DUZ AKTUELL

POLITIK & GESELLSCHAFT

FORSCHUNG & INNOVATION

STUDIUM & LEHRE

KOMMUNIKATION & TRANSPARENZ

ARBEIT & PSYCHOLOGIE

WISSENSCHAFT & MANAGEMENT

 Login

Angriff auf die Oberklasse

Es ist die Geschichte einer Empanzipation: 40 Jahre nach ihrer Gründung haben sich die ersten Fachhochschulen von bloßen Paukanstalten zu Orten der Forschung gewandelt. Ermuntert von Politik und Wissenschaftsrat hat sich im Lauf der Jahrzehnte fast schon eine Konkurrenz für Universitäten etabliert.

Die Fachhochschule Ingolstadt lässt es krachen: Aus ihren Labors stammt ein Airbag-Auslöser, der den lebensrettenden Knautschsack aktiviert, wenn ihn der Schall sich zerbeulenden Blechs erreicht. Seit drei Jahren läuft die Technik in Serie für den Massenmarkt im Golf VI vom Band. Für die Fachhochschule bedeutete die volkswagentaugliche Idee den Aufstieg in die forschende Oberklasse.

Im vergangenen Jahr war Deutschlands wichtigstes Beratergremium für die Wissenschaft von der Leistungskraft der oberbayerischen Fachhochschule überzeugt: Der Wissenschaftsrat bewilligte ihr einen millionenschweren Forschungsbau, in dem neue Anlagen für Crashtests, Testroboter und Labore Platz finden sollen. Die Fachhochschule schlug im Wettbewerb ums Geld Universitäten aus dem Feld. Zusammen mit einem ebenfalls bewilligten Projekt der Fachhochschule Mittweida war es das erste Mal, dass der Wissenschaftsrat einen FH-Forschungsbau in seine Empfehlungen aufnahm.

Hochgelobt und selbstbewusst

Eine Sensation. Ingolstadts FH-Präsident Prof. Dr. Gunter Schweiger verkündete entsprechend stolz, es sei gelungen, „dem herausfordernden Vergleich mit Elite-Universitäten standzuhalten.“ Doch die Entscheidung wirkt über Ingolstadt hinaus. Schweiger und seine Fachhochschule haben mit ihrem Erfolg die Tür zu Forschungsgeldern für einen Hochschultyp aufgestoßen, der vor 40 Jahren vor allem für eines konzipiert worden war: berufsorientierte Ausbildung auf akademischem Niveau. Vier Jahrzehnte später kann in Deutschland von reinen Lehranstalten nicht mehr die Rede sein. Die Fachhochschulen erobern die Forschung. Sie tun das selbstbewusst und mit dem Rückenwind des Wissenschaftsrates: „Von Forschung und Entwicklung an Fachhochschulen gehen wesentliche Impulse für die Innovationsfähigkeit der Gesellschaft aus“, heißt es in der FH-Forschungsbauempfehlung. Noch stemmen sich Uni-Vertreter gegen die neue Konkurrenz. Das Bündnis Technischer Universitäten TU9 erklärte 2007: „Forschung ist eine primäre Aufgabe Technischer Universitäten. Dagegen ist Forschung für Fachhochschulen eine Sekundäraufgabe.“ Bis heute sind die TU9 der Auffassung, es sollte bei der klassischen Aufgabenverteilung bleiben. Auch der Deutsche Hochschulverband (DHV) als Organisation der Uni-Professoren hält daran fest. „Wir haben viel Respekt vor Fachhochschulprofessoren“, sagt DHV-Sprecher Dr. Matthias Jaroch, „aber das ist einfach eine ganz andere Art von Professur, die  stärker auf die Lehre konzentriert ist.“

Angleichung der Hochschultypen

Doch das ändert nichts daran: Die Grenzen zwischen den Hochschularten verschwimmen. „Universitäten und Fachhochschulen sind in sich nicht homogen und fangen an, sich zu überlappen“, sagt Prof. Dr. Bernd Reissert, Präsident der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Reissert ist Vorsitzender der UAS7, einem Bündnis von sieben forschungsorientierten Fachhochschulen. Die Vorsilbe „Fach“ ist vielfach verschwunden. Stattdessen heißt es Hochschule für angewandte Wissenschaft, auf Englisch „University of Applied Sciences“ – und etwa im Logo der Hochschule Furtwangen einfach nur „University“.

