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Kennzahl für Gerechtigkeit

Fakultäten bekommen Jahr für Jahr in etwa das gleiche Grundbudget. Aber ist das gerecht, wenn der eine Fachbereich mehr Studenten betreut als der andere? Nein, sagt die Hochschule Bremen. Sie testet derzeit, wie sich in der Lehre Geld nach dem Leistungsprinzip verteilen lässt.

Gute Lehre kostet. Das Geld dafür verteilt die Hochschulleitung aus dem Globalhaushalt an die Fakultäten. Die Dekane wiederum verteilen es an die Lehrstühle und Institute. So ist das Prinzip – fast überall. Jahr für Jahr bekommen die Fakultäten in etwa das gleich große Stück vom Kuchen wie im Vorjahr. Das sonst in der Wissenschaftswelt vor allem in der Forschung mittlerweile übliche Leistungsprinzip, wonach derjenige mehr bekommt, der auch mehr leistet, hat in der Lehre noch nicht Einzug gehalten. Das könnte sich ändern.

„Wir wollen output-orientiert arbeiten.“

Vorreiter könnte die Hochschule Bremen sein. Sie testet seit dem vorigen Jahr ein neues Modell der Mittelverteilung, das sich daran orientiert, was ein Fachbereich in Lehre und Forschung leistet. „Wir wollen output-orientiert arbeiten“, sagt Kanzler Jens Andreas Meinen. Das heißt: „Künftig sollen nicht mehr Lehrpersonal, wissenschaftliche Hilfskräfte und Labore im wesentlichen eins zu eins weiter Jahr für Jahr finanziert werden, sondern wir wollen die vorhandenen Ressourcen und das Studienangebot in Relation bringen.“ Erreichen will Meinen damit eine gerechtere Verteilung des Grundbudgets: „Es gibt Fakultäten, die haben in den vergangenen Jahren neue Studienprogramme entwickelt und deren Lehrbudget wurde nicht erhöht.“ Gleichzeitig habe es auch Fälle gegeben, in denen die Mittelzuweisung über Jahre unangetastet blieb, obwohl die Studierendennachfrage nach den Lehrveranstaltungen eher schwach gewesen sei.

Mit einem Drei-Säulen-Modell soll sich das ändern. Neben dem Grundbudget ist ein Etat für besondere Lehrleistungen und einer für innovative Projekte in Forschung und Lehre geplant. Aus Sicht der Fakultätschefs macht „ein solches Modell Sinn, weil wir damit eine größere Finanzierungssicherheit bekommen und die Mittel gerechter verteilt werden“, sagt Prof. Dr. Dietwart Runte. Er steht der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften vor, die elf Bachelor- und neun Master-Studiengänge anbietet – vom dualen Studiengang Betriebswirtschaft über den Bachelor Tourismusmanagement bis hin zum Master-Kurs European Studies. Mit rund 3.100 Studierenden ist die Fakultät die  größte an der Hochschule. Deshalb fließt wie überall das meiste Geld in das wissenschaftliche Personal.

Der Ansatz ist bundesweit neu

Begleitet wurden die Bremer auf dem Weg zu einer neuen Geldverteilung von Dr. Michael Jaeger und Tanja Barthelmes vom Institut für Hochschulforschung der Hochschul-Informations-System GmbH. „Der Ansatz, auf diese Weise die Grundbudgets für die Lehre an der gesamten Hochschule zu verteilen, ist neu in Deutschland“, sagt Jaeger, stellvertretender Leiter des Arbeitsbereichs Steuerung, Finanzierung und Evaluation. Das Bremer Modell basiert auf den üblichen Semesterwochenstunden (SWS), die in der Lehre anfallen. Jede SWS wird mit einem hochschulweit einheitlichen Verrechnungspreis budgetiert, der auf den Kosten für wissenschaftliches Personal basiert. Drei weitere Faktoren ergänzen das Modell: Die Nachfrage durch die Studierenden, die Art der Lehrveranstaltung und die Frage, ob wissenschaftliches Personal der Hochschule oder Lehrbeauftragte Vorlesungen und Seminare halten.
Das macht die Berechnung des Budgetanspruchs einer Fakultät zwar innovativ, aber auch kompliziert. „Der Teufel steckt im Detail“, sagt Jaeger. Was tut man zum Beispiel, wenn mehrere Fakultäten gemeinsam eine Lehrveranstaltung anbieten? Oder wenn der Studentenansturm alle Rekorde bricht wie im vergangenen Herbst?

Schonungslose Transparenz

Jens Andreas Meinen weiß um diese Konfliktfelder und versteht die Skepsis der Dekane. Um sie dennoch zu überzeugen, setzte er deshalb von Anfang an auf Diskussion und auf „schonungslose Transparenz“. Die Fakultätschefs sehen ein, dass das Modell zeitgemäß und gerecht ist. Denn wie eine Ende vergangenen Jahres veröffentlichte Studie der Uni Münster zeigte, spielen die durch Rankings gemessenen Leistungen in Forschung und Lehre eine wichtige Rolle bei internen Verhandlungen zwischen Hochschulleitungen und Instituten. Allerdings sieht Wirtschafts-Dekan Runte vor der Umsetzung des Modells einige Hürden. Noch nicht zufriedenstellend gelöst ist aus seiner Sicht beispielsweise, wie das Rechenmodell technische Mitarbeiter in den Laboren, Studienabbrecher oder Nachrücker, die sich über die Gerichte auf einen Studienplatz einklagen, berücksichtigt.

