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Die Zahl der Bachelorstudierenden wird in den kommenden beiden Jahren weiter dramatisch steigen. Im Anschluss konkurrieren immer mehr Jungakademiker um einen Platz im Masterstudium. Doch die Entwicklung wird in Ost und West unterschiedlich verlaufen – die Hochschulen müssen sich vorbereiten.

Welche Studienorte sind derzeit die beliebtesten bei Studierenden?

Die Metropolen des Landes haben bei den Studierenden die besten Karten. Laut Exzellenzinitiative von Bund und Ländern ist München einer der beliebtesten Studienorte, gefolgt von anderen Großstädten wie Berlin, Hamburg und Köln. Kleinere Orte haben nicht ganz so gute Chancen. Städte wie Mainz oder Bochum könnten aber an Attraktivität gewinnen, wenn 2012 entschieden wird, welche Universitäten den Titel einer Elite-Uni tragen dürfen.

Welche Kriterien sind bei der Wahl des Studienorts ausschlaggebend?

Nur etwa ein Drittel aller Hochschüler verlässt das Heimat-Bundesland zum Studieren, heißt es in einer Studie der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) aus Hannover. Auch die Forschungsergebnisse von Gunther Greven unterstreichen die emotionale Bindung an den Studienort: In seiner Doktorarbeit an der Handelshochschule Leipzig hat er Anfang des Jahres herausgefunden, dass dieser Aspekt bei BWL-Einsteigern für die Ortswahl der wichtigste ist. Dabei ist für fast ein Zehntel ausschlaggebend, dass der Partner am Hochschulort lebt. Auch der örtliche Mietspiegel und das kulturelle Angebot sollen stimmen. Qualität von Lehre und Forschung seien den Studierenden vor allem zu Beginn des Entscheidungsprozesses wichtig. Sie würden aber im späteren Verlauf an Bedeutung verlieren. Stattdessen werde den Studierenden die Betreuung wichtiger und dass das Studium den Anforderungen der Arbeitswelt gerecht werde, also praxisnah und international sei. Bachelor- und Masterstudierende haben unterschiedliche Motivationen: „Masterstudierende entscheiden eher nach Fach“, sagt Dr. Christian Berthold, geschäftsführender Gesellschafter des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh. „Schließlich ist es für sie nur eine Entscheidung für zwei Jahre.“

Wie werden sich die Studierendenzahlen entwickeln?

Die Studienanfängerzahlen lagen 2010 um fast 22 Prozent über denen aus dem Jahr 2005, teilte die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) Ende März mit. Mit einem Plus von 38 Prozent war die Steigerung an Fachhochschulen besonders hoch. Insgesamt gibt es in Deutschland derzeit rund 2,2 Millionen Studierende. Knapp eine Million von ihnen studierte im Wintersemester 2009/2010 laut Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in Bachelorstudiengängen. Rund 150 000 waren für ein Masterstudium eingeschrieben. Die demografische Entwicklung, die doppelten Abiturjahrgänge sowie die Aussetzung der Wehrpflicht zeigen deutliche Effekte. In den kommenden beiden Jahren wird es einen „dramatischen Anstieg der Studierendenzahlen” geben, sagt CHE-Chef Berthold. Das gilt allerdings nur bis 2013. Danach werde es vor allem im Osten schwer, die Kapazitäten an Studienplätzen auszufüllen. Denn nach dem Studierenden-Höhepunkt 2013 setze demografisch bedingt eine rückläufige Entwicklung ein. Auf das Masterstudium dürften sich diese Wellen zeitversetzt auswirken. Prognosen zu diesen Zahlen gibt es zwar nicht. Im vergangenen September hat aber eine Studie des Internationalen Zentrums für Hochschulforschung Kassel (Incher) ergeben, dass 78 Prozent der Bachelorabsolventen von Universitäten nach dem Abschluss weiterstudieren – und zwar zu 90 Prozent in Masterstudiengängen.

Sind für die Studierenden genügend Plätze vorhanden?

Bund und Länder reagieren auf die zunehmende Nachfrage mit einem Aufbau von Studienplätzen: Sie wollen in den Jahren 2011 bis 2015 bis zu 275 000 neue Plätze für Studienanfänger schaffen. Für die nicht mehr wehrpflichtigen Schulabgänger sollen weitere 45 000 bis 59 000 Plätze hinzukommen. Ob das allerdings reicht, wird vielerorts bezweifelt. Die Prognosen für die tatsächlich benötigten Plätze reichen bis zu 450 000.

Verläuft die Studierendenentwicklung parallel zur allgemeinen demografischen Entwicklung?