Verschwunden ist bei den Abschlüssen Bachelor und Master auch der Zusatz „FH“ in Klammern. Dazu passt der Appell des Wissenschaftsrates an Bund und Länder, die formale Gleichstellung der Studienabschlüsse endlich auch im behördlichen Gehaltsgefüge nachzuvollziehen. Die Fachhochschule Köln leitet aus solchen Tendenzen ihren Forschungsauftrag her. „Insbesondere Master-Studiengänge werden ohne die Komponente Forschung nicht auskommen“, mahnte Forschungs-Vizepräsident Prof. Dr. Klaus Becker bereits vor drei Jahren, als er einen neuen internen Wettbewerb um Forschungsmittel eröffnete. Selbstbewusst reklamieren Fachhochschulen damit einen bisherigen Markenkern der Universität für sich. UAS7¬Vorsitzender Reissert sagt: „Auch bei uns funktioniert gute Lehre nicht ohne Forschung.“

„Wir haben Jahre daran gearbeitet, die Voraussetzungen zu schaffen.“

In Ingolstadt weiß FH-Chef Schweiger allerdings, dass der Einstieg in die Forschung für seine bisherige Lehranstalt Arbeit am Limit bedeutet. Als er vor dem Wissenschaftsrat um viele Millionen warb, zweifelten die Fragesteller nicht am wissenschaftlichen Kern des Projektes. Sie fragten ihn: Kann eine Fachhochschule so etwas wuppen? Schließlich lehren die Professoren mit 19 Stunden in der Woche so viel wie mancher Lehrer. Einen Mittelbau gibt es traditionell so gut wie nicht. Fragen, auf die Schweiger Antworten fand. „Wir haben Jahre daran gearbeitet, die Voraussetzungen zu schaffen“, sagt er heute.

Der erste Schritt war 2004 die Gründung eines Instituts, das Professoren die Organisation der Forschung abnahm. „Das war der Treiber und die Möglichkeit für die Professoren, sich bei Anträgen, Verwaltung und Projektmanagement zu entlasten“, sagt Schweiger. Das Geld hierfür knapste die Hochschule bei den Drittmittel-Einnahmen ab, jeweils zehn Prozent. Bis heute werden die meisten Mitarbeiter an dem Institut auf diese Weise finanziert.

Eine weitere Zutat in Schweigers Erfolgsrezept ist die junge Geschichte der Hochschule. Erst 1994 gegründet, musste Schweiger keine verkrusteten Strukturen aufbrechen. Auch macht der FH in Ingolstadt keine Universität den Rang streitig. Dafür ist die Region mit der finanzstarken und forschungsintensiven Automobilindustrie gesegnet.Dennoch war Schweiger klar, dass 19 Stunden Lehre im Hörsaal wenig Zeit für international anerkannte Spitzenforschung lassen. Also wurden forschende Professoren bei ihrem Deputat entlastet oder für Projekte freigestellt. „In den Fakultäten muss dieser Freiraum auch geschaffen werden, das bringt den Fakultäten im Gegenzug höchste Aktualität in der Lehre“, sagt Schweiger.

Eine Erkenntnis, die sich mittlerweile verbreitet hat: Bayern stellt seine FH-Professoren nicht mehr nur für Fortbildungssemester in Unternehmen frei, sondern auch für Forschung. In Berlin freut sich Kollege Reissert, dass Professoren in einzelnen Forschungsschwerpunkten bis zur Hälfte des Deputats erlassen werden kann. Der Bund pumpt über sein Förderprogramm „Forschung an Fachhochschulen mit Unternehmen“ (FHprofUnt) Geld ins System, mit dem auch Mittelbau-Beschäftigte und Vertretungen für forschende Professoren bezahlt werden dürfen. Allein in der Förderrunde des vergangenen Jahres flossen 32 Millionen Euro an 67 Fachhochschulen.

Die CDU-Wissenschaftspolitikerin Prof. Dr. Johanna Wanka nimmt für sich in Anspruch, als erste und einzige Forschungsprofessuren an Fachhochschulen eingeführt zu haben – und das gleich in zwei Bundesländern. Während ihrer Amtszeit als Wissenschaftsministerin in Brandenburg startete sie 2009 mit 15 Forschungsprofessuren – deren Lehrverpflichtung sie auf neun Stunden halbierte. Als Ministerin in Niedersachsen konnte sie vor wenigen Wochen verkünden, dass die Volkswagenstiftung zehn Forschungsprofessuren an niedersächsischen Fachhochschulen mit drei Millionen Euro unterstützt.

