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Die Neugierigen

Bürger, die Daten, Arbeit und Wissen liefern, dienen sowohl den Budgets als auch der Akzeptanz von Wissenschaft.

Insekten fangen, alte Handschriften entziffern, Wintervögel zählen, in Galaxien vordringen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat: Der Forschungsdrang ehrenamtlicher „Bürgerforscher“ scheint grenzenlos. Da werden Daten zur Lichtverschmutzung gesammelt oder die Gedächtnisleistung getestet unter dem Slogan „Unterstütze den Kampf gegen Alzheimer!“. Die Wissenschaft sagt „Danke“, und das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert. Derzeit erhalten 13 Projekte insgesamt rund fünf Millionen Euro. Außerdem finanziert das BMBF die zentrale deutsche Webseite „Bürger schaffen Wissen“. So weit, so gut. Doch reicht das? Und: Wie geht es weiter? Zum Ende dieses Jahres endet die erste Förderrunde, und es mehren sich die Stimmen, die einen Ausbau der Citizen-Science-Programme und ihrer Strukturen fordern.

Eigentlich gab es sie allerdings schon immer, die Neugierigen, Engagierten und Sammelwütigen, die in ihrer Freizeit Pflanzen herbarisieren oder Käfer bestimmen. Den inzwischen gängigen Begriff Citizen Science prägten Mitte der 90er-Jahre unabhängig voneinander ein US-Amerikaner und ein Brite (Interview S. 22). Hierzulande setzte das politische Interesse an der Bürgerforschung mit einer Zeitverzögerung ein. Und zunächst wurde, typisch deutsch, gründlich erörtert, wie Bürgerforschung zu verstehen sei und in der deutschen Forschungslandschaft gedeihen könnte.

Im Bausteinprogramm „BürGEr schaffen WISSen – Wissen schafft Bürger (GEWISS)“ erarbeiteten Teilnehmer aus Wissenschaft, Gesellschaft und Politik in Diskussionsforen, Workshops, Thinktanks und Online-Befragungen von Mai 2014 bis Dezember 2016 das „Grünbuch Citizen Science Strategie 2020 für Deutschland“. Das Museum für Naturkunde — Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung (MfN) erhielt 223665 Euro Förderung vom BMBF, 324950 Euro bekam das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH — UFZ (Quelle: Wissenschaftliche Dienste des Bundetages).

Parallel ging im April 2014 die Plattform „Bürger schaffen Wissen“ online, ein Gemeinschaftsprojekt von Wissenschaft im Dialog (WiD) und dem MfN. „Es gab viele Informationen in englischer Sprache, aber es gab keine deutschsprachige Informations- und Vernetzungsplattform“, sagt David Ziegler, Biologe und Umwelt-Politologe, der die Seite mit einer halben von anderthalb Stellen betreut und wissenschaftlich berät. „Wir sind damals mit zehn Projekten überwiegend aus dem Kreis des GEWISS-Konsortiums gestartet“, berichtet er. 122 Mitmachprojekte sind inzwischen gelistet, von denen elf bereits abgeschlossen sind. Anspruch auf Vollzähligkeit erhebt die Plattform nicht: „Ins Portal nehmen wir nur Projekte auf, die dem auch zustimmen“, sagt Ziegler. Im Schnitt verzeichnet das Internetportal monatlich 3000 Zugriffe.

Das BMBF will „den Wissenstransfer zwischen Forschung und Gesellschaft weiter voranbringen“. Man habe erkannt, dass Bürgerforschung „nicht zuletzt auch einen wesentlichen Bei- trag leistet, um Forschung stärker an gesellschaftlichem Nut- zen auszurichten“, teilte eine Pressesprecherin auf die Anfrage der DUZ zur Zukunft der Bürgerforschung mit. Geplant sei eine weitere Förderrichtlinie, die „den Bereich Citizen Science noch stärker methodologisch“ voran bringen solle.

An den Vorbereitungen für die nächste Runde beteiligt ist der Soziologe und Politikwissenschaftler Dr. Ansgar Klein, Privatdozent und seit 2002 Geschäftsführer des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE). Er war als Gutachter bereits in der vergangenen Legislaturperiode über das BMBF an der Auswahl der 13 geförderten Einzelprojekte beteiligt. Aktuell soll er bis Ende März für die neue Ausschreibung „Teilhabe und Gemeinwohl“ des BMBF zehn Projekte begutachten. Seine Einschätzung: In vielen deutschen Bundesländern gebe es inzwischen Netzwerke und positive Beispiele für eine proaktive Rolle der Bürgerinnen und Bürger in der Wissenschaft, die man nachhaltig zusammenführen müsse. Die fünf Millionen Euro der ersten Förderrunde für „Citizen Science“ seien aber nicht ausreichend, um nachhaltige Infrastrukturen zu etablieren. Klein plädiert für „eine breiter ansetzende Wissenschaftspolitik, die die Bedeutung des in Praxis entstehenden transdisziplinären Wissens anerkennt und auch eine Selbstvertretung der Zivilgesellschaft in den staatlichen Gre- mien der Politikberatung beinhalten muss“.

