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Druck aus Europa

Forschungsergebnisse digital und frei zugänglich zu publizieren, soll endlich Standard werden. Der Europäische Universitätsverband hat jetzt einen Open-Access-Fahrplan für Hochschulen vorgelegt.

Wer seine Forschungsergebnisse im Open­-Access­-Verfahren veröffentlichen will, findet noch nicht überall die Voraussetzungen dafür. Das dürfte sich bald ändern, denn in der EU wird das Thema jetzt vorangetrieben: EU-­Forschungskommissar Carlos Moedas will unter dem Schlagwort „offene Wissenschaft“ die Open-­Access­-Politik der EU-­Kommission umsetzen; die Niederlande haben das Thema auf die politische Agenda ihrer Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2016 gehoben. Und im Februar hat der Europäische Hochschulverband EUA (European University Association) einen Fahrplan präsentiert, mit dem er seine Mitgliedshochschulen in ihren Bemühungen um Open Access unterstützen will. Möglichst schnell sollen sie die Voraussetzungen schaffen, dass Wissenschaftler überall ihre Forschungsergebnisse online veröffentlichen können.

Lidia Borrell-Damian: „Die Universitäten sind nicht mehr bereit, diese Preise für Zeitschriften zu bezahlen“

Davon sollen auch die Hochschulen und Forscher selbst profitieren. „Viele Verlage haben die Abonnement­-Preise für wissenschaftliche Fachzeitschriften konstant erhöht, aber die Universitäten sind mittlerweile nicht mehr bereit, diese Preise zu bezahlen“, sagt Dr. Lidia Borrell-­Damian, EUA-­Direktorin für Forschung und Innovation. Und: „Universitäten werden aus Steuergeldern finanziert, also sollten die Ergebnisse aus der Wissenschaft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden“, so Borrell­-Damian. Zudem gebe es mittlerweile mehr technische Alternativen zur Publikation in Zeitschriften.

Den Trend zu Open Access belegen Statistiken. Gab es 2004 weltweit rund 1400 Open­Access-­Zeitschriften, so waren es Ende 2015 fast 11 000. Die Zahl der Online-­Artikel übersprang 2015 erstmals die Zwei­-Millionen­-Marke, die der Repositorien stieg auf fast 3000.

Die EUA hat mit dem Fahrplan nun ihre Vision von Open Access zu Wissenschaftspublikationen veröffentlicht. In den kommenden drei Jahren, heißt es in dem EUA-­Papier, soll Universitäten und Forschern eine kostengünstige Plattform zur Verfügung stehen, um wissenschaftliche Publikationen zu nutzen und zu verbreiten. Das Publikationssystem solle gleichermaßen fair und transparent für Universitäten, Forschungseinrichtungen, Bibliotheken, Forscher und kommerzielle Verlage sein. Die EUA will Hochschulen unterstützen, Open­-Access-­Strategien zu verabschieden und Infrastrukturen wie etwa Repositorien (universitäre Dokumentenserver) aufzubauen.

Dafür, so die EUA in ihrem Fahrplan, wolle sie mit allen Beteiligten Dialoge führen. „Momentan sammeln wir Informationen, um die europäische Open-­Access-­Landschaft zu kartieren“, sagt Borrell-­Damian. Zudem baue man eine Plattform zum Informationsaustausch und zum Austausch von Gute­-Praxis-Beispielen für Universitätsleitungen auf.

Unter den Hochschulen gibt es schon jetzt einige, die in Europa als Vorbilder gelten, zum Beispiel die Universität Lüttich. Sie verabschiedete im Jahr 2007 eine Vorschrift, wonach Lütticher Wissenschaftler sämtliche nach 2002 veröffentlichten Texte in kompletter Länge auf dem Repositorium ORBI abzulegen haben. Von Publikationen, die von Verlagen für eine Veröffentlichung gesperrt wurden, mussten die Metadaten vorliegen. Autoren sollten bei Interesse anderer Forscher diesen die Artikel zur Verfügung stellen. Bei Artikeln, Büchern oder einzelnen Buchkapiteln, die vor 2002 erschienen, wurde den Wissenschaftlern nahegelegt, diese ebenso zu speichern.