Interessenten für solche Jobs gibt es genug: „Es wächst eine neue Generation von forschungsinteressierten Professoren heran“, berichtet Schweiger aus dem Alltag in Ingolstadt. „Die fragen bei den Bewerbungsgesprächen selbstverständlich: Kann ich bei Ihnen denn auch forschen? Wie sieht es mit der Unterstützung der Hochschule bei der Forschung aus?“ Zweifel an der neuen Rolle haben FH¬Forscher und Fachhochschulen abgeschüttelt. Zieren sich deutsche Universitäten bei Promotionen von FH-Absolventen, findet sich Partner im Ausland. Die FH Ingolstadt kooperiert dafür mit Universitäten in Leicester und Edinburgh.

Die Bundesregierung ermuntert die einstigen Pauk-Anstalten, mit Forschung Grenzen zu überschreiten. „Fachhochschulen sind Innovationsschmieden par excellence und werden es in Zukunft noch stärker sein“, prophezeit Bildungsstaatssekretär Dr. Georg Schütte. Nun sollen sie den europäischen Forschungsraum für sich entdecken. Erstmals förderte das Ministerium 2010 Fachhochschulen bei Anträgen für EU-Forschungsgeld. Im Bündnis UAS7 geben sich die für Forschung zuständigen Vizepräsidenten schon Tipps zur Akquise.

Scharnier zur Wirtschaft

Dabei sind mittlerweile oft andere Fachhochschulen und nicht mehr Universitäten die schärfsten Konkurrenten beim Aufbau eines Forschungsprofils. „Es gibt Disziplinen, in denen die Universitäten nicht mehr präsent sind“, sagt der UAS7¬Vorsitzende Reissert und nennt etwa die Gebiete Soziale Arbeit und Öffentliche Verwaltung, „Hier müssen wir auch forschen, weil der wissenschaftliche Nachwuchs in diesen Fächern gar nicht mehr von den Universitäten kommen kann – den müssen wir selber produzieren.“ Sein Kollege Schweiger in Ingolstadt sieht für forschende Fachhochschulen eine eigenständige Rolle als „Scharnier zwischen Grundlagenforschung an den Universitäten und der sehr stark produktorientierten Entwicklung in den Unternehmen.“ In Ingolstadt wollen sie dazu neue Türen aufstoßen: 2012 ist Spatenstich für den vom Wissenschaftsrat bewilligten Forschungsbau, 2015 soll es auf den neuen Testständen erstmals krachen.

Prof. Dr. Ernst Schmachtenberg

Prof. Dr. Ernst Schmachtenberg„Geplant für die Berufsausbildung“

Aachen Des einen Freud, des andern Leid. Professor Dr. Ernst Schmachtenberg, Rektor der RWTH Aachen und Präsident des Verbands Technischer Universitäten TU9 über den Forschungsehrgeiz an Fachhochschulen.

duz: Herr Professor Dr. Schmachtenberg, warum gönnen Sie den Fachhochschulen die Forschung nicht?

Schmachtenberg: Mit Gönnen hat das nichts zu tun. Es geht darum, dass wir in der modernen Wissensgesellschaft spezialisierte Bildungseinrichtungen haben: die Fachhochschulen mit dem Profil einer sehr hochwertigen, anwendungsbezogenen Berufsausbildung, die Universitäten mit dem Profil der forschungsorientierten Lehre. Ich habe selber während meiner Industrietätigkeit immer sehr gute Erfahrungen mit Ingenieuren gemacht, die in den Fachhochschulen ausgebildet wurden. Also frage ich mich, warum sollen sich jetzt Fachhochschulen über die Forschung profilieren, wo sie doch so tolle Erfolge in ihrer Form der berufs- und anwendungsbezogenen Lehre aufweisen können.

duz: Nun behaupten aber immer mehr Fachhochschulen von sich, sie seien forschende Fachhochschulen - machen die sich selbst und anderen etwas vor?

Schmachtenberg: Die grundlegende Frage dahinter ist doch: Wie viel Spezialisierung braucht eine Institution, um eine Aufgabe optimal zu erfüllen? Geplant und strukturiert sind die Fachhochschulen für die berufs- und anwendungsbezogene Berufsausbildung, nicht für die Forschung. Dabei sehe ich sehr wohl, dass in einzelnen Anwendungsfeldern einzelne Fachhochschulen Forschungserfolge aufweisen können. Aber bitte, manche Universität liefert ja auch hier und da eine gute berufsfeldbezogene Ausbildung. Ist das jetzt schon Grund genug, die gesamte Spezialisierung unseres Bildungssystems in Frage zu stellen?

duz: Wollen sie sich nicht einfach die Konkurrenz um Forschungsgelder vom Leib halten?

