120 Millionen Euro 24 Netzwerke. Doch insbesondere die Finanzierung (insgesamt bis zu 85 Millionen Euro) hatte schon bei der Kür der ersten 17 Netzwerke für negative Rückmeldungen gesorgt: So rechnete HRK-Präsident Prof. Dr. Peter-André Alt der EU-Kommission vor, dass „im Augenblick teilnehmende Hochschulen eine europäische Fördersumme von circa 300.000 Euro pro Jahr erhalten“. Und der Prorektor für Internationales der in der Allianz 4EU+ beteiligten Universität Heidelberg, Prof. Dr. Marc-Philippe Weller, sagt: „Die bisherige Förderung kann nur eine Anschubfinanzierung gewesen sein.“

Weil die EU knapp kalkulierte, geben Frankreich, Deutschland und Finnland zusätzliches Geld für ihre Hochschulen in den Allianzen. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) fördert mit Geld des Bundesbildungsministeriums zum einen jene 15 Hochschulen, die bei der ersten Runde erfolgreich waren. Sie konnten für die drei Jahre bis zu maximal 750 000 Euro beantragen – und haben das dem DAAD zufolge auch alle erfolgreich gemacht. Belohnt wurden sie zudem mit einer glücklichen Fügung: Weil im Bundeshaushalt noch Mittel für das Jahr 2020 frei wurden, können sie für dieses Jahr sogar bis zu 600 000 Euro statt 250 000 Euro erhalten.

In einer zweiten Programmlinie konnten sich zudem jene Hochschulen, die in der ersten Runde noch keinen Erfolg hatten und sich nun für einen erneuten Antrag vorbereiten, um eine Förderung von bis zu 450 000 Euro für drei Jahre bewerben. Für fünf Hochschulen gab der DAAD im Dezember grünes Licht. „Deutschlands Hochschulen, die an den Allianzen beteiligt sind, sollen durch die beiden Programmlinien unterstützt und sichtbarer gemacht werden“, sagt Birgit Siebe-Herbig, beim DAAD Referatsleiterin und zuständig für das Programm „Europäische Hochschulnetzwerke (EUN) – nationale Initiative“. Mit dem Geld können die Hochschulen zum Beispiel Strategietreffen, Workshops, Konferenzen und Sprachkurse ebenso finanzieren wie Dozenturen oder Auslandsaufenthalte von Studierenden und Nachwuchswissenschaftlern.

Programm geplan

Im Juli plant Brüssel die Sieger der zweiten Runde zu verkünden. Danach, so der derzeitige Planungsstand, will die EU-Kommission mit dem nächsten langfristigen EU-Haushalt ab 2021 im Rahmen von Erasmus+ ein Programm für die „Europäischen Hochschulen“ einführen, dann aber mit einem deutlich erhöhten Budget. Wie hoch dieses ausfällt, hängt auch von den Trilog-Verhandlungen zwischen EU-Parlament, EU-Rat und der Kommission ab. Birgit Siebe-Herbig vom DAAD ist optimistisch: „Wenn aus der Initiative ein Programm werden soll, ist nach momentanem Stand davon auszugehen, dass Brüssel mehr Geld für jedes einzelne europäische Hochschulnetzwerk gibt.“ //

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