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Studienstart typorientiert begleiten

Die Technische Hochschule Nürnberg hat fünf Studienanfänger-Typen ermittelt. Dadurch können unterschiedliche Förderprogramme entwickelt werden, um auf individuelle Bedürfnisse einzugehen und Studienabbrüche zu vermeiden.

Um den Studienerfolg zu fördern und Studienabbrüche zu reduzieren, haben Hochschulen zahlreiche Programme und Maßnahmen entwickelt. Deren Zielgruppen werden oft auf Basis sozialstruktureller Merkmale definiert, die in einem statistischen Zusammenhang mit Abbrecherquoten stehen. Damit besteht jedoch die Gefahr der statistischen Diskriminierung und zugleich der unzureichenden Berücksichtigung von typischen studienbezogenen Problemlagen. An der Technischen Hochschule (TH) Nürnberg wurde deshalb eine Studienanfänger-Typologie entwickelt, mit der diese Probleme vermieden werden können. Sie baut auf den konkreten Einstellungen und Erfahrungen der Studierenden selbst auf und bildet somit studienbezogene Heterogenität ab. Das Konzept knüpft an die Arbeiten des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) zu „studienrelevanter Diversität“ (Berthold/Leichsenring 2012) an, setzt jedoch andere inhaltliche Schwerpunkte bei der Entwicklung einer entsprechenden Typologie (Fromm/Rülling 2019). Damit können neue Wege der Förderung des Studienerfolgs erprobt werden.

Für die hier vorgestellte Typologie wurde untersucht, wie sich Studierende in der Studieneingangsphase hinsichtlich Motivation, Adaption an das Studium, Einbindung in das soziale System der Hochschule sowie Bewertung von weiteren Aspekten des Studierens unterscheiden. Dazu gehören die Selbsteinschätzung, das Studium bewältigen zu können, die Zufriedenheit mit der Lehrorganisation und der Wunsch nach Anpassung der Studienorganisation an die eigenen Bedürfnisse.

Zudem wurde bei der Entwicklung der Studierendentypen berücksichtigt, ob die Befragten bereits an einen Fach- oder Hochschulwechsel oder an einen Studienabbruch gedacht haben. Die Bildung der Studierendentypen erfolgte auf Basis von Faktoren- und Clusteranalysen (zum methodischen Vorgehen siehe Fromm/Rülling 2019). Im Anschluss daran wurde untersucht, ob sich diese Gruppen von Studierenden auch nach sozialstrukturellen Merkmalen voneinander unterscheiden, beziehungsweise geprüft, ob sozialstrukturelle und studienbezogene Heterogenität deckungsgleich sind.

Typen von Studienanfängern

In die Clusteranalyse gingen die Daten von 507 Studierenden ein, wobei sich fünf Typen beziehungsweise Cluster von Studierenden herauskristallisierten, die sich hinsichtlich der genannten Merkmale signifikant unterscheiden. Die Clusterbezeichnungen spiegeln die besonders charakteristischen Merkmale dieser Typen wider.

Die meisten Studierenden können dem Cluster der Angekommenen (177 Studierende, 35 Prozent) zugeordnet werden, dessen markantestes Merkmal seine Unauffälligkeit ist: Diese Studierenden scheinen zufrieden zu sein, fühlen sich im Studium gut angekommen und auch gut über das Studium informiert. Sie sind überdurchschnittlich motiviert und schätzen ihren Studiengang eher als machbar ein als der Durchschnitt. Sie studieren häufig ihr Wunschfach und haben nur selten bereits das Studienfach gewechselt. Dual Studierende sind häufiger vertreten als in den anderen Clustern. Die sozialen Kontakte sowie die Einbindung in das Hochschulleben werden durchschnittlich bewertet. Kein Studierender dieses Clusters hat zum Zeitpunkt der Befragung bereits an einen Studienabbruch oder -wechsel gedacht. Dennoch brechen bis zum Ende des sechsten Semesters 22 Prozent ihr Studium ab oder wechseln ihr Fach oder die Hochschule. Die Abbrecherquoten beziehen sich jeweils auf den Stand am Ende des sechsten Semesters.

