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Sequenz, Ecke Definition

Noch eine Straße nach Albert Einstein zu benennen: Das wäre nicht besonders einfallsreich. Auf dem Campus Bielefeld heißen Plätze, Gassen und Wege deshalb jetzt wie Konzepte aus der Wissenschaftstheorie. Dahinter steht ein Konzept, das das Zusammengehörigkeitsgefühl aller Hochschulmitglieder födern soll.

Wenn Professor Dr. Martin Carrier zur Arbeit an die Universität Bielefeld fährt, führt ihn sein Weg über die Erfahrung. Dann biegt er in die Vermittlung ab und erreicht nach einigen Metern auf der Universitätsstraße den Eingang zum Gebäude X, in dem sich sein Büro befindet. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Philosophie und Soziologie hat sich der Wissenschaftsphilosoph ein Namenskonzept für den Campus Bielefeld ausgedacht. Seit 2012 tragen die Straßen und Plätze dort nun offiziell Namen wie Sequenz, Definition oder Inspiration.

Die Idee dafür entstand in dem im Jahr 2010 gegründeten Arbeitskreis „Campus Marketing“. Vertreterinnen und Vertreter aus der Universität, Fachhochschule und Stadt Bielefeld sowie des Bau­ und Liegenschaftsbetriebs Nordrhein-Westfalen suchten nach einer Möglichkeit, die Straßen auf dem Campus Bielefeld zu benennen. Giovanni Fusarelli vom Wissenschaftsbüro der Bielefeld Marketing GmbH erklärt: „In Bielefeld entwickelt sich seit einigen Jahren ein neues Hochschulquartier, der Campus Bielefeld. Dabei sind neue Gebäude und in diesem Zuge auch neue Straßen und Wege entstanden – die mussten natürlich Namen bekommen. Auch die bereits existierenden Straßen sollten einbezogen werden, sodass der Campus durch die Benennung eine einheitliche Identität erhält.“

Ein zentrales Kriterium für die Namensgebung war, dass sich sowohl Universität und Fachhochschule als auch die Stadt mit den Wegbezeichnungen identifizieren können. Außerdem sollten die Namen einerseits die Identifikation von Studierenden und Wissenschaftlern mit dem Campus fördern, andererseits das Gebiet nach außen profilieren. „Da ist es wenig zielführend, zum x-ten Mal eine Straße an einer Universität nach Einstein zu benennen“, sagt Professor Carrier. „Und um dafür große Bielefelder Geister herzunehmen, dazu ist die Universität zu jung. Das passte alles nicht so richtig. So kam die Idee auf, Begriffe zu verwenden, die über Fachgrenzen hinweg in der Wissenschaft von Bedeutung sind.“

Mit fünf weiteren Wissenschaftlern entwickelte der Leibniz-Preisträger im Auftrag des Campus Marketing ein Gesamtkonzept mit rund dreißig Namen für Straßen, Wege und Plätze. „Wir haben weit mehr als hundert Begriffe diskutiert und waren darauf bedacht, dass die wissenschaftsbezogenen Begriffe idealerweise auch einen Bezug zur Umgebung herstellen. Auf diese Weise lassen einige Benennungen auch Doppeldeutigkeiten zu und bergen so einen gewissen Witz“, sagt Carrier. Die Dynamik beispielsweise bezeichne die Lehre von den Kräften als Ursachen von Bewegungen. Auf dem Campus trägt nun der Weg entlang der Sportplätze diesen Namen.

„Lass uns morgen um drei Uhr an der Ecke Sequenz und Definition treffen.“ Das mag im ersten Moment etwas befremdlich klingen. Manch einer findet es auch albern. Oder wenig alltagstauglich. Als das Konzept vor vier Jahren öffentlich gemacht und in den zuständigen Bezirksvertretungen sowie im Stadtentwicklungsausschuss mit großer Mehrheit beschlossen wurde, gab es kritische Stimmen ebenso wie positive Reaktionen. Carrier selbst denkt, dass das Konzept weniger praktischen Nutzen hat. Er hofft eher auf die inspirierende Wirkung der Namen: „Ich verstehe sie als Angebote zur Reflexion. Analyse und Synthese zum Beispiel: Wissenschaftler nutzen diese Methoden tagtäglich, denken aber gar nicht groß darüber nach. Es soll gewissermaßen ein Anstoß sein, auch mal über die Wissenschaft selbst nachzudenken.“

