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Ein Pool für alle Fälle

Qualifizierte Lehrbeauftragte sind schwer zu finden. Vier Fachhochschulen haben sich 2012 zusammengetan, um das Problem zu lösen: In einem Pool sammeln und rekrutieren sie potenzielle Dozenten aus der Praxis. Statt mit Ruhm und Geld locken sie mit individueller Karriereberatung und Weiterbildungsmöglichkeiten.

Das habe er in seinem Beruf wirklich vermisst, sagt Dr. Tobias Frauenrath: „Knifflige Fragen gestellt zu bekommen, die Impulse der jungen Leute, die gemeinsame Suche nach Lösungen.“ Frauenrath ist Elektrotechniker und leitet die Entwicklungsabteilung bei SKI, einem Mittelständler für industrielle Messtechnik. Nebenbei unterrichtet er als Lehrbeauftragter an der Hochschule (HS) Niederrhein: Einen Vormittag pro Woche referiert er zum Thema „Netzwerken und Protokolle“, übt und diskutiert mit den Studierenden. „Das ist einfach ein anderer Umgang als mit den Kollegen, die seit Jahren im Geschäft sind“, sagt er.

Externe Dozenten sind für Hochschulen ein Segen

Was für Frauenrath eine willkommene Möglichkeit darstellt, mit jungen Menschen zu arbeiten, ist nicht nur für die HS Niederrhein ein Segen: Ohne externe Lehrbeauftragte könnten viele Hochschulen die Lehre nicht mehr stemmen. Vor allem Fachhochschulen (FHs) sind auf Lehrpersonal von außen angewiesen: Weil die meisten von ihnen wie Frauenrath hauptberuflich in der freien Wirtschaft arbeiten, bringen sie den Praxisblick mit, der in der Ausbildung an den FHs so gefragt ist.

Diese Lehrbeauftragten sind allerdings nicht leicht zu finden: Es locken weder großes Geld noch Ruhm. Zudem haben nicht alle, die an einem Lehrauftrag interessiert sind, die nötigen fachlichen und didaktischen Kompetenzen. Umgekehrt ist anderen, die motiviert wären, ihr Wissen weiterzugeben, die Möglichkeit eines Lehrauftrags nicht bewusst.

Um dem Notstand an Dozenten entgegenzuwirken, haben vier Hochschulen entlang des Rheins gemeinsame Sache gemacht: Die Hochschulen Rhein-Waal, Bonn-Rhein-Sieg und Niederrhein sowie die FH Düsseldorf haben die „Servicestelle Lehrbeauftragtenpool“ eingerichtet, um externe Lehrbeauftragte zu registrieren. Um die Rekrutierung und Weiterbildung der potenziellen Dozenten kümmert sich zudem eine extra eingerichtete Stelle.

Rund 1100 potenzielle Lehrbeauftragte finden sich mittlerweile im Pool; ein Drittel der Lehraufträge, die zum nächsten Semesterstart an den vier Hochschulen neu zu vergeben sind, werden mit ihnen besetzt. Die Sichtung und Auswahl übernimmt ein fünfköpfiges Team, dem Fachleute aus den Verbund-Hochschulen und aus unterschiedlichen Disziplinen angehören, nachdem sie zuvor mit dem Dekanat die organisatorischen und fachlichen Anforderungen eines Lehrauftrags geklärt haben.

Die Servicestelle achtet vor allem auf die Qualifikation und Lehrerfahrung; aus Gründen des Datenschutzes darf sie allerdings nicht verlangen, dass die Bewerber Zeugnisse auf die Datenbank hochladen. „Wir bilden unser Urteil über ihre Kompetenzen aufgrund der freiwilligen Selbstauskünfte“, sagt Prof. Dr. Christof Menzel von der HS Niederrhein, die im Verbund die Leitung der „Servicestelle Lehrbeauftragtenpool“ innehat. Wenn die Bewerber schließlich vom Dekanat, einer Professorin oder einem Professor eingeladen werden, müssen allerdings Zeugnisse auf den Tisch. Erst nach dem Gespräch fällt die Entscheidung, ob jemand als Lehrbeauftragter geeignet ist.

Auch bei Dr. Natalia Balcazar hat alles gepasst. Sie berät mit ihrer Firma Enviropro Wirtschaftsunternehmen zu Umwelt- und Energie-Fragen. Wie Frauenrath hätte sie auch alle Voraussetzungen mitgebracht, an einer Universität zu lehren. Doch „dort ist ein Einstieg von außen schwierig“, weiß Balcazar. Außerdem liegt ihr der praxisbezogene Ansatz der FHs: Für ihre Veranstaltung an der HS Rhein-Waal, in der es um das Projekt-Management eines Themas aus Umwelt und Energie geht, kann sie auf ihr berufliches Wissen und ihre Erfahrungen zurückgreifen.

Gerade für Nebenfächer ist die Möglichkeit, über den Pool Lehrende zu finden, eine probate Lösung: Dort gibt es meist keinen Lehrstuhl mit einem Professor, der seine persönlichen Kontakte in die Wirtschaft oder die Wissenschaft spielen lassen kann. „Üblicherweise muss sich dann der Dekan auf eine mühsame und zeitaufwendige Suche machen“, sagt Projektleiter Menzel, „den vier Hochschulen im Verbund helfen wir dabei.“

Richtet ein Fachbereich eine Anfrage an die Servicestelle, sichtet diese zunächst den Pool. Sollte es dort keine geeigneten Kandidaten geben, macht sich das Team gezielt auf die Suche: Die Stelle wird auf der Homepage des Pools ausgeschrieben, Suchanzeigen in Zeitungen werden geschaltet, die sozialen Netzwerke durchforstet. Auch auf Karriere-Messen und Fachtagungen knüpft das Team Kontakte in die Wirtschaft, um den Pool zu füllen.