Initiiert hatte das Repositorium der damalige Rektor Prof. Dr. Bernard Rentier. Mittlerweile, das schrieb er im Herbst 2015 in einem Beitrag, seien auf dem Dokumentenserver 90 Prozent aller Publikationen Lütticher Wissenschaftler abgelegt.

In Deutschland zählt die Universität Göttingen beim Thema Open Access zu den fortschrittlichen Hochschulen. Sie hat im Jahr 2005 eine Open-­Access-­Strategie verkündet und 2012 einen Publikationsfonds eingerichtet. Dieser ermöglicht Göttinger Wissenschaftlern, in Open­-Access­-Zeitschriften zu veröffentlichen, sollten sie keine Publikationsmittel eingeworben haben. Prof. Dr. Norbert Lossau, Vize­Präsident für Infrastrukturen der Universität Göttingen, sitzt bei der EUA als Vertreter Deutschlands in jenem Gremium europäischer Hochschulmanager, das die Basis für den EUA-­Fahrplan erarbeitet hat.

„Die EUA-­Roadmap richtet sich an mehr als 800 Mitgliedshochschulen und hat deshalb eine größere Wirkung als viele kleinere Initiativen auf regionaler oder auf Länder-­Ebene“, sagt er. Sie bringe aber auch neue Aspekte in die Diskussion. So fließe derzeit über Publikationsgebühren zusätzlich zu den Lizenzverträgen Geld in das Publikationssystem, sagt Lossau. Doch das sei bereits überreich ausgestattet. „Ziel muss die Umwandlung von Abonnementverträgen in Open-­Access­-Verträge sein, wie sie jüngstens in den Niederlanden ausgehandelt wurden“, fordert er. Die EUA könne über die Roadmap Informationen, Expertise und Verhandlungsführer länderübergreifend zusammenbringen.

Wichtige Hindernisse

Wichtige Hindernisse

Open Access setzt sich durch, aber es gibt noch Hürden. Eine Auswahl:

Geringer Impact-Faktor
Vor allem Nachwuchswissenschaftler fürchten Nachteile bei der Leistungsbewertung und damit für ihre Karriere, wenn sie in Open­-Access­-Journals mit niedrigem Impact-Faktor veröffentlichen. Denn in vielen Disziplinen sind Open­-Access-­Journale kaum entwickelt oder wenig etabliert.

Fehlende Beratung
Wissenschaftler klagen immer wieder über fehlende Anlaufstellen bei technischen und rechtlichen Fragen zu Open Access. Zwar gibt es im Internet eine Vielzahl von Informationen, doch ersetzen sie bei spezifischen Fragen nicht die persönliche Beratung.

Unzureichende Vernetzung
Europaweite Infrastrukturen wie Open-AIRE werden nicht ausreichend von Bibliotheken, Hochschulen oder Forschungseinrichtungen bedient. Diese Vernetzung wäre aber notwendig, um Publikationen in Repositorien barrierefrei anzubieten und in ein Gesamtsystem zu integrieren, damit nicht jede Einrichtung auf ihr eigenes Repositorium setzt.

Unsichere Archivierung
Bedenken hegen Wissenschaftler, ob digitale Veröffentlichungen langfristig und sicher archiviert werden können. Notwendig ist dafür eine Kooperation der Verlage, Zeitschriften oder Repositorien von Bibliotheken. Die Publikationen auf Internetseiten zu archivieren, ist langfristig nicht sicher.

Memorandum zum Nachlesen

Memorandum zum Nachlesen

30 europäische Forschungsorganisationen und der Europäische Hochschulverband EUA (European University Association) haben im März in der Absichtserklärung „Open Access 2020 mission“ verkündet, dass sie Open Access voranbringen wollen.

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