Erklärungstafeln sollen für Orientierung sorgen

Sowohl Fusarelli als auch Carrier meinen, dass für solch ein Konzept in Bielefeld die richtigen Voraussetzungen gegeben waren. „Man beweist hier gerne mal den Mut, Dinge anders anzupacken und Neues auszuprobieren“, sagt Fusarelli, „schon die Gründung der Universität Bielefeld als Reformuniversität war dafür ein Zeichen.“ Und Carrier ergänzt: „Die zentrale Uni-Halle in Bielefeld ist ein Ort, an dem Wissenschaft lebendig wird. Diese Idee wollten wir mit dem Namenskonzept in die Fläche verbreitern und Wissenschaft ins Leben hineinbringen, erfahrbar machen.“ Das funktioniert bei einigen Straßennamen besser als bei anderen. „Es ist leider nicht alles offenkundig“, so Carrier, „deswegen haben wir für jeden Straßennamen eine kurze Erklärung verfasst, die auf einer Tafel beim jeweiligen Straßenschild stehen soll.“

Diese Erklärungstafeln sind aber, ebenso wie ungefähr die Hälfte der Straßenschilder, noch nicht aufgestellt. Zwar sind die Straßen offiziell umbenannt, das heißt, die Politik hat dem Konzept zugestimmt, Postadressen wurden geändert und die Straßennamen in Stadtplänen verzeichnet, aber bislang sind nur die öffentlichen Straßen auf Stadtgebiet beschildert. „Teile des Campusgeländes fallen in die Zuständigkeit des Landes“, erläutert Fusarelli.

„Dadurch ist es eine komplexe Aufgabe, Verantwortlichkeiten bei Themen wie Verkehrssicherungspflicht und Beschilderung abzugrenzen. Außerdem soll parallel zu den Schildern und Tafeln des Namenskonzepts auch ein allgemeines Leitsystem auf dem Campus installiert werden. Das ist eine umfangreiche Planungsaufgabe, zumal sich bei Bauprojekten dieser Größenordnung häufig Änderungen ergeben, sodass sich auch die komplette Umsetzung des Namenskonzepts zeitlich verzögert.“ Er sei aber zuversichtlich, dass die Schilder und Tafeln im Laufe der ersten Jahreshälfte 2017 aufgestellt werden. Erst durch die Erläuterungen entstünde schließlich der eigentliche Mehrwert des Konzepts, vor allem auch für Besucher des Campus.

Aus demselben Grund wünscht sich auch Martin Carrier, dass das Konzept bald in Gänze umgesetzt wird. Und: „Natürlich ist das nicht möglich, aber wenn ich in der Sache noch einen Wunsch frei hätte, würde ich den einen oder anderen Namen gerne nochmal überarbeiten. Vereinzelt gibt es Verbesserungspotenzial“, sagt der Professor. In vielen Fällen sei das aber nicht nötig, gelungen findet er unter anderem die Benennung des Kreisverkehrs als Hermeneutischer Zirkel. Der Name scheint auch jemand anderem gefallen zu haben – das entsprechende Straßenschild wurde vor Kurzem gestohlen.

Campus Bielefeld

Campus Bielefeld

  • Das Land Nordrhein-Westfalen investiert mehr als eine Milliarde Euro in den Campus Bielefeld. Seit 2011 neu erbaut worden sind: die Fachhochschule Bielefeld, der Citec-Forschungsbau und das Gebäude X der Universität Bielefeld. Seit 2014 wird das Universitätshauptgebäude modernisiert.
  • Das Namenskonzept auf dem Campus Bielefeld ist bundesweit einzigartig.
  • Gemeinsam mit Prof. Dr. Martin Carrier haben das Konzept erarbeitet: Prof. Dr. Ulrich Krohs, Prof. Dr. Maria Kronfeldner, Dr. Cornelis Menke, Dr. Niels Taubert und Prof. Dr. Torsten Wilholt.

Internet: www.campus-bielefeld.de

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