Die Bewerber, die in der Datenbank registriert sind, lassen sich grob in zwei Gruppen unterteilen: Die einen kommen aus der Wirtschaft und haben den Wunsch, sich mit jungen Leuten auszutauschen und ihr Wissen weiterzugeben – wie es bei Balcazar und Frauenrath der Fall ist. Sie haben nicht unbedingt Lehrerfahrung, häufig aber kennen sie sich mit Coaching oder Moderation aus. Außerdem profitieren manchmal auch die Firmen davon, wenn ihre Mitarbeiter auch an Hochschulen tätig sind: Momentan schreiben etwa zwei Studierende in Frauenraths Unternehmen ihre Bachelor-Arbeit; ihre Ergebnisse werden zu einer Verbesserung der Technik und der Datenauswertung beitragen. „Die Studierenden bringen hochaktuelles Wissen aus der Hochschule mit“, sagt Frauenrath, „ein mittelständisches Unternehmen könnte solche Projekte nebenbei gar nicht stemmen.“

Die andere Gruppe unter den Bewerbern sind junge Wissenschaftler, die mit einer Karriere an der Hochschule liebäugeln. Für sie ist ein Lehrauftrag an einer der Verbundhochschulen auch deshalb interessant, weil sie dann die Weiterbildungsangebote der Servicestelle kostenlos nutzen können.

Weiterbildung und Personalentwicklung nämlich begreift die Servicestelle als ihre zweite große Aufgabe. Alle Lehrbeauftragten, die an einer der vier Hochschulen im Einsatz sind, können an eigens konzipierten Kursen zu hochschuldidaktischen Grundlagen teilnehmen, wie etwa zur Visualisierung von Lehrinhalten oder zum Planen von Lehrveranstaltungen. Seminare zu Schlüsselkompetenzen wie Rhetorik oder zur Lernplattform Moodle ergänzen das Angebot. An den insgesamt 56 Workshops nahmen in den Jahren 2013/14 mehr als 430 Dozenten der vier Hochschulen teil. „An den Ursachen für einen etwaigen Dozenten-Mangel können wir nichts ändern“, sagt Menzel, „aber wir können die Bedingungen für die Lehre in unserem Verbund attraktiver gestalten.“

Unter dem Label Personalentwicklung organisiert die Servicestelle außerdem den Austausch der Lehrenden über didaktische Fragen und klärt – falls Interesse besteht – mit Lehrbeauftragten die rechtlichen, praktischen und persönlichen Aspekte einer Promotion oder der Vorbereitung auf eine Professur. Ein früherer Lehrbeauftragter aus dem Pool hat es bereits auf diesem Wege zu einer Professur geschafft.

Die Idee funktioniert nur mit Geben und Nehmen

Wer, wie Balcazar und Frauenrath, im Pool registriert ist, ist automatisch an allen vier Hochschulen sichtbar. Das hat bei manchen Professoren schon Widerstand ausgelöst, so Projektleiter Menzel: Sie sorgen sich, dass ihr Lehrbeauftragter ihnen abhanden käme, wenn er noch an einer weiteren Hochschule lehrt. Menzel arbeitet gegen diese Denke an: „Wir sind ein Verbund von Hochschulen – und ohne gegenseitiges Geben und Nehmen würde die Idee nicht funktionieren.“

Überhaupt standen einige Lehrende aus dem Hochschul-Verbund dem Angebot der Servicestelle Lehrbeauftragtenpool anfangs skeptisch gegenüber – weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass ein Soziologe beispielsweise für die Informatik den passenden Lehrbeauftragten findet. Auf der Suche nach Dozenten haben aber einige um Unterstützung gebeten – und wurden dabei eines Besseren belehrt.
Bisher ist die Dienstleistung der Servicestelle umsonst. Doch Christof Menzel stellt klar: „Wenn die Förderung ausgelaufen ist, werden für die Vermittlung von Lehrbeauftragten Kosten anfallen.“ Dann wird sich zeigen, wieviel den Hochschulen ihre Dozenten wirklich wert sind.

Projekt im Überblick

Projekt im Überblick

Idee Im Projekt „Servicestelle Lehrbeauftragtenpool“ rekrutieren die vier beteiligten Hochschulen externe Lehrbeauftragte. Ihnen wird zusätzlich didaktische Weiterbildung angeboten sowie Karriereberatung bei Interesse an einer Hochschulkarriere.

Umsetzung Projektpartner sind die Hochschulen Rhein-Waal, Bonn-Rhein-Sieg, Niederrhein sowie die Fachhochschule Düsseldorf. Die Aufgaben wie Pflege der Datenbank und Kommunikation nach außen, Qualifizierung, Personalentwicklung und Projekt-Koordination sind unter ihnen aufgeteilt.

Finanzierung Der Pool wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung über den Qualitätspakt Lehre mit rund 3,9 Millionen Euro gefördert. Das Projekt läuft von 2012 bis 2016. Eine Bewerbung für die zweite Förderphase ist in Arbeit.

Lesetipp „Förderung der Kompetenzen von Lehrbeauftragten“. In: DUZ Verlags- und Medienhaus GmbH, Neues Handbuch Hochschullehre, L1.23, S. 115 ff.
Internet: www.lehrbeauftragtenpool.de

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