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Ein Projekt an der Universität Kassel fördert stark beeinträchtigte Promovenden.

Micah Jordan hätte nicht gedacht, dass sie einmal eine Doktorarbeit schreiben würde. Eigentlich hatte sie eine Ausbildung zur Physiotherapeutin absolviert, aber dann machte der Körper nicht mehr mit: Neurologische Ausfallerscheinungen, ausgelöst durch eine Borreliose, kosteten sie Jahre der Ursachenforschung. In denen begann sie ihr Studium der Sozialpädagogik an der Universität Kassel, das sich durch die Erkrankung in die Länge zog.

Als sie endlich diplomiert war, war sie für ein Promotionsstipendium, das in der Regel auf Altersgrenzen von 30 bis 35 Jahren basiert, mit ihren 33 Jahren schon zu alt und saß mittlerweile im Rollstuhl. Trotzdem ergab sich für sie eine Chance: Durch das Projekt „Promotion inklusive“, kurz Promi, konnte die Uni Kassel ihr für fünf Jahre eine halbe Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin anbieten.

Geld zahlen, damit Beeinträchtigte in Arbeit kommen

Promi finanziert einmalig bis 2021 insgesamt fünfundvierzig Promotionen schwerbehinderter Akademiker an einundzwanzig Hochschulen. Das Geld stammt zur Hälfte vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales aus Mitteln des Ausgleichsfonds: Hier zahlen alle Arbeitgeber ein, die weniger als fünf Prozent ihrer Stellen an Schwerbehinderte vergeben, zugleich aber mindestens zwanzig Mitarbeiter beschäftigen. Die andere Hälfte der Projektkosten tragen die Hochschulen selbst, unterstützt durch Eingliederungszuschüsse der Arbeitsagenturen. Für die Vermittlung der Stellen, die 2013 bis 2015 bundesweit ausgeschrieben wurden, war der Arbeitgeberservice für schwerbehinderte Akademiker zuständig.

Jana Bauer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Arbeit und berufliche Rehabilitation der Universität zu Köln, leitet das Promi-Projekt auf inhaltlicher Ebene. Sie meint, dass darüber eine „unnatürliche Promotionssituation“ entstehe. Sie gibt aber auch zu bedenken, dass der gängigere Weg zu einem Promotionsbetreuer durch Mitarbeit am Lehrstuhl für viele Studierende mit Beeinträchtigung schwer zu realisieren ist. Denn deren Zeitbudget ist in den meisten Fällen ausgereizt. Darüber hinaus sind gerade diese Wissenschaftler auf eine sozialversicherungspflichtige Stelle angewiesen.

Nur durch ihre Beeinträchtigung steht ihnen laut Sozialgesetzbuch die Finanzierung individueller Arbeitsplatzausstattung durch Leistungsträger wie die Agentur für Arbeit und die Integrationsämter zu. Dringend benötigte technische Hilfsmittel oder persönliche Assistenzen bewilligt zu bekommen, hat auch bei den Promi-Kandidaten bis zu einem Jahr gedauert. „Das kann schon ganz schön frustrierend sein, weil man sich ausgebremst fühlt und die knapp bemessene Promotionszeit verrinnt“, sagt Bauer.

Nicht zuständig für beeinträchtigte Doktoranden: Vertreter der Schwerbehinderten

Viele Landeshochschulgesetze sehen für beeinträchtigte Studierende wie auch für Hochschulangestellte Schwerbehindertenvertreter vor. Ausgenommen von der Regelung sind aber Promovenden – insbesondere, wenn sie keine Unistelle haben. Für sie gibt es keine Ansprechpartner, obwohl oftmals in der fordernden Promotionsphase spezieller Beratungs- und Unterstützungsbedarf besteht. Das scheint absurd, zumal die Hochschulen doch nur durch gezielte Nachwuchsförderung ihren gewünschten höheren Anteil an wissenschaftlichem Personal mit Behinderungen erreichen können.

Simon Kollien, heute 51 Jahre alt, ist gehörlos geboren und lehrt heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Deutsche Gebärdensprache an der Universität Hamburg. „In meiner Jugend war ich eine Art Modellversuch, ob ein Student allein mit Gebärdensprache ein Studium absolvieren kann“, erzählt er. Heute kann er für die berufliche Kommunikation mit Hörenden und für seine Lehrveranstaltungen auf Gebärdensprachdolmetscher am Institut zurückgreifen.

„International zu arbeiten ist schwierig“, sagt Kollien, „denn schon Deutsch ist ja für mich eine Fremdsprache. Da fällt mir das Englische umso schwerer.“ Davon abgesehen – und abgesehen von Vorwürfen, er sei telefonisch nur erreichbar nach schriftlicher Terminabsprache mit ihm oder über sein Institut und einen Gebärdendolmetscher – kann er in seinem Umfeld aber wissenschaftlich arbeiten.

Junge beeinträchtigte Forscher können durch ihre Erfahrungen gängigen Disziplinen neue Blickwinkel eröffnen. Micah Jordan etwa schreibt ihre Doktorarbeit über die Wirkung von Peer Counseling, der Beratung von Beeinträchtigten für Beeinträchtigte. Sie hat kein Problem damit, dass ihre wissenschaftliche Arbeit durch Umverteilung subventioniert wird: „Man zahlt halt Menschen das Geld, das sie normalerweise auf dem Arbeitsmarkt bekommen würden, wenn sie dort einfach eine Stelle annehmen könnten – damit sie schließlich auch dort zu finden sind.“

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