Die Zahl der Studierenden wächst derzeit in Ost und West, während die Zahl der Bundesbürger insgesamt zurückgeht. Denn noch wird der Effekt der schrumpfenden Bevölkerung von den geburtenstarken Jahrgängen überlagert, die an die Hochschulen drängen. Ab 2017/18 jedoch, sagt Berthold, „wird der generelle Trend durchschlagen“: Laut Bertelsmann Stiftung wird die Zahl der 22- bis 35-Jährigen bis 2025 um 1,5 Millionen zurückgehen.

Verläuft die demografische Entwicklung im Osten und Westen gleich?

Im Osten der Republik vollzieht sich die Entwicklung massiver und schneller. „Der demografische Wandel schlägt zu“, sagt Dr. Ulrich Vetter, der Pressesprecher der Uni Rostock. Schon 2010 habe seine Uni 400 Studienanfänger aus Mecklenburg-Vorpommern weniger verzeichnet. Noch gleiche der Zuzug aus dem Westen diese Entwicklung aus. „Aber langfristig besteht die Gefahr, dass wir die aktuelle Studierendenzahl von 15 000 nicht halten können.“ In den neuen Ländern hat es nach 1989 einen massiven Rückgang der Geburtenzahlen gegeben, was sich seit 2009 auf die Studienanfängerzahlen auswirkt. Die von der Kultusministerkonferenz (KMK) berechnete Entwicklung für die neuen Länder ist dramatisch: Die Zahl der Studienberechtigten halbiert sich von 72 200 im Jahr 2008 auf 35 700 im Schuljahr 2013. Erst danach soll die Zahl der Studienberechtigten bis 2020 wieder steigen. Anfang März veröffentlichte das Statistische Bundesamt die aktuellen Zahlen der Studienberechtigten – und bestätigt die Entwicklung: Im Jahr 2010 gab es in Deutschland zwar insgesamt 1,6 Prozent mehr Schulabgänger mit Hochschulberechtigung (456 600). In den neuen Ländern einschließlich Berlin jedoch ging ihre Zahl um 19,5 Prozent zurück. Sachsen und Sachsen-Anhalt sind mit einem Minus von knapp 30 Prozent am stärksten betroffen.

Was kann die Politik jetzt tun?

Die Ausgaben für Bildung in Deutschland liegen unter dem OECD-Schnitt – doch dies gilt vor allem für die Grundschulbildung. In der Hochschulbildung gibt Deutschland überdurchschnittlich viel aus, erklärt Heino von Meyer, Deutschland-Vertreter der OECD. Zudem profitieren die Universitäten in einigen Ländern von Studiengebühren. Und doch könnte Deutschland das einzige OECD-Land sein, in dem es bis 2025 weniger Menschen mit tertiärer Ausbildung gibt als 2005. Christian Berthold sieht auch als Problem, dass das deutsche Hochschulsystem angebots- und nicht nachfrageorientiert sei, was sich in Zulassungsbeschränkungen wie dem NC zeige. Damit hätten die Hochschulen keinen Anreiz, mehr Studierende aufzunehmen – anders als in den USA oder der Schweiz. Der Hochschulpakt hat für Berthold ein strategisches Problem: In der zweiten Phase von 2011 bis 2015 ist dieser gedeckelt. Locken die Unis mehr Studierende an als im Pakt vereinbart, erhalten sie kein zusätzliches Geld. „Das ist ein falsches Signal. Der Fachkräftemangel wird weiter zunehmen – bis 2020 fehlen uns 1,2 Millionen zusätzliche Akademiker.“

Was können Hochschulmanager tun?

Hochschulen müssen sich verstärkt um neue Studierendengruppen bemühen, meint Heino von Meyer von der OECD. So sollten Menschen mit Berufserfahrung, aber ohne Abitur stärker in den Blick rücken: „Es kann ja nicht sein, dass ein 18-jähriger Abiturient alles studieren darf und ein Meister Ende 20 nicht.“ Besonderes Augenmerk sollten die Unis auch auf Ausländer richten, da sind sich die Experten einig. „Drei Viertel der ausländischen Studierenden in Deutschland scheitern, weil sich keiner um sie kümmert“, sagt Berthold. Dass gerade einmal 100 Studiengänge in englischer Sprache angeboten würden, sei unhaltbar, sagt von Meyer: „Wie die Holländer sollten wir Bildung als Exportartikel verstehen.“
Wie man Studierende wirbt, weiß man in den neuen Ländern gut. Leipzig und Rostock gelten als beliebteste Hochschulorte – sie profitieren etwa von der Imagekampagne „Studieren in Fernost“. In diesem Rahmen bietet die Uni Leipzig Sächsisch¬Sprachkurse an, holt ihre Erstsemester mit dem Trabi ab oder schickt einen Truck auf PR-Tour. „Ungewöhnliches und verstärktes Marketing ist notwendig“, sagt auch der Rostocker Pressesprecher Ulrich Vetter. Seine Hochschule macht Werbung in ICE-Fahrplänen und setzt auf Familienfreundlichkeit inklusive Kinderbetreuung.

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