Als Selbstläufer, denen alles zu gelingen scheint, werden 87 Studierende (17 Prozent) bezeichnet. Hier finden sich vor allem Studierende mit allgemeiner Hochschulreife und mit sehr guten Schulabschlüssen. Sie sind hoch motiviert und integriert und weisen die größte Zufriedenheit mit dem Hochschulleben auf. Nahezu alle studieren ihr Wunschfach und der Anteil derjenigen, die sich wieder für das Fach und für die TH Nürnberg entscheiden würden, ist hier am höchsten. Sie empfinden die Studienanforderungen am häufigsten als machbar und wünschen sich am seltensten Anpassungen des Studiums an ihre Bedürfnisse. Zum Zeitpunkt der Befragung hat niemand aus diesem Cluster an einen Abbruch oder einen Wechsel des Studiengangs gedacht. Tatsächlich hat hier kaum jemand das Studium abgebrochen oder das Fach gewechselt. Der Anteil der MINT-Studierenden ist geringer als in den anderen Clustern.

Die Studierenden im Cluster der oberflächlich Adaptierten (88 Studierende, 17 Prozent) finden das Studieren an sich gut, aber nicht unbedingt in diesem Fach oder an dieser Hochschule. Für viele ist es nicht ihr Wunschfach oder das Studium eher eine Notlösung. Sie sind durchschnittlich intrinsisch motiviert, Status und Einkommen spielen bei der Studienwahl die geringste Rolle im Clustervergleich. Sie fühlen sich relativ gut angekommen und über das Studium informiert. Die Studierenden schätzen das soziale Klima und die Kontakte positiv ein und sie finden, dass das Studium machbar ist. Obwohl die Studierenden in diesem Cluster den Einstieg in das Studium also recht gut bewältigt haben, denken zum Zeitpunkt der Befragung alle Studierenden bereits an einen Studienabbruch oder –wechsel. Und tatsächlich beenden bis zum Ende des sechsten Semesters 29 Prozent der Studierenden in diesem Cluster ihr Studium ohne Abschluss. Dabei ist der Anteil der Studierenden, die die Hochschule ohne Rückmeldung verlassen, vergleichsweise hoch (12 Prozent). Es kann also vermutet werden, dass ein Teil dieser Studierenden zum Beispiel das Fach gewechselt hat.

Das Cluster der Orientierungslosen beinhaltet 103 Studierende (20 Prozent). Es ist die Gruppe von Studierenden, die am wenigsten mit ihrem Studium zurechtkommen. Ihre Studienfachwahl ist häufig missglückt und sie fühlen sich im Studium überfordert. Im Vergleich zu den anderen Clustern hatten sie zu Studienbeginn am häufigsten kein bestimmtes Wunschfach oder konnten ihr Wunschfach nicht studieren. Sie fühlen sich am wenigsten motiviert und an der Hochschule integriert, schätzen das Studium am wenigsten als machbar ein und wünschen sich eine Anpassung der Studienbedingungen an ihre Bedürfnisse. Mehr als in den anderen Clustern haben die Studierenden bereits kurz nach Semesterbeginn an einen Abbruch des Studiums oder an einen Wechsel des Studienfaches gedacht und sie beenden mit 36 Prozent tatsächlich auch am häufigsten das Studium ohne Abschluss. Rückblickend würden besonders viele nicht mehr das gleiche Fach oder gar nicht mehr studieren. Das Cluster weist die meisten Studierenden aus MINT-Fächern auf und die meisten, für die es ihr erstes Studium ist.