Schmachtenberg:  Nein! Ich bekenne mich zum Prinzip des Wettbewerbs und bin unbedingt dafür, dass die Gesellschaft mehr Geld für Forschung ausgibt. Und wenn die Politik den Eindruck hat, dass die Fachhochschule in A besser qualifiziert ist mit ihren Mitarbeitern für die Forschung als die Universität in B – dann sollen sie denen nach entsprechender Evaluation die Mittel geben. Ich frage mich dann aber: Wenn ich eine Fachhochschule so ausstatte, dass sie zur Forschung befähigt ist, ist es eine Universität – warum nenne ich sie dann nicht so?

duz: Die Universitäten betonen, gute Lehre erwachse aus der Forschung. Gilt das für Fachhochschulen nicht?

Schmachtenberg: Das ist eine zu radikale Verkürzung. Das hieße ja auch, dass in der Schule keine gute Lehre stattfinden würde. Nein! Es gibt unterschiedliche Formen der Lehre. Die Universität macht die Befähigung zum Forschen selbst zum Inhalt der Lehre. Und es gibt die hervorragende anwendungsbezogene Lehre an den Fachhochschulen. Also, um es klar zu sagen: Es gibt exzellente Fachhochschulen, aber nicht weil sie forschen, sondern weil sie ihren Ausbildungsauftrag ganz hervorragend erfüllen!

duz: Wäre bei dieser klaren Aufgabenteilung nicht mehr Kooperation zwischen Universitäten und Fachhochschulen nötig?

Schmachtenberg: Wir kooperieren doch stark mit den Fachhochschulen.

duz: Die Fachhochschulen klagen, gerade für Promotionen sei es schwer, Partner zu finden.

Schmachtenberg: Ich glaube, dass es sich da nur um Einzelfälle handelt. Die Kernfrage bei den Promotionen ist doch: Wie ist es mit der Qualität bestellt? Dass die Promotionsausschüsse der Universitäten nach den Vorkommnissen der letzten Zeit bei der Eröffnung der Verfahren genauer hinschauen, das darf doch gar nicht anders sein. Ich bin davon überzeugt, in der Frage der Zulassung zum Promotionsverfahren darf eben nur das Qualitätsargument zählen.

Fachhochschulen in Fakten

Fachhochschulen in Fakten

Vor 40 Jahren ist das Gros der Fachhochschulen in Deutschland gegründet worden. Heute gibt es weit mehr als 200. Ein Steckbrief.

  • Studierende: Im Wintersemester 2009/10 waren rund 620 000 Studierende an Fachhochschulen eingeschrieben, das sind knapp 200 000 mehr als zehn Jahre zuvor. Damit sind 30 Prozent der Studierenden an Fachhochschulen eingeschrieben.
  • Professoren: Die Anzahl der Professoren ist nach Angaben des statistischen Bundesamtes zwischen 2000 und 2010 von knapp 14 000 auf rund 16 500 gestiegen. Die Professoren betreuen immer mehr Studierende. Nach Berechnungen des Wissenschaftsrates betreute 1999 ein Professor 31 Studierende, 2008 kamen rechnerisch 40,5 Studierende auf einen Professor.
  • Grundmittel: Auf den ersten Blick betrachtet sind die laufenden Grundmittel zwischen 2000 und 2007 zwar um rund 160 Millionen auf 2,02 Milliarden Euro angestiegen. Nach Berechnungen des Wissenschaftsrates aus dem Jahr 2010 ergibt sich inflationsbereinigt jedoch allein für diesen Zeitraum ein realer Rückgang um knapp 5,4 Prozent.
  • Lesetipp:  Empfehlungen des Wissenschaftsrates zur Rolle der Fachhochschulen im Hochschulsystem: http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/10031-10.pdf

Login

Der Beitragsinhalt ist nur für Abonnenten zugänglich.
Bitte loggen Sie sich ein:
 

Logout

Möchten Sie sich abmelden?

Abo nicht ausreichend

Ihr Abonnement berechtigt Sie nur zum Aufrufen der folgenden Produkt-Inhalte: