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Wie geht es Ihnen, Dr. Unsichtbar?

Exzellenzinitiative, Hochschulpakt, Pakt für Forschung und Innovation: Obwohl Bund und Länder bis zum Jahr 2010 noch Milliarden zusätzlicher Euro in die Wissenschaft pumpen, ist die Stimmung beim Forschernachwuchs gedrückt. Wie kann das sein?

Wie gut kennen sich Nachwuchswissenschaftler in der deutschen Förderlandschaft wirklich aus? Darüber grübeln seit Kurzem nicht mehr nur die Zuschussgeber nach. Bei Postdocs ist die Unkenntnis über Förderwege und Karrierechancen zum Teil so erschreckend groß, dass sich nun sogar die Bundesregierung darum kümmert. Nachwuchsforscher, plötzlich Kanzlersache. Was ist passiert?

Nun, die Zeiten sind einfach vorbei, in denen Deutschlands Wissenschaft den Nachwuchs einfach Nachwuchs sein lassen konnte. In denen man Doktoranden und Assis still forschen ließ und die dafür hinter vorgehaltener Hand murren durften. Das ist  Geschichte. Jetzt herrscht Forschermangel. 70 000 Wissenschaftler fehlen nach EU-Berechnungen in diesem Jahr. Tendenz steigend.

Der Assi geht, der Postdoc kommt

Aus dem Assi von einst ist der Postdoc geworden. Der ist zwar nicht reicher als sein Vorgänger. Aber er erfährt etwas, wovon der Assi nicht einmal zu träumen wagte: Das wissenschaftspolitische Establishment interessiert sich für ihn. Landauf, landab sind Hochschulstrategen dabei, Förderprogramme speziell für Postdocs zu entwickeln und auszubauen. Gleiches tun die außeruniversitären Forschungsorgansiationen. Freundlich winken sie mit Geld und Stellen Richtung Postdocs. Und die? Bleiben skeptisch und tendenziell schlecht gelaunt.  

Irgendwann, das zeigt sich jetzt, müssen junge Forscher vom deutschen Reformzug gefallen sein. Vielleicht waren sie genervt von den ewigen Novellierungen, vielleicht waren sie es auch einfach nur leid, jede Änderung in Förderrichtlinie X oder Y zu verfolgen. Was immer die Ursachen waren, Fakt ist: Das Wissen der Postdocs über die Förderlandschaft Deutschland ist lückenhaft und manchmal schlicht veraltet.

Die vielen kleinen Kommunikationspannen wirken wie Sand im Getriebe der Bundesregierung, die Deutschlands Zukunft in der Wissenschaft sieht – und deshalb alles daran setzen muss, die Leistungsträger der Forschung von heute und von morgen für die Republik einzunehmen. Das gelingt natürlich nur, wenn die tatsächlich erreichten Verbesserungen auch bei denen zur Kenntnis genommen werden, die die Zukunft sind: die Postdocs nämlich.

Newsfeeds, Weblogs, Wikis: In der schönen Welt des Web 2.0 kann das doch wohl kein Problem sein. Denkt man so – und liegt prompt falsch. Die Erfahrung macht denn auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. In den vergangenen Jahren optimierte sie ihre Förderprogramme und griff dabei auch Anregungen der Postdocs auf. Der Förderzeitraum für das Programm „Eigene Stelle“ wurde zum Beispiel verlängert. Bis zu sechs Jahre haben junge Wissenschaftler nun Zeit, ihr eigenes Forschungsprojekt zu realisieren. Danach dürfen sie sich mit einem neuen Projekt noch einmal um eine „Eigene Stelle“ bewerben, für die es  – auch das ist neu – keinerlei Altersgrenzen mehr gibt.
All das ließe sich mit ein paar Klicks auf der DFG-Homepage und vielleicht noch einem Anruf in der DFG-Zentrale erfahren. Die Schwelle ist also niedrig, wird aber dennoch nicht von allen Postdocs genommen. Zumindest schlagen einige von ihnen bis heute hartnäckig exakt die Verbesserungen vor, die längst umgesetzt sind. Mit der Unkenntnis perpetuiert sich in den Reihen der Postdocs natürlich der alte Frust aufs Establishment. Eine unheilvolle Verknüpfung, die die Bundesregierung nun durchbrechen will.

„Keiner weiß, wie viele wir sind. Auf befristeten Stellen halten wir den akademischen Betrieb aufrecht. “

Im Auftrag des Forschungsministeriums entwickelt die RWTH Aachen jetzt ein Kommunikations- und Informationssystem speziell für den Forschernachwuchs. 300 000 Euro gibt Dr. Annette Schavan in den nächsten fünf Jahren für dieses eine Portal aus. In Kürze wird es unter der Webadresse www.kisswin.de freigeschaltet. Die aktuellsten Zahlen zur Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland werden dort zu finden sein, zusammengefasst und nachzulesen auf 300 Seiten im „Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs” (BuWiN). 
Das Portal und der Bericht – zusammen geben sie Postdocs vielleicht das, wonach sie sich sehnen: eine Heimat in der Scientific Comunity und ein Gesicht. „Doktoranden sind durch die Graduate-Schools mitt­lerweile sichtbar geworden. Wir sind immer noch unsichtbar. Keiner weiß, wie viele wir eigentlich sind. Auf befristeten Stellen und in Drittmittelprojekten halten wir zwar den akademischen Betrieb am Laufen, wir haben aber keinen Status in der Hochschulhierarchie. Wir haben einfach kein Gesicht“, sagt Dr. Peter Fischer. Der 34-Jährige zählt seit Februar vergangenen Jahres zu den Unsichtbaren, denjenigen Promovierten also, die sich über wenigstens ein Jahrzehnt in der Hoffnung auf eine Professur mit unstabilen Beschäftigungsverhältnissen abspeisen lassen (müssen). Dass die Laune nach Jahren in der Furche nicht mehr die beste sein kann, nahmen  Wissenschaftsmanagement und Professorenschaft bisher schweigend in Kauf. Wer Professor werden will, muss leiden. Mit der Devise jagt man heute jeden guten Postdoc aus der Tür. Wer sie halten will, muss sie motivieren und - ja, auch das - für gute Stimmung sorgen.

„Happy Hour“ an der Hochschule

Das ist manchmal leichter als gedacht. Bisweilen braucht es nur Menschen, die wie Dr. Beate Scholz mit guten Nachrichten im Koffer anreisen. Scholz ist bei der DFG für Nachwuchsförderung zuständig und bekämpft nicht nur bestehende Informationsdefizite bei  Postdocs. Im Grunde ist Beate Scholz derzeit so etwas wie ein Garant für eine „Happy Hour“. In Moment hat sie nämlich ziemlich viele gute Nachrichten auf Lager. So kann Scholz von zusätzlichem Geld für Förderprogramme, gestiegenen Bewilligungszahlen und einer im internationalen Vergleich hohen Bewillligungsquote berichten. Liegt die Quote bei Postdoc-Programmen international zwischen zehn und 20 Prozent, haben bei der DFG zwischen 20 und 40 Prozent der Antragsteller Erfolg. „Die ,gefühlten‘ Unsicherheiten schienen mir in Deutschland sehr groß zu sein, und die reale Fördersituation ist viel besser, als manche Postdocs glauben. Je besser sie also über die vielfältigen Möglichkeiten informiert sind, desto besser ist in den meisten Fällen die Stimmung. Hierbei kommt Vorgesetzten eine wichtige Verantwortung zu“, sagt Scholz.

„Ich vermisse bei Hochschulen den Mut, feste Stellen für gute Forscher einzurichten.“

Das Rezept ist einfach - und wirkt. Ist es doch die viel beschworene „gefühlte“ Perspektive, die Nachwuchsforscher in Deutschland vermissen. Nach den ganz großen Kürzungswellen an den Hochschulen, gibt es jetzt tatsächlich Grund zu neuer Zuversicht. Auch und gerade für Postdocs: Der Generationswechsel an Hochschulen sorgt nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes bis zum Jahr 2010 für rund 4300 freie Professorenstellen. 200 zusätzliche Professuren sollen nach einem Beschluss von Bund und Ländern in den nächsten fünf Jahren für Frauen eingerichtet werden. Und etwa 10 000 zusätzliche Forscherstellen sollen bis 2010 in Deutschland entstehen, finanziert aus den Milliarden von Euro, die Bund und Länder über die Exzellenzinitiative und den Hochschulpakt in die Hochschulen pumpen.

Wie diese Stellen genau ausformuliert sein werden, ist im Moment noch unklar. Und genau das ist für Prof. Dr. Margret Wintermantel auch eine Erklärung für den Pessimismus in den Reihen der Nachwuchsforscher. „Nach den Sparrunden müssen die Postdocs erst noch davon überzeugt werden, dass mit der Exzellenzinitiative und dem Hochschulpakt wirklich ein Umschwung eingeleitet wurde“, sagt die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz und vermutet: „Die Skepsis und die gefühlte Unsicherheit in Bezug auf ihre eigene Laufbahn in der Wissenschaft werden erst dann weichen, wenn sich die unmittelbare Arbeitssituation der Nachwuchswissenschaftler verbessert.“

Lobbyarbeit? Keine Zeit!

Wann wird das sein? Und wann werden Postdocs in Deutschland erkennen, dass ihre Karrierechancen heute so gut sind wie lange nicht? „Wer mit der eigenen Situation unzufrieden ist, äußert sich zu Recht dazu deutlicher in der Öffentlichkeit, als dies viele Wissenschaftler tun, die mit ihrer Situation zufrieden sind“, sagt Beate Scholz und hält es daher für „notwendig, einmal gezielt die zu Wort kommen zu lassen, die mit der Forschungsförderung in Deutschland positive Erfahrungen gemacht haben“.

Manchmal allerdings fehlen selbst den Unzufriedenen die Worte. Bei Dr. Unsichtbar zum Beispiel ist das so. Er schweigt noch nicht einmal aus Trotz, er hat schlicht keine Zeit zum Reden. Zu beschäftigt ist er, sich in der Wissenschaft und seine Familie über Wasser zu halten. Wer hat da noch einen Kopf für Lobbyarbeit? Dabei wäre sie bitter nötig. Denn trotz aller Fortschritte in Bezug auf Förderprogramme, die wichtigste Frage lassen Deutschlands Unibosse hübsch unbeantwortet. „Ich vermisse bei den Universitäten einfach den Mut, feste Stellen für gute Forscher unterhalb der Ebene der Professur einzurichten“, sagt Peter Fischer.

Damit spricht der Postdoc nicht nur das aus, was sich viele seiner Kollegen auf dem Weg zur Professur wünschen, er benennt auch einen handfesten Nachteil, den Deutschland im Brain-Gain hat. Ob Großbritannien, Frankreich oder auch die USA – im internationalen Vergleich leistet sich kein Land so wenig festangestellte Wissenschaftler wie Deutschland. Dem Bundesbericht für den wissenschaftlichen Nachwuchs zufolge hat in deutschen Unis nur etwa ein Fünftel der Hochschullehrer eine unbefristete Stelle. Frankreich, die USA und Großbritannien haben mehr festangestellte Hochschullehrer. In Großbritannien haben zwei Drittel und in Frankreich sogar fast drei Viertel der Hochschullehrer einen unbefristeten Vertrag.

Ist das deutsche Konzept wettbewerbsfähig? Dr. Andreas Keller zweifelt: „Die Qualität wissenschaftlicher Arbeit hängt mit der Qualität der Arbeitsbedingungen zusammen. Wenn sich der Forschermangel weiter zuspitzt, wird es darum gehen, dem Nachwuchs verlässliche Perspektiven zu geben“, sagt Keller, im Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zuständig für Hochschule und Forschung.

13 Jahre in der Furche

Wie unsicher wissenschaftliche Laufbahnen in Deutschland sind, lässt sich in der Studie „Wege zur Professur” nachlesen, die vergangenes Frühjahr im Waxmann-Verlag erschien (duzMAGAZIN 04/2007, S. 59). Nach dem Befund der Kasseler Hochschulforscher Kerstin Janson, Harald Schomburg und Ulrich Teichler erstreckt sich die Phase instabiler Beschäftigung für Wissenschaftler in Deutschland über durchschnittlich 13 Jahre. Und der Karriereweg bleibt in Deutschland nach der Promotion mindestens so unsicher wie davor – anders als in den USA, wo junge Wissenschaftler auf Tenure-Track-Positionen gelangen können.

Wenn deutsche Postdocs in die USA schauen, dann sind es eben diese Stellen mit der Perspektive auf eine Lebenszeitprofessur, die ihnen den Blick verklären. Davon träumen sie. Deshalb gehen sie gern in die USA. Von der Arbeit in den Instituten jenseits des Atlantiks schwärmen sie aber auch, weil sie dort Respekt erfahren und damit das bekommen, was ihnen in Deutschland fehlt: ein Gesicht.

Das Optimismus-Komplott

Das Optimismus-Komplott

Als gestandener Postdoc trauen Sie keinem mit W3. Gutachter halten Sie für Nieten und die Typen von der Förderberatung für Witzfiguren. Wenn Sie sich die Meinung bewahren wollen, müssen Sie jetzt gut aufpassen.