In Sachen Finanzierung sieht David Ziegler vom MfN allerdings nicht nur das BMBF in der Verantwortung. Seit 2016 werde der „schwarze Peter“ zwischen Bund, Ländern, Fördergesellschaften und Institutionen hin und her geschoben. Doch es gebe Einrichtungen, die das Potenzial der forschen(den) Bürger erkannt hätten. Ziegler nennt zwei Beispiele: die Uni Münster, die aktuell einen mit 10 000 Euro dotierten Citizen-Science-Wettbewerb ausgeschrieben hat und gemeinsam mit „Bürger schaffen Wissen“ am 26. / 27. September das vierte deutsche Citizen Science Forum ausrichten wird. Und die Technische Universität Berlin. Sie lobte im vergangenen Jahr intern bis zu 300.000 Euro zur Förderung von zwei Citizen-Science-Projekten aus. Ein hoher Betrag im Vergleich zu der Summe, die das BMBF für Projekte deutschlandweit ausgibt.

Auf Bundesebene fänden „Bürgerwissenschaften“ inzwischen auch in weiteren Förderrichtlinien Aufnahme, heißt es aus dem BMBF. Bei aktuellen Projekten der Innovations- und Technikanalyse seien drei Themen aus dem Bereich Citizen Science berücksichtigt worden. Unter anderem gehe es um die Frage, wie Citizen Science in den Geistes- und Sozialwissenschaften der Forschung bei der Beantwortung von Zukunftsfragen — allen voran bei den Herausforderungen der Nachhaltigkeit — helfen könne, so die Erklärung aus dem BMBF. Aber was bringen die neuen Richtlinien den forschenden Bürger und jenen, die es vielleicht werden wollen?

Mit mehr Mitarbeitern im Team „Bürger schaffen Wissen“ und langfristigerer Finanzierung „könnte man auch konkrete Hilfestellungen geben, etwa beim Beantragen von Fördermitteln“, meint David Ziegler. Engagierte Ehrenamtliche, die Mitsprache im Forschungsprozess einfordern, könnten für die Netzwerker von „Bürger schaffen Wissen“ konstruktive Sparringspartner sein. So würde der eigentlichen Idee der „Bürgerwissenschaften“ Rechnung getragen.

Wie die Idee der Wissensgesellschaft und der Bürgerforschung auch ohne staatliche Förderung verfolgt werden kann, haben zwei junge Wissenschaftler in Wien gezeigt. Mit Rückendeckung ihres Professors launchten sie an der Universität für Bodenkultur gemeinsam mit einem Designer eine Citizen-Science-Plattform. „Österreich forscht“ ging 2014 ans Netz, und an einigen Universitäten fand das Thema Aufnahme in die Curricula. Den südlichen Nachbarn sieht das deutsche BMBF ebenso wie Großbritannien als „wichtiges Vorbild“. Man beobachte die Trends in anderen europäischen Ländern (s. S. 20), so das Ministerium, neue Impulse kämen aktuell aus den Niederlanden und Dänemark, wo wissenschaftliche Bildungsprojekte bereits in den Schulen ansetzten.

Ansgar Klein betrachtet Bildung und digitalen Wandel als Querschnittsthemen, die alle betreffen. Er setzt sich dafür ein, „lokale Bildungslandschaften“ zu organisieren, in denen „die formellen und informellen Lernorte miteinander interagieren und einen engen und fruchtbaren Austausch haben“. Dass es derzeit um den engen Austausch nicht zum Besten steht, kritisiert Klein aufgrund eigener Erfahrung: „Es kann nicht sein, dass jemand wie ich als Vertreter der Zivilgesellschaft zum Hightech-Forum eingeladen wird, zu einem Zeitpunkt, an dem alle Beschlüsse zur Agenda bereits gefasst sind. Da kann ich aus zivilgesellschaftlicher Sicht etwa zum Thema Autonomes Fahren überhaupt nichts mehr beitragen – keine Rede von struktureller Verkehrswende, sondern ‚weiter so‘ – nur autonom. Zivilgesellschaft war an dieser Agenda gar nicht beteiligt, sondern konnte sie nur im vorgegebenen Rahmen ausfüllen.“ Und zum aktuellen Hightech-Forum, berichtet der erfahrene Gutachter, sei er ohne Angabe von Gründen überhaupt nicht mehr eingeladen worden. //

www.buergerschaffenwissen.de

www.b-b-e.de

www.citizen-science.at

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