Natürlich treibt die Dekane die Furcht um, dass ihre Fakultät künftig finanziell schlechter abschneidet. Nach ersten Proberechnungen für das Haushaltsjahr 2010 bekämen zwei Fakultäten deutlich weniger Geld. Die Folge wäre, dass Personalstellen von der einen zur anderen Fakultät geschoben oder Lehrmittel neu verteilt würden. „Hochschulleitung und Dekane haben das zum Teil schon vermutet, erhalten jetzt aber objektivierbare Ergebnisse“, sagt Michael Jaeger. Das könnte zu Neiddebatten zwischen den Fakultäten führen. Runte befürchtet das nicht: „Die Diskussion bringt keine Unruhe herein.“ Bislang hätten die Dekane sehr gut zusammengearbeitet. Bislang. Wie auch immer das Modell am Ende aussieht, Kanzler Meinen wird das Leistungsprinzip nicht bis in die letzte Konsequenz durchziehen: „Ich will keine Fakultät in die Insolvenz schicken.“ 

Dr. Joachim Selter

„Verteilungskonflikte sind normal“

Dekane sollten sich zusammensetzen, wenn es ums Geld geht, rät Dr. Joachim Selter. Er ist Trainer für Konflikt-
management und Führung.

 

duz: Warum kommt es immer zu Konflikten, wenn Fakultäten mit der Hochschulleitung über Budgets diskutieren?

Selter: Der Streit ums knappe Geld ist ein existenzieller Konflikt. Es geht um die Stellung der Fakultäten. Je größer der Etat, desto höher das Ansehen. Hinzu kommt: Je mehr Geld eine Fakultät zur Verfügung hat, um so mehr kann sie Studierenden und Wissenschaftlern bieten.

duz: Wie sollten sich Dekane vorbereiten, um bei Budget-Verhandlungen ihr Ziel zu erreichen?

Selter: Sie sollten sich in jedem Fall eine Strategie überlegen. Die hängt davon ab, wie stark ein Dekan auftreten kann. Dahinter stehen die Zahlen einer Fakultät und das persönliche Geschick desjenigen, der in die Verhandlung geht. Vor allem aber sollten sich alle Parteien immer wieder klar machen, dass sie letztendlich ein gemeinsames Ziel teilen, nämlich eine hohe Qualität in Lehre und Forschung.

duz: Ist Ärger programmiert, wenn ein Dekan als Einzelkämpfer auftritt?

Selter: Jeder Dekan will das Maximum herausholen. Das ist ein verständliches Motiv, denn die Fakultäten stehen in Konkurrenz zueinander. Es birgt allerdings zusätzliches Konfliktpotenzial, wenn sich einzelne Dekane verleiten lassen, auf eigene Faust Sonderregelungen zu vereinbaren. Das kann beispielsweise den Nachteil haben, dass bei der nächsten Runde mit einem anderen Dekan gesonderte Vereinbarungen getroffen werden. Insgesamt schwächen solche Soloauftritte eher die Stellung der Dekane.

duz: Also fahren Dekane besser mit einer gemeinsamen Strategie?

Selter: Allianzen für eine gemeinsame Sache zu schmieden ist sicherlich sinnvoller, denn an den Hochschulen herrscht oft noch das Prinzip „teile und herrsche“. Gemeinsame Interessen werden in einzelne Interessen aufgespalten und sind so leichter zu steuern. Dekane sollten sich vor den Verhandlungen zusammensetzen und überlegen, wo ihre Chancen liegen. Zusammen sind sie meistens stärker.

duz: Und was, wenn die Verhandlungen stocken?

Selter: Wichtig ist, dass es immer eine konstruktive Ebene gibt, dass also weiter rational diskutiert wird. Kommt es vermehrt zu emotionalen Störungen, macht es Sinn, eine Pause zu machen, um die Ergebnisse mal sacken zu lassen, Gemeinsamkeiten festzuhalten und strittige Punkte zu isolieren. Danach lassen sich dann die Verhandlungen meistens besser fortsetzen. Die Beziehungen der Parteien sollen ja keinen langfristigen Schaden nehmen.

duz: Ist es Aufgabe der Hochschulleitung, Konflikte aus dem Weg zu räumen?

Selter: Nein keinesfalls, denn ein Verteilungskonflikt ist völlig normal, wenn der Kuchen zu klein ist. Ich sehe die Hochschulleitung in der Verantwortung, ein konstruktives Konfliktmanagement zu betreiben. Das heißt, zuerst einen fairen und transparenten Modus zur Verteilung des Budgets zu finden und dann gemeinsam mit den Dekanen Lösungen zu erarbeiten. Das sind in der Regel Kompromisse, die aber haltbar sein sollten. Das geht nur, wenn die grundsätzlichen Interessen der Beteiligten gewahrt werden.

duz: Kann ein Schlichter helfen?

Selter: Erst einmal sollte man eine Mediation versuchen. Dabei erarbeitet ein Allparteilicher, der nicht im Konflikt steckt, mit den Betroffenen Lösungen. Das kann ein Kanzler oder ein Rektor einer anderen Hochschule sein. Erst wenn die Mediation scheitert, sollte man einen Schlichter zu Rate ziehen.

duz: Holen sich die Hochschulen bei solchen Konflikten Hilfe von außen?

Selter: Die Akzeptanz dafür ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen.

 

Das Interview führte Benjamin Haerdle.

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