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Auf der Überholspur

Katja Sträßer forscht in Gießen – mit einem ERC Grant, der höchsten wissenschaftlichen EU-Auszeichnung.

Umwege sind Prof. Dr. Katja Sträßers Sache nicht, im Gegenteil. Sie selbst spricht von „Shortcuts“ – Abkürzungen. „Das kommt mir entgegen“, sagt die 46­-Jährige, „ich bin eher ungeduldig und schnell.“ Eine langfristige Planung steckte hinter ihrem Karriereweg allerdings auch nicht. Nach dem Abitur war sie zunächst unsicher, was sie studieren wollte. Angesichts von Biologie­ und Mathe-Leistungskursen wurde es Biotechnologie in Braunschweig. Begeistern ließ sie sich von der Molekular­ und Zellbiologie: „Wie hochkomplexes Leben aus so einer ganz simplen DNA, die nur vier Buchstaben hat, entstehen kann, und wie dieses System funktioniert“, fasziniert sie bis heute.

Schon während des Studiums suchte Sträßer sich zu ihrem Schwerpunkt und ihren Interessen passende Labore. So ging sie für ihre Studienarbeit sechs Monate zum Institut für molekulare Zellbiologie nach Genf, für einen Forschungsaufenthalt zum Max-Planck-Institut für Biochemie nach Martinsried und für ihre Diplomarbeit für neun Monate zum Salk Institute nach San Diego. Schon damals ging es vor allem um die Gen­expression, also die Frage, wie die Umsetzung von genetischer Information kontrolliert und reguliert wird. „Jedes Labor und jede Arbeitsgruppe ist anders“, erklärt sie den Weg. Jedes Mal bekomme man neue Einblicke in Herangehensweisen von Forschern. Deswegen suchte sie noch in den USA nach deutschen Labors, die interessante Forschungsfragen untersuchten. Ihr Heidelberger Doktorvater Prof. Dr. Ed Hurt engagierte sie ohne jedes Bewerbungsgespräch. Es klappte hervorragend. „Ich war halt ehrgeizig und fleißig“, sagt Sträßer.

Zudem lieferte ihr Projekt beeindruckende Ergebnisse, bescherte ihr die erste Auszeichnung und renommierte Publikationen. „Ich habe wahnsinnig viel gearbeitet und wahnsinnig viel Spaß daran gehabt“, sagt Katja Sträßer. Mit nur 31 Jahren wurde die Forscherin in München wissenschaftlich unabhängig, als Gruppenleiterin im Gene Center der Uni München. Das Labor war ihre „Oase“, sagt sie. 2007 holte sie den Starting Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC). Mit acht bis zwölf Mitarbeitern konnte sie tatsächlich die Forschung machen, die sie interessierte – niemand redete hinein.

Dass sie ganze elf Jahre in München blieb, hatte auch private Gründe: Die Geburten ihrer vier Kinder – heute sind sie zwischen sieben und dreizehn Jahre alt – fielen in diese Phase. Und die freie Zeiteinteilung als Gruppenleiterin erleichterte die Organisation von Familie und Beruf.

Als sie sich dann doch im nächsten Karriereschritt um frei werdende Professorenstellen bewarb, gaben ihr andere Hochschullehrer wertvolle Tipps fürs „Vorsingen“. Es klappte schnell. Zeitgleich hatte sie die Auswahl zwischen drei Angeboten. Sie entschied sich für die Gießener Justus-Liebig-Universität, wo ihr die besten Forschungsbedingungen geboten wurden. Aber sie mag auch die Atmosphäre der kleinen Universitätsstadt mit den kurzen Wegen, den vielen Lokalen, Kinos und der Hügellandschaft.

Im Labor steht sie nun nur noch selten. Aber es macht ihr Freude, ihre Labormitglieder, Doktorandinnen, Mentees sowie eine Nachwuchswissenschaftlerin mit einer eigenen Gruppe zu begleiten. Und irgendwann wird sie sicher auch ein Sabbatical im Ausland einlegen – um wieder neue Dinge kennenzulernen. Sträßer: „Einfach immer so weiterzumachen, entspricht nicht so meinem Naturell.“

Steckbrief: Katja Sträßer

Meine Zeit im Ausland

In den USA hat es mir so gut gefallen, dass ich fast geblieben wäre. Das Institut in San Diego steht direkt an einer Steilküste am Pazifik. Die Mentalität meiner amerikanischen Kollegen kam mir entgegen. Wir haben viel gemeinsam unternommen und neben der Arbeit Sport getrieben. Mit einer Kollegin bin ich meinen ersten Halbmarathon in den Red Woods gelaufen. In dieser Zeit sind Freundschaften entstanden, die bis heute halten. Auch in Genf – eine wunderschöne Stadt – hatte ich ein gutes Labor mit netten Kollegen. Dort habe ich versucht, wenigstens so viel Französisch zu lernen, dass ich mich auch außerhalb des Labors – dort haben wir Englisch gesprochen – verständigen konnte. Ich konnte bis dahin gar kein Französisch.

Mein größter Erfolg

Meine Arbeit wird in den kommenden fünf Jahren mit zwei Millionen Euro vom Europäischen Forschungsrat (ERC) unterstützt. Er fördert Wissenschaftler, die in visionären Projekten neue Wege in der Grundlagenforschung beschreiten. In meinem Projekt geht es um bislang noch völlig unbekannte Vorgänge der Genexpression. Vor allem wird die Verpackung der sogenannten Boten-RNA (mRNA) durch Proteine erforscht. Wie sich diese Proteine an die mRNA binden und wie das Boten-Ribonukleoprotein aussieht, will mein Team mithilfe moderner biochemischer und struktureller Hightech-Methoden herausfinden.

Das bedeuten mir Preise

Meine Arbeit ist siebenmal ausgezeichnet worden. Da freut man sich natürlich sehr. Als ich den Starting Grant des ERC erhielt, wurde mein Projekt als eines von nur 300 aus rund 10 000 Projektanträgen in Europa ausgewählt. Das ist eine große Bestätigung.

Das entspannt mich

Wenn etwas fertig und erledigt ist. Das Problem dabei ist, dass die Liste der ausstehenden Dinge so lang ist, dass die Entspannung nur von kurzer Dauer ist.

Biografie

  • 1971 geboren in Dinslaken
  • 1991–1998 Studium mit Diplomabschluss in Biotechnologie an der Universität Braunschweig
  • 1996 Erasmus-Studentin im Labor von Prof. Dr. Didier Picard, Universität Genf/Schweiz
  • 1997 Forschungsstudentin im Labor von Prof. Dr. Tom Hope, Salk Institute for biological Studies, San Diego/USA
  • 1998–2001 Doktorandin bei Prof. Dr. Ed Hurt, Universität Heidelberg
  • 2001–2002 Postdoktorandin im selben Labor der Uni Heidelberg
  • 2003–2014 unabhängige Gruppenleiterin im Gene Center der Universität München
  • seit 2014 Professorin für Biochemie an der Universität Gießen
  • seit 2018 wird ihre Arbeit mit zwei Millionen Euro vom Europäischen Forschungsrat (ERC Grant) gefördert

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