  • Speichern Sie auf keinen Fall das Internetportal www.kisswin.de als  Favorit auf Ihrem Computer! So minimieren Sie das Risiko, sich durch die Seiten zu klicken. Das könnte gefährlich werden, denn in dem im Auftrag des Bundesforschungsministeriums eingerichteten Portal werden alle Zahlen und Daten zur Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland zusammengeführt. Außerdem finden sich darin Informationen zu allen relevanten Förderwegen für Nachwuchsforscher. Wenn Sie sich auf die Lektüre einlassen, könnte es sein, dass Sie eine Karriere in der Wissenschaft für attraktiv halten. Das wollen Sie doch nicht, oder?
  • Suchen Sie sich Ihren Umgang in Forscherkreisen sorgfältig aus. Halten Sie vor allem Abstand zu den vielen Postdocs, die ins Emmy-Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft aufgenommen worden sind. Diese Wissenschaftler sind extrem zufrieden. Meiden Sie diese Optimismus-Herde und lassen Sie sich von ihnen bloß nicht in ein Gespräch verwickeln. Sonst fragen Sie sie am Ende womöglich noch nach Bewerbungs- oder Antragstipps! 
  • Stellen Sie Ihre Zuschussanträge am besten dort, wo die Bewilligungsquote wunderbar niedrig ist. Optimal eignete sich dafür etwa die erste Vergaberunde des Starting Independent Resarch Grant des Europäischen Forschungsrates. Die Bewilligungsquote lag bei drei Prozent. Wenn Sie sich in solchen Programmen bewerben, können Sie so gut wie sicher sein, eine Absage zu bekommen. Mit dem Negativbescheid können Sie Ihren alten Frust neu kultivieren.
  • Widerstehen Sie dem Impuls, bei Förderberatungsstellen anzurufen! Denken Sie daran: Diese Leute werden nur dafür bezahlt, Sie zu ermuntern und Ihnen beim Antrag zu helfen. Auf professionelle Mutmacher mögen andere angewiesen sein, Sie ganz bestimmt nicht, oder?
  • Leisten Sie sich keine Schwäche! Die Freude, die Sie erleben mögen, wenn Ihr Drittmittel-Antrag bewilligt wird, dürfen Sie nicht genießen. Gehen zur Feier des Tages nicht aus. Bleiben Sie zu Hause und denken Sie ganz fest daran: Dieses Stipendium oder Drittmittelprojekt wird Sie nur für einen befristeten Zeitraum über Wasser halten. Es bietet Ihnen keine Garantie auf einen Lehrstuh! Wenn Sie sich das vor Augen führen, werden Sie bald zur lieben alten Perspektivlosigkeit zurückfinden.
  • Ignorieren Sie alle Medienberichte über die Exzellenzinitiative oder den Hochschulpakt. Selbst wenn dadurch 10 000 Stellen geschaffen werden sollten, ist das noch lange kein Grund, plötzlich mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken. Schauen Sie lieber zurück in die Vergangenheit: Die war vom Sparen geprägt, genau!
  • Blättern Sie nicht im ersten Monitoring-Bericht zur Umsetzung des Paktes für Innovation und Forschung (www.pakt-fuer-forschung.de/fileadmin/papers/pakt_fuer_forschung
    _monitoring_2007.pdf
     ). Darin würden Sie Informationen finden, die Ihrer negativen Einstellung schaden könnten: So geben alle großen außeruniversitären Forschungsorganisationen seit 2005 mehr Geld für die Postdocförderung aus. Allein vom Jahr 2005 zum Jahr 2006 erhöhten sie die Anzahl der selbstständigen Nachwuchsgruppen um 63 auf 312. Wobei: Das ist doch auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, stimmt‘s?

Steckbrief: Postdoc

Steckbrief: Postdoc

  • Die Tätigkeit als Postdoc, also als promovierter Wissenschaftler, lässt sich als Qualifizierungsphase auf dem Weg zu einer Professur in den USA bis ins das Jahr 1876 zurückverfolgen. Die John-Hopkins Universität beschäftigte in jenem Jahr die ersten Postdocs, 1920 folgt die Rockefeller Foundation.
  • Die Zahl der Postdocs ist in den USA in den vergangenen 30 Jahren deutlich gestiegen und liegt derzeit bei knapp 50 000.
  • Der Beschäftigungstypus Postdoc breitet sich seit einigen Jahren auch in Euro­pa und Deutschland aus. Konkrete Angaben über die Zahl der Postdocs in der Bundesrepublik liegen nicht vor.

Quelle: Janson, Schomburg, Teichler: „Wege zur Professur“, Waxmann-Verlag, Münster 2007

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