Das kleinste Cluster bilden die Unterstützungsbedürftigen mit 53 Studierenden (11 Prozent). Bei dieser Gruppe gibt es überdurchschnittlich viele Hindernisse im Studium, sie haben weniger Freude am Studium als der Durchschnitt und empfinden das Studium seltener als gut machbar. Sie fühlen sich am schlechtesten von allen über ihr Studienfach informiert und waren am häufigsten bereits in einem anderen Fach eingeschrieben. Sie sind durchschnittlich motiviert und wünschen sich am meisten von allen eine Anpassung des Studiums an ihre Bedürfnisse. Sie bewerten die soziale Einbindung und das Klima am schlechtesten und sind überdurchschnittlich oft Studierende aus MINT-Fächern. Dennoch hat zum Zeitpunkt der Befragung noch niemand in diesem Cluster an einen Abbruch oder Wechsel des Studiums gedacht. Nach dem sechsten Semester haben jedoch 20 Prozent ihr Studium abgebrochen.

Zuordnung zu den Clustern ist nicht identisch mit der Zugehörigkeit zu sozialstrukturellen Kategorien

Die vorgestellten Studierendentypen unterscheiden sich zwar hinsichtlich ihrer sozialstrukturellen Zusammensetzung, jedoch ist diese nicht eindeutig: Keines der Cluster lässt sich ausschließlich durch sozialstrukturelle Merkmale beschreiben.

Während im Cluster der Angekommenen neben den studienbezogenen auch die sozialstrukturellen Werte im Durchschnitt liegen, beinhaltet das Cluster der Selbstläufer die meisten Frauen und die jüngsten Studierenden, die am schnellsten nach der Schule ins Studium eingestiegen sind. Hier sind am häufigsten Studierende mit allgemeiner Hochschulreife und der besten Durchschnittsnote der Hochschulzugangsberechtigung vertreten.
Im Cluster der oberflächlich Adaptierten finden sich vor allem junge Studierende ohne Migrationshintergrund. Der Anteil der Studierenden mit Behinderung ist hier am niedrigsten.

Dagegen sind diese beiden Gruppen im Cluster der Orientierungslosen überrepräsentiert. Der zeitliche Abstand zwischen Schulabschluss und Immatrikulation ist hier am größten, sehr viele Studierende erhalten Leistungen nach dem BAföG (Bundesausbildungsförderungsgesetz).

Anteilsmäßig die meisten Studierenden mit Migrationshintergrund, die auch am häufigsten ihren Bildungsabschluss im Ausland gemacht haben, finden sich bei den Unterstützungsbedürftigen. Ebenso ist hier der Anteil der Studierenden mit familiären Verpflichtungen am höchsten. Sie sind am seltensten neben dem Studium erwerbstätig und werden am seltensten durch ihre Familie finanziell unterstützt.

Unterschiedliche Studierendentypen erfordern zielgruppengerechte Unterstützungsangebote

Die Ergebnisse zeigen, dass Studierende nicht nur in Bezug auf die bekannten soziodemografischen Merkmale wie beispielsweise Geschlecht oder Migrationshintergrund heterogen sind, sondern sich auch in der Bewältigung und Anpassung während der Studieneingangsphase unterscheiden. Es sind gruppenspezifische Unterschiede in Bezug auf die Motivation, Integration, die Freude am Studium und Einschätzung der eigenen Fähigkeiten zur Bewältigung der Studienanforderungen erkennbar. Diese Profile legen nahe, dass sich die Bedürfnisse an Beratung und Unterstützung, die zur Erhöhung des Studienerfolgs notwendig sind, unterscheiden.

Während das Cluster der oberflächlich Adaptierten vor allem Unterstützung bei der Studienfachwahl benötigt, um bei einer grundsätzlich vorhandenen Studienmotivation das richtige Fach für sich zu finden, scheint das Cluster der Orientierungslosen eine umfassende Unterstützung sowohl bei der Studienfachwahl und Studienvorbereitung als auch während des Studiums zu benötigen. Bei dem Cluster der Unterstützungsbedürftigen weist einiges darauf hin, dass hier Unterstützungsbedarf in Bezug auf die allgemeine Lebenssituation, etwa die Vereinbarkeit von Studium und Familie, besteht, damit das Studium gemeistert werden kann.
Dagegen scheint eine spezielle Unterstützung der Selbstläufer in Hinblick auf den Studienerfolg auf den ersten Blick nicht erforderlich. Hier könnten jedoch Maßnahmen der Begabtenförderung ansetzen und besonders leistungsfähige Studierende im Aufbau ihrer Kompetenzen gestärkt werden, zum Beispiel durch Förderung von Auslandsaufenthalten oder durch gezielte Informationen zur Weiterqualifizierung durch ein Masterstudium oder eine daran anschließende Promotion. Im Cluster der Angekommenen scheint zwar ebenfalls kein besonderer Unterstützungsbedarf zu bestehen, aufgrund der höheren Abbruchquoten sind aber auch hier allgemeine Beratungs- und Unterstützungsangebote zur Bewältigung des Studiums denkbar.

Hervorzuheben ist bei der (Weiter-)Entwicklung entsprechender Angebote, dass die künftigen Studierenden nicht als Mitglied eines bestimmten Clusters identifiziert werden können und sollen, sondern dass bestehende Angebote entsprechend den Bedürfnissen und Lebenslagen der Studierendentypen überprüft und gegebenenfalls angepasst oder neu geschaffen werden sollen. Die bereitgestellten Maßnahmen sollten also die verschiedenen Themen der Studierendentypen aufgreifen und offen Unterstützung bei individueller Anfrage beziehungsweise Bedarf anbieten.

Die TH Nürnberg hat auf Grundlage dieser Ergebnisse einen Maßnahmenworkshop mit den Beteiligten aus verschiedenen Fakultäten und Abteilungen der Hochschule gestartet. Dort wurden die bestehenden Maßnahmen an der TH auf mögliche Ergänzungen und Verbesserungen in Bezug auf die Zielgruppen der Clusterprofile geprüft. Die Angebotsstruktur soll weiter verbessert und angepasst werden, sodass die verschiedenen Studierendentypen eine passgenaue Ansprache erfahren können und den Bedürfnissen entsprechende Angebote zur Erhöhung des Studienerfolgs erhalten. //

Das Studierendenpanel an der TH Nürnberg

Bei einer Panelstudie werden dieselben Personen zu mehreren Zeitpunkten befragt, um Veränderungen auf individueller Ebene abbilden zu können. An der Technischen Hochschule (TH) Nürnberg wurden rund 3000 Studierende, die im Wintersemester 2015/16 einen von 24 Bachelorstudiengängen aufgenommen haben, zu mehreren Befragungen eingeladen. Die erste Befragung, deren Daten die Grundlage für die hier beschriebenen Studierendentypen darstellen, fand zwei Monate nach Studienbeginn statt. Die Daten von 507 Studierenden bilden die Grundlage der Typologie. Sofern die Studierenden ihre Matrikelnummer angaben, konnten diese Informationen unter Einhaltung der Datenschutzbestimmungen mit administrativen Daten zum Studienfortschritt verknüpft werden (siehe auch Fromm/Gerlach-Newman/Oberbeck 2018 und Fromm/Weindl 2016).

LITERATUR

  • Fromm, S.; Gerlach-Newman, A.; Oberbeck, N. (2017): Auf der Suche nach Auffälligkeiten im Studium. In: DUZ 06/2017, S. 69–71.
  • Fromm, S.; Weindl, M. (2016): Ergebnisse des Studierendenpanels der TH Nürnberg. Erster Zwischenbericht: Studieneinmündung und erste Prüfungserfahrungen. Sonderdruck Schriftenreihe der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm Nr. 65.
  • Fromm, S.; Rülling, A. (2019, im Erscheinen): Von „Angekommenen“, „Orientierungslosen“ und „Selbstläufern“ – Heterogene Studienanfänger an der TH Nürnberg. Zweiter Zwischenbericht aus dem Studierendenpanel: Eine Typologie der Studienanfänger. Sonderdruck Schriftenreihe der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm.

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